Samstag, 4. April 2009

Go West - Va: 人山人海

Xi'an gilt als eines der drei Must-Sees fuer China-Reisende. Onkel Clemens hingegen meint: Vergesst es!

Das mag ueberraschen. Lasst mich erklaeren.

Von Erdsoldaten und Menschenschlangen
Heute frueh bewegte ich mich zum Bahnhof, um von dort den Linienbus zur Terracotta-Armee zu besteigen. Dort angekommen sah ich, dass die gestrige Menschenschlange offenbar nur noch so etwas wie ein Tagesrest war. Gemessene zehn Minuten dauerte mein Spaziergang vom Anfang der Schlange direkt bei der Busstation zu deren Ende. Da ich mich im normalen Gehtempo bewegte, koennen wir daraus eine Laenge von etwa 800 Metern ableiten. Aus der Progressionsgeschwindigkeit (sowie aus der Gesichtsfarbe der Wartenden an der Schlangenspitze) laesst sich wiederum eine ueberschlagsmaessige Wartezeit von etwa sechseinhalb Stunden ableiten. Ich erreichte die Schlange um 10 Uhr, was bedeutet, ich waere fruehestens um 16 Uhr am Einsteigen und um 17 Uhr bei der Terracotta-Armee gewesen. Dort haette ich mich dann gleich wieder zum Zurueckfahren einreihen koennen (denn die Anlage schliesst um 17 Uhr), was bei gleicher Wartezeit eine Rueckkunft nach Xi'an so um Mitternacht bedeutet haette. Ohne irgendetwas gesehen zu haben, wohlgemerkt.

Da mich das unangenehme Gefuehl beschlich, dass es vor Ort ein wenig schwierig sein koennte, eine Rueckfahrgelegenheit zu bekommen - denn etwa hunderttausend Andere wollen das auch - entschied ich mich, doch an einer Tour teilzunehmen.

Wir buchen einen Fahrer
Der Spaziergang zurueck zum Hotel - knapp zwei Kilometer - dauert eine gute Stunde. Der Grund: In den Strassen von Xi'an geht man nicht, man waelzt sich. Und zwar gemeinsam mit halb China (und einem relevanten Prozentsatz Europas und Amerikas).

Im Hotel bietet man keine geeignete Tour, also organisiere ich einen privaten Fahrer, der mich des Montags sowohl hin als auch wieder zurueckbringen wird. Wenn's wahr ist. Denn die Buchung habe ich wie gewoehnlich auf Chinesisch abgewickelt, und ebenso wie gewoehnlich besteht man darauf, mich unbedingt noch einmal zuvor am Handy anzurufen, anstatt gleich eine fixe Zeit auszumachen. Auch meine Beteuerungen in Richtung ich haette auf einem Mobiltelefon mit dem Verstaendnis selbst meiner eigenen Sprache Probleme, fruchten nicht. Kosten wird mich das etwa so viel wie eine All-inclusive-Tour aller Sehenswuerdigkeiten in der Naehe von Xi'an.

Wir stehen durch die Stadt
Den heutigen, strahlend schoenen und fruehsommerlich warmen Tag will ich stattdessen nutzen, um mir ein paar Sehenswuerdigkeiten der Stadt selbst vorzunehmen. Ich beginne mit dem Glocken- und dem Trommelturm. Diese in der fruehen Ming-Dynastie erbauten Tuerme beherbergen Glocken (respektive Trommeln) die damals des Tags (respektive des Nachts) die Zeit einbimmelten (respektive -trommelten). Mein Hotel liegt etwa 200 Meter vom Glockenturm entfernt, also brauche ich nur eine halbe Stunde, um mich durch die Menschenflut zu kaempfen.

Im Glockenturm selbst gibt es - nach Bezahlung des Eintrittsgeldes - eigentlich nicht allzu viel zu sehen. (Jedenfalls nichts, was ich nicht schon in anderen Staedten teils sogar groesser, schoener und unter Beteiligung nur etwa eines Zehntels der hiesigen Besucher gesehen haette.) Was mich aber brennend interessiert: Es finden im Inneren mehrmals taeglich kleine Konzerte auf antiken Originalinstrumenten statt! Allein: Der Zufall will es, dass ich mich genau zehn Minuten nach Ende einer solchen Darbietung dort einfinde. Die naechste wuerde drei Stunden spaeter anfangen.

Also der Trommelturm. Entfernung: 100 Meter. Durch-die-Strassen-zwaeng-Zeit: eine Viertelstunde. Zu sehen im Inneren: ein paar alte Trommeln.

Wir werden durch das muslimische Viertel geschoben
Direkt hinter dem Trommelturm beginnt das muslimische Viertel. Xi'an ist als Anfangspunkt der Seidenstrasse (entlang derer ich mich - Inshallah - den Rest der Reise bewegen werde) ja ein wichtiger Ort fuer die muslimische Minderheit der Hui. Dieses Viertel ist auch wirklich nett - Strassenhaendler, Gewuerz- und andere -Basare, kleine Gaesschen mit huebschen Haeuschen, chinesisch-muslimische Architektur. Wenn - ja, wenn die Straesslein nicht zum Bersten mit Menschenhorden gefuellt waeren, die einem das Schauen fast unmoeglich machen, weil man sonst auf irgendwen draufsteigen - oder selbst in den naechsten Gewuerzstand hineingeschoben werden wuerde.

Nach laengerer Suche finde ich dann die Grosse Moschee - eine der wichtigsten Chinas. Die ist auch wirklich interessant, denn sie ist im chinesisch-muslimischen Stil gehalten; sprich: fuer das ungeschulte Auge sieht sie aus wie ein chinesischer Tempel, nur dass ein Pavilion eben als Minaret, eine Halle aus der Ming-Dynastie als Bet-Raum dient. Da die Moschee im Gasselwerk sehr gut versteckt ist, halten sich auch die Menschenmassen in Grenzen, und ich kann halbwegs in Ruhe besichtigen.

Steh-Kaffee
Allerdings bin ich nach stundenlangem Gehen - oder eigentlich eher zuegigem Stehen - bereits ziemlich k.o. Irgendwo hinsetzen bei einem Tee oder Kaffee, das waere was!

Um es kurz zu machen: Eine weitere Stunde auf den zentralen Strassen, wo man sich sogar zum Ueberqueren einer Kreuzung minutenlang anstellen muss. Ein Starbucks! Ein Kaffee! Kein Sitzplatz. (Zu viele Menschen.) Kaffee im Stehen getrunken. Jetzt im Internetcafe endlich wirklich ein bisschen ausruhen.

Fazit
Ich weiss nicht, ob es in Xi'an immer so ist, oder ob es an diesen zwei Tagen aus irgendeinem Grund extrem ist. Ich war auch noch nicht bei einigen anderen Sehenswuerdigkeiten. Aber wenn das repraesentativ ist, dann lautet mein dringender Appell: Reist woanders hin in China!

Dabei waere Xi'an eigentlich eine sympathische Stadt - hochmodern, sehr urban, die Menschen sind freundlich, fuer chinesische Verhaeltnisse ist es wirklich sauber und es gibt kaum Baustellen (!). Aber im Vergleich zu Xi'an sind selbst Shanghais Strassen geradezu verlassen. (Und das sagt jemand, der Samstage auf der Mariahilferstrasse liebt und seit ueber einem halben Jahr chinesische Grossstaedte gewoehnt ist.)

Die Sehenswuerdigkeiten waren (und das ist nur meine zugegeben unqualifizierte Meinung) bisher auch nicht so ueberwaeltigend wie es immer heisst. Selbst wenn etwas schoen ist, sieht man es vor lauter Touristen kaum, geschweige denn, man koennte es in Ruhe auf sich wirken lassen. Die beruehmte Terracotta-Armee ist sicher extrem beeindruckend. Aber auch wenn ich's jetzt noch nicht sicher sagen kann: Ich fuerchte, dort wird es dermassen zugehen, dass man das vielleicht gar nicht bemerkt. Aber mit ein bisschen Glueck werde ich das uebermorgen ja selbst sehen.

Ich bin jedenfalls gespannt, wie das morgen so sein wird. Da stehen die Stadtmauer, ein wichtiger taoistischer Tempel, ein Stelenmuseum und eventuell eines der besten kunstgeschichtlichen Museen Chinas zur Auswahl. Ich habe jedenfalls den Verdacht, dass ich mich dort zumindest nicht einsam fuehlen werde.

4 Kommentare:

Etosha hat gesagt…

Brrrrr klingt das für mich. Boah. Grauenvoll. Zu viele Menschen sind für mich schon ein Hundertstel von dem, was du da beschreibst. Ich hoffe, du kannst dich unverletzt zur einen oder anderen Sehenswürdigkeit durchschieben!

rudolfottokar hat gesagt…

(etosha: handschüttel)
aber jetzt weißt du endgültig die reize deiner vorangegangenen einsamkeitsreisen durch die steppen zu schätzen. andrerseits: auch sowas muss man einmal erlebt haben...
lass dich nicht unterkriegen (unter den menschenmassen) - und "spozes"!

_mathilda_ hat gesagt…

Ich verabscheue Menschenmassen und hab heut Nachmittag auf der Mahü schon fast den Zuckaus kriegt. In China müsste ich mich wohl in das dortige Äquivalent einer Zwangsjacke begeben, denn die von dir geschilderten Zustände würden meine psychische Gesundheit mit Sicherheit schlagartig in Krankheit überführen. Somit: alle Achtung!

ClemmieInChina hat gesagt…

naja, ich mag ja viele menschen, solange ich sie ignorieren darf und nicht mit ihnen reden muss ^^. aber das war selbst mir zu viel! deshalb fahr ich ja auch so gerne an unbekanntere orte bzw. besuche weniger beruehmte sehenswuerdigkeiten. nicht, weil ich so interessant und eigenstaendig bin, sondern weil man die auch tatsaechlich SIEHT.

aber wie im heutigen posting beschrieben: es geht auch anders in xi'an, und das ist fein ]:).