Dienstag, 21. Juli 2009

Das Wetter

Hallo, ich bin's: euer Wettergott.

Unbescheidene Begrüßung oder Einleitung zu einer Litanei darüber, wie sehr ich nicht vom Wetterpech verfolgt bin?

Letzteres.

Ich weiß, ich weiß, das ist nicht sehr originell, und jeder teilt das Gefühl, da oben im Himmel säße irgendsoein sadistisches Schwein, das jedem Erdenbürger maßgeschneidertes Dreckwetter schickt, wenn man es am wenigsten braucht.

Aber ich brachte Regen in die Rub-al-Khali - zum ersten Mal seit 5 Jahren (laut Aussage der Einheimischen). Ich darf das.

Also.

Ich war ja in Guizhou. Für vier Tage. Das war ein wirklich herrlicher Aufenthalt: die Landschaft überwältigend, die Hauptstadt Guiyang einmalig schön mitten in tropisch bewaldeten Bergen gelegen, mit aufregender Architektur und von ganz eigenem, südostasiatischem Flair, köstlich-scharfes Essen, freundliche Menschen und praktisch keine Touristen. Perfekt. Nur das, weswegen ich hingeflogen bin ... das Wetter nämlich ... naja, Hitzewelle halt. Dauer: exakt vier Tage. Beginn: am Tag meiner Ankunft, Ende: am Tag nach meinem Abflug. Temperatur: 31° - 32° (wo es sonst 25° hat). Allerdings rege ich mich da gar nicht auf, denn im Vergleich zu Shanghai war das wirklich geradezu frühlingshaft. (Gestern haben wir endlich die 40°-Marke durchschlagen. Gefühlte 46° laut Wetterbericht.)

Worüber ich mich aber schon aufrege: Seit drei Wochen haben wir in Shanghai ununterbrochenen Sonnenschein. Ohne von einem Wölklein gestört zu werden - geschweige denn von kühlendem Regen - knallt die Sonne von einem erbarmungslos blauem Himmel, während ich unentwegt röchelnd nur meine Hände gen Himmel recken und Gott um eine schattenspendende Wolke bitten konnte.

Doch Gott ist sowohl gnädig, als auch beweist er Sinn für Humor: Er sandte mir die gewünschte Wolke. Und noch ganz, ganz viele andere gratis mit dazu. Und überhaupt gleich ein ganzes Gewitter inklusive wolkenbruchartige Regenfälle, Blitz, Donner und Sturm.

Und wann tat er das?

Heute. Am Tag der totalen Sonnenfinsternis.

So ward es dunkel, nach fünf Minuten wieder hell - und ich sowie die Millionen anderen Finsternisbeobachter (die teilweise noch viel ärmer sind, weil extra nach China gereist) sahen von der Sonne original gar nichts. Dafür sehr viel Regen.

Aber ab morgen ist sie ja eh wieder zurück, die Sonne. Inklusive Hitze.

Amen.

Montag, 13. Juli 2009

Shanghai brät

... doch ich lass mich nicht braten. Hier hat's laut Wetterbericht 36°, aber anfühlen tut sich's dank der Schwüle (ebenfalls laut Wetterbericht) wie 43°.

Was sagt uns das?

Nun - wer mich kennt, weiß: Kaum erhebt sich des Thermometers Quecksilber zögerlich-sanft über die 20°-Grad-Grenze, verwandle ich mich spontan in eine beeindruckende Springbrunnen-Persiflage und kenne kaum noch andere Gesprächsthemen als die UNÄRTRÄÄÄÄÄGLICHÄÄÄÄ HITZÄÄÄÄÄÄ.

Na, könnts Euch vorstellen, wie's mir hier zurzeit geht.

Was also tun?

Ganz einfach: Ich trof vorgestern in einem Restaurant zwei Studenten aus Guizhou. Das ist eine Provinz, die nicht besucht zu haben mir ohnehin schon seit längerem sehr Leid tat. (Dieses gschissene Land ist einfach zu groß.) Und dann besitzen die zwei auch noch die Unverfrorenheit, mich nicht früher kennengelernt und mir erzählt zu haben, dass Guizhou auf einem Hochplateau liegt und daher sehr angenehme Sommer ihr (sein?) Eigen nennt!

Wir haben dann noch sehr nett dahingeplaudert, und wie üblich musste ich fest versprechen, falls es mich mal nach Guizhou zieht, mich unbedingt zu melden. Dann bin ich rausgegangen aus dem klimatisierten Raum. Und als mich da draußen wieder einmal die Hitzekeule mit einem fröhlichen Frontalschlag ins Gesicht begrüßte, war ich nur mehr eines benommenen Gedanken fähig: "Ich muss weg!"

Woraufhin ich gleich ein Ticket nach Guizhou gebucht habe, wo ich demgemäß morgen hinfliegen werde. Ist eine hochinteressante Gegend mit atemberaubender Landschaft, unzähligen Dörfern ethnischer Minderheiten - und angeblich vom Tourismus noch so gut wie unberührt.

Ich bleibe dort nur vier Tage, werde aber zweifelsohne wieder einmal einen Weg finden, alles, was ich nicht kaputt mache, auf andere Weise kreativ falsch anzupacken - und falls dem tatsächlich so ist, werde ich danach darüber berichten. Falls nicht, dann nicht.

Kaum war das Ticket gebucht habe ich jedenfalls festgestellt, dass es dort unten gerade ungewöhnlicherweise mit jedem Tag heißer wird und außerdem ein Taifun in der Gegend herumbläst.

Ideale Voraussetzungen für einen gelungenen Urlaub also - man darf gespannt sein.

Montag, 6. Juli 2009

öhm ...

... ja, ich weiß, was ich so salbungsvoll verabschiedungstechnisch schrob - und ich weiß auch, ich bin inkonsequent. Aber das schöne an meiner Inkonsequenz ist doch, dass ich sie so rigoros durchziehe.

Also:

"McGyver ist blöd" oder "Mini-Manderln in Xuzhou"

Diese zwei Ereignisse der letzten zwei Tage bewegen mich dazu, doch noch einen Blog-Eintrag nachzuschießen. Denn wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Und wenn dieser eine dann auch noch ich bin, dann wird umso mehr erlebt. Nicht unbedingt Grandioses, dafür aber garantiert Dämliches.

Und das kam so:

Ich habe ja meine große Nordreise aus nostalgischen Gründen stark verkürzt und werde jetzt anstatt zur nordkoreanischen und sibirischen Grenze vorzudringen mich mit den südlicheren Provinzen Jiangsu und Shandong begnügen, und zwar weil ich diese in einer Woche recht bequem bereisen und sodann meinen Chinaaufenthalt noch mit einem würdigen, dreiwöchigen "Urlaub" in Shanghai beenden kann.

Als erstes Ziel erwählte ich Xuzhou. Dieses kleine Städtchen im äußersten Nordwesten von Jiangsu, 700 Kilometer entfernt von Shanghai, ist wieder einmal in keinem Reiseführer verzeichnet, und es scheint, als wäre auch noch nie jemand hingereist. Deswegen, und weil es ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt auf meiner Fahrt nach Shandong ist, beschloss ich, dorten zwei Tage zu verweilen.

Es ging diesmal nicht alles ganz so glatt wie gewohnt, aber ich werde Euch hier nicht mit "Was-habe-ich-doch-für-ein-Pech"-Geschichten von ausverkauften Tickets, endlosen Anstellzeiten oder unfassbar heißem Wetter langweilen.

Nein, das kann ich besser.

So kam ich also gestern um 20 Uhr in Xuzhou an, einer auf den ersten Blick sympathischen, extrem lebendigen kleinen Stadt. Da ich von der fünfstündigen Zugfahrt und einer zweistündigen Unterhaltung mit einem kleinen chinesischen Buben (Hauptthema: "Transformers 2" - auf chinesisch, wie ich lernte: 变形金钢) ausgesprochen müde war, fiel ich gleich ins erste Hotel in Bahnhofsnähe. Dieses hatte durchaus eine gewisse Patina, war dafür aber auch recht günstig.

Was gibt es schöneres, als nach einer langen Reise bei unglaublich schwüler Hitze eine lange Dusche zu nehmen?

Und was gibt es spannenderes, als danach festzustellen, dass die Schnalle der Badezimmertüre abgebrochen ist und die Türe sich folglich nicht mehr öffnen lässt? Dabei sperre ich prinzipiell nicht zu ... muss aber zugeben, dass ich auch nicht jede Türe vor dem normalen Zumachen auf Funktionsfähigkeit überprüfe.

So stand ich dann also in diesem 3-Quadratmeter-Zimmerchen bei 40° Innentemperatur und konnte während der zwei Stunden des Eingesperrtseins dem Sauerstoff beim Verschwinden zuriechen. Natürlich war ich nicht untätig: Zunächst mit bloßen Händen und Füßen, dann mit allem, was mir zur Verfügung stand (Zahnbürste, Plastikkamm, Seife) versuchte ich, die Türe aufzubrechen - erfolglos. Mir ist klar, dass McGyver aus diesem Zubehör mindestens einen Kurzwellensender oder einen Bulldozer konstruiert hätte. Alles, was ich mit der Zahnbürste zusammenbrachte, war hingegen, mir meine Zähne zu putzen. (Auch sehr wichtig. Man sollte Karies nicht unterschätzen.)

Schweißüberströmt und splitternackt begann ich also den demütigenden Akt des mit-beiden-Händen-gegen-die-Türe-Pumperns, und gleichzeitig um Hilfe zu rufen. Weniger, weil ich wirklich von Panik erfüllt war, sondern eher, weil ich nicht 15 Stunden in diesem fensterlosen, stickig-heißen, winzigen Raum verbringen wollte, bis mich eine eventuelle Putzfrau des Morgens vielleicht fände.

Es ist einem mittleren Wunder zu verdanken (oder meiner kräftigen Stimme), dass mich in dem isolierten Extragebäude, in dem ich einquartiert bin, überhaupt jemand hörte. Doch dem war so. Aus dem Badezimmer heraus erklärte ich der Hotelangestellten schreiend das Problem, woraufhin sie den eine bunte Schar an Mechanikern zusammentrommelte. Spannend ist an dieser Stelle, dass man hier in Xuzhou offenbar einen ganz interessanten Dialekt verwendet, der eine Mischung aus südlichen und nördlichen Charakteristiken aufweist, jedenfalls aber ausgesprochen unverständlich sein kann. Und Inhalte wie "Jetzt schräg rechts nach oben ziehen und gleichzeitig rütteln" verstehe ich offenbar schon gar nicht.

Trotzdem schaffte es das Handwerkergrüppchen nach einiger Zeit, die gesamte Schnalle samt Schloss von außen auszubauen und die Türe zu öffnen.

Da stand ich nun in paradiesischer Nacktheit und durfte mir typisch chinesische Scherze über meine Körperbehaarung anhören und darüber, wie lustig das ganze doch wäre.

Zugegeben ... nach einer Sekunde Erleichterung und einer weiteren Sekunde Ärger musste ich dann mitlachen. Wer bin ich denn, dass ich solch vollkommene Situationskomik nicht würdigen dürfte?

Den Rest des Abends wollte ich mit einem entspannenden Spaziergang verbringen, was von sintflutartigen Regenfällen verhindert wurde, die justament begannen, als ich aus der Türe trat. Zusätzlich vergaß ich noch meinen Schlüssel im Zimmer sowie das Aufladen meines Fotoapparates. Außerdem lag das diesmal wohlmitgebrachte Schweißtuch sicher im Zimmer und ermöglichte mir so, die chinesische Allgemeinheit durch exzessives Schwitzen zu erheitern. (38° bei 120% Luftfeuchtigkeit sind das schlimmste Wetter, das ich mir vorstellen kann.) Aber das war peripher - die Freiheit hatte mich wieder, und ich konnte immerhin sogar ein Zugticket nach Yanzhou erstehen. In dieses Städtchen der Provinz Shandong möchte ich nämlich morgen fahren, um den dort ganz in der Nähe liegenden Geburtsort Konfuzius' zu besuchen, bevor es weitergeht in die Hauptstadt Jinan, wo ich wiederum zwei österreichische Freundinnen treffen werde.

Und heute? Ja ... heute fand ich heraus, dass Xuzhou vor 2.000 Jahren die Hauptstadt der mächtigen Han-Dynastie war, und dementsprechend die größte und wichtigste archäologische Anlage aus dieser Zeit in ganz China beherbergt. Zusätzlich übrigens noch eine Terracotta-Armee aus tausenden Figuren - ähnlich derer in Xi'an, nur dass die Soldaten viel kleiner (und herziger) sind. Weil das aber niemand weiß - und es Reiseführer wie Lonely Planet auch nicht einmal einer Erwähnung wert finden - war ich bei der heutigen Besichtigung dort praktisch alleine. Besonders das gigantische unterirdische Mausoleum des ersten Han-Kaisers gehört zum Großartigsten, was ich bisher in China gesehen habe. Die Abwesenheit anderer Touristen und jeglicher Keiler machte dieses Erlebnis umso beeindruckender - und bestätigte mir einmal mehr, dass für mich das Fahren ins Unbekannte dem Abklappern berühmter Sehenswürdigkeiten hundertmal vorzuziehen ist.

Ich liebe China. Nur seine Badezimmer mag ich jetzt nicht mehr so gerne.

Freitag, 26. Juni 2009

Abschied von einem Leben

Meine lieben Bekannten und Unbekannten da draußen,
hier geht's mittlerweile rund: Mein Auszug aus dem Studentenheim am 2. Juli wird vorbereitet - Dinge verschenkt, verkauft, verschrottet, verpackt - meine kleine Abschlussreise gen Norden, gemeinsam mit der gerade aus Korea zurückgekehrten Linan, wird organisiert, für die große Abschlussprüfung wird gelernt und dazu noch viele Abschiede von Klassenkameraden und Freunden gefeiert - mit ziemlicher Sicherheit endgültige Abschiede.

Angesichts dessen ist es für mich nur logisch, dass auch das Blog hier endet. Das hat praktische Gründe - wie beispielsweise verminderten Netzzugang und unglaubliches Beschäftigt-Sein - aber auch dramaturgische (es würde bis zur endgültigen Abreise nur noch so dahintranen) und psychologische (ich verspüre kein großes Bedürfnis, mich über Rückreise-Vorbereitungen auszulassen).

Ich habe darüber nachgedacht, wie dieses letzte Posting aussehen könnte, wie ich es kreativ und/oder witzig gestalten, mit einer grandiosen Schlussfanfare aus diesem Blog-Leben scheiden könnte. Mein Resümé: Wir machen das weder kreativ noch witzig. Dieses Blog ist wie mein Leben hier: Die Höhepunkte sind verstreut, kontinuerlich, die Klimax unberechenbar. Daher ist dieses Posting nur ein einfacher Abschied.

Einerseits von meinem Leben als Student in China: Mit Sicherheit die faszinierendste, wahrscheinlich sogar die schönste Zeit meines Lebens, in der ich unglaublich viel gelernt habe - über China, über Europa, über Menschen, über Kultur, über das Reisen - und unvermeidlich auch über mich selbst. (An dieser Stelle sich jetzt bitte eine kurze, ebenso witzige wie geistreiche Zusammenfassung all der großartigen Unternehmungen und schrägen Erlebnisse des letzten Jahres vorzustellen. Würde total gut passen, wäre irgendwie ergreifend - ist aber leider fürchterlich nervig zu schreiben. Außerdem bin ich hungrig.)

Andererseits verabschiede ich mich von diesem Blog, das ein wunderbares Hobby war und gleichzeitig Dokumentation wesentlicher Eckpunkte meines Aufenthalts in China (sowie eines Tags in Uruguay), und das mich überraschenderweise sogar dazu motiviert hat, auch Dinge zu tun, die ich sonst nicht getan hätte, um danach Neues berichten zu können.

Schließlich ist es auch ein Abschied von Euch da draußen. Naja ... nicht wirklich, wie ich hoffe, aber zumindest ein Abschied von Euch als LeserInnen. Es hat mich ehrlich gefreut - und noch mehr überrascht - wie viele Menschen dieses in Wahrheit recht unraffiniert hingefetzte, völlig subjektive und oft genug auch wenig informative Geschreibsel gelesen haben - und auf welch positive, witzige und inspirierende Weise kommentiert wurde. Das hat mir auch das Gefühl gegeben, die wichtigste Erfahrung meines Lebens aktiv mit meinen Freunden - alt und neu - teilen zu können.

Taten sagen ja bekanntlich deutlich mehr als Worte. Durch Eure aktive Teilnahme an diesem meinem Blog, habt ihr sehr viel gesagt (ob's wollts oder net). Dafür - und das ist der Hauptgrund für dieses salbungsvolle Abschiedsposting - danke ich Euch von Herzen.

Liebe Grüße aus Shanghai, machts es gut, passts auf Euch auf, schauts links und rechts bevors über die Straße gehts - und auf Wiedersehen ... ich bleib noch ein Monat ];).

Clemi

Sonntag, 21. Juni 2009

Drei Herren und die Kultur

Wenn eine statistisch relevante Teilmenge der Herrenrunde nach längerer Zeit des Nicht-Sehens in einem fernen Land aufeinander trifft, dann sind höchste interkulturelle Sensibilität, Offenheit für Unbekanntes und grenzenlose Begeisterung für die feineren Dinge des Lebens eine Selbstverständlichkeit. Als die Herren Schausberger und Kurzawa gestern nach einer Woche China-Aufenthalt wieder abreisten, hinterließen sie ein Land, das einfach ein kleines bisschen besser, reicher und schöner war als zuvor. Denn in einzigartiger Weise wussten wir das Positivste aus West und Ost harmonisch zu verbinden.

Schon am Ankunftstag tauchten wir so richtig ein in die chinesische Kultur: 8.30 Uhr morgens am Flughafen - Herr Schausberger, der als erster aus London angereist war, verspeist mit mir im Burgerking einen Whopper, während wir auf die Ankunft der Maschine Herrn Kurzawas aus Moskau warten. Auch das Frühstücksbier im benachbarten Irish Pub mundet vorzüglich - ja, so gut gar, dass wir besagten Herrn Kurzawa leider ein bisschen vergessen. Erst ein wohlmeinender Anruf seinerseits nach erfolgter Ankunft ("Heast, wo seids'n es bitte?!?!") holt uns zurück in die Ankunftshalle, und so können wir - etwas verspätet - mit einem kleinen Tränchen im Auge auch das älteste Mitglied der Herrenrunde in die Arme schließen.

Entsprechend asiatisch geht es in den folgenden Tagen weiter: Sei es ein Wurschtsalat im "Paulaner Bräu", eine Ciabatta im "Café Italia" oder Capuccino im Starbucks - die zwei Herren fürchten keines der kulinarischen Abenteuer dieses Landes!

Doch nicht nur Chinas Küche wird von der Herrenrunde ausgiebig erforscht, nein, auch die Kultur kommt nicht zu kurz: Ob Babyface, G+, Soho, De la Coast oder Windows - kaum ein Nightclub wird ausgelassen, kaum eine Bar von uns verschont.

Angesichts eines so dichten nächtlichen Besichtigungsprogramms könnte der Verdacht sich regen, wir wären des Tags leiser getreten. Weit gefehlt! Mit eiserner Disziplin erheben wir uns täglich frühmorgens um 14 Uhr aus unseren Betten, um erbarmungslosem Sightseeing zu frönen: Der Clothes Market wird aufgesucht (9 Maßhemden, 2 Maßanzüge), Straßenhändlern unser Vertrauen geschenkt (eine echte Rolex um 10 Euro), ausgesuchte Qualitätstechnologie erworben (ein iPhone um 60 Euro) sowie Chinas bekannte Markenware empirisch getestet (4 Paar Nike-Socken um 50 Cent).

Wer würde uns da zu früher Abendstunde ein wenig Entspannung missgönnen? Also lernt die Herrenrunde die Freuden chinesischer Massage kennen (O-Ton Schausberger: "Ab heute lasse ich mich nur noch mit 'Majestät' ansprechen!"), ebenso wie den Full-Service der hiesigen Friseure (Kopf-, Rücken- und Armmassage, Haarwäsche, schneiden und legen bei einem Top-Figaro um 4 Euro) und das gemütliche Nachmittagsschläfchen im Park.

Ich glaube, erstmalig in der Geschichte der Langstreckenflüge haben nicht die Besucher, sondern der Gastgeber einen Jetlag zu verdauen.

Burschen: Schön, dass da warts!

Freitag, 12. Juni 2009

Die Herrenrunde in China

Ich darf Euch heute eine kleine - und im Regelfall ausgesprochen unfeine - Institution vorstellen: die Herrenrunde.

Gut, den meisten brauche ich die wohl nicht mehr vorzustellen, aber ich tu es trotzdem. Wir trafen uns - weniger zufällig als mehr unter dem Zwang der Schulpflicht - in der Unterstufe des Gymnasiums: sechs wunderschöne, hochintelligente und dazu noch erfrischend bescheidene junge Männer, die bald von einem zarten Band der Freundschaft verbunden waren, da eine geschlossene Front gegen die erschreckende weibliche Übermacht in unserer Klasse gefragt war!

Na gut, das war nicht der Grund - aber es klingt irgendwie so herrlich politisch unkorrekt. Der tatsächliche Grund war eher, dass Schausi, Nikerl, DJ, Zech, Karli und ich einen Botzn Koarl miteinander hatten, was bei dermaßen unterschiedlichen Charakteren an sich schon eine Sensation ist.

Um die Sache kurz zu machen: Seit nunmehr fast 20 Jahren(!) treffen wir einander etwa alle ein bis zwei Monate, um gemeinsam fürchterlich viel Spaß zu haben. Letzteres lässt sich einfach nicht vermeiden, wenn wir aufeinander treffen, und darum konnten auch geografische Trennungen (beispielsweise leben momentan Schausi in London, Karli in Deutschland und ich in China), Hochzeiten, Scheidungen, Kinderkriegen und diverse andere Widrigkeiten des täglichen Lebens nichts ändern.

Gut, in letzter Zeit haben wir ein bisschen weniger Karli, weil der in Deutschland lebt, als Arzt arbeitet und zwei Kinder großzuziehen hat; aber den Gesamtrunden-Koarl hat das nicht merkbar reduziert.

Normalerweise treffen wir uns ja am Samstag, 19 Uhr, Stefansplatz. Diesmal haben wir uns zur Abwechslung allerdings für Samstag, 9 Uhr, Flughafen Shanghai entschieden.

Leider darf ich dort morgen - zu meiner großen Bestürzung - leider nur die Herren Schausi und DJ mit betont männlichem Handschlag begrüßen; wir werden uns aber redlich bemühen, auch als schwache 50% in der kommenden Woche mindestens genauso viel Frohsinn, Jux und Tollerei in China zu verbreiten, als wäre die gesamte Runde vollständig versammelt.

Warum ich das schreibe? Damit Ihr Euch nicht wundert, warum man jetzt mindestens eine Woche lang nichts von mir hören wird.

Und um mich zu bedanken, bei zweien meiner besten Hawerer, dass sie tatsächlich bis nach China kommen und somit die längste Anreise auf sich nehmen, die es jemals bei einer Herrenrunde gab.

Alles Walzer! ]:)

Sonntag, 7. Juni 2009

Aha! - Wissenswertes zur chinesischen Schrift, Teil III

Hallo Kinder!
Jetzt beruhigen wir uns langsam, stellen das Schwätzen ein und finden bei dieser Gelegenheit auch gleich unsere innere Mitte. (Irgendwo in der Nähe der Leber, Hinw. d. A.)

Richtet nunmehr also Eure geschätzte Aufmerksamkeit wieder ganz alleine auf mich, da das erstens mein Selbstbewusstsein ungemein stärkt, zweitens Euren Chinesischkenntnissen echt gut tut und Ihr – gebts doch zu – sonst eh nix G’scheites zu tun habts.

Ich habe das letzte Mal um Haaresbreite die Diskussion der dritten und letzten Klasse an Schriftzeichen vermieden. Dies war ausgesprochen raffiniert von mir (und ich könnt mich selbst dafür umarmen, aber andererseits lege ich großen Wert auf meinen persönlichen Freiraum und lasse mich sicher nicht von jedem dahergelaufenen – und momentan auch noch ziemlich verschwitzten – Ich abknuddeln; ich mein, wo kommen wir denn da hin, wenn ich jedes Mal, wenn ich mich grad sehr mag, gleich sämtlichen Bedürfnissen nach körperlicher Nähe nachkommen würde? CHAOS würde daraus resultieren, sage ich Euch, CHAOS – und vermutlich auch Kreuzschmerzen, weil man sich ja, wenn man sich selbst umarmt und das auch noch ordentlich machen möchte, meistens ein bissl dieses eine Bandl zerrt, das da so links überkreuz schräg vom Schulterblatt den Rücken hinunter …

Wo war ich?

Ach ja, die Klammer muss ich noch schließen …

)

So.

Jetzt aber.

Es war ausgesprochen raffiniert von mir WEIL – und jetzt kommt’s – diese dritte Gruppe an Zeichen die wichtigste, häufigste und auch interessanteste ist. Und so darf ich Euch jetzt die „phonographischen Zeichen“ vorstellen.

Nein, die lesen sich leider nicht selbst vor. Das wäre praktisch, funktioniert aber nicht, da auch die phonographischen Zeichen – bei aller Grandiosität – leider stumme Nüsse sind.

Warum heißen sie dann so? Nun – weil sie sich aus zwei Teilen zusammensetzen.

Ich muss dazu zunächst vorausschicken (pfiati derweil, aber komm net zu spät heim), dass ein chinesisches Zeichen durchaus auch selbst Teil eines anderen Zeichens sein kann, das dann dementsprechend komplizierter aussieht. Tatsächlich kann ein Zeichen sogar mehrere andere als Komponenten enthalten, was dann optisch einen recht gedrängten Effekt („Grallawatsch“ in der Fachsprache) verursacht. Ich werde das dann gleich noch genauer demonstrieren, aber derweil glaubts mir das bitte einfach mal. Bei solchen Dingen lüge ich selten. Das wäre zu simpel.

Jeeedenfalls: Dies bitte KEINESFALLS mit jenem von mir bereits erwähnten Fall zu verwechseln, wenn ein chinesisches Wort aus mehreren Zeichen aufgebaut ist. Das ist etwas ganz anderes und auch sehr wichtiges; aber tatsächlich kann eben auch ein einzelnes Zeichen aus mehreren anderen bestehen. Bei einem phonographischen Zeichen ist genau das der Fall, wobei eine Hälfte das sogenannte „Radikal“ ist, die andere ein Phonetikum. Das Radikal ist enorm wichtig, denn es gibt einen Hinweis auf die Bedeutung des gesamten Zeichens und wird außerdem dazu verwendet, die Zeichen in einer bestimmten Reihenfolge zu ordnen – beispielsweise in einem Wörterbuch. Das Phonetikum gibt hingegen einen Hinweis auf die Aussprache.

Ich erklär das mal an Beispielen.

Sehet dieses wunderschöne Zeichen:

想

Jajaja, ich weiß schon: ein unheimlich kompliziertes Krixi-Kraxi, das man wahrscheinlich wie Tsching-Tschang-Tschung ausspricht.

Doch sehen wir etwas genauer hin.

So, und jetzt bewegen wir die Nase wieder ein Stücki weg vom Bildschirm, weil sonst sehen wir nur Pixel, und das hilft uns auch nicht weiter. Ich meinte das mit dem „genau schauen“ eigentlich nur figurativ, denn ich werde nun in meiner unendlichen Weisheit dieses Zeichen für Euch Dumpfbacken (vgl. Beatboxen) da draußen mal ein bisschen analysieren.

Also. 想 besteht eigentlich aus drei unabhängigen, vollständigen Zeichen, nämlich: 木,目 und 心. Sie haben die Bedeutungen „Baum“, „Auge“ und „Herz“. (Jedes davon für sich genommen übrigens ein Piktogramm.) Nun sind 木 und 目 bereits zu einem neuen Zeichen zusammensetzbar, nämlich 相. Und gute Beobachter sehen schon: a-HA! (Daher auch der Name dieses Kurses) Das ist ja die obere Hälfte von 想, während das Zeichen für Herz 心 die untere Hälfte bildet.

Und das ganze ist dann ein wunderbares Beispiel für ein phonographisches Zeichen. Das Herz ist hier nämlich das Radikal. Es zeigt an, dass die Bedeutung des Gesamtzeichens etwas mit Gefühlen bzw. Eindrücken zu tun hat. Die andere Hälfte ist das Phonetikum. Wenn man weiß, wie 相 ausgesprochen wird, dann hat man auch eine ungefähre Ahnung, wie das Gesamtzeichen klingt. In diesem Fall ist das super: 相 lautet “xiang“ und 想 ebenfalls „xiang“.

Paaasst!

Leider ist es nicht immer so einfach, denn die Aussprache der Zeichen hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert, und so kommt es häufig vor, dass ein Phonetikum „Zhao“ auf eine Aussprache von „Kou“ hinweist, oder ähnliche Spompanadeln (<= Wie schreibt man das eigentlich?)

想 bedeutet übrigens „denken, wünschen, sich sehnen“ – der Bedeutungshinweis des Radikals ist generell deutlich verlässlicher als der Aussprachehinweis des Phonetikums.

Ich könnte Euch jetzt hier noch mit Beispielen ins Koma erklären – denn es gibt natürlich zigtausende davon, und die über 200 Radikale können innerhalb des Zeichens sowohl unten als auch links stehen und dabei auch noch ihr Aussehen verändern – aber ich will meine viereinhalb LeserInnen gerne noch ein Weilchen behalten, deshalb belasse ich es mal dabei.

Und widme mich einem Thema, das wesentlich unterhaltsamer ist: dem Pumukl.

Hihi, war nur Spaß – ich mach eh mit Chinesisch weiter.

Aber mit etwas, das weniger theoretisch und ganz viel lustig ist. Find ich halt. Und zwar sind das jene Zeichen, die irgendwie in dieser Klassifikation keinen Platz finden, uns Westler aber üblicherweise königlich unterhalten.

Auch sie setzen sich aus zwei (oder mehr) für sich existierenden Schriftzeichen zusammen. Sie kombinieren aber deren ursprüngliche Bedeutung zu einer neuen – was manchmal ausgesprochen originell, witzig und überraschend sein kann. Sehr oft bietet dies auch Gelegenheit, etwas über die chinesische Art zu denken, die Kultur und die Geschichte zu lernen.

Aber wer will das schon.

Also präsentiere ich hier einfach zum Abschluss ein paar der lustigsten:

木 - Baum
林 – kleiner Wald
森 – großer Wald

火 – Feuer
炎 – heiß
焱 – sehr heiß

Und jetzt noch raffinierter:

好 – links: Frau, rechts: Sohn => insgesamt: „gut“

安 – oben: Dach, unten: Frau (vgl. voriges Zeichen) => insgesamt: „Friede“

忙 – links: Herz, rechts: sterben => insgesamt „vergessen“ (Anm.: Chinesen hielten früher das Herz für den Sitz des Gedächtnisses)

盲 – oben: sterben, unten: Auge => insgesamt: „blind“

… und unendlich viele weitere solche Beispiele. Solchen herrlich logischen bzw. sogar richtig unterhaltsamen Zeichen zu begegnen, gehört für mich zu den größten Freuden des Chinesisch-Lernens. Die zweitgrößte ist es dann, in China-Lokalen blöde Kommentare über Westler zu verstehen und mich dann auf Chinesisch rächen zu können.

Aber das gehört woanders hin.

Soll ich noch einen Teil schreiben? Ich könnte mich noch ein bisschen vom einzelnen Zeichen zum chinesischen Wort hochhangeln und vielleicht auch noch ein winziges bisschen den Horror vorstellen, der die chinesische Grammatik ist.

Oder ich lass es. Wie’s wollts. Ich bin ja nicht so.