Montag, 13. Juli 2009
Shanghai brät
Was sagt uns das?
Nun - wer mich kennt, weiß: Kaum erhebt sich des Thermometers Quecksilber zögerlich-sanft über die 20°-Grad-Grenze, verwandle ich mich spontan in eine beeindruckende Springbrunnen-Persiflage und kenne kaum noch andere Gesprächsthemen als die UNÄRTRÄÄÄÄÄGLICHÄÄÄÄ HITZÄÄÄÄÄÄ.
Na, könnts Euch vorstellen, wie's mir hier zurzeit geht.
Was also tun?
Ganz einfach: Ich trof vorgestern in einem Restaurant zwei Studenten aus Guizhou. Das ist eine Provinz, die nicht besucht zu haben mir ohnehin schon seit längerem sehr Leid tat. (Dieses gschissene Land ist einfach zu groß.) Und dann besitzen die zwei auch noch die Unverfrorenheit, mich nicht früher kennengelernt und mir erzählt zu haben, dass Guizhou auf einem Hochplateau liegt und daher sehr angenehme Sommer ihr (sein?) Eigen nennt!
Wir haben dann noch sehr nett dahingeplaudert, und wie üblich musste ich fest versprechen, falls es mich mal nach Guizhou zieht, mich unbedingt zu melden. Dann bin ich rausgegangen aus dem klimatisierten Raum. Und als mich da draußen wieder einmal die Hitzekeule mit einem fröhlichen Frontalschlag ins Gesicht begrüßte, war ich nur mehr eines benommenen Gedanken fähig: "Ich muss weg!"
Woraufhin ich gleich ein Ticket nach Guizhou gebucht habe, wo ich demgemäß morgen hinfliegen werde. Ist eine hochinteressante Gegend mit atemberaubender Landschaft, unzähligen Dörfern ethnischer Minderheiten - und angeblich vom Tourismus noch so gut wie unberührt.
Ich bleibe dort nur vier Tage, werde aber zweifelsohne wieder einmal einen Weg finden, alles, was ich nicht kaputt mache, auf andere Weise kreativ falsch anzupacken - und falls dem tatsächlich so ist, werde ich danach darüber berichten. Falls nicht, dann nicht.
Kaum war das Ticket gebucht habe ich jedenfalls festgestellt, dass es dort unten gerade ungewöhnlicherweise mit jedem Tag heißer wird und außerdem ein Taifun in der Gegend herumbläst.
Ideale Voraussetzungen für einen gelungenen Urlaub also - man darf gespannt sein.
Samstag, 11. April 2009
Go West - VIII: Koko Nor ... am Ziel
Nun bin ich ja so einer, der stundenlang vor Welt- und Landkarten sitzen kann. Mit dem Finger reise ich durch die entlegensten Regionen und frage mich, wie es dort aussehen koennte. (Und bevor wer fragt: Nein, Trainspotting gehoert nicht zu meinen Hobbies.) Seit es Google Earth gibt, ist dieses Spiel natuerlich noch lustiger geworden. Doch nicht nur sieht aus der Luft sowieso alles anders aus, den Satelliten fuer sich reisen zu lassen ist einfach nicht dasselbe.
Seitdem hat es meinen Finger - mit meinen Augen im Schlepptau - immer wieder und wieder in jene entlegene Ecke Chinas gefuehrt, wo dieser Salzsee von der Groesse Ostoesterreichs liegt. Ich wollte dort unbedingt einmal hin. Gleichzeitig wusste ich: Jemand, den selbst die Sommerfrische im Waldviertel organisatorisch an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt, wird das wohl niemals schaffen. Selbst die Chinesen wissen oft nicht, wo die Provinz Qinghai liegt - geschweige denn deren See.
Wie ich das Reisen "geuebt" habe, wie ich mich langsam immer weiter vorgetastet habe, um die nervlichen Voraussetzungen zu erwerben, die fuer das Erreichen dieses meines Zieles notwendig waren, das (unter anderem) dokumentiert dieses Blog.
Und heute war es soweit.
Suboptimale Voraussetzungen
Natuerlich waere es nicht ich, wenn nicht zunaechst einmal etwas schiefgehen wuerde. Um 7 Uhr morgens stehe ich - zaehndputzt und kampelt - vor meinem Hotel und warte auf den Bus.
Um 8 Uhr stehe ich immer noch da, als vielbewunderter Mittelpunkt des lebendigen Treibens auf der Strasse, und bin schon mal praeventiv extrem enttaeuscht, dass ich offenbar mein grosses Ziel doch nicht erreichen werde. Immerhin hatte ich bei der Buchung dran gedacht, mir die Visitenkarte der Angestellten geben zu lassen. Ich erklaere einer Hotelbediensteten, dass mein Chinesisch am Telefon sogar noch schlechter sei als live und bitte sie daher, fuer mich anzurufen und nachzufragen.
Es stellt sich heraus: Der Busfahrer hat mich nicht boswillig vergessen, sondern lediglich Verspaetung, da noch 13 andere Tourmitglieder in der ganzen Stadt eingesammelt werden muessen. Waehrend ich warte, laedt man mich hotelseitig netterweise auf ein Fruehstueck ein.
Als ich gerade mitten im schoensten Essen bin, faehrt ein winziger Bus mit ausschliesslich chinesischen Insassen vor, von denen ich beim Einsteigen ausgiebig bestaunt werde.
Irgendein Palast
Wir fahren los, und die nette junge Reisefuehrerin erklaert Interessantes ueber Qinghai, Xining und die vielen Minderheiten, die hier leben. Ich bin sehr erstaunt, wieviel ich davon verstehe. Sogar bei den Ratespielen - einer typisch chinesischen Form der Fremdenfuehrung - kann ich teilweise mitmachen, auch wenn die Chinesen frustrierenderweise mehr ueber ihr Land wissen als ich und die Sprache deutlich besser beherrschen.
Die Strassenschilder auf der Fahrt sind - wo vorhanden - uebrigens stets zweisprachig: tibetisch und chinesisch. In gewissen, ach so entwickelten Laendern mit ueberlegener Minderheitenpolitik soll es Bundeslaender geben, die nicht einmal das schaffen.
Erst als wir an einer offensichtlich zu hundert Prozent See-freien Stelle anhalten, wird mir bewusst, dass es auf der Fahrt anscheinend mehrere Stopps gibt. In einem ueberraschend modernen Oertchen ragt vor mir ein tibetischer Palast auf, und wir nehmen an einer Fuehrung teil. Da ich von dieser so gut wie gar nichts verstehe, nehme ich mir vor, nach meiner Rueckkehr erstmal zu recherchieren, was ich da eigentlich sehe. Drinnen gibt es jedenfalls riesengrosse, bunte Statuen von den Gruendern und wichtigen Meistern der einzelnen buddhistischen Sekten.
Weiterfahrt zur offiziellen Jade
Die Strasse fuehrt auf der gesamten Strecke stetig bergauf - wir bewegen uns nun durch immer ueberirdischere Landschaften ganz hinauf auf das Tibet-Qinghai-Hochplateau, an dessen Rand Xining liegt. Bald gibt es gar keine richtigen Siedlungen mehr, sondern nur noch verstreute, einsame Lehmhuetten der hier fast ausschliesslich tibetischen Bevoelkerung sowie vereinzelte Zelte der Nomaden.
Mitten im schoensten Nichts halten wir ploetzlich bei einer Art Halle, wo man uns statt der von mir schon befuerchteten Heizdecken die beruehmte Qinghai-Jade verkaufen moechte. Ich finde das so schraeg, dass ich ein Armband erstehe. Irgendein Andenken an Qinghai brauche ich schliesslich - und es ist immerhin die offizielle Jade der Olympischen Spiele, wenn ich die Leutchen dort recht verstehe. (Weiss jemand, wofuer man offizielle Jade verwendet?) Als Dank fuer den Kauf haengt man mir eine Art gelben Schal um. Warum auch immer. Kalt genug waere es ja.
Sonne, Mond und Kopfweh
Dann geht es hinauf auf den Ri Yue Shan - den Sonnen-und-Mond-Berg. Ich wusste gar nicht, dass uns unsere Tour bis auf knapp 3.600 Meter Seehoehe fuehren wuerde - immerhin fast so hoch wie der Gipfel des Grossglockners. Ja, was fuer lustige Ueberraschungen man erleben kann, wenn man bei der Buchung einer Reise nur maximal 50% versteht.
Die Aussicht auf die endlose, braune Hochebene, schneebedeckte Bergketten, und bizarre, rundliche Huegelformationen, die unglaubliche Weite und Einsamkeit - abgesehen von vereinzelten Stupas und Gebetsfahnen - sowie der ueberall grasenden Yaks und Schafe, ist atemberaubend. Die Hoehe uebrigens auch - im Schneckentempo keuchen wir einige Stufen zu einem Aussichtspunkt hinauf; Schwindel und Kopfweh sagen mir, dass in dieser Hoehe offenbar bereits leichte Symptome von Hoehenkrankheit moeglich sind. Doch weder das noch die wirklich anhaenglichen tibetischen Verkaeufer von Jadeamuletten und Mini-Gebetsmuehlen koennen die unglaublichen Eindruecke verderben, die diese Landschaft vermittelt.
Wir fahren wieder "hinunter" auf 3.000 Meter - in dieser Hoehe liegt das endlose Hochplateau des Koko Nor. Ploetzlich taucht ein niedliches Staedtchen vor uns auf - wiederum vertraue ich meinem chinesischen Hoerverstaendnis nur bedingt, aber ich glaube, es handelt sich um die erste solche Siedlung, die auf der Hochebene errichtet wurde. Dort verkosten wir getrocknetes Yakfleisch und Buttertee - beides uebrigens ausgezeichnet. Ich beschraenke mich beim Einkauf allerdings auf ein Paeckchen gebratener Gerste - ein Hauptnahrungsmittel der lokalen Bevoelkerung. Sie (die Gerste, nicht die Bevoelkerung) schmeckt mir so gut, dass ich jetzt die Mutter aller Kiefermuskelkater mein eigen nenne.
Am Ziel
Lange Zeit hatte ich vor der Fahrt ueber der Karte von Qinghai gebruetet und eruiert, dass die einzige Strasse der Gegend an der Nordseite des Sees entlang fuehrt. Der See liegt also suedlich. Man muss nun wissen, dass der Koko Nor auch gleichzeitig der westlichste Punkt meiner Reise ist - noch einmal 150 Kilometer westlich von Xining - somit wuerde bei unserer Fahrt im Bus die linke Fensterseite den Ausblick auf den See gewaehrleisten, weshalb ich mich in weiser Voraussicht an ebendiese platziert hatte.
Gut vorausgedacht. Nur zwei Probleme gibt es damit. Das erste ist, dass Chinesen, sobald sich unter ihnen etwas anderes als Kakerlaken bewegt, sofort in Tiefschlaf fallen. An meiner suedlichen Fensterseite lacht die Sonne ins Innere des Busses. Und ausgerechnet der vor mir sitzende Gentleman aus Chengdu, Sichuan, ist ein wenig lichtempfindlich, und - RATSCH - wird der Vorhang vorgezogen, der auch meinen Fensteranteil bedeckt. Gut, nicht so schlimm, linse ich eben durch den leicht angehobenen Vorhang auf die Landschaft, die offenbar als nicht inkludiertes Reiseziel fuer meine lieben Mittouristen uninteressant ist.
Und dann taucht vor mir der See auf.
Ich weiss nicht, wer ueber Nacht entweder die Strasse oder den See verlegt hat, aber aus irgendeinem Grund liegt er noerdlich von uns - und ich sitze auf der falschen Seite.
Das aendert nichts daran, dass dies fuer mich ein wirklich beruehrender Augenblick ist. Das Ziel meiner Traeume ploetzlich so real vor mir zu sehen, ist ein Wahnsinnsgefuehl!
Fuer die anderen mag das Trockenfleisch aus dem Plastiksackerl mehr Aufmerksamkeit verdienen - ich hingegen klebe quer ueber Sitzbank und Mittelgang am gegenueberliegenden Fenster und erreiche, stetig knipsend, locker Foto Nummer 600 dieser Reise. (Ich freu mich schon auf die Auswahlprozedur ]:P ... die Fruechte dieser meiner noch vor mir liegenden Augias-Arbeit werdet ihr dann uebrigens hoffentlich noch kommende Woche bewundern koennen.)
Auf der Strasse beobachte ich vereinzelte, tibetische Pilger, die zu Fuss - und sich Mannslaenge fuer Mannslaenge hinwerfend - den Weg bis Lhasa zuruecklegen, hinter ihnen ziehen ihre Familienangehoerigen kleine Waegen voll Hab und Gut.
Der See oeffnet sich nun in seiner gesamten Groesse, und da man die gegenueberliegenden Ufer trotz kristallklarer Hoehenluft nicht sehen kann, wirkt er wie ein Meer.
In einem der wenigen kleinen Oertchen direkt am See halten wir, um gemeinsam Mittag zu essen. Danach spazieren wir zum Ufer. Ich plaudere mit einem Reisekollegen aus Nanjing, der in Shanghai arbeitet. Nach dem obligaten Visitkartenaustausch unterstuetzt er mich bei meinem hysterischen Versuch, diesen Moment des Erreichens festzuhalten: Clemens winkend am Strand, Clemens grinsend vor einer Statue, Clemens laessig auf einem Stein, Clemens lustvoll im Wasser pritschelnd, Clemens das Wasser kostend und den Salzgehalt eruierend, ...
Extrem peinlich.
Aber ich habe das Beduerfnis, moeglichst viele handfeste Andenken an die Erfuellung meines Traumes mitzunehmen. Da das zunaechst angedachte Austrinken des Sees zwecks vollstaendiger Mitnahme an mangelndem Durst scheitert, fische ich stattdessen einen Stein direkt aus dem eisigen Wasser.
Ein Bummerl in der Wueste
Auf der Rueckfahrt erlebe ich noch eine Ueberraschung: Mir war nicht bewusst, dass der See auch an eine Hochwueste grenzt ... richtig mit Sand, Duenen, Kamelen und allem Drum und Dran. So verschiesse ich endgueltig die letzten Stromreste der Batterie meines Fotoapparates, bevor wir die zweistuendige Fahrt zurueck nach Xining antreten: totmuede, aber gluecklich.
Als meine, mir mittlerweile ans Herz gewachsenen, Mittouristen meinen, sie muessten mittels Bordmikrophon Lieder zum besten geben, um sich die Zeit zu vertreiben, schwant mir Uebles.
Und so zieht draussen die einsame, endlose Wildnis des Hochlandes friedlich vorueber, waehrend im Inneren des Busses der "auslaendische Freund" wieder einmal "Ana hot imma des Bummerl" in Stadionlautstaerke zum besten geben muss, begleitet vom frenetischen Jubel von Menschen aus allen Teilen Chinas, die zum Glueck keine Ahnung haben, wie das Lied eigentlich klingen sollte.
Sonntag, 15. Februar 2009
Der Süden - II: Longsheng und das unsichtbare Drachenrückgrat
Heute wollen wir die Gegend von Longsheng (龙胜, "siegreicher Drache") besprechen. Dieser Ort liegt etwa 70 Kilometer nördlich von Guilin und ist für zwei Dinge berühmt: für seine atemberaubenden Ausblicke auf Reisterrassen, die von Horizont zu Horizont steile Bergrücken überziehen, und für jene Angehörige der Völker der Yao, der Zhuang und der Dong, die dort in kleinen, ursprünglichen Dörfern leben und diese Reisterrassen bestellen.
Da man ja nicht jeden Tag das Gleiche machen möchte, entschieden wir uns dieses Mal dafür, diese Gegend nicht im Rahmen einer Tour zu besichtigen, sondern ein Auto inklusive Fahrer zu mieten - wodurch wir auch die Freiheit hatten, alles völlig unabhängig zu erkunden.
Unser Fahrer war ein fröhlicher Mann, der sogar einige Wörter Englisch beherrschte, und so verging die langsame Fahrt über kleine Serpentinenstraßen munter plaudernd wie im Fluge. Die herrliche Landschaft von Longsheng bereitete sich darauf vor, sich unseren erkundenden Augenpaaren von ihrer besten Seite zu zeigen. Und auf welch originelle Weise sie dieses tat, demonstriere ich am besten in Bildern:
Hier ging die Reise los: in unserem Hostelzimmer. Der Vorteil daran, mit Mädels zu verreisen, ist ja, dass man nicht mit dem üblichen Chaos kämpfen muss, das Männerhaushalte so auszeichnet. Keine Gewandberge, nichts verdrückt sich, alles liegt stets am dafür vorgesehenen Platz - herrlich.

Entsprechend schnell konnten wir auch aufbrechen - und bereits eine halbe Stunde Fahrt außerhalb von Guilin wurden die Straßen enger, die Landschaft wilder, und es begann der Anstieg ins Gebirge. Auch die ersten traditionellen Dörfer chinesischer "Minderheiten" tauchten auf - wie beispielsweise hier eines mit den typischen Holzhäusern der Zhuang.

Gleich als erstes steuerte unser Fahrer "Ping An" (平安) an. Nahe diesem Zhuang-Dorf mit dem hübschen Namen "Frieden" befindet sich eines der berühmtesten Panoramen Chinas - die Reisterrassen des "Drachenrückgrats". Zum ersten Mal betraten wir also ein solches traditionelles Dorf, dessen Einwohner hauptsächlich vom Reisanbau, vom Handwerk und von Touristen leben. Dieser Herr mahlt gerade Sojabohnen zur Herstellung von Bohnenmilch.
Bereits während der Fahrt war das Wetter nicht gerade großartig. Aber der eigentliche Anstieg auf engen Wegen mitten durch die Reisterrassen war dann nachgerade besorgniserregend. Eigentlich waren wir froh, wenn wir überhaupt weit genug sahen, um den nächsten Schritt nicht ins Leere zu setzen. Keine idealen Voraussetzungen für einen kilometerweiten Blick in die Landschaft.

Denn so präsentieren sich die Reisterrassen des Drachenrückgrats normalerweise den Besuchern. ( Foto von www.visitourchina.com )
Was für ein Anblick aber erwartete uns nach einem halbstündigen, ziemlich steilen Aufstieg?

Nun ... einer mit etwas geringerer Blicktiefe, könnte man sagen. (Im Hintergrund: "Reisterrassen im Nebel", eine artistische Impression von Clemens M. Bayer)

Angesichts dessen - oder eher eben nicht angesichts - ward der tapferen Wandersleute Stimmung ein wenig getrübt. Auch wenn der Nebel an anderen Stellen durchaus stimmungsvolle Anblicke erzeugte. Obige "Wind-und-Regen-Brücke" - ein Bauwerk-Typ, der vom Volk der Dong völlig ohne Nägel und Eisenteile errichtet wird - macht sich beispielsweise auch als "Nebel-Brücke" ziemlich gut.

Auch obige Dame vom Volk der Yao war trotz Nebels tadellos sichtbar. Was fein ist, denn die Frauen der Yao sind berühmt dafür, dass sie sich niemals die Haare schneiden. Stattdessen wächst die Frisur dieser auch im Guinness Buch der Rekorde eingetragenen Volksgruppe mit den längsten Haaren der Welt zu beeindruckenden Längen und wird im Alltag zu einem kunstvoll geflochtenen Knoten gewunden und mit einer markanten Kopfbedeckung ... ähm ... bedeckt. Diese hat sie für uns abgenommen, um uns dummen Touristen eine fotographische Festhaltung zu ermöglichen.

Ebenfalls wetterunabhängig war zum Glück unser Mittagessen in einer Zhuang-Hütte - wo wir traditionelle Speisen probieren konnten. Oben sieht man, wie ein Gericht aus Huhn, Bambus und Reis in ausgehöhlten Bambusstangen gegrillt wird ...

... hier sieht man uns in der Hütte darauf warten, was auch immer wir da gleich serviert bekommen würden ...

... und hier schließlich hebt ein gar grausig Gemetzel an, als wir versuchen, des knusprig angebratenen Reises Herr (bzw. Dame) zu werden. Geschmeckt hat das übrigens unheimlich gut.

Wenn wir schon nicht die schönsten und berühmtesten Reisterrassen sehen konnten, wollten wir zumindest überhaupt einmal welche sehen. Daher baten wir unseren Fahrer, uns in ein nahegelegenes Dorf der Yao zu bringen, das ein gutes Stück bergabwärts liegt. Der Nebel verhüllte ja nur exakt jenen Berggipfel, auf dem wir der Aussicht zu frönen gedachten. Weiter unten wäre es vielleicht etwas besser, so der Gedanke.
Als wir die ebenso hohe wie wackelige und morsche Hängebrücke über den Fluss zu besagtem Dorf überquerten, bestätigte sich unsere Vermutung: Die Luft war klar - hier würden wir zumindest ein paar Reis-Impressionen sammeln können ...

... vorausgesetzt natürlich, diese hinterhältigen Yao hätten den Reis nicht kurz vor unserem Besuch abgeschnitten und nur Stoppel-Panoramen hinterlassen.

Das aber war nicht besonders tragisch, da wir auch so nach einem gröberen Gekraxel noch ein paar, wenn schon nicht ganz so grandiose, so doch immer noch wunderschöne Ausblicke auf Reisterrassen mitnehmen konnten. Ohne Weitwinkel-Objektiv hatte ich natürlich keine Chance, die ganze Dimension dieser Landschaft einzufangen, aber beim Teutates, ich sage Euch: Es war toll.
Wie wir direkt vom tiefsten November-Nebel in den brütenden Sommer-Sonnenschein wechselten, wie Babsis Schlangenphobie ausgerechnet in einer Disko auf eine harte Probe gestellt wurde, was uns dazu bewog, einem Wiener Nationaltanz in einem kantonesischen Park zu frönen und warum Hong Kong nicht gut für meinen Kopf ist - darüber schreibe ich dann beim nächsten Posting. Glaube ich. Und wenn nicht, dann erinnert's mich bitte daran.
Mittwoch, 31. Dezember 2008
Guangxi - IV: 南宁 (Nanning)
Bitte schnell zu den Bildern scrollen, jetzt kommt der fade Sightseeing-Teil
Guangxi („Die westliche Weite“) ist fast genau dreimal so groß wie Österreich, liegt an der Grenze zwischen den Subtropen und den Tropen und ist eine der ärmeren und entlegeneren Provinzen Chinas. Richtig touristisch erschlossen ist eigentlich nur der Nordosten, die Gegend um Guilin mit seinen weltberühmten Karstfelsen. Ich aber bin sehr glücklich, in den unbekannteren äußersten Süden vorgedrungen zu sein.
Nach meinen Einstiegs-Postings darf ich nun einen dreiteiligen, stärker bildorientierten Auszug meiner Reise geben, der aus Gründen der dramaturgischen Faulheit meinerseits im Tagebuchstil gehalten ist. Dafür sind die Texte schnörkellos und straight, live und vor Ort entstanden. Der heutige beschäftigt sich mit meinen drei Tagen in Nanning, der folgende mit den zwei Tagen in Beihai und der letzte schließlich mit Vermischtem und Schrägem, denn davon gab es in diesen paar Tagen eine derartige Flut, dass ich nicht zuletzt deshalb mit nicht weniger als 200 Fotos und 20 Filmen heimgekehrt bin.
Der lustige Clemi-Marathon
Am 25. Dezember war ich ausgesprochen effizient. Ich habe sowohl einen Stadtplan dieser 1,3-Millionen-Stadt als auch Hin- und Rückfahrtickets für Beihai organisiert.
Dann erfolgte mein üblicher Besichtigungs-Gewaltmarsch – zunächst kreuz und quer, ohne System, durch die Stadt, die mich stark an das erinnert, was ich in Dokumentationen über Vietnam oder Thailand gesehen habe. Man merkt die Nähe zu den südostasiatischen Ländern – alles spielt sich draußen ab, es brummt und brüllt und ist generell sehr fröhlich chaotisch. Außerdem war ich doch tatsächlich am Christtag bei strahlendem Sonnenschein im T-Shirt unterwegs und schaffte es sogar, zu schwitzen. Ich habe den Volkspark besucht – die Vegetation geht dort schon stark ins Tropische, und das ist für mich etwas ganz Neues: mitten im Winter alles grün, Blüten überall, Palmen und sonstige Pflanzen, die ich bisher nur von Fotos kenne.
Westliche Gesichter habe ich in zwei Tagen unter all den zigtausenden genau zwei gesehen, und dementsprechend viel Aufmerksamkeit bekam ich; allerdings freundlicher Natur und völlig ohne Keilerei, weil man ausländische Touristen offenbar nicht so sehr gewohnt ist. Stets wurde ich gerufen, man winkte mir zu, strahlte mich freundlich an und bei zwei Gelegenheiten drückte man mir sogar irgendwelche Dinge in die Hand; ich vermute in der Überzeugung, ich würde diese essen. Oder damit jonglieren. Ich bin mir nicht ganz sicher. Als Reaktion entschied ich mich daher für mein patentiertes Allzweck-Gesicht: ein Zwischending zwischen freundlicher Verzweiflung und dankbarer Verständnislosigkeit.
Maximale Minderheit
Am Nachmittag war das lokale Minderheiten-Museum an der Reihe, wo ich vor allem das angeschlossene Freilichtmuseum mit originalen Bauwerken der Zhuang-, Miao-, Yao-, Maonan- und Dong-Minderheiten in seliger Einsamkeit durchmaß. Von Chinas insgesamt 55 offiziellen Minderheiten sind in Guangxi, der autonomen Provinz der Zhuang, ganze elf heimisch. Das Zhuang-Transkriptionssystem, dem man überall auf der Straße begegnet, sieht übrigens wild aus – ein Konsonantensalat ähnlich dem Walisischen, was für mich zwanghaften Schilderleser natürlich prompt konstante Zungenverstauchung zur Folge hatte.
Am Abend entdeckte ich durch Zufall gleich neben meinem Hotel eine „Food-Street“, die jenen auf Taiwan glich – ich habe mich sofort dorthin zurückversetzt gefühlt. Was es dort alles gibt, ist unglaublich – und wirklich exotisch. Früchte in allen Farben und Formen und Tier-mäßig alles, was kreucht und fleucht – lebendig und gehäutet, ganz und in Stücken. Die Fotos dazu präsentierte ich ja bereits – den Geruch und den Lärm kann ich leider nur staunend in der eigenen Erinnerung behalten.
Resumé: Weder Bar noch Vokabel
Was ich nicht schaffte, war, zum Tagesabschluss noch irgendwo eine nette Bar zu finden, um auf ein Bier zu gehen. Stattdessen bin ich auch am Abend noch herumgelaufen. Ich glaube, ich habe einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt. Grob geschätzt waren es sicher an die zwanzig bis fünfundzwanzig Kilometer an diesem Tag - und zwar ohne Pause. Da ich die Nacht zuvor aus unerfindlichen Gründen sehr schlecht geschlafen hatte, war ich schon früh am Abend vollkommen erschlagen. Vermutlich sollte ich langsam eher Bingo-Abende und Töpfer-Kurse in Erwägung ziehen. Für meine anstehenden End-Prüfungen gelernt hatte ich folgerichtig an diesem Tag auch nichts, dafür in der nächsten Nacht hervorragend geschlafen. Hauptsache, ich schleppte etwa drei Kilo an Lernmaterialien mit mir herum. Aber die sollen ruhig auch mal ein bisschen die Welt sehen.
Ich lenze faul
Am nächsten Tag, dem 26. Dezember, habe ich auf das tolle Frühstücksbüffet gepfiffen, bin sehr lange im Bett geblieben und nahm mir vor, es gemütlich anzugehen. Ich setzte mich in ein chinesisches Café und frönte dort einem herrlichen Kaffee „Vienna“, wobei mir gar nicht bewusst war, dass man bei uns Kaffee mit Erdbeerschlagobers und buntem Streusel trinkt. Auch das dazu servierte süßsaure Salzkeks erschien mir nicht zwingend österreichisch. Aber was weiß ich schon. Doch siehe da: Auf einmal bekam ich ganz von selbst Lust, ein paar Vokabeln zu wiederholen. Und wie das immer so ist, folgte der Rest auf dem Fuße: Urplötzlich war mir – trotz trüben, regnerischen Wetters – nach einer Besichtigung des größten medizinischen Gartens Chinas, der in den östlichen Außenbezirken Nannings liegt.
Der medizinische Rübenacker
Da bin ich dann auch standesgemäß mit dem Bus hinausgefahren und habe der Versuchung widerstanden, das Taxi zu nehmen. Naja, eigentlich ist „hingescheppert“ der passendere Ausdruck. Die Gegenden, durch die ich dabei fuhr, waren wild, und etwas vergleichbar Ärmliches hatte ich bis da noch nicht gesehen.
Die Anlage selbst war zunächst ein wenig verwunderlich, weil es zwar ein paar beschriftete Pflanzen gab, aber ansonsten das Ganze eher einem Stück Wildnis inklusive Bauernhäusern ähnelte als einem medizinischen Garten. Weiter drinnen gab es dann allerdings eine toll gestaltete, riesige Region, die unterteilt war in Bereiche mit jeweils Bäumen, Lianen, Kräutern und Tieren und deren Anwendung in der chinesischen Medizin. Die größte Attraktion in diesem Park aber war zu meinem Erstaunen ich selbst – zumindest wenn ich die Blicke der verdutzten Angestellten richtig interpretiere, die offenbar noch nie zuvor einen Besucher erblickt hatten. An diesem Tag war ich jedenfalls der einzige.
Nightlife die zweite
Am Abend wollte ich dann aber doch noch einen heroischen Versuch starten, das Nanninger Nachtleben zu erkunden. Ich fand auch eine Straße, in der es offenbar einige Bars gab, und war wild entschlossen, zumindest in einer von diesen noch ein Bier zu trinken. Ja, ich bin schon ein wilder Hund.
Ich bin dann tatsächlich noch sehr lange etwas orientierungslos auf dieser Straße herummarschiert. Zunächst entdeckte ich einen vermeintlichen Club – zumindest war er als solcher angeschrieben. Er stellte sich aber als Karaoke-Zentrum heraus. Jedenfalls fand ich keinen allgemeinen Dancefloor, sondern nur die typischen abgeschlossenen Karaoke-Abteile, aus denen überirdische Geräusche an mein gequältes Ohr drangen. Also verließ ich den schönen Ort wieder, denn blamieren kann ich mich auch alleine, dafür brauche ich nicht mal Musik. Danach stieß ich aber zufällig auf einen echten Club – der wiederum als Bar angeschrieben war. Ein sehr chinesischer Ort, mit Stehtischen, Würfelspiel, professionellen Tänzern und Sängern, die mit ihren enthusiastischen Live-Shows ein für Westliches gewohnte Menschen immer wieder schräges Spektakel bieten.
Innerhalb kürzester Zeit gesellten sich dann noch zwei Mädels zu mir an den Tisch. Ich war der einzige Westler dort, und das war offenbar interessant. Natürlich konnten sie kein Englisch, also habe ich mich mehr schlecht als recht auf Chinesisch durchgeschlagen. Dank meiner makellosen Sprachkenntnisse glauben die wahrscheinlich heute noch, ich wäre ein ugandischer Opernsänger auf der Durchreise. Gemeinsam fanden wir jedenfalls heraus, dass man zu chinesischen R’n’B-Heulern problemlos Wiener Walzer tanzen kann – ¾-Takt ist dabei gänzlich unnötig – und ich lernte ein neues chinesisches Würfelspiel, im Laufe dessen ich wiederum eindrucksvoll etablierte, dass ich unfassbar viel Glück in der Liebe haben muss. Überhaupt war der Abend eine recht heitere Sache, auch wenn ich mich nach Entdeckung einer interessanten Drachentätowierung am Handgelenk einer der beiden Damen vorsichtshalber höflich aber rasch verabschiedete.
Um nun noch ein wenig Farbe in die Angelegenheit zu bringen, darf ich abschließend aufs Heftigste bebildern:
Die Vegetation in Guangxi ist auch im Winter durchaus keine Kleinvogelblähung. Und zwar auch außerhalb botanischer Gärten.
Im Volkspark ging es jedenfalls recht lieblich zu.
Auch architektonisch spielt Nanning alle Stückerln. Sowohl modern ...
... als auch kommunistisch, mit herzig klatschenden Landesvätern ...
... als auch traditionell. Doch zur Minderheitenarchitektur kommen wir gleich. Zunächst noch ein paar überlebensgroße Minderheiten-Eier. (Fragt's mich nicht ...)

Jetzt aber: das im Text erwähnte Minderheiten-Museum. Man beachte auch die in Guangxi omnipräsente Zhuang-Umschrift. Ja, auch das ist Chinesisch.

Im Museum dann traditionelle Architektur. Hier ein Haus der Miao. Gemütliche Sache - und drinnen gab's echt Miaoische Speisen.

Das ist eine Wind-Regen-Brücke der Dong. Ohne einen einzigen Nagel gebaut. Und es stimmt: Ich habe keinen einzigen gefunden! Allerdings war enttäuschenderweise auch weder Wind noch Regen darin enthalten.

Das ist ein Kornspeicher der Yao. Auf Stelzen zweng der Feuchtigkeit und mit Tontöpfen auf den Beinen zweng der Ratten. Diese Häuschen stehen weit weg vom eigentlich Dorf - aber vor Diebstahl brauchen sich die Eigentümer nicht fürchten, denn - so informiert ein Text - die Yao sind ehrlich.

Auch wenn die Zhuang heute schon so mit den Han vermischt sind, dass man sie gar nicht mehr auseinanderkennt: So wohnen die Guten in entlegeneren Regionen immer noch. Und vor dem Haus gibt es eine Kornmühle, auf den die Zhuang-Braut am Tag nach der Hochzeitsnacht ganz, ganz früh für die Schwiegereltern Korn mahlt, um zu beweisen, dass sie trotz ... äh ... naja, dass sie jedenfalls sehr fleißig ist.

Im Endeffekt gilt aber: Auch die Chinesen sind nur Indianer. Zumindest manche Minderheiten.

Die Busfahrt zum medizinischen Garten führte mich, wie beschrieben, durch Gegenden, in die man üblicherweise lustwandelnd nicht so leicht gelangt.

Dort angelangt verewigte ich gleich einmal meinen chinesischen Namen auf Bambus für die Nachwelt. Das tut man so in China.

Nach einer etwas originellen Außenregion ist der medizinische Garten dann von geradezu malerische Harmonie.

Das ist fein, denn da gelingen selbst mit einer Pimperl-Kamera wie der meinen grafisch anspruchsvolle Fotos.
Mittwoch, 17. September 2008
Kinesische Chunst: Shanghai Museum


Zu den abwechslungsreichen Sammlungen gehört beispielsweise eine Ausstellung von Kunsthandwerk Chinas mehrerer Dutzend Minderheiten. Hier die typische, traditionelle Kleidung von Männern der "Yi". Besonders nett: das kesse Rockerl und die Angel, die dem Herrn aus dem Kopf wächst.

Masken zur gefälligen Verschönerung des Trägers gibt es auch - hier eine (im Original sehr große) tibetische solche.

Die Vertreter der nördlichen Minderheiten sind durch ganze Langboote vertreten.

Wieder mal etwas speziell für Mr. Schausi: Was ist das? Geeenau: Geld! Die früheste chinesische Währung, um genau zu sein. Da kann man nur hoffen, dass zumindest die Männer der damaligen Zeit ihr Kleingeld nicht in der Hosentasche trugen ...

Bei aktuelleren Währungen kommt einem manches seltsam vertraut vor.

Wie war ich glücklich, als ich die Sammlung der von mir so geliebten chinesischen Kalligraphien entdeckte! Die wichtigsten alten Meister sind alle vertreten - hier eine Gegenüberstellung zweier Schriften anhand von 1.000 verschiedenen Zeichen von einem Meister aus der Yuan-Dynastie (1271 - 1368).

Die wunderschönen Striche aus der Kalligraphie hielten auch in die Malerei Einzug: Nicht nur in Form von Schriftzeichen, die gerne in die Gemälde integriert wurden, auch bei bestimmten Maltechniken, bei denen mit nur wenigen Strichen extrem kraftvolle Naturstudien geschaffen wurden. (Die hier ist - wenn ich mich recht erinnere - aus der späteren Qing-Dynastie (1644 - 1911).)

Es ist unglaublich, welchen Grad an Abstraktion chinesische Künstler bereits im 17. Jahrhundert erreichten. Zwar war die Malerei noch gegenständlich, aber die Sparsamkeit der Striche und die gesamte Ausführung lassen das Dargestellte fast nebensächlich werden.
Öhm, ja, soviel also zu meiner Begeisterung für schöne Striche. Tschuldigung. Ist wahrscheinlich, weil in meiner eigenen Schrift nicht mal zufällig auch nur irgendein Strich schön ist ...
