Dienstag, 20. Januar 2009

Sichuan - II: Riesenbuddhas und Minipandas - meine Ausflüge

Wie schon angedeutet, habe ich den Satz "Ein Mann, ein Wort" zu meinem Lebensmotto gemacht. An ebendieser Stelle tönte ich noch vor Beginn meiner Sichuan-Expedition, diese zu keiner solchen werden zu lassen, sondern wegen der enormen Menschenmassen-Reisezeit brav in Chengdu zu bleiben, und diese doch große Stadt mit vielen Sehenswürdigkeiten genau unter die Lupe zu nehmen.

Nun ja.

Die Folge dieses lobenswerten Vorsatzes war natürlich ein unwiderstehlicher Drang, aus der Stadt rauszukommen - und zwar so schnell wie nur irgend möglich. Zu meiner Freude (und Überraschung) war dies auch problemlos möglich, da die Menschen in China zwar zum Frühlingsfest wie die Heuschrecken reisen, aber offenbar nicht so sehr auf Kurzstrecken.

Leshan: Ein Mordstrumm Buddha ist kaum zu finden
So führte mich bereits am zweiten Tag mein Weg zur südlichen Long-Distance-Bus-Station. Das ist übrigens einer netten Dame in einer Bahnticket-Vorverkaufsstelle zu verdanken, die sich weigerte, mir ein Zugticket nach Leshan zu verkaufen, weil das - wie sie meinte - zu umständlich wäre. Ich solle doch lieber mit dem Bus fahren.

Und recht hatte sie: In Leshan GIBT es nämlich gar keine Zugstation! Das Tolle daran: Tickets dorthin werden trotzdem verkauft. Obwohl allerdings zwar der Name der kleinen Stadt auf der Fahrkarte steht, hält der Zug tatsächlich in einer anderen Stadt, 40 Kilometer entfernt. So gefinkelt sind die Chinesen!

Ich jedenfalls stand am Folgetag um 7 Uhr auf. (Um 7 Uhr! Ich!! Freiwillig!!!) Dunkel war's, kalt - und natürlich dickster Nebel, wie immer, wenn ich mich auf meine geliebten Reisen durch's chinesische Hinterland begebe, um möglichst viel von der Landschaft mitzubekommen.

Als ich dann so herumstand im Warteraum der Busstation - mit dem erfolgreich gekauften Ticket in der Hand - und mir etwas Sorgen machte, weil ich kein Rückfahrticket erstehen konnte, fragte ich einfach mal aus Jux und Tollerei einen etwas nervös wirkenden Angestellten der Busgesellschaft, wo und wann denn mein Bus losfahren würde. So erfuhr ich auch, warum der gute Mann so nervös war: Der ganze Bus wartete nur noch auf mich, denn er wollte eigentlich ganz gerne losfahren. Ich fühlte mich geschmeichelt: Ein ganzer Bus! Wartet! Auf mich! Das ist nett.

Nun, "ganzer Bus" ist in diesem Fall ein bisschen hochtrabend, denn es handelte sich um ein Fahrzeug mit einer Gesamtkapazität von genau sechs Leuten, deren einer ich selbst war. So zwänge ich mich also in den Winz-Bus, und los geht's. Während der 150 Kilometer langen Fahrt studiere ich meinen treuen Lonely Planet Reiseführer und finde heraus, dass der größte Buddha der Welt - die wichtigste Sehenswürdigkeit in Sichuan - tatsächlich nicht so wirklich genau in der Stadt Leshan ist, sondern *misst.mit.den.Fingern.auf.der.Karte* (eins, zwei, ...) etwa drei Kilometer außerhalb. Das kann ja kein Problem sein - da fahren wir einfach rein nach Leshan, dachte ich, schauen uns die Busstation an, dachte ich, kaufen dort gleich ein Rückfahrticket, dachte ich, und dann spazieren wir die drei Kilometer bis zum Buddha. Dachte ich.

Nun.

Chinesen tendieren leider dazu, immer genau dann fürchterlich hilfsbereit zu sein, wenn das nur zu Verwirrung führt. Mein Busfahrer war ein solch hinterhältiger Typ. Fragt der Mann doch jeden einzelnen seiner Insassen, wo er oder sie denn gerne aussteigen würde - anstatt einfach zur zentralen Busstation zu fahren! Eine Frechheit. Ich sage dann halt, ich würde mir gerne den großen Buddha anschauen - und ein mitreisendes chinesisches Pärchen will das auch. Außerdem glaube ich zu verstehen, dass die beiden nach erfolgter Besichtigung auch gerne wieder nach Chengdu zurückwollen. Das ist gut, da kann ich mich dranhängen.

Nachdem wir also die (angeblich) wunderschöne Landschaft von Sichuan in einem Nebel durchmessen hatten, der dick genug war, um mir gerade noch den Blick nach vor zu meinem Brillenglas zu ermöglichen, fährt der Busfahrer nach Leshan hinein, auf der anderen Seite wieder heraus - und dann jene 15 Kilometer, die der große Buddha tatsächlich außerhalb der Stadt liegt. Tja, auf die Pläne im Lonely Planet ist eben Verlass. "Und was mach ich jetzt bitte?" frage ich mein inneres Auge (die taube Nuss), "wie komm ich von hier draußen jemals wieder nach Leshan - geschweige denn zurück nach Chengdu? Muss ich hier etwa elendiglich verhungern?"

Egal, da ist ja dieses Pärchen, die wollen das ja auch. Also - nicht verhungern, sondern zurück nach Chengdu.

Soooviel zu meinem chinesischen Hörverständnis; denn als ich den beiden strahlend eröffne, dass sie das Glück hätten, mit mir gemeinsam nach Chengdu zurückzufahren, antworten sie mit freundlicher Verwirrung, dass sie dieses gar nicht zu tun gedenken.

Wie dem auch sei, ich habe jenes - wie sich herausstellt - riesige Gebiet erreicht, auf dem nicht nur der große Buddha steht, sondern auch ganz viele andere Statuen und Heiligtümer.

Um das ganze abzukürzen: Ich schaffe es, mich zunächst im Park zu verirren und den großen Buddha gar nicht zu finden - danach komme ich von ihm dafür gar nimmer weg: Wo auch immer ich hingehe, schon nach kurzer Zeit sehe ich wieder der Riesenstatue linkes Ohrläppchen vor mir (das immerhin 3 Meter lang ist).

Das Heimkommen ist dann überhaupt insgesamt recht abenteuerlich. Aufgrund des schlechten Wetters habe ich die einmalige Erfahrung, praktisch alleine diese Stätte zu besichtigen, von der ich von Fotos weiß, dass sich üblicherweise Menschenmassen durch sie hinwegwälzen. Dadurch habe ich allerdings auch Mühe, Menschen zu finden, die ich nach dem Ausgang fragen kann. Das schaffe ich aber dann doch - und stehe also kilometerweit außerhalb von Leshan im Nichts.

Zum Glück gibt's da draußen aber eine alte Dame. Auf meine Frage hin, wie ich denn nach Chengdu käme, holt sie einen älteren Herrn. Dieser kennt einen weiteren älteren Herrn, der mich wiederum einem jüngeren Herrn vorstellt. Und der setzt mich auf sein Motorrad.

Als ich dann also kurze Zeit darauf - selbstverständlich ohne Sturzhelm - auf einem Motorrad mit etwa 130 km/h durch die chinesische Pampa düse, Tränen in den Augen vom Fahrtwind, bin ich relativ gespannt, wo mich der Gute denn eigentlich hinbringt. Wenn ich ihn recht verstanden habe, zu einer Busstation. Gut wär's, die gesamten 150 Kilometer nach Chengdu halte ich so jedenfalls nicht aus. Und tatsächlich: Nach zehn Minuten Fahrt stehe ich im noch wilderen Nirgendwo, aber neben einer Busstation. Dort smalltalke ich mit meinem Fahrer, der sich sehr für mein Heimatland interessiert - bis der Bus kommt, in dem ich ein Ticket kaufe, das um einiges billiger ist als für die Herfahrt. Und das war's. Bezahlt habe ich dem freundlichen chinesischen Biker für den Transport nichts - aber nachgewunken hat er mir noch. Im Bus verkaufen mir dann noch einige alte Bäuerinnen etwas zum Essen - irgendwelche in Bambus gewickelten Klebereistaschen mit Fleischfüllung - und mir geht's eigentlich ziemlich gut.

Und hat sich meine kleine Reise ausgezahlt? Das kann man aber laut sagen! Der gesamte Park ist großartig - und der 71-Meter hohe Buddha ist absolut atemberaubend.

Aber sehet selbst:




Die gesamte Anlage, wo der Große Buddha steht, ist riesig - mit Unmengen an Statuen, Höhlen, Tempeln und sonstigen buddhistischen Heiligtümern. Und ihr stolzes Alter von 1.300 Jahren sieht man ihnen wirklich nicht an.



Besonders nicht diesem freundlichen, heiligen Herrn, der sein Bäuchlein auch nach so langer Zeit ganz offensichtlich noch sehr zufrieden vor sich herschiebt. Ich weiß nicht ... die Buddhisten haben schon mehr Spaß mit ihren Heiligenbildern als wir faden Christen in Österreich. Könnt ich mir zumindest vorstellen.



Und da ist er dann schließlich: der große Brummer. Auf Fotos kann man leider überhaupt nicht wiedergeben, wie unglaublich riesig der ist. Extrem enge, extrem steile Stiegen (im Hintergrund sichtbar) führen von ganz oben bis ganz unten und auf der anderen Seite wieder rauf - für die gefällige Besichtigung aus jeder Perspektive.



Hier steige ich bereits hinunter (zum Vergleich: ein Mensch ist etwa halb so groß wie das Ohrläppchen) ...



... und schließlich habe ich die Füßchen erreicht. Schuhgröße 578. Nur für die große Zehe.



Von hier überblickt man auch den Min-Fluss - und der sich zu dieser Zeit etwas lichtende Nebel erlaubt mir sogar einen Blick auf die ach-so-nahe Stadt Leshan.



Ya'an: An der Grenze zu Tibet

Schon zwei Tage nach meinem Buddha-Trip reizte es mich, doch einmal möglichst nahe an die tibetische Grenze heranzufahren. Nun gehört der gesamte Westen Sichuans geografisch und kulturell bereits zu Tibet, also konnte ich mit einem einfachen Ausflug von abermals etwa 150 Kilometern in das kleine Städtchen Ya'an an diese Grenze vorstoßen. Noch weiter ist im Winter ohnehin nicht zu empfehlen, da sehr kalt (weil hohe Berge) - und außerdem brauchen die Busse auf den "gefährlichsten Hochpässen der Welt" etwa einen halben Tag pro 100 Kilometer. Nein, nein, das muss nicht sein - ich fahr einfach in den letzten noch locker erreichbaren Ort.

Außerdem schau ich mir so gerne die europäischen Tibet-Reisenden an - zu erkennen an den Rastalocken, Piercings, bunten Pluderhosen (Männer), langen Haaren mit Stirnbändern, bunten Brillen, Birkenstockschlapfen (Frauen) und dem Baby in der Patchwork-Tragtasche am Rücken des Mannes (falls Ehepaar) - in jedem Fall aber mit Backpack, einer Todesverachtung für Gruppenreisende oder Menschen, die in Hotels absteigen, und einer sehr kritischen Haltung gegenüber den "bösen Chinesen" - alles Kennzeichen dieser zutiefst toleranten Menschen.

Davon abgesehen gibt's in dieser Gegend auch schon 7.500 Meter hohe Berge.

Angeblich.

Denn auf meiner Fahrt nach Ya'an treffe ich einen alten Freund: den Nebel. Er ist so freundlich, mich die gesamte Reise zu begleiten - und von eventuellen Himalaya-Vorgebirgen, die da irgendwo liegen sollen, bemerke ich rein gar nichts. Aber dafür sehe ich sehr viel entspannendes Weiß.

Im Ort Ya'an selbst eröffnet sich mir, warum dort niemand hinfährt: Es gibt einfach absolut nichts zu sehen! Aber schon wirklich gar nichts. Na gut: eine ziemlich tolle Brücke, aber ansonsten ist das ein freundliches und völlig normales chinesisch-tibetisches Städtchen. Meine paar Stunden für diverse Spaziergänge reichen dann auch völlig aus - stets begleitet vom mauloffenen Starren der lokalen Bevölkerung, die offenbar noch nicht oft europäische Gesichter gesehen hat. Jedenfalls muss ich mich mehrmals mit mir völlig fremden Familien und Freundesgruppen fotografieren lassen. Ein seltsames Gefühl, nun vielleicht irgendwo als Foto am Kaminsims von diversen chinesischen Familien herunterzugrinsen.



Das einzig sehenswerte in Ya'an: das chinesische Pendant zur Ponte Vecchio. Sichuan hat ja eine 3.000 Jahre alte Teekultur - und dementsprechend ist auch fast jedes einzelne Geschäft auf dieser Brücke ein Teehaus. Ich kaufte dort zwei verschiedene lokale Sorten. Übrigens hervorragend.



"Wenn ich schon nix seh' von der Landschaft, dann marschier' ich wenigstens hinein", dachte ich bei mir und wanderte ein wenig in die Umgebung. Die Vegetation ist anders - aber ansonsten wären die dortigen Bauernhöfe auch in der Südsteiermark nicht undenkbar.
Die lokalen Bauern haben vielleicht blöd geschaut, als auf einmal ein wohl etwas verlegen grinsender, westlicher Tourist inklusive Rucksack und Kartenmaterial mitten durch ihr Gehöft marschierte.



Tibetische Kultur ist in Ya'an allgegenwärtig. Und ich muss gestehen: Ich bereue, bei den Straßenhändlern nichts gekauft zu haben. Was mach ich jetzt, wenn ich gach eine Bärentatze benötige? Zum Glück habe ich im Verlauf meines Aufenthalts zwei sehr nette Tibeter kennengelernt, die mich zu sich nach Hause in Gyatse (Tibet) eingeladen haben. Die kann ich ja im Rahmen des Besuchs fragen, ob sie mir eventuell eine Reserve-Tatze abtreten könnten.



Panda-Butzerln

Wiederum zwei Tage später führte mich ein Pflicht-Ausflug zur größten Panda-Zuchtstätte der Welt.

Die Giant Panda Breeding Research Base liegt einige Kilometer nördlich von Chengdu. Nach einiger Verhandlung konnte ich einen Taxifahrer (ja, ich fand einen) dazu überreden, für einen Pauschalpreis an diesem Tag mein Fahrer zu sein; denn ich hatte keine Lust, für so einen kleinen Trip eine dieser lähmenden und lärmenden Touren zu buchen.

Unsere zwei Pandas im Schönbrunner Zoo wurden übrigens in dieser Research Base geboren, also war das gewissermaßen ein Verwandten-Besuch.



Die Basis ist viele Hektar groß und bietet den Pandas artgerechte Haltung in Anlagen, die etwa mit Safariparks zu vergleichen sind.



Hier gibt es immerhin 40 Riesenpandas (und einige Rote Pandas) zu bewundern - und der Park selbst ist auch toll gestaltet: mit Museum, der Möglichkeit, die Forschungsstationen zu besichtigen, Dokumentarfilmen, hübschen Spazierwegen - und der größten Attraktion ...

... der Babystation. Während sich in Wien Menschenmassen um einen raschen Fernblick auf Fu Long prügeln, stand ich hier eine halbe Stunde alleine etwa 10 Zentimeter entfernt von sieben Pandababies, die wie die Wahnsinnigen herumtollten, kletterten und spielten. Fotografieren konnte ich nur diese drei müden Bärlis, weil die ruhig genug hielten, um bei den schlechten Lichtverhältnissen ein Foto zu ermöglichen.

Sonntag, 18. Januar 2009

Sichuan - I: 成都 (Chengdu)

Sodala, da bin ich wieder. Eine ebenso anstrengende wie abwechslungsreiche und aufregende Reise liegt hinter mir - und es war ja völlig klar, dass ich genau dann, wenn ich beschließe, eher statisch zu sein und nur ganz bieder eine Stadt zu bebummeln, besonders viel und besonders abenteuerlich herumfahre. Dementsprechend viele "Firsts" gab es auf dieser Reise auch für mich, und es war sicher jener Trip mit den meisten persönlichen Erlebnissen.

Scharf und Scharf
四川 (Sichuan, Setschwan, Szechuan, etc. - "Vier Flüsse") ist eine große Provinz in Chinas Südwesten. Fast alle Speisen, die wir in Österreichs kulinarischen Tempeln genannt "Chinalokale" bekommen, basieren auf der Küche dieser Provinz, die auch in China selbst höchst beliebt ist. Natürlich kennen wir in Österreich nur einen kleinen Ausschnitt davon - denn angeblich gibt es alleine in Sichuan über 5.000 verschiedene, traditionelle Gerichte. Und scharf sind die, dass einem die Tränen kommen. Im Chinesischen gibt es ja mehrere Wörter für "scharf". Die Sichuanesische Küche ist 麻辣 ("ma la") - die Bezeichnung für eine Schärfe, die weder im Hals noch im Magen brennt, stattdessen aber ein prickelndes, taubes Gefühl im Mund erzeugt, ohne wehzutun. Die Speisen der Provinz Hunan hingegen sind beispielsweise 辣 (la) - eine Schärfe, die man erst im Bauch spürt und die dort wärmt.
Tatsächlich haben wir in ganz Europa nichts, was mit der "ma la" Schärfe zu vergleichen wäre ... es ist, als würde einem der gesamte Mund einschlafen, wenn man in den in Sichuan so beliebten Gatsch aus dem berühmten "Sichuan-Pfeffer", Erdnüssen und Öl beißt, der die Basis sehr vieler Gerichte ist. Schmeckt unglaublich gut, ist ein ausgesprochen schräges Gefühl im Mund - und am nächsten Tag hat man auch noch etwas davon.

Das große Erdbeben
Aber ich schweife ab - so viel gibt's über Sichuan zu sagen, dass hier einfach nix weitergeht. Also: das Erdbeben. Letztes Jahr wurde ja diese Provinz von einem der stärksten Erdbeben erschüttert, die man in China seit langem erlebt hat. Chinas Regierung überraschte in diesem Zusammenhang mit ausgesprochen offener Berichterstattung über das gesamte Ausmaß der Katastrophe und mit intensiven Hilfsmaßnahmen.
Nun war das Beben zwar in allen Nachrichten, aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich auch daran denke, wenn ich wo hinfahre. Deswegen wurde mir erst im Flugzeug nach Sichuans Hauptstadt 成都 (Chengdu = "die vollkommene Stadt") klar, dass das Erdbeben ja dort irgendwo stattgefunden hat. Da die telefonische Reservierung in dem kleinen Hostel vor Ort allerdings problemlos geklappt hat, bin ich einfach einmal davon ausgegangen, dass zumindest die Stadt selbst noch steht.

Das Hostel und Ray
Das Hostel selbst war dann auch schnell gefunden - es liegt inmitten eines "Hutongs", eines alten, traditionellen (aber völlig renovierten) Stadtviertels ohne Autos, das selbst eine Attraktion ist, in einem wunderschönen, alten Haus mit Innenhof. Praktisch direkt gegenüber gibt es eine nette Bar, in der ich den Barmann Ray kennenlerne. Als gebürtiger Chengduer ... Chengdute ... Chengisianer ... Chengiduliöh ... na, jedenfalls als jemand, der in Chengdu geboren ist, weiß er natürlich Bescheid: Das Epizentrum des Erdbebens lag gerade einmal 70 Kilometer nordwestlich von Chengdu. Die Hauptstadt selbst hatte sehr viele Tote zu beklagen, wurde aber nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen wie die Umgebung - die vom Erdbeben mehr oder weniger geplättet wurde. Gedanken an eine mögliche Mithilfe beim Wiederaufbau kamen mir an dieser Stelle, aber dafür wäre wohl eine Woche eventuell ein bisschen zu kurz gewesen. Ray versicherte mir indes, dass jetzt alles wieder in Ordnung wäre - und zumindest auf meinen Reisen in die Umgebung waren keinerlei Spuren der Zerstörung zu sehen.

Ich war in dieser Woche zum Tagesausklang dann noch zweimal Gast in der Bar "Softtone" und plauderte mit Ray über allerlei epochale Dinge. Der 21-Jährige ist zwar eher vom Typ "chinesischer Strizzi", aber trotzdem ausgesprochen nett - und führte mich außerdem in den Sichuanesischen Dialekt ein, der vom Hochchinesischen fast ebenso stark abweicht wie das Shanghaiische. Und auch fast ebenso hässlich klingt, übrigens, mit seinen scharfen "ss" Lauten, wo eigentlich "sch" sein sollte, und den vielen grauslich gedehnten "äääää". Aber schon wieder schweife ich ab.

Mein Hostel, das "Dragon Town Guesthouse", hat alles, was das Herz begehrt: Wunderschöne, original antike Architektur, einen offenen Innenhof, freundliches Personal ... Gut, Heizungen wären bei den vorherrschenden Minusgraden vielleicht noch eine nette Draufgabe gewesen. Duschen bei 10 Grad Badezimmertemperatur hat eher Kneippschen Charakter.

Ray (rechts) und das übrige Personal des "Softtone" Pubs entpuppten sich als reichhaltige Quelle für Informationen über Sichuan und China, die in keinem Reiseführer stehen.
Interessant beispielsweise, dass in Rays Schule der Sexualkunde-Unterricht getrenntgeschlechtlich stattfindet und immer nur das jeweils eigene Geschlecht gelehrt wird. "So müssen wir alles selbst herausfinden", meinte Ray mit etwas unglaubwürdiger Kummermiene.


Die Sache mit den Sichuanesischen Taxis
Bevor ich nun gleich einen eher unlustigen aber dafür optisch ein-Hammer-seienden Bilderreigen der größten Sehenswürdigkeiten der Stadt Chengdu über meine wehrlosen LeserInnen ergieße, gibt es noch eine letzte Besonderheit, die zu erwähnen auch im Hinblick auf mögliche künftige Reisen seitens der KonsumentInnen dieses Blogs nicht uninteressant ist: den Verkehr in Chengdu. Und hier ganz speziell die Taxis und Busse.

In sämtlichen anderen chinesischen Städten, die ich bisher besucht habe, braucht man sich nur einmal am Kopf kratzen, um innert Sekundenbruchteilen von dreiunddreißig beförderungswilligen Taxis über den Haufen gefahren zu werden. In Shanghai vermeide ich so gut es geht, bei einem Spaziergang meinen Schritt zu verlangsamen oder meinen Blick Richtung Straße schweifen zu lassen, aus Furcht vor den Massen an Taxis, Dreirädern und Fahrrad-Rikschas, die mir dann sofort den Weg versperren und mich mit allen Mitteln zur Mitfahrt zwingen wollen.

Nicht so in Sichuans Städten. Sei es Chengdu, Chongqing, Leshan oder Ya'an: Einmal alle heiligen Zeiten gurkt in heiliger Ruhe ein einsames Taxi die Straße entlang - und wird sofort in einer symmetrischen Umkehrung der gewohnten Situation von Heeresscharen wildgewordener Fußgänger umzingelt, die unverzüglich mit vollem Körper- und Geldeinsatz in epische Schlachten um den begehrten Fahrgastposten ausbrechen. Und wer einmal Chinesen in vollem Einsatz erlebt hat, der will da nicht in die Quere kommen. Kurz und gut: Auch wenn sich mir der Grund nicht erschließt, Sichuan - und insbesondere Chengdu - leidet an einem verheerenden Taxi-Mangel. Eine Folge davon sind jene unfassbar komprimierten Menschenbündel, die wie von Geisterhand auf Chengdus Straßen dahinwälzen, und nur bei genauer Betrachtung jene hauchdünne Autobus-Hülle preisgeben, die sie gerade noch irgendwie umschließt, stets haarscharf an der Grenze zur Explosion.

Ich bin also viel zu Fuß gegangen in dieser 5-Millionen-Einwohner-Stadt.

Und wie schaut die eigentlich aus?

So:

Der "Tianfu-Platz" im Zentrum der Stadt ist ein klassisch kommunistischer Prunkplatz - von einer Kollossalstatue des Herrn Mao majestätisch überwunken, bietet er moderne Skulpturen, riesige Einkaufszentren, musikuntermalte Wasserspiele gigantischen Ausmaßes - und vor allem viel Platz.


Der 1.000 Jahre alte Wenshu Tempel ist einer der größten und besterhaltenen buddhistischen Tempel der Provinz. Er bietet prächtige Architektur der Tang-Dynastie, die man - ganz China-untypisch - nicht fotografieren darf. Und drumherum gibt's bei Straßenhändlern das übliche Gemisch aus Kunst und Kitsch, das in Sichuan noch ein gutes Stück vielfältiger ausfällt und dem ich daher noch ein eigenes Posting widmen möchte.

Im ältesten und größten taoistischen Tempel der Stadt - dem Qingyang Tempel - soll vor einiger Zeit Lao Tse persönlich einen Freund getroffen haben, der ihn trotz seiner Verkleidung als Ziegenhirte sofort erkannte. Das ist natürlich eine Sensation (wenn auch reichlich seltsam), und deswegen gibt's da heute zwei Statuen von Ziegen. Und eine ganz eigene, friedliche Stimmung. Meiner Meinung nach die interessanteste architektonische Sehenswürdigkeit von Chengdu - ganz besonders, wenn man sich für Taoismus interessiert.

Und deswegen gibt's davon auch ein zweites Bild. So schauen die taoistischen Mönche aus - mit schlichten, blauen Roben, langen Haaren, die - zu Knoten gebunden - aus oben offenen Mützen herausschauen, und langen Bärten. Ziemlich coole Typen. Und verdammt viele, verdammt komplizierte Gottheiten gibt es in taoistischen Tempeln - besonders wenn man bedenkt, dass der Taoismus eigentlich irgendwo zwischen Philosophie und Religion schwimmt.


Übrigens steht momentan natürlich auch in Chengdu alles im Zeichen des bevorstehenden chinesischen Neujahrsfestes. Am 25. Jänner wechseln wir ja vom Jahr des Ratzen in das Jahr des Rindviechs. Auch in den Tempeln ist daher alles festlich geschmückt. (Hier im Wuhou-Tempel. Glaub' ich.)


Ja gibt es denn in Chengdu nur Tempel, höre ich Euch fragen? Mitnichten! Es gibt auch ganz große, ganz alte Erdhaufen! Wie beispielsweise diesen hier, der mit einem großen Eingang versehen ist. Es handelt sich dabei um das Grab des berühmten Generals Wang Jian - das einzige oberirdische Grabmal Chinas, das für seine 1.000 Jahre noch ziemlich frisch aussieht. (Bildlich gesprochen.) Im Inneren kann man die einzige erhaltene Repräsentation einer Live-Band aus der damaligen Zeit bewundern: 24 Musiker mit ihren Instrumenten sind als Statuen erhalten.


Immer wieder peinlich für mich ist auch die Erfahrung, dass zwar jeder Chinese Shakespeare oder Goethe kennt - uns aber selbst Literaten von so gewaltigem Einfluss wie Li Bai oder Du Fu recht chinesisch vorkommen. Letzterer - einer der wichtigsten Dichter der Tang-Dynastie - hat vor gut 1.200 Jahren in Chengdu gelebt, in einem kleinen Strohdachhaus, um das herum ihm die Kaiser nachfolgender Dynastien ein Denkmal in Form eines riesigen Parkes gesetzt haben. Hier der Eingang.


Hier das recht gemütliche Anwesen, das der Dichter selbst gebaut hat. Wäre in der Nähe vom Neusiedlersee auch nicht so falsch am Platze.

Auch einer der wichtigsten klassischen Dichterinnen Chinas hat man in Chengdu ein Denkmal in Form eines Parkes gesetzt: Xue Tao war ganz narrisch auf Bambus, deshalb gibt es in ihrem Park auch Bambuswälder mit über 150 verschiedenen Arten dieses Mega-Grases ...


... und außerdem ein (teils Freilicht-)Museum mit traditioneller Bambus-Kunst.


Sichuan grenzt ja an Tibet, und so gibt es in der Hauptstadt eine lebendige tibetische Community. Viele Geschäfte sind zweisprachig angeschrieben, überall gibt es tibetische Waren und Kleidung zu kaufen - und auf der Straße sieht man massenhaft tibetische Gesichter und traditionell gekleidete Menschen.

Im nächsten Teil möchte ich gerne über meine drei Tagesausflüge schreiben. Da werde ich mich näher mit faszinierenden Themen befassen wie beispielsweise völlig falschen Entfernungs- und Zeitangaben im Lonely-Planet-Reiseführer, einer helmlosen Motorradfahrt durch Sichuans Hinterland, der Tatsache, dass scheinbar alle Wege keineswegs nach Rom, sondern zum größten Buddha der Welt führen; außerdem mit chinesischen Bauernhöfen und jenem Teil von Tibet, der tatsächlich mitten in Sichuan liegt.

Freitag, 9. Januar 2009

Ab in die Mitte!

Übermorgen, am 11. Jänner 2009, verziehe ich mich für ein Wocherl nach Sichuan - die Provinz mit dem schärfsten Essen, den höchsten Bergen, der üppigsten Vegetation und den schönsten Frauen (obwohl letzteres eh jede Provinz von sich behauptet).

Aufgrund der langsam einsetzenden Massenwanderungen anlässlich des chinesischen neuen Jahrs habe ich beschlossen, dies mehr zu einer klassischen Besichtigungstour werden zu lassen. Soll heißen: Ja, in Chengdu, der Hauptstadt, in der ich meine Zelte aufschlagen werde, gibt es ganz, ganz viele Sehenswürdigkeiten. Und sollte ich mich doch hinausbewegen, erwarten mich weitere faszinierende Dinge in nächster Umgebung - wie die größte Buddha-Statue der Welt, der heiligste Berg der Taoisten oder das größte Bewässerungsprojekt Chinas. In Chengdu selbst begeistern großartige Klöster, taoistische Heiligtümer, kunstvolles Handwerk diverser Minderheiten und lebendige tibetische Kultur. All das kann ich mir anschauen!

Oder ich bleib einfach im Zimmer und lös' Kreuzworträtsel. Da tät' China aber schön schauen, wenn ich nicht schau' - ha!

Da ich diesmal in einer kleinen, alten Jugendherberge residiere, rechne ich nicht mit Internet-Anschluss - und werde mich folglich wohl erst nach meiner Rückkehr am 19. Jänner wieder melden.

Bis dahin darf ich mich mit pädagogisch Wertvollem verabschieden: Will man sich in eine für uns fremde Kultur wie China möglichst problemlos einfügen, ist behutsame Kontaktnahme zu den hiesigen Kleinkindern unter Anwendung höchster Sensibilität von größter Bedeutung ...

Mindestens ebenso wichtig ist es, dabei stets leuchtendes Vorbild zu sein und als lebendiger Beweis dafür zu fungieren, dass die westliche Kultur keineswegs etwas zu Verteufelndes sei und somit schlechten Einfluss ausübt ...

In diesem Sinne: Bis bald - und ich bin dann schon wieder mal weg ...

Mittwoch, 7. Januar 2009

Guangxi - VI: Schräges

Letzte Nacht war ich sehr brav. Selten so viel trainiert. Etwa alle zehn Minuten den gesamten Weg zwischen Bett und WC zurückgelegt - hin UND zurück! Und auch wenn ich nun ein wenig müde bin, so fühle ich mich doch ... ähm ... innerlich gereinigt.
Mein Verdauungsapparat hat nun beschlossen, Ruhe zu geben. Vielleicht war's das ja, vielleicht hilft jene chinesische Medizin, die mir mein lieber Freund Chua gab, und die ich seitdem fleißig einnehme. Kleine, schwarze Kugerln. Aus dem Flascherl, in dem sie verpackt sind, riecht es raus, als wäre drinnen kürzlich jemand verstorben. Aber es scheint zu helfen, also beklage ich mich nicht. Ich hoffe nur, ich finde niemals raus, was da alles enthalten ist - wer jemals in einer traditionellen chinesischen Apotheke war, weiß warum.
Jedenfalls dacht' ich gerade leis' bei mir: Wenn wir schon von Schrägem und Bizarrem sprechen (außerdem keinen Schritt vor die Türe gehen können und zusätzlich gerade nicht am Klo sitzen), können wir doch flugs den letzten Guangxi-Eintrag endlich nachliefern. Die gute Nachricht dabei: Der Worte sind's nicht viele, der Bilder dafür umso mehr. Also los geht's ...


China ist ja generell ein sehr musikalischer Ort. Das gilt auch für Guangxi. Seien es blinde Bettler, die auf selbstgebastelten Erhu (= 2-saitigen Geigen) mitten auf belebten Straßenkreuzungen spielen ...

... oder professionelle Erhu-Spieler, die in Parks üben und dabei geradezu klassisch chinesische Bilder prägen ...



... oder einfach das gesamte chinesische Volk, das in jedem Park, auf jedem Platz, zu jeder Tages- und Nachtzeit gemeinsam tanzt. Und zwar Manderl und Weiberl, jung und alt, reich und arm - zu jeder Art von Musik: von Peking-Oper bis zu Hardcore-Techno.
Und erst, wer einmal chinesische Omas in Mao-Anzügen begeistert Hiphop-Routinen zu 50 Cents "In da Club" durchziehen gesehen hat, kann ermessen, wie engstirnig wir Europäer in muskalischer Hinsicht sind.


Die schönen Künste sind überhaupt omnipräsent. Kalligraphie wird gerne auch mal im Park praktiziert - mit Riesenpinsel und Wasser aus der Trinkflasche auf Beton. Nicht gerade Werke für die Ewigkeit.


Aber die Guangxi-Leute wissen auch, wie man sich mit leichtlebigeren Aktivitäten amüsiert: Alle paar Meter bieten ältere Herren chinesisches Schach an. Gegen sie kann man gegen ein bisschen Geld antreten, verlieren - und dann herrlich streiten. Wie im Bild ersichtlich, ist auch für Nichtspielende das Zuschauen ein gern praktizierter Zeitvertreib - seien es Fußgänger, zufällig auf dem Gehsteig vorbeirasende Motorradfahrer oder Gelegenheits-Weihnachtsmänner.


Der chinesische Sinn für Amüsement ist dabei recht allumfassend - auch Buddha himself ist mit Freude glücksspielend bei der Sache ...


... und beim Bummel durch die Straßen finden sich Hinweise, dass es auch in chinesischen Schlafzimmern lustig zugehen dürfte.


Uns Ausländern steht in Chinas Straßen dabei ein weiterer, nie versiegender Quell steter Freude offen: Übersetzungen. Ob nun Schilder auf die bestehende Möglichkeit der überraschenden Inbesitznahme eines Zentrums áufmerksam zu machen suchen ...


... oder man im Park höflich aufgefordert wird, andere zu sespecten während sie appseciaten, indem man die Unversehrtheit der Umgehbung semaint (???).


Ja, man mag schmunzeln über unvollkommene Übersetzungen. Zum Glück aber gibt es doch universelles, sprachliches Verständnis. So wissen beispielsweise auch findige chinesische Modeschöpfer, dass die Nutzung französischer Markennamen Europäern stets gehobenes Niveau und verfeinerten Geschmack suggeriert.


Und hier werden sie auch geholfen. Zum Beispiel durch Hinweisschilder. Obwohl in obigem Setting ja für jedermann offensichtlich ist, dass hier eine öffentliche Fernsprechanlage zur Nutzung bereitsteht, weist ein (nagelneues!) Schild extra noch darauf hin.


Auf Stränden gibt es Schilder, die zum Tragen angemessenen Schuhwerks auffordern. Die Interpretation dieser Worte bleibt dann hingegen offensichtlich der individuellen Auslegung überlassen.

Dienstag, 6. Januar 2009

Mein Bauch und ich

... ja, wir sind schon zwei! Besonders er. Denn kaum war die vierte und letzte Prüfung vorbei, sagte sich mein Verdauungsorgan offenbar: "Na, jetzt wär doch die optimale Zeit für so einen richtigen, gepflegten Dünnschiss, mit allem Drum und Dran!"

Sprach's und war mit Begeisterung bei der Sache.

Hier sitze ich also in meinem Zimmer, draußen köchelt Reissuppe - das einzige, was ich zurzeit zu mir nehmen kann - und ärgere mich unendlich, da meine Klassenkameraden heute natürlich zur großen Goodbye-Party geladen haben. Vielleicht schaue ich kurz auf einen Kamillentee vorbei, wenn ich mich bis dahin weiter als zehn Meter vom Klo fortwagen kann. Einige meiner Kollegen sind ja schon weg, die meisten fliegen in den nächsten Tagen. Nur sehr wenige bleiben auch im nächsten Semester; man wird einander also wohl nie wieder sehen.

Meinem Bauch ist das wurscht. Klar. Der hat sowieso nur Scheiße im Kopf. (Entschuldigen aber auch.)

Dafür habe ich meine Schreiben/Grammatik-Prüfung mit 98% absolviert, die Lese-Prüfung mit 90%. Mündlich sollte sich auch in der Gegend bewegen - nur das Hörverständnis macht mir Sorgen. Bei beiden letzteren Prüfungen weiß ich mein Ergebnis noch nicht, aber vielleicht finden ja unsere Lehrer bald heraus, wer wissen könnte, wen man fragen könnte, um herauszufinden, wer wissen könnte, wann man wen kontaktieren kann, der jemanden kennt, der zumindest eine Ahnung hat, wann die Ergebnisse festehen. Und ob man sie auch erfährt.

Ansonsten werfe ich mich jetzt wiederum in mein Bettchen, gemeinsam mit Bauch und Reisbrei, und hoffe, dass ich innerhalb von fünf Tagen gesunde. Wenn meine Reise ins Wasser fällt, dann sind wir nämlich geschiedene Leute, meine Bauch und ich.

Sonntag, 4. Januar 2009

Das Ende naht!

... und deswegen verzögere ich auch hinterhältig den letzten Teil meiner Guangxi-Berichterstattung.

Denn ja, es ist wahr, morgen und übermorgen habe ich die großen Semester-Klausuren. Insgesamt vier Stück, an jedem Tag jeweils zwei. Und ich muss gestehen, dass ich mich gar nicht wohl fühle. Nur vier Tage Lernen habe ich investiert in eine Stoffmenge, die jenseits von Gut und Böse liegt - auf ordentliche Vorbereitung verzichtet, zugunsten meiner Reise. Was ich bisher auch noch nicht bereut habe.

Bisher.

Denn jetzt krampft sich mir der Magen zusammen, angesichts der nicht unwahrscheinlichen Peinlichkeit, dass mir bei der morgigen Hörverständnis-Prüfung alles Spanisch vorkommt, dass ich bei der darauf folgenden Sprech-Examination nur Gestammel von mir gebe; dass beim übermorgigen Schreib- und Grammatik-Test die Tinte meines Stiftes so gut wie vollständig erhalten bleibt - und ich bei der abschließenden Lese-Klausur mehr die Schönheit der mir auffallend unbekannten Zeichen bewundere als sie tatsächlich zu verstehen.

Gut, das ist ein bisschen übertrieben. Bezüglich des Schreibens und Lesens bin ich nicht ganz so nervös - hauptsächlich, weil ich den prüfenden Professorinnen da nicht in die Augen blicken muss. Aber das Sprechen morgen ... und vor allen Dingen das Hören! Wo man (bzw. ich) doch hier die Leute eh nicht verstehe - und das auch noch in einem solch rasenden Tempo!

Naja. Es ist ja eigentlich nicht so wichtig. Nichtsdestodennoch freue mich schon darauf, wenn es vorbei ist.

Freitag, 2. Januar 2009

Guangxi - V: 北海 (Beihai)

Weil ich gerade Lust zu schreiben habe, bitte sich mental auf außergewöhnlich viel Text vorzubereiten. Wenn’s zu fad ist, gibt’s das nächste Mal wieder nur Bilderln und ich lasse die schönen Worte in meinem Tagebuch. Sie wünschen, ich schreibe. Oder auch nicht. Egal.

Reise zum südlichsten Punkt
Am 27. Dezember ging es mit dem Zug weiter in die kleine Küstenstadt Beihai, gelegen auf einer Halbinsel am Golf von Tongking – weiter südlich kommt man in Guangxi nicht mehr. Bei der Fahrt hat alles geklappt, nur nebelig war es und es dauerregnete den ganzen Tag, so dass sich wie erwartet das Landschaftserlebnis auf etwa 100 Meter links und rechts vom Bahndamm erstreckte.

Bei der Ankunft in Beihai empfangen mich gleich zwei alte Bekannte: der strömende Regen und die Panik. Denn was ich aus dem Bahnhof kommend sehe, ist nicht ermutigend: Ich stehe so richtig schön im Nirgendwo, vor mir eine scheinbar endlose, offene, riesige und sensationell hässliche Straße. Das ist Beihai?

Mit Psing zum Hotel
Doch mittlerweile kann mich so etwas nicht mehr entmutigen. Im Bahnhofshotel kaufe ich eine Straßenkarte, identifiziere eine Buslinie, die in die Stadt führt, und steige einfach einmal ein.

Im Bus erklärt mich ein ausgesprochen freundlicher, wenn auch recht rustikaler, Herr mit großem Bambusstab in der Hand und immerhin drei Zähnen im Mund sofort zu seinem besten Freund. Er kommt aus Xi’an (etwa 2.000 km weiter nördlich) und ist stolzer Besitzer eines ganz eigentümlichen Dialekts – immer wieder sagt er zu mir etwas, das wie „Psing“ klingt. Eine Silbe, die es im Mandarin-Chinesisch nicht einmal gibt. Eine Frechheit.

Er will mir, soweit ich verstehe, unbedingt einen Ort zeigen, wo es viele billige Hotels gibt. Als ich dann aber bei der Fahrt durch die – zum Glück sehr einladende – Innenstadt ein paar nette kleine Pensionen erspähe, verabschiede ich mich unhöflicherweise spontan – sehr zum Amüsement der anderen Fahrgäste, die meinen neuen Freund wie mir scheint etwas hämisch angrinsen.

Die Stadt strotzt – wie ich schnell herausfinde – nur so vor Pensionen, und ich spaziere einfach in die erstbeste hinein. Die ist auch ein ziemlicher Volltreffer. Um 10 Euro pro Nacht bin ich nun mitten im Zentrum, habe ein geradezu klinisch sauberes, großes und schönes Zimmer mit Bad, in dem es alles gibt, was man braucht – mit Ausnahme einer Heizung. In der Nacht wird da bei 15 Grad Innentemperatur das Duschen zum Kneipp-Erlebnis.

Ein Abend am schwarzen Meer
Beim ersten längeren Erkundungsspaziergang falle ich als weit und breit einziger Ausländer so sehr auf wie nie – kaum jemand, der sich nicht erstaunt nach mir umdreht. Doch wieder geht ein Traum in Erfüllung: Ich sehe zum ersten Mal das chinesische Meer! Naja … zumindest bin ich zum ersten Mal am chinesischen Meer. Denn es ist schon dunkel, und vor mir liegt nur brackig riechende Schwärze. Aber die Hafengegend ist trotzdem interessant – überall liegen uralte Schiffe, um mich herum unerwartet koloniale Architektur, und in kleinen Zimmern direkt am Kai sortieren Fischer ihren Fang.

Abendessen gibt es dann in einem chinesischen Fast-Food-Lokal – einmal etwas völlig anderes: Fisch mit Rindfleisch auf Reis, dazu eine Hühnersuppe und warmer Salat, außerdem eine Art Orangenschalensaft mit Eis. Dazu bekomme ich – warum auch immer – zum ersten Mal seit vier Monaten westliches Besteck. Ich bemerke, dass ich damit gar nicht mehr richtig umgehen kann.

Als ich leicht genervt im strömenden Regen herumbummle, überlege ich, dass ich es doch recht weit gebracht habe. Von jemandem, für den es noch vor drei Jahren undenkbar gewesen wäre, auch nur einen Tag nach Leoben zu fahren ohne lange vorauszuplanen, zu dem, was ich gerade tue: spontan in einem unbekannten Teil Chinas mit Bus und Zug herumtrampen und in kleinen Städten ohne Plan und Ziel Sehenswertes suchen. Damit bin ich wohl zumindest auf halbem Weg zwischen echtem Abenteurer und Cluburlauber angelangt. Und da fühle ich mich eigentlich auch ganz wohl.

Satisfaction in der chinesischen Almhütte
Am Abend finde ich durch Zufall eine richtige Nightlife-Straße. Mindestens fünfzehn verschiedene Bars gibt es dort, für jeden Geschmack etwas. Ich entscheide mich für die „Music Bar“, deren Inneres ein wenig an eine österreichische Bauernstube erinnert, mit viel Holz und Schnitzereien.


Was nicht so recht in die Almromantik passen will, sind jene zwei junge Chinesen mit Keyboard und E-Gitarre, die den Gästen verschiedenste recht rockige Nummern um die Ohren hauen. Gerne auch Cover-Versionen bekannter westlicher Hits, vorwiegend von den Rolling Stones – allerdings auf Chinesisch. „Satisfaction“ in starkem Guangxi-Dialekt fetzt ganz schön und ist eine willkommene Abwechslung zu den üblichen, süßlichen Taiwan-Pop-Sülznummern Marke „Hansi Hinterseer auf Chinesisch“.

Krabben am Silberstrand
Als ich am nächsten Tag die Zimmervorhänge beiseite ziehe, begrüßt mich zu meiner Begeisterung wieder der Regen. Inspiriert von diesem Anblick, kaufe ich um teures Geld ein Ticket zur Underwater-World, dem lokalen – überdachten – Aquarium. Kaum ist das erledigt, stoppt umgehend der Regen - zum ersten Mal seit 36 Stunden. „Häckerln kannst wen anderen“, blasphemiere ich gedanklich zum Wettergott hinauf und lasse kurzerhand mein Ticket verfallen, um rasch mit dem Bus zum berühmten Silberstrand zu fahren, der ein paar Kilometer weit vom Stadtzentrum entfernt im Süden der Halbinsel liegt.

Dort ist es herrlich: Dünen, Palmen, ein endloser, breiter Sandstrand – überzogen mit Millionen winziger Krabben, die dicht an dicht vor ihren Löchern sitzen und kleine Kugeln aus Sand formen. Vermutend, bald Zeuge der weltgrößten Krustentier-Schlammballschlacht zu werden, stelle ich fest, dass die Tierchen im Erschreckensfalle blitzschnell in ihren Löcher verschwinden. Empirisch finde ich weiters heraus, dass sie mit sehr herziger Verwirrung reagieren, wenn ein böser Mensch ebendiese Löcher vor der Flucht ein wenig mit Sand bedeckt.

Als ich gerade einem der Tierchen beim Kugerlmachen zuschaue (meine Lieblingsbeschäftigung, gleich nach dem Beobachten von Farbetrocknen oder Graswachsen), setzt mir plötzlich eine ältere Dame ein solches Winz-Kräbblein auf die Hand. Keine Ahnung, wie sie das flinke Ding gefangen hat, aber da sitzt es nun, blickt nach links, blickt nach rechts, schaut zu mir rauf … und stürzt sich daraufhin sofort von meiner Hand ins Verderben hinunter. Da soll man ein gesundes Selbstbewusstsein aufbauen.

Meine drei asiatischen Omas
In Beihai ist es mir nun endgültig unmöglich, irgendwo für längere Zeit alleine zu bleiben. Als ich mich einsam in einer kleinen, verfallenen Strandhütte mit einem Topf Fertignudeln hinsetze (für die mir die „Hausherrin“ extra in einer Pfanne Wasser erhitzt), gesellen sich sofort drei ältere Damen zu mir. Ein Gespräch entspinnt sich, im Zuge dessen ich erfahre, dass sie Volksschullehrerinnen aus Chengdu sind (wo mich meine nächste Reise hinführen wird).


Offenbar aufgrund ihrer pädagogischen Ausbildung sprechen sie mit mir sehr langsam und deutlich, so dass ich das meiste auch tatsächlich verstehe. Außerdem fühle ich mich ein bisschen, als hätte ich meine Oma in dreifacher asiatischer Ausführung getroffen: Abwechselnd ermahnen sie mich streng, mich wärmer anzuziehen (denn ich trage wegen der Schwüle nur ein T-Shirt) und vor allem schneller zu essen, damit meine Nudeln nicht kalt werden. Mit großem Erstaunen bemerke ich plötzlich, dass ich gar nicht mehr realisiere, gerade mit Chinesen zu sprechen. Alles fühlt sich völlig gleich an wie in Wien – die Reaktionen der alten Damen, ihre Art etwas zu sagen, ihre Mimik, der Humor, einfach alles. Da wird mir erst richtig klar, dass jener „herzige“ Eindruck, den Chinesen auf uns Österreicher manchmal machen und über den man sich gerne lustig macht, nur vom Akzent und von Verlegenheitsreaktionen aufgrund fehlenden Sprachverständnisses herrührt, und nicht so sehr von einer anderen Mentalität. Wenn man sich mit Chinesen in ihrer eigenen Sprache unterhält, wirken sie plötzlich wie jeder dahergelaufene Wiener – und höchstens man selbst ist auf einmal „herzig“ und seltsam.

Da hat er sich also versteckt: ein alter Bekannter im Bus
Ich bummle noch ein wenig die vereinsamte Promenade mit ihren tropischen Pflanzen, den Souvenirshops und den endlosen Hotelfronten entlang, die mich abwechselnd an die englische, griechische, italienische und französische Küste erinnert – natürlich immer mit chinesischem Flair – und da der Regen wieder einsetzt, entschließe ich mich, mit dem Bus rasch zurück zum Aquarium zu fahren und vielleicht doch noch mein Ticket zu gebrauchen.

Früher hätte ich in einer solch fremden Umgebung wohl dreimal gecheckt, ob ich an der richtigen Station warte und ob mich der Bus auch wirklich, wirklich, wirklich dorthin bringt, wo ich hin möchte. Jetzt bin ich ja schon sooo lässig, und besteige folglich mit Verve Bus Nr. 1 – was völlig falsch ist. Dieser Bus, wie ich in bester Learning-by-doing-Manier herausfinde, bringt mich weit hinaus aus Beihai, zu irgendeiner abgelegenen Dorfschule. Ich frage daraufhin den Busfahrer („Bist Du Amerikaner oder Italiener?“ – „Ich komme aus Österreich.“ - „Ah! Sound of Music!“), wie ich wieder zurück in die Stadt käme, und er bringt mich daraufhin noch ein Stückchen weiter zur richtigen Station mitten in der ärgsten Pampa. Nach kurzer Wartezeit kommt der richtige Bus – und in ihm entdecke ich Erstaunliches: ein westliches Gesicht! Kein besonders gelungenes Exemplar eines solchen, aber immerhin. In einer derartigen Umgebung entwickelt sich da ganz automatisch ein Gespräch. Mein Gegenüber ist ein mittelalterlicher, stattlicher Mann, kommt aus Cleveland, Ohio, und heißt Richard. Ich vermute allerdings, das ist ein Deckname, denn es handelt sich hierbei ganz eindeutig um den offenbar wieder gesundeten Koarl.

Koarl erzählt mir, er lebe seit drei Jahren mit seinem chinesischen Girlfriend in Beihai (Foto hat er dabei), unterrichtet an der Schule Englisch und spricht – wie ich mit Erstaunen bemerke – praktisch kein Chinesisch. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, unverzüglich mit einer hübschen, ungefähr zwanzig Jahre jüngeren Fahrgästin anzubandeln, der er mit einer Handbewegung bedeutet, sich doch neben ihn zu setzen. Er lehnt sich dabei auch vor und fragt – natürlich nicht auf Chinesisch – ob sie denn Englisch spräche. Aus ihrer verlegenen Reaktion wird offensichtlich, dass sie dies nicht tut, daher übersetze ich seine Frage ins Chinesische. Koarl ist ob der direkten Konfrontation mit der Tatsache, dass man auch als Westler ein bisschen Chinesisch sprechen kann, anscheinend etwas düpiert, jedenfalls redet er plötzlich nicht mehr so viel mit mir. Macht nichts – wenn er das nächste Mal drei Jahre lang in einem fremden Land lebt, wo ein Girlfriend zu Hause auf ihn wartet, lernt er ja ab jetzt vielleicht zumindest genügend Vokabel, um erfolgreich anzubandeln.

Koarl ist allerdings auch durchaus nützlich. Denn von ihm erfahre ich, dass gerade die Regenzeit begonnen hat und dass es ab jetzt wochenlang schütten wird. Großartig. Es geht doch nichts über einen wohlvorbereiteten Trip in die Tropen. Und mein Aquarium-Ticket ist auch verfallen.

Schlüsselsprache
Der 29. Dezember ist dann ein großartiger Tag. Noch nie habe ich so viel mit fremden Menschen geplaudert wie heute. Seien es Kellnerinnen, Buschauffeure oder zufällig am Nebentisch sitzende Angestellte der Arzneimittelbranche – alle plaudern sie mit mir auf Teufel-komm-raus. Und ich bemerke mit großer Faszination, dass sich mein Chinesisch in dieser einen Woche einen Riesenschritt weiterentwickelt hat. Zum ersten Mal verstehe ich tatsächlich, was mich die Menschen fragen und kann dann zumeist auch in halbwegs ganzen Sätzen antworten. Der Dialekt hier kommt mir zwar entgegen – alles ist diesbezüglich besser als Shanghai – aber es ist nicht nur das. Dadurch, dass ich ununterbrochen in Situationen gelange, in denen ich reden muss, verliere ich die Scheu davor – was Wunder zu wirken scheint. Ich genieße das jedenfalls sehr, denn ich spüre richtig, wie man die Seele und Kultur eines Landes ausschließlich in der lokalen Sprache unverfälscht erleben kann. Soviel also zu meinen Reiseplänen in afrikanische Länder. Mist.

Reise ins Unbekannte
Übrigens glaube ich, ich schaffe heute noch einen Schritt weiter weg vom Cluburlaub. Denn am Vormittag lasse ich mich von einem Taxi bis an den äußersten Zipfel jener Halbinsel bringen, auf der Beihai liegt. Auf meiner praktischen Landkarte hatte ich nämlich gesehen, dass es dort einen großen Wald gibt, mit ein paar Bergen und offenbar auch Steilküsten und Stränden.

Was ich an chinesischen Landkarten weniger schätze, ist das vollkommene Fehlen eines Maßstabs. Das Taxi fährt dann auch irgendwie erstaunlich lang, in eine wirklich abgelegene Gegend. Andere Taxis gibt's dort jedenfalls keine. Doch auf meine Frage hin erklärt mir die Taxifahrerin (netterweise etwa dreimal, bis ich es verstehe), dass von hier alle halben Stunden bis 18.30 der Bus Linie 6 fährt. Sollte mein Chinesisch allerdings doch noch nicht so grandios sein, wie ich bis gerade eben dachte, und sie hat mir in Wirklichkeit offenbart, dass der nächste Bus in einem halben Jahr im sechsten Monat fahren würde … na, dann gibt’s da immer noch diesen Herren da drüben vor dem verfallenen Wellblech-Schuppen, der offenbar ein Motorrad besitzt.

Recht entspannt krabbele ich dann also auf Strand und Felsen herum. Außer mir gibt es hier nur ein paar Fischer, einige wenige andere Spaziergänger – und natürlich keine Touristen. Der Strand und die Steilküste sind spektakulär – und am tollsten ist, dass ich von dort auch direkt in die Hügel gelangen kann und folglich mitten hinein in den subtropischen Wald. Da wandere ich natürlich gleich darauf los. Als mir allerdings bewusst wird, dass die Wege völlig unmarkiert sind, wandelt sich meine Wanderung in einen Spaziergang, was den Spaß nicht mindert.

Der Rückweg klappt ganz gut, auch wenn es hier am Land keine Stationen mehr gibt, sondern die wenigen Fahrgäste offenbar wissen, wo der Bus hält. Ich allerdings nicht - also marschiere ich halt einfach einmal drauflos und warte, bis mir der Bus entgegen kommt. Als ich dem Fahrer freundlich zuwinke, bleibt er gleich stehen und nimmt mich mit. Plaudernd fahren wir einige Runden durch die hiesigen Kaffs, und eine halbe Stunde später bin ich wieder in Beihai. Der Bus bietet nur etwa zehn Fahrgästen Platz und wirkt, als würde er jeden Moment auseinanderfallen. Außer mir, dem Fahrer und einer Schaffnerin fahren nur noch drei Bäuerinnen mit. Als ich aussteige, winken sie mir alle nach.


Heute meldet sich der rasende reisende Reporter aus Beihai. Wo auch immer ich gehe, entweder ich schleppe meinen Laptop mit - wie hier im Hotelzimmer ...


... oder ich schreibe auf herkömmliche Art - wie hier kurz vor dem Treffen mit meinen asiatischen Omas. Soviel also zum Aktualitätsbeweis meiner Berichte. Zur Sache. Beihai.

Da fliegt man 2.000 Kilometer in eine ferne Provinz, fährt 200 Kilometer mit dem Zug in ein abgelegenes Örtchen - und dann schaut's da aus wie am St. Pöltener Hauptplatz.

Zum Glück gibt's da noch die Hintergasseln. Die sind zwar auch teilweise kolonial-französisch (wir sind ja nahe der vietnamesischen Grenze), aber das Flair ist ein ganz anderes. Und ja: China kann auch menschenleer sein.

Jetzt wird's richtig chinesisch: das Frühlingsfest nähert sich, und da ist jede Haustüre bereits mit den "Duilian" - den doppelten Sinnsprüchen - und anderem Traditionellen geschmückt.

Mein erster Anblick des chinesischen Meeres: Fischerbötlein an der Nordküste von Beihai.

Und das ist der Silberstrand. Notfalls könnte man Chinas Menschenmassen da noch hinstopfen.

Allerdings muss man sich dann eine Alternativlösung für die kleinen Krabben ausdenken, die dort bereits flächendeckend ihre Kugerln machen. (Größe des Tierchens übrigens etwa 1 cm)

Die Natur ist in Beihai überhaupt sehr originell - auch wenn Bruder Baum dort unten nicht zwingend zum Umarmen einlädt.

Clemens fährt wieder einmal Bus. Und so schaut's dann dort aus, wo er auf den RICHTIGEN Bus warten muss. (Dafür hätte ich ohne diese Fehlfahrt Koarl nicht wiedergetroffen.)

Der äußerste Westzipfel der Beihai-Halbinsel steht nun wirklich in keinem Reiseführer mehr. Dabei ist er toll. (Wenn man erstmal hinkommt.)

Die Fischer vertrauen dort jedenfalls noch traditionellen Fangmethoden. (Und ihrem Gleichgewicht.)

Direkt neben der Küste: der subtropische Regenwald. Falls es sowas überhaupt gibt. Jedenfalls war's Wald, der hat tropisch ausgeschaut, und geregnet hat's auch.

Und mittendrin, ganz hoch oben über dem Meer, plötzlich eine Plattform mit einem Boot drauf. Hach, das lädt zu manch' keckem Schabernack ein. (rudolfottokar: Das Zeigen ist extra für Dich und Deine Gattin.)

Beim Versuch, von dort draußen wieder zurück nach Beihai zu kommen, stieß ich zwar zunächst nicht auf die erhoffte Busstation, dafür aber auf eine wirklich originelle Werft. In Handarbeit werden dort liebevoll ziemlich schöne Schiffe zusammengebaut. Jetzt brauchen die nur noch ein Meer dafür zu graben.

Der freundliche Busfahrer klaubt mich dann mitten in der Botanik auf und bringt mich zurück. Durch das Fenster sichtbar sind die anderen Fahrgäste und die Schaffnerin.