Posts mit dem Label Bus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 11. April 2009

Go West - VIII: Koko Nor ... am Ziel

Mein Traum, einmal quer durch China zu reisen, reicht - soweit ich mich erinnern kann - etwa 20 Jahre zurueck. Und seit ich vor etwa fuenf Jahren das Buch "Red Dust" von Ma Jian gelesen habe, steht auch das ultimative Ziel fest: Dieser Mann beschreibt seine dreijaehrige Reise durch ganz China. Das Kapitel, in dem er den Koko Nor erreicht, sich in der Wildnis an dessen Ufern verirrt und von Nomaden gerade noch vor dem Verdursten gerettet wird, hat mich enorm beeindruckt. Wie er diesen See und die ihn umgebende Landschaft beschreibt - das hat mich nicht mehr losgelassen.

Nun bin ich ja so einer, der stundenlang vor Welt- und Landkarten sitzen kann. Mit dem Finger reise ich durch die entlegensten Regionen und frage mich, wie es dort aussehen koennte. (Und bevor wer fragt: Nein, Trainspotting gehoert nicht zu meinen Hobbies.) Seit es Google Earth gibt, ist dieses Spiel natuerlich noch lustiger geworden. Doch nicht nur sieht aus der Luft sowieso alles anders aus, den Satelliten fuer sich reisen zu lassen ist einfach nicht dasselbe.

Seitdem hat es meinen Finger - mit meinen Augen im Schlepptau - immer wieder und wieder in jene entlegene Ecke Chinas gefuehrt, wo dieser Salzsee von der Groesse Ostoesterreichs liegt. Ich wollte dort unbedingt einmal hin. Gleichzeitig wusste ich: Jemand, den selbst die Sommerfrische im Waldviertel organisatorisch an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt, wird das wohl niemals schaffen. Selbst die Chinesen wissen oft nicht, wo die Provinz Qinghai liegt - geschweige denn deren See.

Wie ich das Reisen "geuebt" habe, wie ich mich langsam immer weiter vorgetastet habe, um die nervlichen Voraussetzungen zu erwerben, die fuer das Erreichen dieses meines Zieles notwendig waren, das (unter anderem) dokumentiert dieses Blog.

Und heute war es soweit.

Suboptimale Voraussetzungen
Natuerlich waere es nicht ich, wenn nicht zunaechst einmal etwas schiefgehen wuerde. Um 7 Uhr morgens stehe ich - zaehndputzt und kampelt - vor meinem Hotel und warte auf den Bus.

Um 8 Uhr stehe ich immer noch da, als vielbewunderter Mittelpunkt des lebendigen Treibens auf der Strasse, und bin schon mal praeventiv extrem enttaeuscht, dass ich offenbar mein grosses Ziel doch nicht erreichen werde. Immerhin hatte ich bei der Buchung dran gedacht, mir die Visitenkarte der Angestellten geben zu lassen. Ich erklaere einer Hotelbediensteten, dass mein Chinesisch am Telefon sogar noch schlechter sei als live und bitte sie daher, fuer mich anzurufen und nachzufragen.

Es stellt sich heraus: Der Busfahrer hat mich nicht boswillig vergessen, sondern lediglich Verspaetung, da noch 13 andere Tourmitglieder in der ganzen Stadt eingesammelt werden muessen. Waehrend ich warte, laedt man mich hotelseitig netterweise auf ein Fruehstueck ein.

Als ich gerade mitten im schoensten Essen bin, faehrt ein winziger Bus mit ausschliesslich chinesischen Insassen vor, von denen ich beim Einsteigen ausgiebig bestaunt werde.

Irgendein Palast
Wir fahren los, und die nette junge Reisefuehrerin erklaert Interessantes ueber Qinghai, Xining und die vielen Minderheiten, die hier leben. Ich bin sehr erstaunt, wieviel ich davon verstehe. Sogar bei den Ratespielen - einer typisch chinesischen Form der Fremdenfuehrung - kann ich teilweise mitmachen, auch wenn die Chinesen frustrierenderweise mehr ueber ihr Land wissen als ich und die Sprache deutlich besser beherrschen.

Die Strassenschilder auf der Fahrt sind - wo vorhanden - uebrigens stets zweisprachig: tibetisch und chinesisch. In gewissen, ach so entwickelten Laendern mit ueberlegener Minderheitenpolitik soll es Bundeslaender geben, die nicht einmal das schaffen.

Erst als wir an einer offensichtlich zu hundert Prozent See-freien Stelle anhalten, wird mir bewusst, dass es auf der Fahrt anscheinend mehrere Stopps gibt. In einem ueberraschend modernen Oertchen ragt vor mir ein tibetischer Palast auf, und wir nehmen an einer Fuehrung teil. Da ich von dieser so gut wie gar nichts verstehe, nehme ich mir vor, nach meiner Rueckkehr erstmal zu recherchieren, was ich da eigentlich sehe. Drinnen gibt es jedenfalls riesengrosse, bunte Statuen von den Gruendern und wichtigen Meistern der einzelnen buddhistischen Sekten.

Weiterfahrt zur offiziellen Jade
Die Strasse fuehrt auf der gesamten Strecke stetig bergauf - wir bewegen uns nun durch immer ueberirdischere Landschaften ganz hinauf auf das Tibet-Qinghai-Hochplateau, an dessen Rand Xining liegt. Bald gibt es gar keine richtigen Siedlungen mehr, sondern nur noch verstreute, einsame Lehmhuetten der hier fast ausschliesslich tibetischen Bevoelkerung sowie vereinzelte Zelte der Nomaden.

Mitten im schoensten Nichts halten wir ploetzlich bei einer Art Halle, wo man uns statt der von mir schon befuerchteten Heizdecken die beruehmte Qinghai-Jade verkaufen moechte. Ich finde das so schraeg, dass ich ein Armband erstehe. Irgendein Andenken an Qinghai brauche ich schliesslich - und es ist immerhin die offizielle Jade der Olympischen Spiele, wenn ich die Leutchen dort recht verstehe. (Weiss jemand, wofuer man offizielle Jade verwendet?) Als Dank fuer den Kauf haengt man mir eine Art gelben Schal um. Warum auch immer. Kalt genug waere es ja.

Sonne, Mond und Kopfweh
Dann geht es hinauf auf den Ri Yue Shan - den Sonnen-und-Mond-Berg. Ich wusste gar nicht, dass uns unsere Tour bis auf knapp 3.600 Meter Seehoehe fuehren wuerde - immerhin fast so hoch wie der Gipfel des Grossglockners. Ja, was fuer lustige Ueberraschungen man erleben kann, wenn man bei der Buchung einer Reise nur maximal 50% versteht.

Die Aussicht auf die endlose, braune Hochebene, schneebedeckte Bergketten, und bizarre, rundliche Huegelformationen, die unglaubliche Weite und Einsamkeit - abgesehen von vereinzelten Stupas und Gebetsfahnen - sowie der ueberall grasenden Yaks und Schafe, ist atemberaubend. Die Hoehe uebrigens auch - im Schneckentempo keuchen wir einige Stufen zu einem Aussichtspunkt hinauf; Schwindel und Kopfweh sagen mir, dass in dieser Hoehe offenbar bereits leichte Symptome von Hoehenkrankheit moeglich sind. Doch weder das noch die wirklich anhaenglichen tibetischen Verkaeufer von Jadeamuletten und Mini-Gebetsmuehlen koennen die unglaublichen Eindruecke verderben, die diese Landschaft vermittelt.

Wir fahren wieder "hinunter" auf 3.000 Meter - in dieser Hoehe liegt das endlose Hochplateau des Koko Nor. Ploetzlich taucht ein niedliches Staedtchen vor uns auf - wiederum vertraue ich meinem chinesischen Hoerverstaendnis nur bedingt, aber ich glaube, es handelt sich um die erste solche Siedlung, die auf der Hochebene errichtet wurde. Dort verkosten wir getrocknetes Yakfleisch und Buttertee - beides uebrigens ausgezeichnet. Ich beschraenke mich beim Einkauf allerdings auf ein Paeckchen gebratener Gerste - ein Hauptnahrungsmittel der lokalen Bevoelkerung. Sie (die Gerste, nicht die Bevoelkerung) schmeckt mir so gut, dass ich jetzt die Mutter aller Kiefermuskelkater mein eigen nenne.

Am Ziel
Lange Zeit hatte ich vor der Fahrt ueber der Karte von Qinghai gebruetet und eruiert, dass die einzige Strasse der Gegend an der Nordseite des Sees entlang fuehrt. Der See liegt also suedlich. Man muss nun wissen, dass der Koko Nor auch gleichzeitig der westlichste Punkt meiner Reise ist - noch einmal 150 Kilometer westlich von Xining - somit wuerde bei unserer Fahrt im Bus die linke Fensterseite den Ausblick auf den See gewaehrleisten, weshalb ich mich in weiser Voraussicht an ebendiese platziert hatte.

Gut vorausgedacht. Nur zwei Probleme gibt es damit. Das erste ist, dass Chinesen, sobald sich unter ihnen etwas anderes als Kakerlaken bewegt, sofort in Tiefschlaf fallen. An meiner suedlichen Fensterseite lacht die Sonne ins Innere des Busses. Und ausgerechnet der vor mir sitzende Gentleman aus Chengdu, Sichuan, ist ein wenig lichtempfindlich, und - RATSCH - wird der Vorhang vorgezogen, der auch meinen Fensteranteil bedeckt. Gut, nicht so schlimm, linse ich eben durch den leicht angehobenen Vorhang auf die Landschaft, die offenbar als nicht inkludiertes Reiseziel fuer meine lieben Mittouristen uninteressant ist.

Und dann taucht vor mir der See auf.

Ich weiss nicht, wer ueber Nacht entweder die Strasse oder den See verlegt hat, aber aus irgendeinem Grund liegt er noerdlich von uns - und ich sitze auf der falschen Seite.

Das aendert nichts daran, dass dies fuer mich ein wirklich beruehrender Augenblick ist. Das Ziel meiner Traeume ploetzlich so real vor mir zu sehen, ist ein Wahnsinnsgefuehl!

Fuer die anderen mag das Trockenfleisch aus dem Plastiksackerl mehr Aufmerksamkeit verdienen - ich hingegen klebe quer ueber Sitzbank und Mittelgang am gegenueberliegenden Fenster und erreiche, stetig knipsend, locker Foto Nummer 600 dieser Reise. (Ich freu mich schon auf die Auswahlprozedur ]:P ... die Fruechte dieser meiner noch vor mir liegenden Augias-Arbeit werdet ihr dann uebrigens hoffentlich noch kommende Woche bewundern koennen.)

Auf der Strasse beobachte ich vereinzelte, tibetische Pilger, die zu Fuss - und sich Mannslaenge fuer Mannslaenge hinwerfend - den Weg bis Lhasa zuruecklegen, hinter ihnen ziehen ihre Familienangehoerigen kleine Waegen voll Hab und Gut.

Der See oeffnet sich nun in seiner gesamten Groesse, und da man die gegenueberliegenden Ufer trotz kristallklarer Hoehenluft nicht sehen kann, wirkt er wie ein Meer.

In einem der wenigen kleinen Oertchen direkt am See halten wir, um gemeinsam Mittag zu essen. Danach spazieren wir zum Ufer. Ich plaudere mit einem Reisekollegen aus Nanjing, der in Shanghai arbeitet. Nach dem obligaten Visitkartenaustausch unterstuetzt er mich bei meinem hysterischen Versuch, diesen Moment des Erreichens festzuhalten: Clemens winkend am Strand, Clemens grinsend vor einer Statue, Clemens laessig auf einem Stein, Clemens lustvoll im Wasser pritschelnd, Clemens das Wasser kostend und den Salzgehalt eruierend, ...

Extrem peinlich.

Aber ich habe das Beduerfnis, moeglichst viele handfeste Andenken an die Erfuellung meines Traumes mitzunehmen. Da das zunaechst angedachte Austrinken des Sees zwecks vollstaendiger Mitnahme an mangelndem Durst scheitert, fische ich stattdessen einen Stein direkt aus dem eisigen Wasser.

Ein Bummerl in der Wueste
Auf der Rueckfahrt erlebe ich noch eine Ueberraschung: Mir war nicht bewusst, dass der See auch an eine Hochwueste grenzt ... richtig mit Sand, Duenen, Kamelen und allem Drum und Dran. So verschiesse ich endgueltig die letzten Stromreste der Batterie meines Fotoapparates, bevor wir die zweistuendige Fahrt zurueck nach Xining antreten: totmuede, aber gluecklich.

Als meine, mir mittlerweile ans Herz gewachsenen, Mittouristen meinen, sie muessten mittels Bordmikrophon Lieder zum besten geben, um sich die Zeit zu vertreiben, schwant mir Uebles.

Und so zieht draussen die einsame, endlose Wildnis des Hochlandes friedlich vorueber, waehrend im Inneren des Busses der "auslaendische Freund" wieder einmal "Ana hot imma des Bummerl" in Stadionlautstaerke zum besten geben muss, begleitet vom frenetischen Jubel von Menschen aus allen Teilen Chinas, die zum Glueck keine Ahnung haben, wie das Lied eigentlich klingen sollte.

Freitag, 2. Januar 2009

Guangxi - V: 北海 (Beihai)

Weil ich gerade Lust zu schreiben habe, bitte sich mental auf außergewöhnlich viel Text vorzubereiten. Wenn’s zu fad ist, gibt’s das nächste Mal wieder nur Bilderln und ich lasse die schönen Worte in meinem Tagebuch. Sie wünschen, ich schreibe. Oder auch nicht. Egal.

Reise zum südlichsten Punkt
Am 27. Dezember ging es mit dem Zug weiter in die kleine Küstenstadt Beihai, gelegen auf einer Halbinsel am Golf von Tongking – weiter südlich kommt man in Guangxi nicht mehr. Bei der Fahrt hat alles geklappt, nur nebelig war es und es dauerregnete den ganzen Tag, so dass sich wie erwartet das Landschaftserlebnis auf etwa 100 Meter links und rechts vom Bahndamm erstreckte.

Bei der Ankunft in Beihai empfangen mich gleich zwei alte Bekannte: der strömende Regen und die Panik. Denn was ich aus dem Bahnhof kommend sehe, ist nicht ermutigend: Ich stehe so richtig schön im Nirgendwo, vor mir eine scheinbar endlose, offene, riesige und sensationell hässliche Straße. Das ist Beihai?

Mit Psing zum Hotel
Doch mittlerweile kann mich so etwas nicht mehr entmutigen. Im Bahnhofshotel kaufe ich eine Straßenkarte, identifiziere eine Buslinie, die in die Stadt führt, und steige einfach einmal ein.

Im Bus erklärt mich ein ausgesprochen freundlicher, wenn auch recht rustikaler, Herr mit großem Bambusstab in der Hand und immerhin drei Zähnen im Mund sofort zu seinem besten Freund. Er kommt aus Xi’an (etwa 2.000 km weiter nördlich) und ist stolzer Besitzer eines ganz eigentümlichen Dialekts – immer wieder sagt er zu mir etwas, das wie „Psing“ klingt. Eine Silbe, die es im Mandarin-Chinesisch nicht einmal gibt. Eine Frechheit.

Er will mir, soweit ich verstehe, unbedingt einen Ort zeigen, wo es viele billige Hotels gibt. Als ich dann aber bei der Fahrt durch die – zum Glück sehr einladende – Innenstadt ein paar nette kleine Pensionen erspähe, verabschiede ich mich unhöflicherweise spontan – sehr zum Amüsement der anderen Fahrgäste, die meinen neuen Freund wie mir scheint etwas hämisch angrinsen.

Die Stadt strotzt – wie ich schnell herausfinde – nur so vor Pensionen, und ich spaziere einfach in die erstbeste hinein. Die ist auch ein ziemlicher Volltreffer. Um 10 Euro pro Nacht bin ich nun mitten im Zentrum, habe ein geradezu klinisch sauberes, großes und schönes Zimmer mit Bad, in dem es alles gibt, was man braucht – mit Ausnahme einer Heizung. In der Nacht wird da bei 15 Grad Innentemperatur das Duschen zum Kneipp-Erlebnis.

Ein Abend am schwarzen Meer
Beim ersten längeren Erkundungsspaziergang falle ich als weit und breit einziger Ausländer so sehr auf wie nie – kaum jemand, der sich nicht erstaunt nach mir umdreht. Doch wieder geht ein Traum in Erfüllung: Ich sehe zum ersten Mal das chinesische Meer! Naja … zumindest bin ich zum ersten Mal am chinesischen Meer. Denn es ist schon dunkel, und vor mir liegt nur brackig riechende Schwärze. Aber die Hafengegend ist trotzdem interessant – überall liegen uralte Schiffe, um mich herum unerwartet koloniale Architektur, und in kleinen Zimmern direkt am Kai sortieren Fischer ihren Fang.

Abendessen gibt es dann in einem chinesischen Fast-Food-Lokal – einmal etwas völlig anderes: Fisch mit Rindfleisch auf Reis, dazu eine Hühnersuppe und warmer Salat, außerdem eine Art Orangenschalensaft mit Eis. Dazu bekomme ich – warum auch immer – zum ersten Mal seit vier Monaten westliches Besteck. Ich bemerke, dass ich damit gar nicht mehr richtig umgehen kann.

Als ich leicht genervt im strömenden Regen herumbummle, überlege ich, dass ich es doch recht weit gebracht habe. Von jemandem, für den es noch vor drei Jahren undenkbar gewesen wäre, auch nur einen Tag nach Leoben zu fahren ohne lange vorauszuplanen, zu dem, was ich gerade tue: spontan in einem unbekannten Teil Chinas mit Bus und Zug herumtrampen und in kleinen Städten ohne Plan und Ziel Sehenswertes suchen. Damit bin ich wohl zumindest auf halbem Weg zwischen echtem Abenteurer und Cluburlauber angelangt. Und da fühle ich mich eigentlich auch ganz wohl.

Satisfaction in der chinesischen Almhütte
Am Abend finde ich durch Zufall eine richtige Nightlife-Straße. Mindestens fünfzehn verschiedene Bars gibt es dort, für jeden Geschmack etwas. Ich entscheide mich für die „Music Bar“, deren Inneres ein wenig an eine österreichische Bauernstube erinnert, mit viel Holz und Schnitzereien.


Was nicht so recht in die Almromantik passen will, sind jene zwei junge Chinesen mit Keyboard und E-Gitarre, die den Gästen verschiedenste recht rockige Nummern um die Ohren hauen. Gerne auch Cover-Versionen bekannter westlicher Hits, vorwiegend von den Rolling Stones – allerdings auf Chinesisch. „Satisfaction“ in starkem Guangxi-Dialekt fetzt ganz schön und ist eine willkommene Abwechslung zu den üblichen, süßlichen Taiwan-Pop-Sülznummern Marke „Hansi Hinterseer auf Chinesisch“.

Krabben am Silberstrand
Als ich am nächsten Tag die Zimmervorhänge beiseite ziehe, begrüßt mich zu meiner Begeisterung wieder der Regen. Inspiriert von diesem Anblick, kaufe ich um teures Geld ein Ticket zur Underwater-World, dem lokalen – überdachten – Aquarium. Kaum ist das erledigt, stoppt umgehend der Regen - zum ersten Mal seit 36 Stunden. „Häckerln kannst wen anderen“, blasphemiere ich gedanklich zum Wettergott hinauf und lasse kurzerhand mein Ticket verfallen, um rasch mit dem Bus zum berühmten Silberstrand zu fahren, der ein paar Kilometer weit vom Stadtzentrum entfernt im Süden der Halbinsel liegt.

Dort ist es herrlich: Dünen, Palmen, ein endloser, breiter Sandstrand – überzogen mit Millionen winziger Krabben, die dicht an dicht vor ihren Löchern sitzen und kleine Kugeln aus Sand formen. Vermutend, bald Zeuge der weltgrößten Krustentier-Schlammballschlacht zu werden, stelle ich fest, dass die Tierchen im Erschreckensfalle blitzschnell in ihren Löcher verschwinden. Empirisch finde ich weiters heraus, dass sie mit sehr herziger Verwirrung reagieren, wenn ein böser Mensch ebendiese Löcher vor der Flucht ein wenig mit Sand bedeckt.

Als ich gerade einem der Tierchen beim Kugerlmachen zuschaue (meine Lieblingsbeschäftigung, gleich nach dem Beobachten von Farbetrocknen oder Graswachsen), setzt mir plötzlich eine ältere Dame ein solches Winz-Kräbblein auf die Hand. Keine Ahnung, wie sie das flinke Ding gefangen hat, aber da sitzt es nun, blickt nach links, blickt nach rechts, schaut zu mir rauf … und stürzt sich daraufhin sofort von meiner Hand ins Verderben hinunter. Da soll man ein gesundes Selbstbewusstsein aufbauen.

Meine drei asiatischen Omas
In Beihai ist es mir nun endgültig unmöglich, irgendwo für längere Zeit alleine zu bleiben. Als ich mich einsam in einer kleinen, verfallenen Strandhütte mit einem Topf Fertignudeln hinsetze (für die mir die „Hausherrin“ extra in einer Pfanne Wasser erhitzt), gesellen sich sofort drei ältere Damen zu mir. Ein Gespräch entspinnt sich, im Zuge dessen ich erfahre, dass sie Volksschullehrerinnen aus Chengdu sind (wo mich meine nächste Reise hinführen wird).


Offenbar aufgrund ihrer pädagogischen Ausbildung sprechen sie mit mir sehr langsam und deutlich, so dass ich das meiste auch tatsächlich verstehe. Außerdem fühle ich mich ein bisschen, als hätte ich meine Oma in dreifacher asiatischer Ausführung getroffen: Abwechselnd ermahnen sie mich streng, mich wärmer anzuziehen (denn ich trage wegen der Schwüle nur ein T-Shirt) und vor allem schneller zu essen, damit meine Nudeln nicht kalt werden. Mit großem Erstaunen bemerke ich plötzlich, dass ich gar nicht mehr realisiere, gerade mit Chinesen zu sprechen. Alles fühlt sich völlig gleich an wie in Wien – die Reaktionen der alten Damen, ihre Art etwas zu sagen, ihre Mimik, der Humor, einfach alles. Da wird mir erst richtig klar, dass jener „herzige“ Eindruck, den Chinesen auf uns Österreicher manchmal machen und über den man sich gerne lustig macht, nur vom Akzent und von Verlegenheitsreaktionen aufgrund fehlenden Sprachverständnisses herrührt, und nicht so sehr von einer anderen Mentalität. Wenn man sich mit Chinesen in ihrer eigenen Sprache unterhält, wirken sie plötzlich wie jeder dahergelaufene Wiener – und höchstens man selbst ist auf einmal „herzig“ und seltsam.

Da hat er sich also versteckt: ein alter Bekannter im Bus
Ich bummle noch ein wenig die vereinsamte Promenade mit ihren tropischen Pflanzen, den Souvenirshops und den endlosen Hotelfronten entlang, die mich abwechselnd an die englische, griechische, italienische und französische Küste erinnert – natürlich immer mit chinesischem Flair – und da der Regen wieder einsetzt, entschließe ich mich, mit dem Bus rasch zurück zum Aquarium zu fahren und vielleicht doch noch mein Ticket zu gebrauchen.

Früher hätte ich in einer solch fremden Umgebung wohl dreimal gecheckt, ob ich an der richtigen Station warte und ob mich der Bus auch wirklich, wirklich, wirklich dorthin bringt, wo ich hin möchte. Jetzt bin ich ja schon sooo lässig, und besteige folglich mit Verve Bus Nr. 1 – was völlig falsch ist. Dieser Bus, wie ich in bester Learning-by-doing-Manier herausfinde, bringt mich weit hinaus aus Beihai, zu irgendeiner abgelegenen Dorfschule. Ich frage daraufhin den Busfahrer („Bist Du Amerikaner oder Italiener?“ – „Ich komme aus Österreich.“ - „Ah! Sound of Music!“), wie ich wieder zurück in die Stadt käme, und er bringt mich daraufhin noch ein Stückchen weiter zur richtigen Station mitten in der ärgsten Pampa. Nach kurzer Wartezeit kommt der richtige Bus – und in ihm entdecke ich Erstaunliches: ein westliches Gesicht! Kein besonders gelungenes Exemplar eines solchen, aber immerhin. In einer derartigen Umgebung entwickelt sich da ganz automatisch ein Gespräch. Mein Gegenüber ist ein mittelalterlicher, stattlicher Mann, kommt aus Cleveland, Ohio, und heißt Richard. Ich vermute allerdings, das ist ein Deckname, denn es handelt sich hierbei ganz eindeutig um den offenbar wieder gesundeten Koarl.

Koarl erzählt mir, er lebe seit drei Jahren mit seinem chinesischen Girlfriend in Beihai (Foto hat er dabei), unterrichtet an der Schule Englisch und spricht – wie ich mit Erstaunen bemerke – praktisch kein Chinesisch. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, unverzüglich mit einer hübschen, ungefähr zwanzig Jahre jüngeren Fahrgästin anzubandeln, der er mit einer Handbewegung bedeutet, sich doch neben ihn zu setzen. Er lehnt sich dabei auch vor und fragt – natürlich nicht auf Chinesisch – ob sie denn Englisch spräche. Aus ihrer verlegenen Reaktion wird offensichtlich, dass sie dies nicht tut, daher übersetze ich seine Frage ins Chinesische. Koarl ist ob der direkten Konfrontation mit der Tatsache, dass man auch als Westler ein bisschen Chinesisch sprechen kann, anscheinend etwas düpiert, jedenfalls redet er plötzlich nicht mehr so viel mit mir. Macht nichts – wenn er das nächste Mal drei Jahre lang in einem fremden Land lebt, wo ein Girlfriend zu Hause auf ihn wartet, lernt er ja ab jetzt vielleicht zumindest genügend Vokabel, um erfolgreich anzubandeln.

Koarl ist allerdings auch durchaus nützlich. Denn von ihm erfahre ich, dass gerade die Regenzeit begonnen hat und dass es ab jetzt wochenlang schütten wird. Großartig. Es geht doch nichts über einen wohlvorbereiteten Trip in die Tropen. Und mein Aquarium-Ticket ist auch verfallen.

Schlüsselsprache
Der 29. Dezember ist dann ein großartiger Tag. Noch nie habe ich so viel mit fremden Menschen geplaudert wie heute. Seien es Kellnerinnen, Buschauffeure oder zufällig am Nebentisch sitzende Angestellte der Arzneimittelbranche – alle plaudern sie mit mir auf Teufel-komm-raus. Und ich bemerke mit großer Faszination, dass sich mein Chinesisch in dieser einen Woche einen Riesenschritt weiterentwickelt hat. Zum ersten Mal verstehe ich tatsächlich, was mich die Menschen fragen und kann dann zumeist auch in halbwegs ganzen Sätzen antworten. Der Dialekt hier kommt mir zwar entgegen – alles ist diesbezüglich besser als Shanghai – aber es ist nicht nur das. Dadurch, dass ich ununterbrochen in Situationen gelange, in denen ich reden muss, verliere ich die Scheu davor – was Wunder zu wirken scheint. Ich genieße das jedenfalls sehr, denn ich spüre richtig, wie man die Seele und Kultur eines Landes ausschließlich in der lokalen Sprache unverfälscht erleben kann. Soviel also zu meinen Reiseplänen in afrikanische Länder. Mist.

Reise ins Unbekannte
Übrigens glaube ich, ich schaffe heute noch einen Schritt weiter weg vom Cluburlaub. Denn am Vormittag lasse ich mich von einem Taxi bis an den äußersten Zipfel jener Halbinsel bringen, auf der Beihai liegt. Auf meiner praktischen Landkarte hatte ich nämlich gesehen, dass es dort einen großen Wald gibt, mit ein paar Bergen und offenbar auch Steilküsten und Stränden.

Was ich an chinesischen Landkarten weniger schätze, ist das vollkommene Fehlen eines Maßstabs. Das Taxi fährt dann auch irgendwie erstaunlich lang, in eine wirklich abgelegene Gegend. Andere Taxis gibt's dort jedenfalls keine. Doch auf meine Frage hin erklärt mir die Taxifahrerin (netterweise etwa dreimal, bis ich es verstehe), dass von hier alle halben Stunden bis 18.30 der Bus Linie 6 fährt. Sollte mein Chinesisch allerdings doch noch nicht so grandios sein, wie ich bis gerade eben dachte, und sie hat mir in Wirklichkeit offenbart, dass der nächste Bus in einem halben Jahr im sechsten Monat fahren würde … na, dann gibt’s da immer noch diesen Herren da drüben vor dem verfallenen Wellblech-Schuppen, der offenbar ein Motorrad besitzt.

Recht entspannt krabbele ich dann also auf Strand und Felsen herum. Außer mir gibt es hier nur ein paar Fischer, einige wenige andere Spaziergänger – und natürlich keine Touristen. Der Strand und die Steilküste sind spektakulär – und am tollsten ist, dass ich von dort auch direkt in die Hügel gelangen kann und folglich mitten hinein in den subtropischen Wald. Da wandere ich natürlich gleich darauf los. Als mir allerdings bewusst wird, dass die Wege völlig unmarkiert sind, wandelt sich meine Wanderung in einen Spaziergang, was den Spaß nicht mindert.

Der Rückweg klappt ganz gut, auch wenn es hier am Land keine Stationen mehr gibt, sondern die wenigen Fahrgäste offenbar wissen, wo der Bus hält. Ich allerdings nicht - also marschiere ich halt einfach einmal drauflos und warte, bis mir der Bus entgegen kommt. Als ich dem Fahrer freundlich zuwinke, bleibt er gleich stehen und nimmt mich mit. Plaudernd fahren wir einige Runden durch die hiesigen Kaffs, und eine halbe Stunde später bin ich wieder in Beihai. Der Bus bietet nur etwa zehn Fahrgästen Platz und wirkt, als würde er jeden Moment auseinanderfallen. Außer mir, dem Fahrer und einer Schaffnerin fahren nur noch drei Bäuerinnen mit. Als ich aussteige, winken sie mir alle nach.


Heute meldet sich der rasende reisende Reporter aus Beihai. Wo auch immer ich gehe, entweder ich schleppe meinen Laptop mit - wie hier im Hotelzimmer ...


... oder ich schreibe auf herkömmliche Art - wie hier kurz vor dem Treffen mit meinen asiatischen Omas. Soviel also zum Aktualitätsbeweis meiner Berichte. Zur Sache. Beihai.

Da fliegt man 2.000 Kilometer in eine ferne Provinz, fährt 200 Kilometer mit dem Zug in ein abgelegenes Örtchen - und dann schaut's da aus wie am St. Pöltener Hauptplatz.

Zum Glück gibt's da noch die Hintergasseln. Die sind zwar auch teilweise kolonial-französisch (wir sind ja nahe der vietnamesischen Grenze), aber das Flair ist ein ganz anderes. Und ja: China kann auch menschenleer sein.

Jetzt wird's richtig chinesisch: das Frühlingsfest nähert sich, und da ist jede Haustüre bereits mit den "Duilian" - den doppelten Sinnsprüchen - und anderem Traditionellen geschmückt.

Mein erster Anblick des chinesischen Meeres: Fischerbötlein an der Nordküste von Beihai.

Und das ist der Silberstrand. Notfalls könnte man Chinas Menschenmassen da noch hinstopfen.

Allerdings muss man sich dann eine Alternativlösung für die kleinen Krabben ausdenken, die dort bereits flächendeckend ihre Kugerln machen. (Größe des Tierchens übrigens etwa 1 cm)

Die Natur ist in Beihai überhaupt sehr originell - auch wenn Bruder Baum dort unten nicht zwingend zum Umarmen einlädt.

Clemens fährt wieder einmal Bus. Und so schaut's dann dort aus, wo er auf den RICHTIGEN Bus warten muss. (Dafür hätte ich ohne diese Fehlfahrt Koarl nicht wiedergetroffen.)

Der äußerste Westzipfel der Beihai-Halbinsel steht nun wirklich in keinem Reiseführer mehr. Dabei ist er toll. (Wenn man erstmal hinkommt.)

Die Fischer vertrauen dort jedenfalls noch traditionellen Fangmethoden. (Und ihrem Gleichgewicht.)

Direkt neben der Küste: der subtropische Regenwald. Falls es sowas überhaupt gibt. Jedenfalls war's Wald, der hat tropisch ausgeschaut, und geregnet hat's auch.

Und mittendrin, ganz hoch oben über dem Meer, plötzlich eine Plattform mit einem Boot drauf. Hach, das lädt zu manch' keckem Schabernack ein. (rudolfottokar: Das Zeigen ist extra für Dich und Deine Gattin.)

Beim Versuch, von dort draußen wieder zurück nach Beihai zu kommen, stieß ich zwar zunächst nicht auf die erhoffte Busstation, dafür aber auf eine wirklich originelle Werft. In Handarbeit werden dort liebevoll ziemlich schöne Schiffe zusammengebaut. Jetzt brauchen die nur noch ein Meer dafür zu graben.

Der freundliche Busfahrer klaubt mich dann mitten in der Botanik auf und bringt mich zurück. Durch das Fenster sichtbar sind die anderen Fahrgäste und die Schaffnerin.

Sonntag, 12. Oktober 2008

Zhouzhuang - es gibt das alte China DOCH noch!

Ich bin ja unter anderem auch hier, um meine Grenzen zu verschieben, was ich heute im Rahmen eines beschaulichen Sonntags-Ausflugs einmal wieder tun konnte. Und zwar nicht nur, weil ich an einem Sonntag freiwillig um 7.30 Uhr aufstand - sondern vor allem, weil ich erstmalig alleine in ein chinesisches Dorf aufbrach, das weder mit Zug noch mit Flugzeug zu erreichen war. Ich war also gezwungen, einen Überlandbus zu nehmen, und das tun nicht viele Westler, da dafür Chinesisch-Kenntnisse eigentlich unerlässlich sind.

Clemi allein im Bus
Den Bahnhof für Fernbusse muss man sich eher wie einen Flughafen vorstellen - von gigantischer Größe, unfassbare Menschenmassen und riesige Wartehallen. Selbstverständlich sämtliche Beschriftungen nur in Chinesisch und das Personal auch nur dieser schönen Sprache mächtig. Und genau DAS war es, was ich mit Grenzen verschieben meine - denn es ist schon ein wenig gruselig, sich als einziger von allen Seiten angestarrter West-Mensch mitten in die Scharen an Bauern, Wanderarbeitern - aber auch chinesischer Städter aus allen Teilen Chinas zu begeben, um ein kleines Örtchen irgendwo im Nirgendwo zu erreichen.

Zhouzhuang ist eines der für das südliche Jangtse-Delta typischen Wasserdörfer, die von Kanälen durchzogen und völlig autofrei sind. Es liegt etwa 70 Kilometer von Shanghai entfernt, die winzigen, klapprigen Busse benötigen für diese Entfernung allerdings über zwei Stunden.

Endlich raus
Spannend war diese Fahrt aber nicht nur wegen des beengten Gescheppers mitten durch die chinesische Pampa. Sie war es auch, weil ich nicht wusste, ob es mir vor Ort gelingen würde, durchaus notwendige Operationen vorzunehmen, wie beispielsweise herauszufinden, wann der letzte Bus nach Shanghai zurück fährt, wie und wo ich ein Ticket kaufen würde - und schließlich hatte ich keine Ahnung, ob es Pläne des Ortes gab oder wie ich mich sonst orientieren soll.

Um es kurz zu machen: Es hat alles wunderbar geklappt, vor Ort hat mich sogar mein Sitznachbar aus dem Bus - ein älterer Chemiker auf Dienstreise - freundlich dabei unterstützt, das Ticket zu besorgen ... und die Reise war alle anfänglichen Unsicherheiten mehr als wert! Zhouzhuang ist der schönste Ort, den ich bisher in China besuchen durfte. Denn fast ungläubig konnte ich feststellen: Es gibt sie tatsächlich - die uralten, unberührten und friedlichen (!) chinesischen Örtchen, die so aussehen, wie man sich China unter Aufbietung aller Klischees vorstellt.

Vom Marchfeld in die Wachau
Dabei beginnt die Fahrt eher unspektakulär, denn Shanghai ist ein Stadtstaat. Und wenn man so durch das Bundesland Shanghai, also die Umgebung der eigentlichen Stadt, fährt, könnte man denken, ganz China ist eine einzige Baustelle - Bauschutt, Kräne, Bagger, dazwischen höhere und weniger hohe, auf jeden Fall aber nicht besonders schöne Häuser. Dann noch der eine oder andere hoffnungslos veschmutzte und unfassbar stinkende Kanal und ein paar dazwischen eingezwickte Felder. Man muss sich das als eine Art Marchfeld mit vielen Schutthaufen vorstellen.

Doch kaum überquert man die Grenze zur Nachbarprovinz Jiangsu ändert sich das Bild: Plötzlich wird es grün und sauber - die endlose Siedlungsfläche geht in tatsächlich voneinander trennbare Orte und landwirtschaftliche Flächen über - es gibt hübsche Teiche, endlose Reisfelder, kleine Bambuswäldchen und richtig nette Städtchen.

Fast schon kitschig: Zhouzhuang
Nähert man sich Zhouzhuang, wird es geradezu kitschig-entzückend. Das Jangtse-Delta ist ja ein ungemein feuchter Ort, also hat man es hier mit Seen, Kanälen und generell vielen Wasserflächen inklusive kleineren und großen Booten und Schiffen sowie Brücken zu tun. Und Zhouzhuang selbst versetzt einen zurück in eine Zeit der chinesischen Geschichte, von der ich nach fünf China-Besuchen dachte, es gibt heute keine Reste mehr davon. Gut - war natürlich naiv von mir, da ich mich bisher noch nie aus den großen Städten hinausgerührt habe, aber man gönne mir meine kindliche Begeisterung!

Bevor nun also der gewohnte Bilderreigen losgeht, zur Einstimmung noch ein paar kurze Fakten, die sehr einfach durch Scrollen übersprungen werden können. Ich übernehme sie wörtlich aus dem auf Englisch (!) zur Verfügung stehenden Prospekt, den ich vor Ort von einem alten Bauern erstanden habe:

"Zhouzhuang's history can be dated back to over 900 years old. Zhouzhuang is the home of the famous Chinese Writer. And the ancient cwtural town in Soun China in the first region of rivers ang lakes in china. The town in surrounded by water with many branching steams. Visitors from all over the world are intoxicated by its wnique scenery, which is formed by lanes, alleys, meandering steams, stone bridges and old residence with black tiles and white well."

Und es stimmt jedes Wort.

Nun aber die Fotos ...


Die Fahrt in dem kleinen Bus ist von großem Lokalkolorit geprägt: Was man so braucht, wird mitgeführt - und wenn's zu voll ist, werden kleine Plastikhocker verteilt, auf welchen man zwei kauernde Stunden im schmalen Mittelgang verbringen kann.

Ab hier gibt's keine motorisierten Fahrzeuge mehr - der Eintritt nach Zhouzhuang erfolgt stilgemäß.

Der Ort ist ein "Wasserdorf". Folglich bewegt man sich dort hauptsächlich mit Booten.

Auch heute noch sind 60 Prozent der Häuser aus den Ming- oder Qing-Dynastien - also bis zu 700 Jahre alt.

Touristische Bootsfahrten erinnern sehr an Venedig. Und die "Gondoliere" singen sogar - nur sind es halt alte chinesische Weisen, die vorwiegend von älteren und alten Damen vorgetragen werden.

Neben einer pittoresken Mischung aus antiken Häusern, Brücken, Villen und liebevoll gestalteten Museen, gibt es auch herrlich friedliche Gärten ...

... und einen berühmten taoistischen Tempel, der aus der Song-Dynastie stammt, also fast 1.000 Jahre alt ist. Lustig, dass selbst die damaligen Heiligen gewisse Handzeichen schon kannten.

Traditionelles Handwerk aller Art ist noch lebendig in Zhouzhuang - so kann man Holzschnitzern, Webern, Korbflechtern, Kalligraphen und auf Wunsch auch Häuselfrauen bei der Arbeit zusehen. Die Produkte sind dann natürlich auch käuflich zu erwerben. (Außer die Häuseln.)

Auch die schönen Künste kommen nicht zu kurz: Sei es traditionelle Musik in stilvollen Teehäusern ...

... oder die etwas schwer verdaulichen Darbietungen der lokalen Variante chinesischer Oper - präsentiert auf der restaurierten, antiken Freiluft-Bühne.

Schließlich gibt es mannigfaltige, ausgesprochen kreative Varianten, sich mit traditionellen Süßigkeiten den Magen zu verkleben. Das hier ist eine opalisierende Zuckermasse, die man mit Hilfe zweier Stäbchen in hübsche Formen ziehen kann, bevor man sie vertilgt.