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Freitag, 10. April 2009

Go West - VIIa: Xining und der Sinn des Lebens

Ich fuerchte, das wird schon wieder ein eher salbungsvolles Posting, aber der Aufenthalt hier hat etwas Aetherisches und auch durchaus Kathartisches. Also lebe ich das hier eben hemmungslos aus. Ist eh gut, wenn das hier wieder ein bisschen mehr Tagebuch-Charakter bekommt. Meine Handschrift kann ich sowieso nicht lesen.

Duerre Felder
Einen wiederum strahlend schoenen Tag beginne ich mit einem Spaziergang in Richtung der Bergkette im Norden der Stadt. Es ist erstaunlich, wie schnell man aus dem modernen Stadtzentrum draussen ist und sich in den Vororten befindet, mit ihren teils kaum mehr (oder noch kaum) vorhandenen Haeusern und unbefestigten Strassen. Ich bin auf dem Weg zum Bei Chan Si, zu einem taoistischen Tempel im Norden der Stadt, doch wie ueblich verirre ich mich zunaechst. Das ist fein, denn so lande ich nach einigen engen Gaesschen und einem riesigen Marktgelaende auf einem Feld am Stadtrand. Zwei Baeuerinnen graben dort mit Spaten und Spitzhacken den steinharten, staubtrockenen Boden um. Mir ist schleierhaft, wie auf einem solchen Boden jemals etwas wachsen soll. Die Aussicht auf die umgebenden Berge ist hier grossartig - die Einheimischen hingegen behandeln mich wie das wandelnde achte Weltwunder. Doch genau wenn einem das ununterbrochene Angestarrt-Werden unangenehm zu werden beginnt, wird man von einem Ohr zum anderen angestrahlt oder es wird gewunken und gerufen. Mir faellt auf, dass hier die Aufmerksamkeit keine lustige, laute, offene ist, wie in den suedlicheren Landesteilen, sondern eher eine freundlich-ruhige. Trotzdem gibt es kaum jemanden, von dem man nicht zumindest angelaechelt wird.

Tempel im Fels
Trotz allem finde ich schliesslich zum Tempel, der teils direkt in Vorspruenge oder Vertiefungen der senkrechten Bergwand hineingebaut ist. Teile des Tempels sind vollkommen verfallen und von Schutt und Schmutz bedeckt, andere werden gerade voellig neu aufgebaut. Das haelt aber niemanden davon ab, zu beten, sich zu verneigen oder Fruechte, Geistergeld und Zigaretten zu opfern. Als ich die fast senkrecht hinauffuehrenden Stufen der Felswand erklettere, bin ich gleichermassen froh, schwindelfrei zu sein, wie starke Sonnencreme und eine Sonnenbrille gekauft zu haben, denn die Sonne brennt mit unglaublicher Kraft auf den Berg.

Der Kontrast zwischen den modernen Hochhaeusern im "Tal", den schroffen, wilden Felsketten, den verfallenen Tempelgebaeuden und den knallbunten, renovierten, die mitten in die Felswand hineingepresst scheinen, ist absolut unwirklich. Ich haette nicht gedacht, dass Xining so eindrucks- und stimmungsvoll ist.

Die kleinen Gebetshoehlen jenes Teils des Tempels, der in die Felswand hineingebaut ist, werden von einem halsbrecherischen Gang verbunden, in dem eine Reihe bunter Gemaelde die Di Yu - das taoistische Aequivalent der Hoelle - illustrieren. Angesichts der erstaunlichen Kreativitaet der dargestellten Grausamkeiten verblassen selbst die schlimmsten Werke von Hieronymus Bosch zu Grottenbahn-Illustrationen.

Armut und Ego
Etwas flau im Magen von Folterbesichtigung und hunderte Meter senkrecht abstuerzenden, unbefestigten Felswaenden unter mir, erreiche ich den Tempelausgang. Hier kauert eine Reihe alter, zumeist verkrueppelter Bettler auf dem Boden und streckt mir Blechschalen, Plastikbecher oder fingerlose Haende entgegen.

Ich gebe jedem von ihnen Yuan im Wert von jeweils ein bis zwei Euro. Ihre Freude darueber ist unbeschreiblich: aufgerissene Augen, lautes Lachen, ein alter Mann strahlt mich mit zahnlosem Mund an, ein anderer ohne Beine streichelt meine Knie, ein juengerer Bursch, dessen nackte Fuesse in einem steilen Winkel von den Knoecheln abwaerts nach aussen gewachsen sind, nimmt mich bei der Hand, ein uraltes Bauernehepaar in Lumpen verneigt sich vor mir, und ich werde mit hunderten Dankesphrasen ueberschuettet.

Ich weiss gar nicht, was ich angesichts dessen fuehlen soll ... Freude, Mitleid, Scham, Stolz und Trauer - alles ist dabei. Es ist bedrueckend festzustellen, ein wie grosser Anteil an Egoismus dabei ist, wenn man hilft. Man fuehlt sich besser - selbst nach so minimalen Aktionen wie diesen. Man hat geholfen, ist ein guter Mensch, kann auf sich stolz sein. All das spielt da mit. Mit einer gewissen Beruhigung merke ich aber, dass zumindest auch ein Anteil ehrlicher Freude darueber dabei ist, geholfen zu haben, wirklich armen Menschen das Leben zumindest ein kleines bisschen erleichtert zu haben, ohne jede Spur von Selbstreferenz. Gleichzeitig ist es beschaemend, dass ich mich nicht traue (und auch zu bequem dafuer bin), wirklich zu helfen. Eventuell koennte man so Zufriedenheit erreichen - oder das ist nur Sozialromantik. Ich weiss es nicht. Den Bettlern sind solcherlei Hirnwixereien ziemlich wurscht, fuer sie sind die naechsten paar Tage Ueberleben gesichert. Und vielleicht kommt es ja auch nur darauf an.

Sonntag, 5. April 2009

Go West - Vb: Xi'an, die Rehabilitation

Auf Reisen beobachte ich bei mir zweierlei Sorten von Tagen:

An ersterer Sorte laeuft alles wie am Schnuerchen.

An zweiterer haue ich mir das Schienbein an der Zimmertuere blutig, weil ich aufgrund des mir zuvor aus dem kaputten Wasserhahn ins Auge gespritzten Wassers nichts sehe und folglich - mir das Schienbein reibend - auch meine Zimmernachbarin nicht wahrnehme und sie samt Koffern umrenne, wodurch ich - mich entschuldigend - jenes Taxi um eine Zehntelsekunde versaeume, das eigentlich mich zur ersten Sehenswuerdigkeit zu bringen vorherbestimmt gewesen waere, weshalb ich dann zu Fuss loshetze, meinen Fotoapparat verlierend, was aber nichts macht, da die Sehenswuerdigkeit zunaechst ohnehin stundenlang unauffindbar und schliesslich dann wegen Renovierung geschlossen ist, waehrend ein Baugeruest selbst eine aeussere Fotografierung verunmoeglicht (ganz abgesehen vom nicht vorhandenen Fotoapparat), zum Glueck aber ploetzlich prasselnder Platzregen mein vor Wut darueber heissgelaufenes Gemuet kuehlt, dass mich ein Taxifahrer anpflaumt, dessen Wagen ich wegen jenes Hundes fast uebersehen haette, der mir unverschaemt gegen das Bein pinkelt, meine kurze Gehpause ausnuetzend - Folge eines ploetzlichen voelligen Orientierungsverlustes, wodurch ich auch zuerst meinen Stadtplan zur Hand nehme, der so durch den Regen komplett zerstoert wird, wobei mir auch der Schirm nicht hilft, der genau in jenem Moment seine Sollbruchzeit ueberschreitet und unter meinen unglaeubigen Augen desintegriert ...

Naja, Ihr versteht so ungefaehr, oder?

Gestern duerfte ein solcher Tag gewesen sein. Vielleicht erzaehle ich hier bei Gelegenheit noch jene entzueckende Geschichte, wie ich den Tag konsequent peinlich mit der Verspeisung einer Xi'an-Spezialitaet beendete, ohne zu wissen, wie das denn eigentlich genau geht ...

Aber nicht jetzt. Denn heute war ein guter Tag, und ich muss jetzt diese Stadt fairerweise rehabilitieren.

Es war richtig kitschig. Grauslich eigentlich. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel, 23 Grad, kristallklare Luft, wie ich sie in China noch nie erlebt habe. Ein Taxi, das vor der Hoteltuere wartet, bringt mich zum groessten Taoistischen Tempel Xi'ans. Das heisst: Eigentlich nicht ganz hin, weil der Fahrer meint, man koennte nicht bis ganz hinfahren. (Warum das so waere, habe ich nicht verstanden.) Und als ich schon zu vermuten beginne, dass es heute in der gleichen Manier wie gestern weiterginge, bemerke ich, dass ich durch eine entzueckende Gegend voll kleiner Haeuschen und Maerkte spaziere. Ich stolpere zunaechst ueber einen kleinen buddhistischen Tempel, den ich alleine (und gratis) besichtige, finde dann - voellig unerwartet - auf Anhieb den Ba Xian An ("Acht Unsterbliche Tempel"), einen der wichtigsten taoistischen Tempel. Dieser ist - trotz einiger Touristen - so herrlich friedlich, wie ich es an taoistischen Staetten so liebe. Balsam fuer meine Seele - so dass ich mich danach sogar wieder an eine der ganz grossen Sehenswuerdigkeiten heranwage: die Da Yan Ta ("Grosse Wildganspagode"). Etwa 1.500 Jahre alt ist diese, wie ich nach wiederum erstaunlich reibungslosem Transport feststelle, zwar wieder von Menschenmassen ueberlaufen, diese verteilen sich aber auf dem riesigen Gelaende so effizient, dass eine angenehme, ungestoerte Besichtigung dieser wirklich herrlichen Anlage ohne weiteres moeglich ist.

Als mir dann auch noch genau als ich hungrig werde ein Nudelshop im Tempel begegnet, bin ich schon soweit versoehnt festzustellen, dass Xi'an tatsaechlich die wohl sauberste und ordentlichste Stadt ist, die ich bisher in China gesehen habe. Und im Sonnenlicht ist sie sogar richtig schoen.

Hochmotiviert flocke ich zum Stelenmuseum - der schwersten Bibliothek der Welt. Hier sind in einem wiederum wunderschoen angelegten Gelaende (die Gartenkunst beherrschen sie schon, die Chinesen, es ist unglaublich) mit in allen Farben bluehenden Baeumen, Straeuchern und Blumen 2.300 Steinstelen ausgestellt. Manche davon sind ueber 2.000 Jahre alt - die fruehesten "Buecher" der Menschheit. Sie waren dafuer da, um als Vorlagen zum Studieren beispielsweise konfuzianischer Originaltexte, Gesetzen, Gedichten oder auch kalligrafischer Vorlagen zu dienen, damit durch haendisches Kopieren kein Stille-Post-Effekt entstehe.

Direkt neben dem Museum (ich sag ja: es flockt!) erlaubt mir ein Aufgang auf die vollstaendig erhaltene Stadtmauer einen entspannenden Abendspaziergang - und die Entdeckung, dass es dort oben Fahrraeder zu mieten gibt, mit Hilfe derer man auf der 14 Kilometer langen Mauer die gesamte Altstadt umrunden und unterwegs alte Wehranlagen besichtigen kann. Sollte ich es morgen zu den Terracotta-Kriegern und wieder zurueck schaffen, waere das sehr reizvoll.

Als ich mich zum Abschluss noch mit einem Kalligrafie-Meister ueber dieses mein Lieblingsthema unterhalten kann, ich ihm zwei Kalligrafien abkaufe, die er mir auch noch mit meinem chinesischen Namen in Grasschrift versieht, ist der Tag eigentlich perfekt.

Komisch, dass so oft entweder alles schief geht oder alles klappt.

Haltet mir bitte die Daumen, dass morgen noch so ein Tag sein wird ... die Ton-Manderln wollte ich naemlich immer schon einmal sehen.

Mittwoch, 1. April 2009

Go West - IV: Shaolin und das alte, weisse Pferd

Das wird echt muehsam mit mir. Jetzt mach ich mir schon selbst Stress, dass ich nur ja brav hier reinposte, damit ich nicht womoeglich was vergesse. Dabei schreib ich eh auch seitenweise in mein grossartiges Notizbuch. Die Postings haben halt den Vorteil, dass ich deren Inhalt auch lesen kann. (Wer meine Handschrift kennt weiss, was ich meine.)

Dreschende Moenche
Ja, ich schaffte es: Ich war im etwa 80 Kilometer suedoestlich von Luoyang gelegenen Shaolin-Kloster. Das ist umso mehr eine Leistung, als ich mir einbildete, nicht an einer Tour teilzunehmen, sondern das ganze auf eigene Faust durchzuziehen - und Geld zu sparen (dachte ich). So wehrte ich also heldenhaft Millionen von Keilern ab, die offenbar wild entschlossen waren, mich noetigenfalls auch mit Gewalt zum Kloster zu bringen - und nahm eine Art Linienbus. Um ganze 1,50 Euro.

Der Tempel selbst war eine Ueberraschung. Ich erwartete dicke Amerikanerbaeuche, die der Kinderschar erklaeren, wie sie selbst in ihrer Jugend Bruce Lee persoenlich auf die Matte schicken haetten koennen. Ich erwartete seidenbeschalte Franzosenhaelse, die in Pseudomeditation versunken an allen Ecken verstohlen in die Gegend schielen, ob sie auch interessant genug aussaehen. Ich erwartete oesterreichische Studentenmuender, die ob ihrer bescheidenen Chinesischkenntnisse glauben, mit jedem Einheimischen parlieren zu muessen ...

*Oehm*

Naja, letzteres war dort durchaus vorhanden, nachdem ich erstmal angekommen war; erstere zwei Erscheinungen inklusive hemmungsloser Vermarktung, Touristenhorden und Kung-Fu-Kitsch waren hingegen erstaunlich Low-Key. Es gab Vermarktung und Touristen, durchaus, doch weit weniger als gedacht. Vor allem sah ich so gut wie gar keine Auslaender.

Heilige Ruhe - und wie eine Batterie eine Bergbesteigung verhindert
Die gesamte Anlage strahlte eine unglaubliche Ruhe aus und - so bemueht das jetzt klingen mag - auch eine gewisse Kraft. Der Song Shan - der heiligste Berg der Taoisten - mit seiner wilden, einsamen Landschaft bildete einen wuerdigen Hintergrund fuer die grosse Klosteranlage, deren Gebaeude sich zwar knallbunt, aber trotzdem sehr aesthetisch in die Landschaft fuegen. Vor dem Tempelgelaende fuchteln hunderte Kung-Fu-Schueler in ihren roten Trainingsanzuegen mit Schwertern und Staeben herum, schlagen und werfen einander durch die Gegend und huepfen durch die Luft, dass es nur so staubt (wegen des bereits erwaehnten Loessbodens).

Da meine Kamera mitten im beruehmten Pagodenwald den Geist aufgibt (leere Batterien ... scheinbar ist das neben meinen Klo-Missgeschicken der zweite Running Gag dieser Reise), beschliesse ich, den Song Shan nicht zu erklimmen. Man stelle sich vor: Dort oben ist es wunderschoen - und ich kann es nicht fotografieren! Ein Alptraum. Zusaetzlich zweifle ich an der Bergtauglichkeit meiner Garderobe, die ich dem heutigen herrlich linden (geiles Wort) Fruehlingstag angepasst habe.

Querfeldein zurueck
Das Problem an solchen Individualunternehmungen ist nun, dass man irgendwie auch wieder zurueckfahren muss. Das gestaltet sich dann schwierig, wenn das Objekt der Besichtigung keine offizielle Bushaltestelle besitzt. Daher lasse ich mich gerne von einem sympathischen Vater zweier Soehne, 6 und 11 Jahre alt, ueber's Ohr hauen und fuer gutes, wenn auch jetzt nicht mehr mir gehoerendes, Geld zurueckbringen.

Der gute Mann hat eine gewisse Vorliebe fuer originelle Streckenfuehrung, wie ich bald feststelle. Als meine Niere, Leber und Milz dank unfassbarer Strassenzustaende zyklisch ihre Positionen innerhalb meines Rumpfes vertauschen, bemerke ich, dass wir tatsaechlich mitten durch die kleinsten Doerfer fahren. Erstmalig sehe ich unmittelbar, wie das laendliche China abseits der Schienen und grossen Durchzugsstrassen aussieht - und es ist faszinierend. Aermlich und heruntergekommen, natuerlich - aber auch wunderschoen. Zumal hier in Henan offenbar immer jeweils mehrere Haeuschen hinter eine gemeinsame, gekachelte Frontmauer gepackt werden, in der dann mehrere Tore - manchmal reich verziert, manchmal kaum noch vorhanden - in einen winzigen Innenhof vor dem eigentlichen Haus fuehren. Doch so schaebig koennen die Tore gar nicht sein, dass sie nicht zumindest ein "Duilian" (doppelter Sinnspruch links und rechts der Tuere) oder ein "Fu" (chinesisches Zeichen fuer "Glueck") ziert.

Weisse Pferde (ach DAHER hat der Danzer das!)
Nach dieser ihr Geld wirklich wert gewesenen Rueckfahrt ueberrasche ich mich selbst mit einem spontanen Besuch des Bai Ma Si - des "Tempel des Weissen Pferdes". Das ist der gestern erwaehnte, aelteste buddhistische Tempel Chinas, der immerhin schon seit 2.000 Jahren etwa 20 Kilometer oestlich von Luoyang steht. (An dieser Stelle eine Berichtigung: Luoyang war seit etwa Christi Geburt 13 Dynastien lang Hauptstadt Chinas.)

In der friedlichen Tempelanlage lasse ich meine Seele baumeln, wie man so sagt. (Obwohl ich immer noch nicht herausgefunden habe, von wo aus die Seele dann eigentlich genau wohin baumelt. Ich hab's halt gerne ordentlich. Aber das ist wahrscheinlich unwesentlich.)

Durch dieses effiziente Besichtigungsprogramm kann ich mir morgen mit etwas Glueck sowohl die mit Buddhas vollgehaeuften Hoehlen als auch das mit Graebern vollgehaeufte Museum ansehen - und hab damit doch alles geschafft, was ich wollte! Daher ist auch schon das Zugticket nach Xi'an fuer uebermorgen in meiner Tasche.

Auf dem Klo war ich uebrigens heute noch nicht - der Tag hat also noch Potenzial.

Sonntag, 18. Januar 2009

Sichuan - I: 成都 (Chengdu)

Sodala, da bin ich wieder. Eine ebenso anstrengende wie abwechslungsreiche und aufregende Reise liegt hinter mir - und es war ja völlig klar, dass ich genau dann, wenn ich beschließe, eher statisch zu sein und nur ganz bieder eine Stadt zu bebummeln, besonders viel und besonders abenteuerlich herumfahre. Dementsprechend viele "Firsts" gab es auf dieser Reise auch für mich, und es war sicher jener Trip mit den meisten persönlichen Erlebnissen.

Scharf und Scharf
四川 (Sichuan, Setschwan, Szechuan, etc. - "Vier Flüsse") ist eine große Provinz in Chinas Südwesten. Fast alle Speisen, die wir in Österreichs kulinarischen Tempeln genannt "Chinalokale" bekommen, basieren auf der Küche dieser Provinz, die auch in China selbst höchst beliebt ist. Natürlich kennen wir in Österreich nur einen kleinen Ausschnitt davon - denn angeblich gibt es alleine in Sichuan über 5.000 verschiedene, traditionelle Gerichte. Und scharf sind die, dass einem die Tränen kommen. Im Chinesischen gibt es ja mehrere Wörter für "scharf". Die Sichuanesische Küche ist 麻辣 ("ma la") - die Bezeichnung für eine Schärfe, die weder im Hals noch im Magen brennt, stattdessen aber ein prickelndes, taubes Gefühl im Mund erzeugt, ohne wehzutun. Die Speisen der Provinz Hunan hingegen sind beispielsweise 辣 (la) - eine Schärfe, die man erst im Bauch spürt und die dort wärmt.
Tatsächlich haben wir in ganz Europa nichts, was mit der "ma la" Schärfe zu vergleichen wäre ... es ist, als würde einem der gesamte Mund einschlafen, wenn man in den in Sichuan so beliebten Gatsch aus dem berühmten "Sichuan-Pfeffer", Erdnüssen und Öl beißt, der die Basis sehr vieler Gerichte ist. Schmeckt unglaublich gut, ist ein ausgesprochen schräges Gefühl im Mund - und am nächsten Tag hat man auch noch etwas davon.

Das große Erdbeben
Aber ich schweife ab - so viel gibt's über Sichuan zu sagen, dass hier einfach nix weitergeht. Also: das Erdbeben. Letztes Jahr wurde ja diese Provinz von einem der stärksten Erdbeben erschüttert, die man in China seit langem erlebt hat. Chinas Regierung überraschte in diesem Zusammenhang mit ausgesprochen offener Berichterstattung über das gesamte Ausmaß der Katastrophe und mit intensiven Hilfsmaßnahmen.
Nun war das Beben zwar in allen Nachrichten, aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich auch daran denke, wenn ich wo hinfahre. Deswegen wurde mir erst im Flugzeug nach Sichuans Hauptstadt 成都 (Chengdu = "die vollkommene Stadt") klar, dass das Erdbeben ja dort irgendwo stattgefunden hat. Da die telefonische Reservierung in dem kleinen Hostel vor Ort allerdings problemlos geklappt hat, bin ich einfach einmal davon ausgegangen, dass zumindest die Stadt selbst noch steht.

Das Hostel und Ray
Das Hostel selbst war dann auch schnell gefunden - es liegt inmitten eines "Hutongs", eines alten, traditionellen (aber völlig renovierten) Stadtviertels ohne Autos, das selbst eine Attraktion ist, in einem wunderschönen, alten Haus mit Innenhof. Praktisch direkt gegenüber gibt es eine nette Bar, in der ich den Barmann Ray kennenlerne. Als gebürtiger Chengduer ... Chengdute ... Chengisianer ... Chengiduliöh ... na, jedenfalls als jemand, der in Chengdu geboren ist, weiß er natürlich Bescheid: Das Epizentrum des Erdbebens lag gerade einmal 70 Kilometer nordwestlich von Chengdu. Die Hauptstadt selbst hatte sehr viele Tote zu beklagen, wurde aber nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen wie die Umgebung - die vom Erdbeben mehr oder weniger geplättet wurde. Gedanken an eine mögliche Mithilfe beim Wiederaufbau kamen mir an dieser Stelle, aber dafür wäre wohl eine Woche eventuell ein bisschen zu kurz gewesen. Ray versicherte mir indes, dass jetzt alles wieder in Ordnung wäre - und zumindest auf meinen Reisen in die Umgebung waren keinerlei Spuren der Zerstörung zu sehen.

Ich war in dieser Woche zum Tagesausklang dann noch zweimal Gast in der Bar "Softtone" und plauderte mit Ray über allerlei epochale Dinge. Der 21-Jährige ist zwar eher vom Typ "chinesischer Strizzi", aber trotzdem ausgesprochen nett - und führte mich außerdem in den Sichuanesischen Dialekt ein, der vom Hochchinesischen fast ebenso stark abweicht wie das Shanghaiische. Und auch fast ebenso hässlich klingt, übrigens, mit seinen scharfen "ss" Lauten, wo eigentlich "sch" sein sollte, und den vielen grauslich gedehnten "äääää". Aber schon wieder schweife ich ab.

Mein Hostel, das "Dragon Town Guesthouse", hat alles, was das Herz begehrt: Wunderschöne, original antike Architektur, einen offenen Innenhof, freundliches Personal ... Gut, Heizungen wären bei den vorherrschenden Minusgraden vielleicht noch eine nette Draufgabe gewesen. Duschen bei 10 Grad Badezimmertemperatur hat eher Kneippschen Charakter.

Ray (rechts) und das übrige Personal des "Softtone" Pubs entpuppten sich als reichhaltige Quelle für Informationen über Sichuan und China, die in keinem Reiseführer stehen.
Interessant beispielsweise, dass in Rays Schule der Sexualkunde-Unterricht getrenntgeschlechtlich stattfindet und immer nur das jeweils eigene Geschlecht gelehrt wird. "So müssen wir alles selbst herausfinden", meinte Ray mit etwas unglaubwürdiger Kummermiene.


Die Sache mit den Sichuanesischen Taxis
Bevor ich nun gleich einen eher unlustigen aber dafür optisch ein-Hammer-seienden Bilderreigen der größten Sehenswürdigkeiten der Stadt Chengdu über meine wehrlosen LeserInnen ergieße, gibt es noch eine letzte Besonderheit, die zu erwähnen auch im Hinblick auf mögliche künftige Reisen seitens der KonsumentInnen dieses Blogs nicht uninteressant ist: den Verkehr in Chengdu. Und hier ganz speziell die Taxis und Busse.

In sämtlichen anderen chinesischen Städten, die ich bisher besucht habe, braucht man sich nur einmal am Kopf kratzen, um innert Sekundenbruchteilen von dreiunddreißig beförderungswilligen Taxis über den Haufen gefahren zu werden. In Shanghai vermeide ich so gut es geht, bei einem Spaziergang meinen Schritt zu verlangsamen oder meinen Blick Richtung Straße schweifen zu lassen, aus Furcht vor den Massen an Taxis, Dreirädern und Fahrrad-Rikschas, die mir dann sofort den Weg versperren und mich mit allen Mitteln zur Mitfahrt zwingen wollen.

Nicht so in Sichuans Städten. Sei es Chengdu, Chongqing, Leshan oder Ya'an: Einmal alle heiligen Zeiten gurkt in heiliger Ruhe ein einsames Taxi die Straße entlang - und wird sofort in einer symmetrischen Umkehrung der gewohnten Situation von Heeresscharen wildgewordener Fußgänger umzingelt, die unverzüglich mit vollem Körper- und Geldeinsatz in epische Schlachten um den begehrten Fahrgastposten ausbrechen. Und wer einmal Chinesen in vollem Einsatz erlebt hat, der will da nicht in die Quere kommen. Kurz und gut: Auch wenn sich mir der Grund nicht erschließt, Sichuan - und insbesondere Chengdu - leidet an einem verheerenden Taxi-Mangel. Eine Folge davon sind jene unfassbar komprimierten Menschenbündel, die wie von Geisterhand auf Chengdus Straßen dahinwälzen, und nur bei genauer Betrachtung jene hauchdünne Autobus-Hülle preisgeben, die sie gerade noch irgendwie umschließt, stets haarscharf an der Grenze zur Explosion.

Ich bin also viel zu Fuß gegangen in dieser 5-Millionen-Einwohner-Stadt.

Und wie schaut die eigentlich aus?

So:

Der "Tianfu-Platz" im Zentrum der Stadt ist ein klassisch kommunistischer Prunkplatz - von einer Kollossalstatue des Herrn Mao majestätisch überwunken, bietet er moderne Skulpturen, riesige Einkaufszentren, musikuntermalte Wasserspiele gigantischen Ausmaßes - und vor allem viel Platz.


Der 1.000 Jahre alte Wenshu Tempel ist einer der größten und besterhaltenen buddhistischen Tempel der Provinz. Er bietet prächtige Architektur der Tang-Dynastie, die man - ganz China-untypisch - nicht fotografieren darf. Und drumherum gibt's bei Straßenhändlern das übliche Gemisch aus Kunst und Kitsch, das in Sichuan noch ein gutes Stück vielfältiger ausfällt und dem ich daher noch ein eigenes Posting widmen möchte.

Im ältesten und größten taoistischen Tempel der Stadt - dem Qingyang Tempel - soll vor einiger Zeit Lao Tse persönlich einen Freund getroffen haben, der ihn trotz seiner Verkleidung als Ziegenhirte sofort erkannte. Das ist natürlich eine Sensation (wenn auch reichlich seltsam), und deswegen gibt's da heute zwei Statuen von Ziegen. Und eine ganz eigene, friedliche Stimmung. Meiner Meinung nach die interessanteste architektonische Sehenswürdigkeit von Chengdu - ganz besonders, wenn man sich für Taoismus interessiert.

Und deswegen gibt's davon auch ein zweites Bild. So schauen die taoistischen Mönche aus - mit schlichten, blauen Roben, langen Haaren, die - zu Knoten gebunden - aus oben offenen Mützen herausschauen, und langen Bärten. Ziemlich coole Typen. Und verdammt viele, verdammt komplizierte Gottheiten gibt es in taoistischen Tempeln - besonders wenn man bedenkt, dass der Taoismus eigentlich irgendwo zwischen Philosophie und Religion schwimmt.


Übrigens steht momentan natürlich auch in Chengdu alles im Zeichen des bevorstehenden chinesischen Neujahrsfestes. Am 25. Jänner wechseln wir ja vom Jahr des Ratzen in das Jahr des Rindviechs. Auch in den Tempeln ist daher alles festlich geschmückt. (Hier im Wuhou-Tempel. Glaub' ich.)


Ja gibt es denn in Chengdu nur Tempel, höre ich Euch fragen? Mitnichten! Es gibt auch ganz große, ganz alte Erdhaufen! Wie beispielsweise diesen hier, der mit einem großen Eingang versehen ist. Es handelt sich dabei um das Grab des berühmten Generals Wang Jian - das einzige oberirdische Grabmal Chinas, das für seine 1.000 Jahre noch ziemlich frisch aussieht. (Bildlich gesprochen.) Im Inneren kann man die einzige erhaltene Repräsentation einer Live-Band aus der damaligen Zeit bewundern: 24 Musiker mit ihren Instrumenten sind als Statuen erhalten.


Immer wieder peinlich für mich ist auch die Erfahrung, dass zwar jeder Chinese Shakespeare oder Goethe kennt - uns aber selbst Literaten von so gewaltigem Einfluss wie Li Bai oder Du Fu recht chinesisch vorkommen. Letzterer - einer der wichtigsten Dichter der Tang-Dynastie - hat vor gut 1.200 Jahren in Chengdu gelebt, in einem kleinen Strohdachhaus, um das herum ihm die Kaiser nachfolgender Dynastien ein Denkmal in Form eines riesigen Parkes gesetzt haben. Hier der Eingang.


Hier das recht gemütliche Anwesen, das der Dichter selbst gebaut hat. Wäre in der Nähe vom Neusiedlersee auch nicht so falsch am Platze.

Auch einer der wichtigsten klassischen Dichterinnen Chinas hat man in Chengdu ein Denkmal in Form eines Parkes gesetzt: Xue Tao war ganz narrisch auf Bambus, deshalb gibt es in ihrem Park auch Bambuswälder mit über 150 verschiedenen Arten dieses Mega-Grases ...


... und außerdem ein (teils Freilicht-)Museum mit traditioneller Bambus-Kunst.


Sichuan grenzt ja an Tibet, und so gibt es in der Hauptstadt eine lebendige tibetische Community. Viele Geschäfte sind zweisprachig angeschrieben, überall gibt es tibetische Waren und Kleidung zu kaufen - und auf der Straße sieht man massenhaft tibetische Gesichter und traditionell gekleidete Menschen.

Im nächsten Teil möchte ich gerne über meine drei Tagesausflüge schreiben. Da werde ich mich näher mit faszinierenden Themen befassen wie beispielsweise völlig falschen Entfernungs- und Zeitangaben im Lonely-Planet-Reiseführer, einer helmlosen Motorradfahrt durch Sichuans Hinterland, der Tatsache, dass scheinbar alle Wege keineswegs nach Rom, sondern zum größten Buddha der Welt führen; außerdem mit chinesischen Bauernhöfen und jenem Teil von Tibet, der tatsächlich mitten in Sichuan liegt.

Sonntag, 26. Oktober 2008

Kunshan: Bierbauch und buddhistische Unterhosen

Meine Ideen lassen sich ja generell in eine von zwei Kategorien einordnen: die schlechten und die unpraktischen. Hin und wieder gelingt mir aber ein Einfall, der beides kombiniert: Er ist kompliziert in der Umsetzung, stellt sich dafür aber bald als ziemlich idiotisch heraus. Und in der Anfangsphase schien es, als wäre meine Idee, nach Kunshan zu fahren, eine letztere solche gewesen.

Alle Wege führen nach Rom - und keiner nach Kunshan ...
Kunshan ist eine kleinere Kreisstadt in der Nähe von Zhouzhuang - oder eigentlich ungekehrt, denn Zhouzhuang gehört zum Verwaltungsbezirk Kunshan. Obwohl die Stadt also ganz in der Nähe von Shanghai liegt, fährt absolut niemand hin. Mich reizt so etwas. Denn es bedeutet, dass es dort vermutlich recht untouristisch und folglich auch ziemlich original-chinesisch zugeht. Also beschloss ich, diesen Ort aufzusuchen, dort eine Nacht zu verbringen und herauszufinden, wieso man nie etwas davon hört.

... doch dafür ist man schnell dort.
Obwohl Kunshan etwa genauso weit von Shanghai entfernt ist wie Zhouzhuang, benötigt der Zug zu ersterem Ziel nicht ganz jene vollen zwei Stunden der Busfahrt zu zweiterem. Um genau zu sein, war ich nach 18 Minuten da. Dies liegt daran, dass das Städtchen an der Strecke Shanghai-Nanjing liegt, die von einem der hypermodernen Hochgeschwindigkeitszüge befahren wird, die mit 220 km/h dahinbrausen. Der Komfort dieser fast lautlos dahingleitenden Gefährte ist schwer zu beschreiben und man möchte gar nicht mehr aussteigen. Doch bei einer Strecke von etwa 60 Kilometern zahlt es sich kaum aus, sich hinzusetzen.

Jaja, ich hör' eh schon auf zu quatschen ...
In der Stadt angekommen, glaubte ich zunächst, endlich ergründet zu haben, wieso außer mir zwar alle nach Hangzhou oder Suzhou - niemand aber nach Kunshan fährt: Es ist stinkschiach.

Dachte ich zumindest. Zum Glück stellte sich das bald als vollkommener Irrtum heraus. Doch sehet selbst:


Die Reise beginnt in der entspannten Atmosphäre des Shanghaier Bahnhofs. So sieht eine der dutzenden Wartehallen außerhalb der Reisesaison für einen Zug an ein nicht besonders populäres Ziel aus. Beim Check-in in den Bahnhof und der anschließenden Durchleuchtung ist natürlich noch viel mehr los.

In Kunshan angekommen, begrüßt mich zunächst ein Sex-Shop ("Mann-Frau-Beziehungszubehör" im Chinesischen), und dann obiges reizvolles Flußpanorama. Ich frage mich, warum ich nicht einfach wie alle anderen auch zu den schönen Zielen der Umgebung fahre.


Die Hotelsuche ist schnell erfolgreich: Nur 14 Euro kostet das Zimmer mit Live-Sound von der befahrenen Hauptstraße. Die Dusche ist nur mäßig verschimmelt, und man hat zahlreiche Wahlmöglichkeiten: entweder zögerlich tröpfelndes Warmwasser oder ein kräftiger, eiskalter Strahl.

Die Chinesen schätzen ja die Kunst der Vermehrung. Und so gibt es im Hotel neben Shampoo, Seife und Einmal-Zahnbürste auch Aphrodisiakum. Natürlich fein säuberlich nach Geschlechtern getrennt - für den müden Mann und die fade Frau. Fast bekomme ich Lust, jenes für die Frau einzunehmen, um zu prüfen, ob ich dann schwul werde.


Doch bereits mein erster Spaziergang versöhnt mich: Kunshan ist eine freundliche, blitzsaubere und auch schöne Stadt, in der man hervorragend einkaufen kann. Ich erstehe wunderbares Kalligraphie-Zubehör und sogar eine ausgesprochen fesche Hose und Jacke um 20 Euro. Noch etwas fällt auf: Als Westler erregt man nur freundliche Neugier, bekommt aber nicht wie in den Touristenzielen alle drei Schritte "Watches", "Handbags" oder "Lady! Massage!" angeboten. Ich erfahre, dass Kunshan der wohlhabendste Verwaltungsbezirk Chinas ist. Und das merkt man auch.


Um Schreiben zu können, scheue ich keine Kosten und Mühen: Ich erstehe nichts geringeres als das "bequemste Heft, mit dem ich je zusammengestoßen bin".

In dem selben Buchgeschäft, in dem ich obiges Sensations-Heft erwerbe, sind die einzelnen Themenbereiche sogar auf Englisch angeschrieben. Das ist fein. Denn sollte ich jemals mein Interesse an dem weitreichenden Fachgebiet der "Odd Flake Chance" entdecken: Kunshan hat zu diesem Thema ein reichhaltiges Sortiment.


Die Auswahl mancher hochspezialisierter Abteilungen ist hingegen eher überschaubar. Wie beispielsweise diese hier. Aber das richtet sich ja auch an ein ausgesprochen anspruchsvolles Nischenpublikum.


Mein Spaziergang führt mich weiter in den Norden der Stadt. Dort stoße ich unvermittelt auf den wunderschönen, großen "Tinglin"-Garten, ein riesiges, geschlossenes Gebiet, das in der Tradition der chinesischen Gärten sowohl kunstvoll arrangierte - und mit Statuen, Ziersteinen und Gewässern versehene - als auch "ungezähmte" Natur umfasst.


Dort gibt es auch einen Berg mit großartiger Aussicht sowie allerlei antiken Bauwerken, den ich natürlich sofort erkraxle.


Sogar ein sehr geschmackvolles Museum entdecke ich - und erröte vor Scham. Muss ich doch erst hier erfahren, dass Kunshan der Geburtsort der Kunqu-Oper ist. Dies nicht zu wissen mag ja noch angehen. Aber dass ich der "Kunqu" bloße Existenz nicht einmal ahnte, ist schon etwas peinlicher - ist sie doch die Mutter aller klassischen, chinesischen Opern, zu denen beispielsweise die Guangdong-Oper, die Sichuan-Oper oder - die unter Europäern bekannteste Form - die Peking-Oper gehören.


Nach dem auch akustisch durchaus anspruchsvollen Museumsbesuch, kommt mir ein Teehaus wie gerufen. Es gehört einem reizenden älteren Ehepaar, das mir hervorragenden Drachenbrunnen-Tee kredenzt. Inklusive Wasser nach Belieben, in der im üblichen geschmackssicheren chinesischen Design gehaltenen Thermoskanne. Die alte Dame des Hauses interessiert sich sehr für meine Chinesisch-Studien; doch nach einem ebenso angeregten wie netten Gespräch genieße ich auch gerne die an diesem regnerischen Tag friedliche Umgebung - und schreibe sogar ein Lied, das nicht allzu schlecht ist.


Es ist schwer zu verstehen, warum sich in Shanghai tausende Touristen um einen einzigen Tempel prügeln - während hier in Kunshan ein riesiger solcher steht, der mindestens ebenso schön, allerdings vollkommen frei von Menschen ist. Mit Ausnahme einiger Mönche und einiger buddhistische Gebete praktizierender Einheimischer bin ich der einzige Besucher - und genieße vollkommen ungestört von Menschen, Keilern und Souvenierverkäufern die dort wirklich würdevolle Ruhe des heiligen Platzes. Dabei entdecke ich auch viel Wissenswertes über das Leben im Tempel ...

... wie beispielsweise, dass auch der buddhistischen Mönch seine Kutte waschen muss, und die Unterhose seines Vertrauens zum bewährten Modell "Feinripp Maxi" gehört. Da fällt das enthaltsame Leben leicht.

Doch nicht nur der Einkehr und Ruhe will gefrönt sein. Spätabends erkunde ich das lebendige Nachtleben von Kunshan. Beim einem langen Gespräch in einer Bar bemerke ich erstaunt, dass mein Chinesisch offenbar doch schon zum Plaudern ausreicht.
Irgendwie beschleicht mich aber auch das Gefühl, dass ich nicht der erste Europäer bin, den es nach Kunshan verschlägt. Schön, dass auch die Chinesen sich das beste aus unserer Kultur aneignen.