Donnerstag, 22. Januar 2009
Sichuan - IIb: Kung Fu Panda/der Film
Nachdem ich das gesehen hatte, war mir auch klar, dass der Film "Kung Fu Panda" eigentlich völlig aus dem Leben gegriffen war. (Wer den noch nicht gesehen hat: Der ist wirklich herzig!)
Ich hoffe, dass das Hochladen klappt - es sind immerhin 25 MB.
Viel Spaß.
Dienstag, 20. Januar 2009
Sichuan - II: Riesenbuddhas und Minipandas - meine Ausflüge
Nun ja.
Die Folge dieses lobenswerten Vorsatzes war natürlich ein unwiderstehlicher Drang, aus der Stadt rauszukommen - und zwar so schnell wie nur irgend möglich. Zu meiner Freude (und Überraschung) war dies auch problemlos möglich, da die Menschen in China zwar zum Frühlingsfest wie die Heuschrecken reisen, aber offenbar nicht so sehr auf Kurzstrecken.
Leshan: Ein Mordstrumm Buddha ist kaum zu finden
So führte mich bereits am zweiten Tag mein Weg zur südlichen Long-Distance-Bus-Station. Das ist übrigens einer netten Dame in einer Bahnticket-Vorverkaufsstelle zu verdanken, die sich weigerte, mir ein Zugticket nach Leshan zu verkaufen, weil das - wie sie meinte - zu umständlich wäre. Ich solle doch lieber mit dem Bus fahren.
Und recht hatte sie: In Leshan GIBT es nämlich gar keine Zugstation! Das Tolle daran: Tickets dorthin werden trotzdem verkauft. Obwohl allerdings zwar der Name der kleinen Stadt auf der Fahrkarte steht, hält der Zug tatsächlich in einer anderen Stadt, 40 Kilometer entfernt. So gefinkelt sind die Chinesen!
Ich jedenfalls stand am Folgetag um 7 Uhr auf. (Um 7 Uhr! Ich!! Freiwillig!!!) Dunkel war's, kalt - und natürlich dickster Nebel, wie immer, wenn ich mich auf meine geliebten Reisen durch's chinesische Hinterland begebe, um möglichst viel von der Landschaft mitzubekommen.
Als ich dann so herumstand im Warteraum der Busstation - mit dem erfolgreich gekauften Ticket in der Hand - und mir etwas Sorgen machte, weil ich kein Rückfahrticket erstehen konnte, fragte ich einfach mal aus Jux und Tollerei einen etwas nervös wirkenden Angestellten der Busgesellschaft, wo und wann denn mein Bus losfahren würde. So erfuhr ich auch, warum der gute Mann so nervös war: Der ganze Bus wartete nur noch auf mich, denn er wollte eigentlich ganz gerne losfahren. Ich fühlte mich geschmeichelt: Ein ganzer Bus! Wartet! Auf mich! Das ist nett.
Nun, "ganzer Bus" ist in diesem Fall ein bisschen hochtrabend, denn es handelte sich um ein Fahrzeug mit einer Gesamtkapazität von genau sechs Leuten, deren einer ich selbst war. So zwänge ich mich also in den Winz-Bus, und los geht's. Während der 150 Kilometer langen Fahrt studiere ich meinen treuen Lonely Planet Reiseführer und finde heraus, dass der größte Buddha der Welt - die wichtigste Sehenswürdigkeit in Sichuan - tatsächlich nicht so wirklich genau in der Stadt Leshan ist, sondern *misst.mit.den.Fingern.auf.der.Karte* (eins, zwei, ...) etwa drei Kilometer außerhalb. Das kann ja kein Problem sein - da fahren wir einfach rein nach Leshan, dachte ich, schauen uns die Busstation an, dachte ich, kaufen dort gleich ein Rückfahrticket, dachte ich, und dann spazieren wir die drei Kilometer bis zum Buddha. Dachte ich.
Nun.
Chinesen tendieren leider dazu, immer genau dann fürchterlich hilfsbereit zu sein, wenn das nur zu Verwirrung führt. Mein Busfahrer war ein solch hinterhältiger Typ. Fragt der Mann doch jeden einzelnen seiner Insassen, wo er oder sie denn gerne aussteigen würde - anstatt einfach zur zentralen Busstation zu fahren! Eine Frechheit. Ich sage dann halt, ich würde mir gerne den großen Buddha anschauen - und ein mitreisendes chinesisches Pärchen will das auch. Außerdem glaube ich zu verstehen, dass die beiden nach erfolgter Besichtigung auch gerne wieder nach Chengdu zurückwollen. Das ist gut, da kann ich mich dranhängen.
Nachdem wir also die (angeblich) wunderschöne Landschaft von Sichuan in einem Nebel durchmessen hatten, der dick genug war, um mir gerade noch den Blick nach vor zu meinem Brillenglas zu ermöglichen, fährt der Busfahrer nach Leshan hinein, auf der anderen Seite wieder heraus - und dann jene 15 Kilometer, die der große Buddha tatsächlich außerhalb der Stadt liegt. Tja, auf die Pläne im Lonely Planet ist eben Verlass. "Und was mach ich jetzt bitte?" frage ich mein inneres Auge (die taube Nuss), "wie komm ich von hier draußen jemals wieder nach Leshan - geschweige denn zurück nach Chengdu? Muss ich hier etwa elendiglich verhungern?"
Egal, da ist ja dieses Pärchen, die wollen das ja auch. Also - nicht verhungern, sondern zurück nach Chengdu.
Soooviel zu meinem chinesischen Hörverständnis; denn als ich den beiden strahlend eröffne, dass sie das Glück hätten, mit mir gemeinsam nach Chengdu zurückzufahren, antworten sie mit freundlicher Verwirrung, dass sie dieses gar nicht zu tun gedenken.
Wie dem auch sei, ich habe jenes - wie sich herausstellt - riesige Gebiet erreicht, auf dem nicht nur der große Buddha steht, sondern auch ganz viele andere Statuen und Heiligtümer.
Um das ganze abzukürzen: Ich schaffe es, mich zunächst im Park zu verirren und den großen Buddha gar nicht zu finden - danach komme ich von ihm dafür gar nimmer weg: Wo auch immer ich hingehe, schon nach kurzer Zeit sehe ich wieder der Riesenstatue linkes Ohrläppchen vor mir (das immerhin 3 Meter lang ist).
Das Heimkommen ist dann überhaupt insgesamt recht abenteuerlich. Aufgrund des schlechten Wetters habe ich die einmalige Erfahrung, praktisch alleine diese Stätte zu besichtigen, von der ich von Fotos weiß, dass sich üblicherweise Menschenmassen durch sie hinwegwälzen. Dadurch habe ich allerdings auch Mühe, Menschen zu finden, die ich nach dem Ausgang fragen kann. Das schaffe ich aber dann doch - und stehe also kilometerweit außerhalb von Leshan im Nichts.
Zum Glück gibt's da draußen aber eine alte Dame. Auf meine Frage hin, wie ich denn nach Chengdu käme, holt sie einen älteren Herrn. Dieser kennt einen weiteren älteren Herrn, der mich wiederum einem jüngeren Herrn vorstellt. Und der setzt mich auf sein Motorrad.
Als ich dann also kurze Zeit darauf - selbstverständlich ohne Sturzhelm - auf einem Motorrad mit etwa 130 km/h durch die chinesische Pampa düse, Tränen in den Augen vom Fahrtwind, bin ich relativ gespannt, wo mich der Gute denn eigentlich hinbringt. Wenn ich ihn recht verstanden habe, zu einer Busstation. Gut wär's, die gesamten 150 Kilometer nach Chengdu halte ich so jedenfalls nicht aus. Und tatsächlich: Nach zehn Minuten Fahrt stehe ich im noch wilderen Nirgendwo, aber neben einer Busstation. Dort smalltalke ich mit meinem Fahrer, der sich sehr für mein Heimatland interessiert - bis der Bus kommt, in dem ich ein Ticket kaufe, das um einiges billiger ist als für die Herfahrt. Und das war's. Bezahlt habe ich dem freundlichen chinesischen Biker für den Transport nichts - aber nachgewunken hat er mir noch. Im Bus verkaufen mir dann noch einige alte Bäuerinnen etwas zum Essen - irgendwelche in Bambus gewickelten Klebereistaschen mit Fleischfüllung - und mir geht's eigentlich ziemlich gut.
Und hat sich meine kleine Reise ausgezahlt? Das kann man aber laut sagen! Der gesamte Park ist großartig - und der 71-Meter hohe Buddha ist absolut atemberaubend.
Aber sehet selbst:
Die gesamte Anlage, wo der Große Buddha steht, ist riesig - mit Unmengen an Statuen, Höhlen, Tempeln und sonstigen buddhistischen Heiligtümern. Und ihr stolzes Alter von 1.300 Jahren sieht man ihnen wirklich nicht an.
Besonders nicht diesem freundlichen, heiligen Herrn, der sein Bäuchlein auch nach so langer Zeit ganz offensichtlich noch sehr zufrieden vor sich herschiebt. Ich weiß nicht ... die Buddhisten haben schon mehr Spaß mit ihren Heiligenbildern als wir faden Christen in Österreich. Könnt ich mir zumindest vorstellen.
Und da ist er dann schließlich: der große Brummer. Auf Fotos kann man leider überhaupt nicht wiedergeben, wie unglaublich riesig der ist. Extrem enge, extrem steile Stiegen (im Hintergrund sichtbar) führen von ganz oben bis ganz unten und auf der anderen Seite wieder rauf - für die gefällige Besichtigung aus jeder Perspektive.
Hier steige ich bereits hinunter (zum Vergleich: ein Mensch ist etwa halb so groß wie das Ohrläppchen) ...
... und schließlich habe ich die Füßchen erreicht. Schuhgröße 578. Nur für die große Zehe.
Von hier überblickt man auch den Min-Fluss - und der sich zu dieser Zeit etwas lichtende Nebel erlaubt mir sogar einen Blick auf die ach-so-nahe Stadt Leshan.
Ya'an: An der Grenze zu Tibet
Schon zwei Tage nach meinem Buddha-Trip reizte es mich, doch einmal möglichst nahe an die tibetische Grenze heranzufahren. Nun gehört der gesamte Westen Sichuans geografisch und kulturell bereits zu Tibet, also konnte ich mit einem einfachen Ausflug von abermals etwa 150 Kilometern in das kleine Städtchen Ya'an an diese Grenze vorstoßen. Noch weiter ist im Winter ohnehin nicht zu empfehlen, da sehr kalt (weil hohe Berge) - und außerdem brauchen die Busse auf den "gefährlichsten Hochpässen der Welt" etwa einen halben Tag pro 100 Kilometer. Nein, nein, das muss nicht sein - ich fahr einfach in den letzten noch locker erreichbaren Ort.
Außerdem schau ich mir so gerne die europäischen Tibet-Reisenden an - zu erkennen an den Rastalocken, Piercings, bunten Pluderhosen (Männer), langen Haaren mit Stirnbändern, bunten Brillen, Birkenstockschlapfen (Frauen) und dem Baby in der Patchwork-Tragtasche am Rücken des Mannes (falls Ehepaar) - in jedem Fall aber mit Backpack, einer Todesverachtung für Gruppenreisende oder Menschen, die in Hotels absteigen, und einer sehr kritischen Haltung gegenüber den "bösen Chinesen" - alles Kennzeichen dieser zutiefst toleranten Menschen.
Davon abgesehen gibt's in dieser Gegend auch schon 7.500 Meter hohe Berge.Angeblich.
Denn auf meiner Fahrt nach Ya'an treffe ich einen alten Freund: den Nebel. Er ist so freundlich, mich die gesamte Reise zu begleiten - und von eventuellen Himalaya-Vorgebirgen, die da irgendwo liegen sollen, bemerke ich rein gar nichts. Aber dafür sehe ich sehr viel entspannendes Weiß.
Im Ort Ya'an selbst eröffnet sich mir, warum dort niemand hinfährt: Es gibt einfach absolut nichts zu sehen! Aber schon wirklich gar nichts. Na gut: eine ziemlich tolle Brücke, aber ansonsten ist das ein freundliches und völlig normales chinesisch-tibetisches Städtchen. Meine paar Stunden für diverse Spaziergänge reichen dann auch völlig aus - stets begleitet vom mauloffenen Starren der lokalen Bevölkerung, die offenbar noch nicht oft europäische Gesichter gesehen hat. Jedenfalls muss ich mich mehrmals mit mir völlig fremden Familien und Freundesgruppen fotografieren lassen. Ein seltsames Gefühl, nun vielleicht irgendwo als Foto am Kaminsims von diversen chinesischen Familien herunterzugrinsen.
Das einzig sehenswerte in Ya'an: das chinesische Pendant zur Ponte Vecchio. Sichuan hat ja eine 3.000 Jahre alte Teekultur - und dementsprechend ist auch fast jedes einzelne Geschäft auf dieser Brücke ein Teehaus. Ich kaufte dort zwei verschiedene lokale Sorten. Übrigens hervorragend.
"Wenn ich schon nix seh' von der Landschaft, dann marschier' ich wenigstens hinein", dachte ich bei mir und wanderte ein wenig in die Umgebung. Die Vegetation ist anders - aber ansonsten wären die dortigen Bauernhöfe auch in der Südsteiermark nicht undenkbar.
Die lokalen Bauern haben vielleicht blöd geschaut, als auf einmal ein wohl etwas verlegen grinsender, westlicher Tourist inklusive Rucksack und Kartenmaterial mitten durch ihr Gehöft marschierte.
Tibetische Kultur ist in Ya'an allgegenwärtig. Und ich muss gestehen: Ich bereue, bei den Straßenhändlern nichts gekauft zu haben. Was mach ich jetzt, wenn ich gach eine Bärentatze benötige? Zum Glück habe ich im Verlauf meines Aufenthalts zwei sehr nette Tibeter kennengelernt, die mich zu sich nach Hause in Gyatse (Tibet) eingeladen haben. Die kann ich ja im Rahmen des Besuchs fragen, ob sie mir eventuell eine Reserve-Tatze abtreten könnten.
Panda-Butzerln
Wiederum zwei Tage später führte mich ein Pflicht-Ausflug zur größten Panda-Zuchtstätte der Welt.
Die Giant Panda Breeding Research Base liegt einige Kilometer nördlich von Chengdu. Nach einiger Verhandlung konnte ich einen Taxifahrer (ja, ich fand einen) dazu überreden, für einen Pauschalpreis an diesem Tag mein Fahrer zu sein; denn ich hatte keine Lust, für so einen kleinen Trip eine dieser lähmenden und lärmenden Touren zu buchen.
Unsere zwei Pandas im Schönbrunner Zoo wurden übrigens in dieser Research Base geboren, also war das gewissermaßen ein Verwandten-Besuch.
Die Basis ist viele Hektar groß und bietet den Pandas artgerechte Haltung in Anlagen, die etwa mit Safariparks zu vergleichen sind.
Hier gibt es immerhin 40 Riesenpandas (und einige Rote Pandas) zu bewundern - und der Park selbst ist auch toll gestaltet: mit Museum, der Möglichkeit, die Forschungsstationen zu besichtigen, Dokumentarfilmen, hübschen Spazierwegen - und der größten Attraktion ...
... der Babystation. Während sich in Wien Menschenmassen um einen raschen Fernblick auf Fu Long prügeln, stand ich hier eine halbe Stunde alleine etwa 10 Zentimeter entfernt von sieben Pandababies, die wie die Wahnsinnigen herumtollten, kletterten und spielten. Fotografieren konnte ich nur diese drei müden Bärlis, weil die ruhig genug hielten, um bei den schlechten Lichtverhältnissen ein Foto zu ermöglichen.
Sonntag, 18. Januar 2009
Sichuan - I: 成都 (Chengdu)
Aber ich schweife ab - so viel gibt's über Sichuan zu sagen, dass hier einfach nix weitergeht. Also: das Erdbeben. Letztes Jahr wurde ja diese Provinz von einem der stärksten Erdbeben erschüttert, die man in China seit langem erlebt hat. Chinas Regierung überraschte in diesem Zusammenhang mit ausgesprochen offener Berichterstattung über das gesamte Ausmaß der Katastrophe und mit intensiven Hilfsmaßnahmen.
Ray (rechts) und das übrige Personal des "Softtone" Pubs entpuppten sich als reichhaltige Quelle für Informationen über Sichuan und China, die in keinem Reiseführer stehen.
Interessant beispielsweise, dass in Rays Schule der Sexualkunde-Unterricht getrenntgeschlechtlich stattfindet und immer nur das jeweils eigene Geschlecht gelehrt wird. "So müssen wir alles selbst herausfinden", meinte Ray mit etwas unglaubwürdiger Kummermiene.
Die Sache mit den Sichuanesischen Taxis
Bevor ich nun gleich einen eher unlustigen aber dafür optisch ein-Hammer-seienden Bilderreigen der größten Sehenswürdigkeiten der Stadt Chengdu über meine wehrlosen LeserInnen ergieße, gibt es noch eine letzte Besonderheit, die zu erwähnen auch im Hinblick auf mögliche künftige Reisen seitens der KonsumentInnen dieses Blogs nicht uninteressant ist: den Verkehr in Chengdu. Und hier ganz speziell die Taxis und Busse.
In sämtlichen anderen chinesischen Städten, die ich bisher besucht habe, braucht man sich nur einmal am Kopf kratzen, um innert Sekundenbruchteilen von dreiunddreißig beförderungswilligen Taxis über den Haufen gefahren zu werden. In Shanghai vermeide ich so gut es geht, bei einem Spaziergang meinen Schritt zu verlangsamen oder meinen Blick Richtung Straße schweifen zu lassen, aus Furcht vor den Massen an Taxis, Dreirädern und Fahrrad-Rikschas, die mir dann sofort den Weg versperren und mich mit allen Mitteln zur Mitfahrt zwingen wollen.
Nicht so in Sichuans Städten. Sei es Chengdu, Chongqing, Leshan oder Ya'an: Einmal alle heiligen Zeiten gurkt in heiliger Ruhe ein einsames Taxi die Straße entlang - und wird sofort in einer symmetrischen Umkehrung der gewohnten Situation von Heeresscharen wildgewordener Fußgänger umzingelt, die unverzüglich mit vollem Körper- und Geldeinsatz in epische Schlachten um den begehrten Fahrgastposten ausbrechen. Und wer einmal Chinesen in vollem Einsatz erlebt hat, der will da nicht in die Quere kommen. Kurz und gut: Auch wenn sich mir der Grund nicht erschließt, Sichuan - und insbesondere Chengdu - leidet an einem verheerenden Taxi-Mangel. Eine Folge davon sind jene unfassbar komprimierten Menschenbündel, die wie von Geisterhand auf Chengdus Straßen dahinwälzen, und nur bei genauer Betrachtung jene hauchdünne Autobus-Hülle preisgeben, die sie gerade noch irgendwie umschließt, stets haarscharf an der Grenze zur Explosion.
Ich bin also viel zu Fuß gegangen in dieser 5-Millionen-Einwohner-Stadt.
Und wie schaut die eigentlich aus?
So:
Der "Tianfu-Platz" im Zentrum der Stadt ist ein klassisch kommunistischer Prunkplatz - von einer Kollossalstatue des Herrn Mao majestätisch überwunken, bietet er moderne Skulpturen, riesige Einkaufszentren, musikuntermalte Wasserspiele gigantischen Ausmaßes - und vor allem viel Platz.
Der 1.000 Jahre alte Wenshu Tempel ist einer der größten und besterhaltenen buddhistischen Tempel der Provinz. Er bietet prächtige Architektur der Tang-Dynastie, die man - ganz China-untypisch - nicht fotografieren darf. Und drumherum gibt's bei Straßenhändlern das übliche Gemisch aus Kunst und Kitsch, das in Sichuan noch ein gutes Stück vielfältiger ausfällt und dem ich daher noch ein eigenes Posting widmen möchte.
Im ältesten und größten taoistischen Tempel der Stadt - dem Qingyang Tempel - soll vor einiger Zeit Lao Tse persönlich einen Freund getroffen haben, der ihn trotz seiner Verkleidung als Ziegenhirte sofort erkannte. Das ist natürlich eine Sensation (wenn auch reichlich seltsam), und deswegen gibt's da heute zwei Statuen von Ziegen. Und eine ganz eigene, friedliche Stimmung. Meiner Meinung nach die interessanteste architektonische Sehenswürdigkeit von Chengdu - ganz besonders, wenn man sich für Taoismus interessiert. Und deswegen gibt's davon auch ein zweites Bild. So schauen die taoistischen Mönche aus - mit schlichten, blauen Roben, langen Haaren, die - zu Knoten gebunden - aus oben offenen Mützen herausschauen, und langen Bärten. Ziemlich coole Typen. Und verdammt viele, verdammt komplizierte Gottheiten gibt es in taoistischen Tempeln - besonders wenn man bedenkt, dass der Taoismus eigentlich irgendwo zwischen Philosophie und Religion schwimmt.
Übrigens steht momentan natürlich auch in Chengdu alles im Zeichen des bevorstehenden chinesischen Neujahrsfestes. Am 25. Jänner wechseln wir ja vom Jahr des Ratzen in das Jahr des Rindviechs. Auch in den Tempeln ist daher alles festlich geschmückt. (Hier im Wuhou-Tempel. Glaub' ich.)
Ja gibt es denn in Chengdu nur Tempel, höre ich Euch fragen? Mitnichten! Es gibt auch ganz große, ganz alte Erdhaufen! Wie beispielsweise diesen hier, der mit einem großen Eingang versehen ist. Es handelt sich dabei um das Grab des berühmten Generals Wang Jian - das einzige oberirdische Grabmal Chinas, das für seine 1.000 Jahre noch ziemlich frisch aussieht. (Bildlich gesprochen.) Im Inneren kann man die einzige erhaltene Repräsentation einer Live-Band aus der damaligen Zeit bewundern: 24 Musiker mit ihren Instrumenten sind als Statuen erhalten.
Immer wieder peinlich für mich ist auch die Erfahrung, dass zwar jeder Chinese Shakespeare oder Goethe kennt - uns aber selbst Literaten von so gewaltigem Einfluss wie Li Bai oder Du Fu recht chinesisch vorkommen. Letzterer - einer der wichtigsten Dichter der Tang-Dynastie - hat vor gut 1.200 Jahren in Chengdu gelebt, in einem kleinen Strohdachhaus, um das herum ihm die Kaiser nachfolgender Dynastien ein Denkmal in Form eines riesigen Parkes gesetzt haben. Hier der Eingang.
Hier das recht gemütliche Anwesen, das der Dichter selbst gebaut hat. Wäre in der Nähe vom Neusiedlersee auch nicht so falsch am Platze.
Auch einer der wichtigsten klassischen Dichterinnen Chinas hat man in Chengdu ein Denkmal in Form eines Parkes gesetzt: Xue Tao war ganz narrisch auf Bambus, deshalb gibt es in ihrem Park auch Bambuswälder mit über 150 verschiedenen Arten dieses Mega-Grases ...
... und außerdem ein (teils Freilicht-)Museum mit traditioneller Bambus-Kunst.
Sichuan grenzt ja an Tibet, und so gibt es in der Hauptstadt eine lebendige tibetische Community. Viele Geschäfte sind zweisprachig angeschrieben, überall gibt es tibetische Waren und Kleidung zu kaufen - und auf der Straße sieht man massenhaft tibetische Gesichter und traditionell gekleidete Menschen.
Im nächsten Teil möchte ich gerne über meine drei Tagesausflüge schreiben. Da werde ich mich näher mit faszinierenden Themen befassen wie beispielsweise völlig falschen Entfernungs- und Zeitangaben im Lonely-Planet-Reiseführer, einer helmlosen Motorradfahrt durch Sichuans Hinterland, der Tatsache, dass scheinbar alle Wege keineswegs nach Rom, sondern zum größten Buddha der Welt führen; außerdem mit chinesischen Bauernhöfen und jenem Teil von Tibet, der tatsächlich mitten in Sichuan liegt.
Freitag, 9. Januar 2009
Ab in die Mitte!
Mindestens ebenso wichtig ist es, dabei stets leuchtendes Vorbild zu sein und als lebendiger Beweis dafür zu fungieren, dass die westliche Kultur keineswegs etwas zu Verteufelndes sei und somit schlechten Einfluss ausübt ...
In diesem Sinne: Bis bald - und ich bin dann schon wieder mal weg ...
Mittwoch, 7. Januar 2009
Guangxi - VI: Schräges
China ist ja generell ein sehr musikalischer Ort. Das gilt auch für Guangxi. Seien es blinde Bettler, die auf selbstgebastelten Erhu (= 2-saitigen Geigen) mitten auf belebten Straßenkreuzungen spielen ...
... oder professionelle Erhu-Spieler, die in Parks üben und dabei geradezu klassisch chinesische Bilder prägen ...

... oder einfach das gesamte chinesische Volk, das in jedem Park, auf jedem Platz, zu jeder Tages- und Nachtzeit gemeinsam tanzt. Und zwar Manderl und Weiberl, jung und alt, reich und arm - zu jeder Art von Musik: von Peking-Oper bis zu Hardcore-Techno.
Und erst, wer einmal chinesische Omas in Mao-Anzügen begeistert Hiphop-Routinen zu 50 Cents "In da Club" durchziehen gesehen hat, kann ermessen, wie engstirnig wir Europäer in muskalischer Hinsicht sind.

Die schönen Künste sind überhaupt omnipräsent. Kalligraphie wird gerne auch mal im Park praktiziert - mit Riesenpinsel und Wasser aus der Trinkflasche auf Beton. Nicht gerade Werke für die Ewigkeit.

Aber die Guangxi-Leute wissen auch, wie man sich mit leichtlebigeren Aktivitäten amüsiert: Alle paar Meter bieten ältere Herren chinesisches Schach an. Gegen sie kann man gegen ein bisschen Geld antreten, verlieren - und dann herrlich streiten. Wie im Bild ersichtlich, ist auch für Nichtspielende das Zuschauen ein gern praktizierter Zeitvertreib - seien es Fußgänger, zufällig auf dem Gehsteig vorbeirasende Motorradfahrer oder Gelegenheits-Weihnachtsmänner.

Der chinesische Sinn für Amüsement ist dabei recht allumfassend - auch Buddha himself ist mit Freude glücksspielend bei der Sache ...

... und beim Bummel durch die Straßen finden sich Hinweise, dass es auch in chinesischen Schlafzimmern lustig zugehen dürfte.

Uns Ausländern steht in Chinas Straßen dabei ein weiterer, nie versiegender Quell steter Freude offen: Übersetzungen. Ob nun Schilder auf die bestehende Möglichkeit der überraschenden Inbesitznahme eines Zentrums áufmerksam zu machen suchen ...
... oder man im Park höflich aufgefordert wird, andere zu sespecten während sie appseciaten, indem man die Unversehrtheit der Umgehbung semaint (???).

Ja, man mag schmunzeln über unvollkommene Übersetzungen. Zum Glück aber gibt es doch universelles, sprachliches Verständnis. So wissen beispielsweise auch findige chinesische Modeschöpfer, dass die Nutzung französischer Markennamen Europäern stets gehobenes Niveau und verfeinerten Geschmack suggeriert.

Und hier werden sie auch geholfen. Zum Beispiel durch Hinweisschilder. Obwohl in obigem Setting ja für jedermann offensichtlich ist, dass hier eine öffentliche Fernsprechanlage zur Nutzung bereitsteht, weist ein (nagelneues!) Schild extra noch darauf hin.

Auf Stränden gibt es Schilder, die zum Tragen angemessenen Schuhwerks auffordern. Die Interpretation dieser Worte bleibt dann hingegen offensichtlich der individuellen Auslegung überlassen.
Dienstag, 6. Januar 2009
Mein Bauch und ich
Sprach's und war mit Begeisterung bei der Sache.
Hier sitze ich also in meinem Zimmer, draußen köchelt Reissuppe - das einzige, was ich zurzeit zu mir nehmen kann - und ärgere mich unendlich, da meine Klassenkameraden heute natürlich zur großen Goodbye-Party geladen haben. Vielleicht schaue ich kurz auf einen Kamillentee vorbei, wenn ich mich bis dahin weiter als zehn Meter vom Klo fortwagen kann. Einige meiner Kollegen sind ja schon weg, die meisten fliegen in den nächsten Tagen. Nur sehr wenige bleiben auch im nächsten Semester; man wird einander also wohl nie wieder sehen.
Meinem Bauch ist das wurscht. Klar. Der hat sowieso nur Scheiße im Kopf. (Entschuldigen aber auch.)
Dafür habe ich meine Schreiben/Grammatik-Prüfung mit 98% absolviert, die Lese-Prüfung mit 90%. Mündlich sollte sich auch in der Gegend bewegen - nur das Hörverständnis macht mir Sorgen. Bei beiden letzteren Prüfungen weiß ich mein Ergebnis noch nicht, aber vielleicht finden ja unsere Lehrer bald heraus, wer wissen könnte, wen man fragen könnte, um herauszufinden, wer wissen könnte, wann man wen kontaktieren kann, der jemanden kennt, der zumindest eine Ahnung hat, wann die Ergebnisse festehen. Und ob man sie auch erfährt.
Ansonsten werfe ich mich jetzt wiederum in mein Bettchen, gemeinsam mit Bauch und Reisbrei, und hoffe, dass ich innerhalb von fünf Tagen gesunde. Wenn meine Reise ins Wasser fällt, dann sind wir nämlich geschiedene Leute, meine Bauch und ich.
Sonntag, 4. Januar 2009
Das Ende naht!
Denn ja, es ist wahr, morgen und übermorgen habe ich die großen Semester-Klausuren. Insgesamt vier Stück, an jedem Tag jeweils zwei. Und ich muss gestehen, dass ich mich gar nicht wohl fühle. Nur vier Tage Lernen habe ich investiert in eine Stoffmenge, die jenseits von Gut und Böse liegt - auf ordentliche Vorbereitung verzichtet, zugunsten meiner Reise. Was ich bisher auch noch nicht bereut habe.
Bisher.
Denn jetzt krampft sich mir der Magen zusammen, angesichts der nicht unwahrscheinlichen Peinlichkeit, dass mir bei der morgigen Hörverständnis-Prüfung alles Spanisch vorkommt, dass ich bei der darauf folgenden Sprech-Examination nur Gestammel von mir gebe; dass beim übermorgigen Schreib- und Grammatik-Test die Tinte meines Stiftes so gut wie vollständig erhalten bleibt - und ich bei der abschließenden Lese-Klausur mehr die Schönheit der mir auffallend unbekannten Zeichen bewundere als sie tatsächlich zu verstehen.
Gut, das ist ein bisschen übertrieben. Bezüglich des Schreibens und Lesens bin ich nicht ganz so nervös - hauptsächlich, weil ich den prüfenden Professorinnen da nicht in die Augen blicken muss. Aber das Sprechen morgen ... und vor allen Dingen das Hören! Wo man (bzw. ich) doch hier die Leute eh nicht verstehe - und das auch noch in einem solch rasenden Tempo!
Naja. Es ist ja eigentlich nicht so wichtig. Nichtsdestodennoch freue mich schon darauf, wenn es vorbei ist.
