Freitag, 2. Januar 2009

Guangxi - V: 北海 (Beihai)

Weil ich gerade Lust zu schreiben habe, bitte sich mental auf außergewöhnlich viel Text vorzubereiten. Wenn’s zu fad ist, gibt’s das nächste Mal wieder nur Bilderln und ich lasse die schönen Worte in meinem Tagebuch. Sie wünschen, ich schreibe. Oder auch nicht. Egal.

Reise zum südlichsten Punkt
Am 27. Dezember ging es mit dem Zug weiter in die kleine Küstenstadt Beihai, gelegen auf einer Halbinsel am Golf von Tongking – weiter südlich kommt man in Guangxi nicht mehr. Bei der Fahrt hat alles geklappt, nur nebelig war es und es dauerregnete den ganzen Tag, so dass sich wie erwartet das Landschaftserlebnis auf etwa 100 Meter links und rechts vom Bahndamm erstreckte.

Bei der Ankunft in Beihai empfangen mich gleich zwei alte Bekannte: der strömende Regen und die Panik. Denn was ich aus dem Bahnhof kommend sehe, ist nicht ermutigend: Ich stehe so richtig schön im Nirgendwo, vor mir eine scheinbar endlose, offene, riesige und sensationell hässliche Straße. Das ist Beihai?

Mit Psing zum Hotel
Doch mittlerweile kann mich so etwas nicht mehr entmutigen. Im Bahnhofshotel kaufe ich eine Straßenkarte, identifiziere eine Buslinie, die in die Stadt führt, und steige einfach einmal ein.

Im Bus erklärt mich ein ausgesprochen freundlicher, wenn auch recht rustikaler, Herr mit großem Bambusstab in der Hand und immerhin drei Zähnen im Mund sofort zu seinem besten Freund. Er kommt aus Xi’an (etwa 2.000 km weiter nördlich) und ist stolzer Besitzer eines ganz eigentümlichen Dialekts – immer wieder sagt er zu mir etwas, das wie „Psing“ klingt. Eine Silbe, die es im Mandarin-Chinesisch nicht einmal gibt. Eine Frechheit.

Er will mir, soweit ich verstehe, unbedingt einen Ort zeigen, wo es viele billige Hotels gibt. Als ich dann aber bei der Fahrt durch die – zum Glück sehr einladende – Innenstadt ein paar nette kleine Pensionen erspähe, verabschiede ich mich unhöflicherweise spontan – sehr zum Amüsement der anderen Fahrgäste, die meinen neuen Freund wie mir scheint etwas hämisch angrinsen.

Die Stadt strotzt – wie ich schnell herausfinde – nur so vor Pensionen, und ich spaziere einfach in die erstbeste hinein. Die ist auch ein ziemlicher Volltreffer. Um 10 Euro pro Nacht bin ich nun mitten im Zentrum, habe ein geradezu klinisch sauberes, großes und schönes Zimmer mit Bad, in dem es alles gibt, was man braucht – mit Ausnahme einer Heizung. In der Nacht wird da bei 15 Grad Innentemperatur das Duschen zum Kneipp-Erlebnis.

Ein Abend am schwarzen Meer
Beim ersten längeren Erkundungsspaziergang falle ich als weit und breit einziger Ausländer so sehr auf wie nie – kaum jemand, der sich nicht erstaunt nach mir umdreht. Doch wieder geht ein Traum in Erfüllung: Ich sehe zum ersten Mal das chinesische Meer! Naja … zumindest bin ich zum ersten Mal am chinesischen Meer. Denn es ist schon dunkel, und vor mir liegt nur brackig riechende Schwärze. Aber die Hafengegend ist trotzdem interessant – überall liegen uralte Schiffe, um mich herum unerwartet koloniale Architektur, und in kleinen Zimmern direkt am Kai sortieren Fischer ihren Fang.

Abendessen gibt es dann in einem chinesischen Fast-Food-Lokal – einmal etwas völlig anderes: Fisch mit Rindfleisch auf Reis, dazu eine Hühnersuppe und warmer Salat, außerdem eine Art Orangenschalensaft mit Eis. Dazu bekomme ich – warum auch immer – zum ersten Mal seit vier Monaten westliches Besteck. Ich bemerke, dass ich damit gar nicht mehr richtig umgehen kann.

Als ich leicht genervt im strömenden Regen herumbummle, überlege ich, dass ich es doch recht weit gebracht habe. Von jemandem, für den es noch vor drei Jahren undenkbar gewesen wäre, auch nur einen Tag nach Leoben zu fahren ohne lange vorauszuplanen, zu dem, was ich gerade tue: spontan in einem unbekannten Teil Chinas mit Bus und Zug herumtrampen und in kleinen Städten ohne Plan und Ziel Sehenswertes suchen. Damit bin ich wohl zumindest auf halbem Weg zwischen echtem Abenteurer und Cluburlauber angelangt. Und da fühle ich mich eigentlich auch ganz wohl.

Satisfaction in der chinesischen Almhütte
Am Abend finde ich durch Zufall eine richtige Nightlife-Straße. Mindestens fünfzehn verschiedene Bars gibt es dort, für jeden Geschmack etwas. Ich entscheide mich für die „Music Bar“, deren Inneres ein wenig an eine österreichische Bauernstube erinnert, mit viel Holz und Schnitzereien.


Was nicht so recht in die Almromantik passen will, sind jene zwei junge Chinesen mit Keyboard und E-Gitarre, die den Gästen verschiedenste recht rockige Nummern um die Ohren hauen. Gerne auch Cover-Versionen bekannter westlicher Hits, vorwiegend von den Rolling Stones – allerdings auf Chinesisch. „Satisfaction“ in starkem Guangxi-Dialekt fetzt ganz schön und ist eine willkommene Abwechslung zu den üblichen, süßlichen Taiwan-Pop-Sülznummern Marke „Hansi Hinterseer auf Chinesisch“.

Krabben am Silberstrand
Als ich am nächsten Tag die Zimmervorhänge beiseite ziehe, begrüßt mich zu meiner Begeisterung wieder der Regen. Inspiriert von diesem Anblick, kaufe ich um teures Geld ein Ticket zur Underwater-World, dem lokalen – überdachten – Aquarium. Kaum ist das erledigt, stoppt umgehend der Regen - zum ersten Mal seit 36 Stunden. „Häckerln kannst wen anderen“, blasphemiere ich gedanklich zum Wettergott hinauf und lasse kurzerhand mein Ticket verfallen, um rasch mit dem Bus zum berühmten Silberstrand zu fahren, der ein paar Kilometer weit vom Stadtzentrum entfernt im Süden der Halbinsel liegt.

Dort ist es herrlich: Dünen, Palmen, ein endloser, breiter Sandstrand – überzogen mit Millionen winziger Krabben, die dicht an dicht vor ihren Löchern sitzen und kleine Kugeln aus Sand formen. Vermutend, bald Zeuge der weltgrößten Krustentier-Schlammballschlacht zu werden, stelle ich fest, dass die Tierchen im Erschreckensfalle blitzschnell in ihren Löcher verschwinden. Empirisch finde ich weiters heraus, dass sie mit sehr herziger Verwirrung reagieren, wenn ein böser Mensch ebendiese Löcher vor der Flucht ein wenig mit Sand bedeckt.

Als ich gerade einem der Tierchen beim Kugerlmachen zuschaue (meine Lieblingsbeschäftigung, gleich nach dem Beobachten von Farbetrocknen oder Graswachsen), setzt mir plötzlich eine ältere Dame ein solches Winz-Kräbblein auf die Hand. Keine Ahnung, wie sie das flinke Ding gefangen hat, aber da sitzt es nun, blickt nach links, blickt nach rechts, schaut zu mir rauf … und stürzt sich daraufhin sofort von meiner Hand ins Verderben hinunter. Da soll man ein gesundes Selbstbewusstsein aufbauen.

Meine drei asiatischen Omas
In Beihai ist es mir nun endgültig unmöglich, irgendwo für längere Zeit alleine zu bleiben. Als ich mich einsam in einer kleinen, verfallenen Strandhütte mit einem Topf Fertignudeln hinsetze (für die mir die „Hausherrin“ extra in einer Pfanne Wasser erhitzt), gesellen sich sofort drei ältere Damen zu mir. Ein Gespräch entspinnt sich, im Zuge dessen ich erfahre, dass sie Volksschullehrerinnen aus Chengdu sind (wo mich meine nächste Reise hinführen wird).


Offenbar aufgrund ihrer pädagogischen Ausbildung sprechen sie mit mir sehr langsam und deutlich, so dass ich das meiste auch tatsächlich verstehe. Außerdem fühle ich mich ein bisschen, als hätte ich meine Oma in dreifacher asiatischer Ausführung getroffen: Abwechselnd ermahnen sie mich streng, mich wärmer anzuziehen (denn ich trage wegen der Schwüle nur ein T-Shirt) und vor allem schneller zu essen, damit meine Nudeln nicht kalt werden. Mit großem Erstaunen bemerke ich plötzlich, dass ich gar nicht mehr realisiere, gerade mit Chinesen zu sprechen. Alles fühlt sich völlig gleich an wie in Wien – die Reaktionen der alten Damen, ihre Art etwas zu sagen, ihre Mimik, der Humor, einfach alles. Da wird mir erst richtig klar, dass jener „herzige“ Eindruck, den Chinesen auf uns Österreicher manchmal machen und über den man sich gerne lustig macht, nur vom Akzent und von Verlegenheitsreaktionen aufgrund fehlenden Sprachverständnisses herrührt, und nicht so sehr von einer anderen Mentalität. Wenn man sich mit Chinesen in ihrer eigenen Sprache unterhält, wirken sie plötzlich wie jeder dahergelaufene Wiener – und höchstens man selbst ist auf einmal „herzig“ und seltsam.

Da hat er sich also versteckt: ein alter Bekannter im Bus
Ich bummle noch ein wenig die vereinsamte Promenade mit ihren tropischen Pflanzen, den Souvenirshops und den endlosen Hotelfronten entlang, die mich abwechselnd an die englische, griechische, italienische und französische Küste erinnert – natürlich immer mit chinesischem Flair – und da der Regen wieder einsetzt, entschließe ich mich, mit dem Bus rasch zurück zum Aquarium zu fahren und vielleicht doch noch mein Ticket zu gebrauchen.

Früher hätte ich in einer solch fremden Umgebung wohl dreimal gecheckt, ob ich an der richtigen Station warte und ob mich der Bus auch wirklich, wirklich, wirklich dorthin bringt, wo ich hin möchte. Jetzt bin ich ja schon sooo lässig, und besteige folglich mit Verve Bus Nr. 1 – was völlig falsch ist. Dieser Bus, wie ich in bester Learning-by-doing-Manier herausfinde, bringt mich weit hinaus aus Beihai, zu irgendeiner abgelegenen Dorfschule. Ich frage daraufhin den Busfahrer („Bist Du Amerikaner oder Italiener?“ – „Ich komme aus Österreich.“ - „Ah! Sound of Music!“), wie ich wieder zurück in die Stadt käme, und er bringt mich daraufhin noch ein Stückchen weiter zur richtigen Station mitten in der ärgsten Pampa. Nach kurzer Wartezeit kommt der richtige Bus – und in ihm entdecke ich Erstaunliches: ein westliches Gesicht! Kein besonders gelungenes Exemplar eines solchen, aber immerhin. In einer derartigen Umgebung entwickelt sich da ganz automatisch ein Gespräch. Mein Gegenüber ist ein mittelalterlicher, stattlicher Mann, kommt aus Cleveland, Ohio, und heißt Richard. Ich vermute allerdings, das ist ein Deckname, denn es handelt sich hierbei ganz eindeutig um den offenbar wieder gesundeten Koarl.

Koarl erzählt mir, er lebe seit drei Jahren mit seinem chinesischen Girlfriend in Beihai (Foto hat er dabei), unterrichtet an der Schule Englisch und spricht – wie ich mit Erstaunen bemerke – praktisch kein Chinesisch. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, unverzüglich mit einer hübschen, ungefähr zwanzig Jahre jüngeren Fahrgästin anzubandeln, der er mit einer Handbewegung bedeutet, sich doch neben ihn zu setzen. Er lehnt sich dabei auch vor und fragt – natürlich nicht auf Chinesisch – ob sie denn Englisch spräche. Aus ihrer verlegenen Reaktion wird offensichtlich, dass sie dies nicht tut, daher übersetze ich seine Frage ins Chinesische. Koarl ist ob der direkten Konfrontation mit der Tatsache, dass man auch als Westler ein bisschen Chinesisch sprechen kann, anscheinend etwas düpiert, jedenfalls redet er plötzlich nicht mehr so viel mit mir. Macht nichts – wenn er das nächste Mal drei Jahre lang in einem fremden Land lebt, wo ein Girlfriend zu Hause auf ihn wartet, lernt er ja ab jetzt vielleicht zumindest genügend Vokabel, um erfolgreich anzubandeln.

Koarl ist allerdings auch durchaus nützlich. Denn von ihm erfahre ich, dass gerade die Regenzeit begonnen hat und dass es ab jetzt wochenlang schütten wird. Großartig. Es geht doch nichts über einen wohlvorbereiteten Trip in die Tropen. Und mein Aquarium-Ticket ist auch verfallen.

Schlüsselsprache
Der 29. Dezember ist dann ein großartiger Tag. Noch nie habe ich so viel mit fremden Menschen geplaudert wie heute. Seien es Kellnerinnen, Buschauffeure oder zufällig am Nebentisch sitzende Angestellte der Arzneimittelbranche – alle plaudern sie mit mir auf Teufel-komm-raus. Und ich bemerke mit großer Faszination, dass sich mein Chinesisch in dieser einen Woche einen Riesenschritt weiterentwickelt hat. Zum ersten Mal verstehe ich tatsächlich, was mich die Menschen fragen und kann dann zumeist auch in halbwegs ganzen Sätzen antworten. Der Dialekt hier kommt mir zwar entgegen – alles ist diesbezüglich besser als Shanghai – aber es ist nicht nur das. Dadurch, dass ich ununterbrochen in Situationen gelange, in denen ich reden muss, verliere ich die Scheu davor – was Wunder zu wirken scheint. Ich genieße das jedenfalls sehr, denn ich spüre richtig, wie man die Seele und Kultur eines Landes ausschließlich in der lokalen Sprache unverfälscht erleben kann. Soviel also zu meinen Reiseplänen in afrikanische Länder. Mist.

Reise ins Unbekannte
Übrigens glaube ich, ich schaffe heute noch einen Schritt weiter weg vom Cluburlaub. Denn am Vormittag lasse ich mich von einem Taxi bis an den äußersten Zipfel jener Halbinsel bringen, auf der Beihai liegt. Auf meiner praktischen Landkarte hatte ich nämlich gesehen, dass es dort einen großen Wald gibt, mit ein paar Bergen und offenbar auch Steilküsten und Stränden.

Was ich an chinesischen Landkarten weniger schätze, ist das vollkommene Fehlen eines Maßstabs. Das Taxi fährt dann auch irgendwie erstaunlich lang, in eine wirklich abgelegene Gegend. Andere Taxis gibt's dort jedenfalls keine. Doch auf meine Frage hin erklärt mir die Taxifahrerin (netterweise etwa dreimal, bis ich es verstehe), dass von hier alle halben Stunden bis 18.30 der Bus Linie 6 fährt. Sollte mein Chinesisch allerdings doch noch nicht so grandios sein, wie ich bis gerade eben dachte, und sie hat mir in Wirklichkeit offenbart, dass der nächste Bus in einem halben Jahr im sechsten Monat fahren würde … na, dann gibt’s da immer noch diesen Herren da drüben vor dem verfallenen Wellblech-Schuppen, der offenbar ein Motorrad besitzt.

Recht entspannt krabbele ich dann also auf Strand und Felsen herum. Außer mir gibt es hier nur ein paar Fischer, einige wenige andere Spaziergänger – und natürlich keine Touristen. Der Strand und die Steilküste sind spektakulär – und am tollsten ist, dass ich von dort auch direkt in die Hügel gelangen kann und folglich mitten hinein in den subtropischen Wald. Da wandere ich natürlich gleich darauf los. Als mir allerdings bewusst wird, dass die Wege völlig unmarkiert sind, wandelt sich meine Wanderung in einen Spaziergang, was den Spaß nicht mindert.

Der Rückweg klappt ganz gut, auch wenn es hier am Land keine Stationen mehr gibt, sondern die wenigen Fahrgäste offenbar wissen, wo der Bus hält. Ich allerdings nicht - also marschiere ich halt einfach einmal drauflos und warte, bis mir der Bus entgegen kommt. Als ich dem Fahrer freundlich zuwinke, bleibt er gleich stehen und nimmt mich mit. Plaudernd fahren wir einige Runden durch die hiesigen Kaffs, und eine halbe Stunde später bin ich wieder in Beihai. Der Bus bietet nur etwa zehn Fahrgästen Platz und wirkt, als würde er jeden Moment auseinanderfallen. Außer mir, dem Fahrer und einer Schaffnerin fahren nur noch drei Bäuerinnen mit. Als ich aussteige, winken sie mir alle nach.


Heute meldet sich der rasende reisende Reporter aus Beihai. Wo auch immer ich gehe, entweder ich schleppe meinen Laptop mit - wie hier im Hotelzimmer ...


... oder ich schreibe auf herkömmliche Art - wie hier kurz vor dem Treffen mit meinen asiatischen Omas. Soviel also zum Aktualitätsbeweis meiner Berichte. Zur Sache. Beihai.

Da fliegt man 2.000 Kilometer in eine ferne Provinz, fährt 200 Kilometer mit dem Zug in ein abgelegenes Örtchen - und dann schaut's da aus wie am St. Pöltener Hauptplatz.

Zum Glück gibt's da noch die Hintergasseln. Die sind zwar auch teilweise kolonial-französisch (wir sind ja nahe der vietnamesischen Grenze), aber das Flair ist ein ganz anderes. Und ja: China kann auch menschenleer sein.

Jetzt wird's richtig chinesisch: das Frühlingsfest nähert sich, und da ist jede Haustüre bereits mit den "Duilian" - den doppelten Sinnsprüchen - und anderem Traditionellen geschmückt.

Mein erster Anblick des chinesischen Meeres: Fischerbötlein an der Nordküste von Beihai.

Und das ist der Silberstrand. Notfalls könnte man Chinas Menschenmassen da noch hinstopfen.

Allerdings muss man sich dann eine Alternativlösung für die kleinen Krabben ausdenken, die dort bereits flächendeckend ihre Kugerln machen. (Größe des Tierchens übrigens etwa 1 cm)

Die Natur ist in Beihai überhaupt sehr originell - auch wenn Bruder Baum dort unten nicht zwingend zum Umarmen einlädt.

Clemens fährt wieder einmal Bus. Und so schaut's dann dort aus, wo er auf den RICHTIGEN Bus warten muss. (Dafür hätte ich ohne diese Fehlfahrt Koarl nicht wiedergetroffen.)

Der äußerste Westzipfel der Beihai-Halbinsel steht nun wirklich in keinem Reiseführer mehr. Dabei ist er toll. (Wenn man erstmal hinkommt.)

Die Fischer vertrauen dort jedenfalls noch traditionellen Fangmethoden. (Und ihrem Gleichgewicht.)

Direkt neben der Küste: der subtropische Regenwald. Falls es sowas überhaupt gibt. Jedenfalls war's Wald, der hat tropisch ausgeschaut, und geregnet hat's auch.

Und mittendrin, ganz hoch oben über dem Meer, plötzlich eine Plattform mit einem Boot drauf. Hach, das lädt zu manch' keckem Schabernack ein. (rudolfottokar: Das Zeigen ist extra für Dich und Deine Gattin.)

Beim Versuch, von dort draußen wieder zurück nach Beihai zu kommen, stieß ich zwar zunächst nicht auf die erhoffte Busstation, dafür aber auf eine wirklich originelle Werft. In Handarbeit werden dort liebevoll ziemlich schöne Schiffe zusammengebaut. Jetzt brauchen die nur noch ein Meer dafür zu graben.

Der freundliche Busfahrer klaubt mich dann mitten in der Botanik auf und bringt mich zurück. Durch das Fenster sichtbar sind die anderen Fahrgäste und die Schaffnerin.

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Guangxi - IV: 南宁 (Nanning)

Shanghai – die Zivilisation hat mich wieder. Oder eigentlich wohl eher das Gegenteil. Denn mein Ausflug nach Guangxi hat mir gezeigt, dass wie fast überall auf der Welt Menschen in abgelegenen Gegenden viel freundlicher und offener sind als jene in großen Städten. Im Vergleich bemerke ich nun mit großer Begeisterung, was für unnahbare Grantscherben die Shanghaier sind. Da passe ich als Wiener wenigstens gut hin.


Bitte schnell zu den Bildern scrollen, jetzt kommt der fade Sightseeing-Teil
Guangxi („Die westliche Weite“) ist fast genau dreimal so groß wie Österreich, liegt an der Grenze zwischen den Subtropen und den Tropen und ist eine der ärmeren und entlegeneren Provinzen Chinas. Richtig touristisch erschlossen ist eigentlich nur der Nordosten, die Gegend um Guilin mit seinen weltberühmten Karstfelsen. Ich aber bin sehr glücklich, in den unbekannteren äußersten Süden vorgedrungen zu sein.


Nach meinen Einstiegs-Postings darf ich nun einen dreiteiligen, stärker bildorientierten Auszug meiner Reise geben, der aus Gründen der dramaturgischen Faulheit meinerseits im Tagebuchstil gehalten ist. Dafür sind die Texte schnörkellos und straight, live und vor Ort entstanden. Der heutige beschäftigt sich mit meinen drei Tagen in Nanning, der folgende mit den zwei Tagen in Beihai und der letzte schließlich mit Vermischtem und Schrägem, denn davon gab es in diesen paar Tagen eine derartige Flut, dass ich nicht zuletzt deshalb mit nicht weniger als 200 Fotos und 20 Filmen heimgekehrt bin.

Der lustige Clemi-Marathon
Am 25. Dezember war ich ausgesprochen effizient. Ich habe sowohl einen Stadtplan dieser 1,3-Millionen-Stadt als auch Hin- und Rückfahrtickets für Beihai organisiert.


Dann erfolgte mein üblicher Besichtigungs-Gewaltmarsch – zunächst kreuz und quer, ohne System, durch die Stadt, die mich stark an das erinnert, was ich in Dokumentationen über Vietnam oder Thailand gesehen habe. Man merkt die Nähe zu den südostasiatischen Ländern – alles spielt sich draußen ab, es brummt und brüllt und ist generell sehr fröhlich chaotisch. Außerdem war ich doch tatsächlich am Christtag bei strahlendem Sonnenschein im T-Shirt unterwegs und schaffte es sogar, zu schwitzen. Ich habe den Volkspark besucht – die Vegetation geht dort schon stark ins Tropische, und das ist für mich etwas ganz Neues: mitten im Winter alles grün, Blüten überall, Palmen und sonstige Pflanzen, die ich bisher nur von Fotos kenne.


Westliche Gesichter habe ich in zwei Tagen unter all den zigtausenden genau zwei gesehen, und dementsprechend viel Aufmerksamkeit bekam ich; allerdings freundlicher Natur und völlig ohne Keilerei, weil man ausländische Touristen offenbar nicht so sehr gewohnt ist. Stets wurde ich gerufen, man winkte mir zu, strahlte mich freundlich an und bei zwei Gelegenheiten drückte man mir sogar irgendwelche Dinge in die Hand; ich vermute in der Überzeugung, ich würde diese essen. Oder damit jonglieren. Ich bin mir nicht ganz sicher. Als Reaktion entschied ich mich daher für mein patentiertes Allzweck-Gesicht: ein Zwischending zwischen freundlicher Verzweiflung und dankbarer Verständnislosigkeit.

Maximale Minderheit
Am Nachmittag war das lokale Minderheiten-Museum an der Reihe, wo ich vor allem das angeschlossene Freilichtmuseum mit originalen Bauwerken der Zhuang-, Miao-, Yao-, Maonan- und Dong-Minderheiten in seliger Einsamkeit durchmaß. Von Chinas insgesamt 55 offiziellen Minderheiten sind in Guangxi, der autonomen Provinz der Zhuang, ganze elf heimisch. Das Zhuang-Transkriptionssystem, dem man überall auf der Straße begegnet, sieht übrigens wild aus – ein Konsonantensalat ähnlich dem Walisischen, was für mich zwanghaften Schilderleser natürlich prompt konstante Zungenverstauchung zur Folge hatte.


Am Abend entdeckte ich durch Zufall gleich neben meinem Hotel eine „Food-Street“, die jenen auf Taiwan glich – ich habe mich sofort dorthin zurückversetzt gefühlt. Was es dort alles gibt, ist unglaublich – und wirklich exotisch. Früchte in allen Farben und Formen und Tier-mäßig alles, was kreucht und fleucht – lebendig und gehäutet, ganz und in Stücken. Die Fotos dazu präsentierte ich ja bereits – den Geruch und den Lärm kann ich leider nur staunend in der eigenen Erinnerung behalten.

Resumé: Weder Bar noch Vokabel
Was ich nicht schaffte, war, zum Tagesabschluss noch irgendwo eine nette Bar zu finden, um auf ein Bier zu gehen. Stattdessen bin ich auch am Abend noch herumgelaufen. Ich glaube, ich habe einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt. Grob geschätzt waren es sicher an die zwanzig bis fünfundzwanzig Kilometer an diesem Tag - und zwar ohne Pause. Da ich die Nacht zuvor aus unerfindlichen Gründen sehr schlecht geschlafen hatte, war ich schon früh am Abend vollkommen erschlagen. Vermutlich sollte ich langsam eher Bingo-Abende und Töpfer-Kurse in Erwägung ziehen. Für meine anstehenden End-Prüfungen gelernt hatte ich folgerichtig an diesem Tag auch nichts, dafür in der nächsten Nacht hervorragend geschlafen. Hauptsache, ich schleppte etwa drei Kilo an Lernmaterialien mit mir herum. Aber die sollen ruhig auch mal ein bisschen die Welt sehen.

Ich lenze faul
Am nächsten Tag, dem 26. Dezember, habe ich auf das tolle Frühstücksbüffet gepfiffen, bin sehr lange im Bett geblieben und nahm mir vor, es gemütlich anzugehen. Ich setzte mich in ein chinesisches Café und frönte dort einem herrlichen Kaffee „Vienna“, wobei mir gar nicht bewusst war, dass man bei uns Kaffee mit Erdbeerschlagobers und buntem Streusel trinkt. Auch das dazu servierte süßsaure Salzkeks erschien mir nicht zwingend österreichisch. Aber was weiß ich schon. Doch siehe da: Auf einmal bekam ich ganz von selbst Lust, ein paar Vokabeln zu wiederholen. Und wie das immer so ist, folgte der Rest auf dem Fuße: Urplötzlich war mir – trotz trüben, regnerischen Wetters – nach einer Besichtigung des größten medizinischen Gartens Chinas, der in den östlichen Außenbezirken Nannings liegt.


Der medizinische Rübenacker
Da bin ich dann auch standesgemäß mit dem Bus hinausgefahren und habe der Versuchung widerstanden, das Taxi zu nehmen. Naja, eigentlich ist „hingescheppert“ der passendere Ausdruck. Die Gegenden, durch die ich dabei fuhr, waren wild, und etwas vergleichbar Ärmliches hatte ich bis da noch nicht gesehen.


Die Anlage selbst war zunächst ein wenig verwunderlich, weil es zwar ein paar beschriftete Pflanzen gab, aber ansonsten das Ganze eher einem Stück Wildnis inklusive Bauernhäusern ähnelte als einem medizinischen Garten. Weiter drinnen gab es dann allerdings eine toll gestaltete, riesige Region, die unterteilt war in Bereiche mit jeweils Bäumen, Lianen, Kräutern und Tieren und deren Anwendung in der chinesischen Medizin. Die größte Attraktion in diesem Park aber war zu meinem Erstaunen ich selbst – zumindest wenn ich die Blicke der verdutzten Angestellten richtig interpretiere, die offenbar noch nie zuvor einen Besucher erblickt hatten. An diesem Tag war ich jedenfalls der einzige.


Nightlife die zweite
Am Abend wollte ich dann aber doch noch einen heroischen Versuch starten, das Nanninger Nachtleben zu erkunden. Ich fand auch eine Straße, in der es offenbar einige Bars gab, und war wild entschlossen, zumindest in einer von diesen noch ein Bier zu trinken. Ja, ich bin schon ein wilder Hund.



Ich bin dann tatsächlich noch sehr lange etwas orientierungslos auf dieser Straße herummarschiert. Zunächst entdeckte ich einen vermeintlichen Club – zumindest war er als solcher angeschrieben. Er stellte sich aber als Karaoke-Zentrum heraus. Jedenfalls fand ich keinen allgemeinen Dancefloor, sondern nur die typischen abgeschlossenen Karaoke-Abteile, aus denen überirdische Geräusche an mein gequältes Ohr drangen. Also verließ ich den schönen Ort wieder, denn blamieren kann ich mich auch alleine, dafür brauche ich nicht mal Musik. Danach stieß ich aber zufällig auf einen echten Club – der wiederum als Bar angeschrieben war. Ein sehr chinesischer Ort, mit Stehtischen, Würfelspiel, professionellen Tänzern und Sängern, die mit ihren enthusiastischen Live-Shows ein für Westliches gewohnte Menschen immer wieder schräges Spektakel bieten.


Innerhalb kürzester Zeit gesellten sich dann noch zwei Mädels zu mir an den Tisch. Ich war der einzige Westler dort, und das war offenbar interessant. Natürlich konnten sie kein Englisch, also habe ich mich mehr schlecht als recht auf Chinesisch durchgeschlagen. Dank meiner makellosen Sprachkenntnisse glauben die wahrscheinlich heute noch, ich wäre ein ugandischer Opernsänger auf der Durchreise. Gemeinsam fanden wir jedenfalls heraus, dass man zu chinesischen R’n’B-Heulern problemlos Wiener Walzer tanzen kann – ¾-Takt ist dabei gänzlich unnötig – und ich lernte ein neues chinesisches Würfelspiel, im Laufe dessen ich wiederum eindrucksvoll etablierte, dass ich unfassbar viel Glück in der Liebe haben muss. Überhaupt war der Abend eine recht heitere Sache, auch wenn ich mich nach Entdeckung einer interessanten Drachentätowierung am Handgelenk einer der beiden Damen vorsichtshalber höflich aber rasch verabschiedete.


Um nun noch ein wenig Farbe in die Angelegenheit zu bringen, darf ich abschließend aufs Heftigste bebildern:



Die Vegetation in Guangxi ist auch im Winter durchaus keine Kleinvogelblähung. Und zwar auch außerhalb botanischer Gärten.


Im Volkspark ging es jedenfalls recht lieblich zu.

Auch architektonisch spielt Nanning alle Stückerln. Sowohl modern ...

... als auch kommunistisch, mit herzig klatschenden Landesvätern ...

... als auch traditionell. Doch zur Minderheitenarchitektur kommen wir gleich. Zunächst noch ein paar überlebensgroße Minderheiten-Eier. (Fragt's mich nicht ...)

Jetzt aber: das im Text erwähnte Minderheiten-Museum. Man beachte auch die in Guangxi omnipräsente Zhuang-Umschrift. Ja, auch das ist Chinesisch.

Im Museum dann traditionelle Architektur. Hier ein Haus der Miao. Gemütliche Sache - und drinnen gab's echt Miaoische Speisen.

Das ist eine Wind-Regen-Brücke der Dong. Ohne einen einzigen Nagel gebaut. Und es stimmt: Ich habe keinen einzigen gefunden! Allerdings war enttäuschenderweise auch weder Wind noch Regen darin enthalten.

Das ist ein Kornspeicher der Yao. Auf Stelzen zweng der Feuchtigkeit und mit Tontöpfen auf den Beinen zweng der Ratten. Diese Häuschen stehen weit weg vom eigentlich Dorf - aber vor Diebstahl brauchen sich die Eigentümer nicht fürchten, denn - so informiert ein Text - die Yao sind ehrlich.

Auch wenn die Zhuang heute schon so mit den Han vermischt sind, dass man sie gar nicht mehr auseinanderkennt: So wohnen die Guten in entlegeneren Regionen immer noch. Und vor dem Haus gibt es eine Kornmühle, auf den die Zhuang-Braut am Tag nach der Hochzeitsnacht ganz, ganz früh für die Schwiegereltern Korn mahlt, um zu beweisen, dass sie trotz ... äh ... naja, dass sie jedenfalls sehr fleißig ist.

Im Endeffekt gilt aber: Auch die Chinesen sind nur Indianer. Zumindest manche Minderheiten.

Die Busfahrt zum medizinischen Garten führte mich, wie beschrieben, durch Gegenden, in die man üblicherweise lustwandelnd nicht so leicht gelangt.

Dort angelangt verewigte ich gleich einmal meinen chinesischen Namen auf Bambus für die Nachwelt. Das tut man so in China.

Nach einer etwas originellen Außenregion ist der medizinische Garten dann von geradezu malerische Harmonie.

Das ist fein, denn da gelingen selbst mit einer Pimperl-Kamera wie der meinen grafisch anspruchsvolle Fotos.

Freitag, 26. Dezember 2008

Guangxi - III: Reisendes

In einer halben Stunde werde ich aus meinem Luxus-Hotel auschecken (und wahrscheinlich bemerken, dass ich aufgrund eines Missverständnisses doch nicht nur 29 Euro sondern 290 Euro bezahle :P). Dann geht's zum Bahnhof, denn ich bin bereits stolzer Besitzer eines Return-Tickets nach Beihai, 220 Kilometer im Süden, am tropischen Strand des Südchinesischen Meeres.
Was ich nicht habe ist eine Unterkunft dort, und da ich bezweifle, dass ich nochmals auf ein um 70% reduziertes Luxushotel stoße, folgt mein nächstes Posting wohl erst nach meiner Rückkehr.

Es ist wohl unnötig hinzuzufügen, dass es heute, wo ich mich bereits auf die Fahrt durch das wilde, ländliche Südchina gefreut habe, draußen den dicksten Nebel und Regen aufgefahren hat, den ich je in China erlebt habe. Die Aussicht aus dem Zugfenster wird folgerichtig in etwa am Bahndamm enden.

Hoffentlich geht's Koarl wenigstens wieder gut, dann hab ich während der Fahrt wen zum Plaudern.

Frohes Neues Jahr, mitnand! Ich bin dann mal weg ... ;)

Guangxi - II: Kulinarisches

Guangxi ... das ist die autonome Region der Minderheit der Zhuang, eine traditionell "unterentwickelte" Region. Guangxi ... wo so viele andere Stämme chinesischer Minderheiten leben - wie die Yao, die Miao, die Dong und viele andere - dass sie die überall sonst überwiegenden Han-Chinesen um das Dreifache übertreffen. Guangxi ... wo es unerforschte, wilde Regionen gibt. Guangxi ... wo ich als Westler sogar in der hochmodernen Hauptstadt als Besonderheit angestarrt und fotografiert werde.
Ja, Guangxi ist nur etwas für den hartgesottenen Traveler, der bereit ist, Entbehrungen auf sich zu nehmen und den selbst einfachsten Lebensbedingungen nicht abschrecken ...



... wie beispielsweise zu kurze Bademäntel im Hotelzimmer.

Nur, wer auf solch' primitive Weise zu überleben imstande ist, der kann auch jene Abenteuer erleben, wie sie unerschrockenen Naturen wie der meinigen offen stehen.

Etwa Abenteuer kulinarischer Ausrichtung.

Je weiter man in China nach Süden reist, desto eher entspricht die Küche all jenen Klischees, die wir im Westen kennen und - trotz auch nicht gerade "eingängiger" österreichischer Spezialitäten wie Hirn mit Ei, Beuschel und Blutwurst - gerne bewitzeln. Während man nördlich von Peking von Speisen lebt, wie sie auch im Waldviertel nicht allzu fehl am Platze wären, gibt's hier in der Gegend schon schräge Dinge.

So entdeckte ich gestern Abend zur Essenszeit zufällig etwas Wunderbares: Seit Taiwan hatte ich keinen echten "Nightmarket" mehr erlebt - jene Straßen, in denen erst zu später Stunde reges Markttreiben erwacht und sich die Massen wälzen wie in Wien nicht einmal auf der Mariahilferstraße in der Vorweihnachtszeit. Das funktioniert natürlich nur hier, ganz weit im Süden, wo man auch mitten im Winter die ganze Nacht bei milden Temperaturen im Freien bummeln und sitzen kann.

Ein Sonderfall solcher Nightmarkets sind die "Speisestraßen", wo es alles - und wirklich alles - zu essen gibt.

Obwohl ich dort ohnehin auffiel wie ein bunter Hund, habe ich mich überwunden, und ein paar Eindrücke in Bildern festgehalten. Denn nirgends sonst bekommt man dokumentationswürdige Inhalte derartig auf dem Silbertablett (oder eher in der Reisschüssel) serviert wie hier.

Bittesehr:

Ja, einsam ist man nicht auf einem Nightmarket. Und verhungern muss man auch nicht ...

Dutzende bis hunderte kleinerer und größerer Stände und Läden bieten jede erdenkliche Art von Nahrung an - sowohl was die Zutaten anbelangt als auch deren Zubereitung. In China ist das Kochen ja eine Wissenschaft, und wenn man sich mit deren vollendeten Ausformungen beschäftigt, erscheinen alle europäischen Küchen im Vergleich geradezu primitiv.
Dennoch: Manches ist für uns vielleicht ein bisschen ungewohnt ...


... beispielsweise das Aussuchen des zur Verspeisung zu schlachtenden Tiers vor Ort - wie hier jener Hühner, Fasane, Tauben, Spatzen und anderer, mir unbekannter Vögel.

... oder auch die etwas gewagte Präsentation lokaler Spezialitäten. Guangxi ist besonders berühmt für seinen Hunde-Feuertopf.
(Man bemerke weiters: Ich bummelte am Weihnachtstag - westlicher Einfluss ist diesbezüglich durchaus vorhanden.)

Apropos gewagte Präsentation: Auf gewisse Spezialitäten sollte man vielleicht eher verzichten, zum Wohle geschützter Arten. Und da wundert man sich hier, warum der Jangtse-Alligator vor dem Aussterben steht.

Doch es wäre nicht China, würde man nicht unversehens selbst über extinkte Tiere stolpern.

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Guangxi - I: Zwischenmenschliches

Die Wahnsinnigen haben mich in ein Fünfsterne-Hotel einquartiert! Aber für 29 Euro pro Nacht sag' ich da nicht nein und nutze stattdessen gleich die gratis Internet-Connection in meinem Zimmer.

Weihnachten in den Tropen
Ja, ich bin in der Provinz Guangxi, 2.100 Kilometer südwestlich von Shanghai. Die Hauptstadt Nanning hat ein völlig anderes Flair als die Städte in Ostchina - es erinnert mehr an Südostasien. Auch die Sprache hier könnte eigentlich fast Vietnamesisch sein, so viel wie ich vom hiesigen Dialekt verstehe.

Aber ich will noch gar nicht viel vom Sightseeing berichten, denn bereits auf dem Flug hierher begab sich Berichtenswertes.

Im Flugzeug von Shanghai nach Nanning war ich der einzige Westler. Das heißt, nein: Einen zweiten gab es noch. Er saß genau vor mir. Und er kam aus Klagenfurt. Manchmal bezweifle ich, dass es wirklich nur 9 Millionen Österreicher gibt. Im schönen Heimatland vielleicht - aber im Rest der Welt leben sicher nochmal 100 Millionen.

Egal, ansonsten war ich jedenfalls der einzige.

Koarl
Doch nun zum Bemerkenswerten. Es ist nämlich so, dass ich - egal, wohin ich fliege - immer den gleichen Sitznachbarn habe.

Er heißt Koarl. (Oder zumindest sollte er so heißen.)

Koarl ist etwa Mitte Fünfzig, hat 180 Kilo, die er großzügig über seinen eigenen Sitz und etwa die Hälfte des meinigen verteilt, fällt Sekunden nach dem Hinsetzen in einen komaähnlichen Schlaf, sucht dabei - enthusiastisch transpirierend und seitlich hinwegsinkend - starken Körperkontakt, während er mir direkt ins Ohr eine zauberhafte Symphonie schnarcht, und erwacht erst wieder nach der Landung, wenn ich - dank regelmäßigen Teekonsums und blockierten Toilettenweges - bereits dunkelgelbe Augen habe.

Doch diesmal war Koarl offenbar verhindert. Denn neben mir saß eine junge Frau, keineswegs übergewichtig und hellwach.

Wo ist Koarl?
Ich war zunächst ein wenig verstört, wollte mich schon bei ihr erkundigen, ob Koarl denn womöglich der hart erarbeitete Herzkasperl getroffen hätte und sie nun die Vertretung wäre, entschied mich dann aber doch lieber für mein übliches, offenes Auftreten während des Reisens: Ich zog ein mürrisches Gesicht, klebte meine Nase an das Fenster und war auch sonst kontaktfreudig wie zwei grantige Stachelschweine.

Das ging auch etwa zwei Stunden lang gut, doch dann sprach mich meine Sitznachbarin an. Natürlich auf Chinesisch, aber erstaunlicherweise entspann sich trotzdem ein ausgesprochen nettes Geplauder, in dem es um chinesische Hauptstädte, Taiwan, Astronomie, Studium und auch sonst noch allerhand ging.

Im Laufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass sie aus Nanning stammt, jetzt in Shanghai arbeitet und über Weihnachten nach Hause fliegt, um ihre Familie zu besuchen. Weiters sollte ich der Vollständigkeit halber hinzufügen, dass sie bildhübsch war, ausgesprochen sympathisch, hilfsbereit, klug - und sogar hervorragend Englisch sprach, was in stockenden Konversationsmomenten sehr hilfreich war.

Nach der Landung warteten wir gemeinsam, bis mein Rucksack endlich auf dem Förderband erschien, und sie half mir noch bei diversen Formalitäten. Dann schritten wir durch den Ausgang des Flughafens, frühlingshafte Abendluft umfing mich, und es entstand ein kurzer Moment des Zögerns. Ich fragte sie, wie sie denn nun in die Stadt käme.

Wahre Meisterschaft zwischenmenschlichen Verhaltens
So.

Bis hierher hätten Viele wahrscheinlich noch ähnlich reagiert. Aber jetzt darf ich mit einer kleinen Überraschung aufwarten. Denn was erwiderte ich auf ihre Auskunft, sie würde mit dem Bus ins Stadtzentrum fahren, um dann von dort ein Taxi nach Hause zu nehmen?

Richtig.

Ich sagte: "Ich glaub', ich nehme lieber gleich ein Taxi."

Dann verabschiedete ich mich noch mit den Worten: "Vielleicht treffen wir uns ja einmal zufällig in der Stadt oder so", und wunderte mich über ihren etwas irritierten Blick.

Nach einer halbstündigen Taxifahrt kam ich in meinem Hotelzimmer an, beobachtete die explosionsartige Selbstentpackung meines Rucksacks und dachte ein wenig nach.

Dann fiel mir folgendes auf:

* Eine interessante Frau sitzt zufällig neben mir im Flugzeug.

* Sie sieht nicht wie Koarl aus und riecht auch anders.

* Sie spricht mich an.

* Eine angeregte und -nehme Unterhaltung findet statt.

* Sie kennt das Reiseziel, über das ich nichts weiß, in und auswendig.

* Sie arbeitet üblicherweise in Shanghai, wo ich auch lebe.

* Sie wartet nach dem Aussteigen auf mich und hilft mir mit meinem Gepäck.

* Ich frage sie nicht nach ihrem Namen.

* Ich erfrage keinerlei Möglichkeit, Kontakt mit ihr aufzunehmen, um sich vielleicht einmal auf einen Kaffee zu treffen.

* Ich nütze nicht die Gelegenheit, gemeinsam den Bus zu nehmen, um noch ein wenig zu plaudern, und

* ich lade sie auch nicht ein, das erste Stück des Weges gemeinsam im Taxi zurückzulegen.

Warum?

Gute Frage. Wüsste ich auch gerne.

Naja - in Wirklichkeit tue ich das ja alles absichtlich, damit ich hier was zu posten habe, was in das Konzept meines mühsam aufgebauten Images vom Typ "Würschtl" passt.

Also dann halt ein Weihnachtsgruß
Hier ist es - auch ohne sympathische, ortskundige Bekannte - jedenfalls wunderbar, und sowohl Weihnachtsabend als auch Christtag habe ich zuvor noch nie auf ähnliche Weise verbracht.

Der Beweis hier gleich in Bild und Ton:


Dienstag, 23. Dezember 2008

Frohe Ostern!

Halleluja, es ist soweit: Die ersten von mir völlig ignorierten Weihnachten meines Lebens stehen vor der Türe!

Gleichzeitig auch meine erste wirklich weite Reise innerhalb Chinas. Morgen am Weihnachtsabend fliege ich also ab und werde dann eine gute Woche lang weder E-Mail- noch Blog-Kontakt haben. (Größere Geldbeträge nehme ich aber gerne an. Da findet sich schon ein Weg.)

Mich für diesen Umstand entschuldigend, möchte ich an dieser Stelle weihevollen Dank aussprechen für die letzten vier Monate, in denen die Bloggerei nicht zuletzt dank der unerwartet vielen Kommentare und LeserInnen eines meiner liebsten Hobbies war. Nur weiter so, dann werde ich das Bloggen vielleicht doch nicht zugunsten einer Intensivierung meiner tuvinischen Kehlkopfgesangsstudien aufgeben.
Auch möchte ich Euch allen mit unten angefügtem, ausgesprochen festlichem Bildchen "Frohe Weihnachten" wünschen und hoffen, dass es dort wo ich hinfliege einerseits spannend ist, damit ich nach meiner Rückkehr auch was bloggen kann, und andererseits auch wieder nicht allzu spannend, damit die erwähnte Rückkehr überhaupt stattfindet.

Und wenn's sich ergibt: Schickt's mir das Christkind vorbei - ich hab irgendwie keine Weihnachtskekse hier :P.


Was tut man nicht alles, um noch ein kleines bisschen dümmer auszusehen als ohnehin eh schon. Pfröhliche Pfeihnachten.

Samstag, 20. Dezember 2008

Überleben

Es könnte sein, dass ich meine Sprachpartnerin und Freundin Linan verliere.

Sie plant, im Februar für ein Semester nach Korea zu gehen. Das freut mich für sie, aber - ganz gelernter Egoist - finde ich es auch sehr schade, da sie eine von drei Personen ist, die ich hier als echte Freunde bezeichnen würde. Es ist auch schade, da ich genau im nächsten Semester Level C gerne wiederholen möchte, also zum ersten Mal nicht mit neuem Stoff überladen sein werde, und folglich das gemeinsame, unabhängige Üben mit einer Sprachpartnerin wichtiger denn je wäre. Ich werde wohl versuchen müssen, jemand anderen zu finden. Irgendjemanden aufzutreiben ist dabei relativ einfach; doch dass das gemeinsame Arbeiten auch funktioniert und man sich auch noch gut versteht, ist enorm selten, wenn ich an meine bisherigen Erfahrungen denke und Erzählungen Anderer Glauben schenke.

Auch unsere Diskussionen werden mir abgehen. Linan ist eine traditionell erzogene Chinesin, und es ist für mich faszinierend, auf welch unerwartete Weise wir manchmal unterschiedlich denken. Das betrifft dabei gar nicht so sehr die Themen, sondern vor allem die Art, darüber nachzudenken. Einmal hat man das Gefühl, es gibt überhaupt keine Unterschiede - dann wieder stößt man bei etwas, das man für selbstverständlich gehalten hat, auf völliges Unverständnis. Das ist eine hervorragende Möglichkeit, die eigene Toleranz und das Verhaftetsein in der eigenen Kultur auf die Probe zu stellen und zu hinterfragen.

Und oft genug gibt es richtig harte Nüsse zum Nachdenken.

So sind wir beispielsweise vorgestern ins Diskutieren gekommen, über Lebensziele. Es war ein langes Gespräch, anlässlich dessen wir auch über die Verwirklichung von Träumen gesprochen haben. Ein Satz hat mich vielleicht gerade wegen seiner schlichten Offenheit ziemlich ins Grübeln gebracht:

"Europeans are living to fulfill their dreams. In China, we are living to survive."

Gerade an einem Adventwochenende ist es gar nicht schlecht, anlässlich einer solchen Bemerkung die eigenen Prioritäten und Sorgen einmal neu zu überdenken. Und sich auch zu fragen, inwieweit europäische ethische Standards auf ein Land wie dieses überhaupt anwendbar sind.

Amen ;).