Die Wahnsinnigen haben mich in ein Fünfsterne-Hotel einquartiert! Aber für 29 Euro pro Nacht sag' ich da nicht nein und nutze stattdessen gleich die gratis Internet-Connection in meinem Zimmer.
Weihnachten in den Tropen
Ja, ich bin in der Provinz Guangxi, 2.100 Kilometer südwestlich von Shanghai. Die Hauptstadt Nanning hat ein völlig anderes Flair als die Städte in Ostchina - es erinnert mehr an Südostasien. Auch die Sprache hier könnte eigentlich fast Vietnamesisch sein, so viel wie ich vom hiesigen Dialekt verstehe.
Aber ich will noch gar nicht viel vom Sightseeing berichten, denn bereits auf dem Flug hierher begab sich Berichtenswertes.
Im Flugzeug von Shanghai nach Nanning war ich der einzige Westler. Das heißt, nein: Einen zweiten gab es noch. Er saß genau vor mir. Und er kam aus Klagenfurt. Manchmal bezweifle ich, dass es wirklich nur 9 Millionen Österreicher gibt. Im schönen Heimatland vielleicht - aber im Rest der Welt leben sicher nochmal 100 Millionen.
Egal, ansonsten war ich jedenfalls der einzige.
Koarl
Doch nun zum Bemerkenswerten. Es ist nämlich so, dass ich - egal, wohin ich fliege - immer den gleichen Sitznachbarn habe.
Er heißt Koarl. (Oder zumindest sollte er so heißen.)
Koarl ist etwa Mitte Fünfzig, hat 180 Kilo, die er großzügig über seinen eigenen Sitz und etwa die Hälfte des meinigen verteilt, fällt Sekunden nach dem Hinsetzen in einen komaähnlichen Schlaf, sucht dabei - enthusiastisch transpirierend und seitlich hinwegsinkend - starken Körperkontakt, während er mir direkt ins Ohr eine zauberhafte Symphonie schnarcht, und erwacht erst wieder nach der Landung, wenn ich - dank regelmäßigen Teekonsums und blockierten Toilettenweges - bereits dunkelgelbe Augen habe.
Doch diesmal war Koarl offenbar verhindert. Denn neben mir saß eine junge Frau, keineswegs übergewichtig und hellwach.
Wo ist Koarl?
Ich war zunächst ein wenig verstört, wollte mich schon bei ihr erkundigen, ob Koarl denn womöglich der hart erarbeitete Herzkasperl getroffen hätte und sie nun die Vertretung wäre, entschied mich dann aber doch lieber für mein übliches, offenes Auftreten während des Reisens: Ich zog ein mürrisches Gesicht, klebte meine Nase an das Fenster und war auch sonst kontaktfreudig wie zwei grantige Stachelschweine.
Das ging auch etwa zwei Stunden lang gut, doch dann sprach mich meine Sitznachbarin an. Natürlich auf Chinesisch, aber erstaunlicherweise entspann sich trotzdem ein ausgesprochen nettes Geplauder, in dem es um chinesische Hauptstädte, Taiwan, Astronomie, Studium und auch sonst noch allerhand ging.
Im Laufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass sie aus Nanning stammt, jetzt in Shanghai arbeitet und über Weihnachten nach Hause fliegt, um ihre Familie zu besuchen. Weiters sollte ich der Vollständigkeit halber hinzufügen, dass sie bildhübsch war, ausgesprochen sympathisch, hilfsbereit, klug - und sogar hervorragend Englisch sprach, was in stockenden Konversationsmomenten sehr hilfreich war.
Nach der Landung warteten wir gemeinsam, bis mein Rucksack endlich auf dem Förderband erschien, und sie half mir noch bei diversen Formalitäten. Dann schritten wir durch den Ausgang des Flughafens, frühlingshafte Abendluft umfing mich, und es entstand ein kurzer Moment des Zögerns. Ich fragte sie, wie sie denn nun in die Stadt käme.
Wahre Meisterschaft zwischenmenschlichen Verhaltens
So.
Bis hierher hätten Viele wahrscheinlich noch ähnlich reagiert. Aber jetzt darf ich mit einer kleinen Überraschung aufwarten. Denn was erwiderte ich auf ihre Auskunft, sie würde mit dem Bus ins Stadtzentrum fahren, um dann von dort ein Taxi nach Hause zu nehmen?
Richtig.
Ich sagte: "Ich glaub', ich nehme lieber gleich ein Taxi."
Dann verabschiedete ich mich noch mit den Worten: "Vielleicht treffen wir uns ja einmal zufällig in der Stadt oder so", und wunderte mich über ihren etwas irritierten Blick.
Nach einer halbstündigen Taxifahrt kam ich in meinem Hotelzimmer an, beobachtete die explosionsartige Selbstentpackung meines Rucksacks und dachte ein wenig nach.
Dann fiel mir folgendes auf:
* Eine interessante Frau sitzt zufällig neben mir im Flugzeug.
* Sie sieht nicht wie Koarl aus und riecht auch anders.
* Sie spricht mich an.
* Eine angeregte und -nehme Unterhaltung findet statt.
* Sie kennt das Reiseziel, über das ich nichts weiß, in und auswendig.
* Sie arbeitet üblicherweise in Shanghai, wo ich auch lebe.
* Sie wartet nach dem Aussteigen auf mich und hilft mir mit meinem Gepäck.
* Ich frage sie nicht nach ihrem Namen.
* Ich erfrage keinerlei Möglichkeit, Kontakt mit ihr aufzunehmen, um sich vielleicht einmal auf einen Kaffee zu treffen.
* Ich nütze nicht die Gelegenheit, gemeinsam den Bus zu nehmen, um noch ein wenig zu plaudern, und
* ich lade sie auch nicht ein, das erste Stück des Weges gemeinsam im Taxi zurückzulegen.
Warum?
Gute Frage. Wüsste ich auch gerne.
Naja - in Wirklichkeit tue ich das ja alles absichtlich, damit ich hier was zu posten habe, was in das Konzept meines mühsam aufgebauten Images vom Typ "Würschtl" passt.
Also dann halt ein Weihnachtsgruß
Hier ist es - auch ohne sympathische, ortskundige Bekannte - jedenfalls wunderbar, und sowohl Weihnachtsabend als auch Christtag habe ich zuvor noch nie auf ähnliche Weise verbracht.
Der Beweis hier gleich in Bild und Ton:
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Donnerstag, 25. Dezember 2008
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