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Donnerstag, 9. April 2009

Go West - VII: Xining, Provinz Qinghai

Geschafft! Ich habe mein Ziel, meine "Traumprovinz" erreicht - und bin gluecklich ]:).

Aber der Reihe nach.

Per Rennfahrer nach Xining?
Die Anreise nach Xining waere haarscharf zu einem unvergesslichen Erlebnis geworden. Geistesgegenwaertig wusste ich dieses aber noch in letzter Sekunde zu verhindern.

Wie das kam? Hoeret selbst:

Es ist naemlich so, dass ich gestern Abend in Lanzhou noch ueber eine recht fesche Bar mit dem mysterioesen Namen "Carman" stolperte. Und da ich auf dieser Reise bisher noch nicht wirklich dazu kam, dem Nachtleben zu froenen, schien mir das eine gute Gelegenheit - also kehrte ich auf ein Bier ein.

Der unheimlich liebenswerte Chef des Etablissements, dessen Chinesisch wunderbar verstaendlich ist, schenkt mir zunaechst hausgegrillte Melonenkerne, um mich dann darueber ins Bild zu setzen, dass ebendiese seine Bar ein Club fuer Ralleyfahrer sei. Da passe ich als Ex-Seicento-Besitzer natuerlich rein wie ein Laubfrosch in eine Hundehuette; aber das macht nichts, ich fuehlte mich trotzdem recht wohl - und bin innert kuerzester Zeit als Auslaender der vielbewunderte Mittelpunkt. Der Wirt telefoniert daraufhin kurzerhand drei usbekische Maedels herbei, die an der Uni Lanzhou Chinesisch studieren. Sie sind ja auch Auslaender, und da muss er sie mir natuerlich unbedingt vorstellen. Eine halbe Stunde spaeter sind die drei da - und von da an mischt sich auch ein wenig Englisch und Usbekisch in unsere bisher rein chinesische Unterhaltung.

Nachdem der Wirt auf einer Gitarre chinesische Weisen zum besten gegeben hat, die Studentinnen Gassenhauer aus Usbekistan, Russland und von Bryan Adams angestimmt haben - und ich daraufhin notgedrungen die gesamte Bar mit "Schiefoahr'n", "Ana hot imma des Bummerl" sowie spontan improvisierten Bluesnummern erfreut habe, schwingt sich der Abend mit dem Erscheinen des Local Heros zu einem Hoehepunkt auf: "Sky" ist offenbar der erfolgreichste Rennfahrer Chinas, wurde 2008 zum "Mann des Jahres" dieses Landes gekuert (die Urkunde und unzaehlige Fotos kann man in der Bar bewundern) und nahm erfolgreich an der wichtigsten Rally Chinas teil: von Lanzhou durch die Wueste und ueber den Himalaya nach Lhasa, Tibet. Hei, da wird es lebendig, laut und sehr chinesisch! Ich finde mich dann in der merkwuerdigen Situation, einem Buendel Chinesen (und Usbekinnen) die paar Woerter Shanghaiisch beizubringen, die ich beherrsche, und dazu noch ein wenig Wienerisch - und lerne dafuer die wichtigsten Phrasen des Lanzhou-Dialekts (der, wie ich bemerke, nicht die geringste Aehnlichkeit mit Hochchinesisch aufweist).

Als sich Sky zu vorgerueckter Stunde erbietet, mich mit seinem Ralleywagen nach Xining zu bringen und dann noch den Qinghai See - meine absolute Traumdestination - zu zeigen, lehne ich ab. Ich habe ja schon ein Zugticket gekauft. Und diese 3 Euro haette ich ja nie und nimmer verschmerzt. Ich Arsch.

Aber macht nix. Dafuer bin ich heute halt ganz bieder (aber dafuer konsequent) mit dem Zug durch die Pampa geritten.

Drei Plagen
Nicht, dass das so fad gewesen waere. Knapp drei Stunden lang brauchte die Eisenbahn fuer die gut 200 Kilometer - deutlich weniger spritzig als ein Ralleyfahrzeug, vielleicht aber auch ein wenig sicherer.

Zunaechst denke ich schon, ich wuerde die Landschaft der letzten Etappe gar nicht sehen. Ich hatte beim Ticketkauf vergessen, einen Fensterplatz zu verlangen und finde mich folgerichtig in der unbeliebten Mittelposition des Hard-Seater-Abteils. Dazu ist das Fenster mit einer fetten Zweiteilung versehen, mit Wasser beschlagen und draussen herrscht ein merkwuerdiger Dunst. (Wahrscheinlich alles, was mein Freund der Nebel in dieser Trockenheit zustande gebracht hat.)

Ich loese diese verfahrene Situation aber auf kompetente Weise: Ungefragt und -verschaemt besetzte ich einfach so den Fensterplatz. Und als mich dessen rechtmaessiger Besitzer fragend ansieht, nutzte ich meinen Auslaenderstatus schamlos aus, indem ich vorgebe, nichts zu verstehen (was nicht allzu weit von der Wahrheit weg ist), woraufhin der Gute sich achselzuckend auf meinen Platz setzt. Die Zweiteilung und den Fensterbeschlag vermeide ich durch kauernde Sitzposition (mein Kreuz ist nicht begeistert), und der Dunst lichtet sich mit zunehmender Hoehe und damit abnehmendem Luftdruck.

Die Fahrt aufs Plateau
So kann ich halbwegs ungehindert mitverfolgen, wie wir nach einer laengeren Strecke entlang des Hoangho, eingezwaengt zwischen Bergketten mit einer merkwuerdigen, in allen moeglichen Brauntoenen gefaerbten Streifenstruktur, langsam in eine Mondlandschaft eintauchen. Zwischen all diesem Braun von gelblich-ocker bis roetlich-terracotta stehen vereinzelte Baeume, in den immer wieder auftauchenden Ebenen sieht man noch das zarte Gruen bewirtschafteter Felder, obwohl die meisten davon mit Streifen weissen Plastiks abgedeckt sind - wahrscheinlich, um die wertvolle, verdunstende Feuchtigkeit bestmoeglich zu konservieren. Ganze Bergketten erstrecken sich von Horizont zu Horizont, wobei ihre Gipfel wie abgeschnitten wirken und so scheinbar voellig flache tafelbergaehnliche Hochebenen bilden. Ich beobachte einen Bauern, der mit Holzpflug und Pferd muehsam sein kleines Feld beackert - doch selbst die aermlichsten Lehmhuetten haben verrostete Satellitenschuesseln auf dem Dach.

Nahe der Grenze zu Qinghai werden die Berge dichter, hoeher, schroffer und felsiger. Ein Tunnel folgt auf den naechsten, dazwischen erstrecken sich halsbrecherische Bruecken ueber tiefe Taeler. Die wenigen Siedlungen sind unglaublich heruntergekommen und verfallen. Von Architektur kann man hier kaum mehr sprechen; hier wird offenbar mit allem gebaut, was gerade zur Verfuegung steht. Die etwas "besseren" Behausungen sind oft Bungalow-artig, quaderfoermig, mit grossen Fensterfronten und weissen Kacheln an der Frontseite. Wo nicht bewaessert wird, gibt es ueberhaupt kein Gruen mehr - wobei ich nicht sicher bin, ob das nicht vielleicht auch an der Jahreszeit liegt.

Vor Xining, der Hauptstadt Qinghais, werden die Ebenen weiter, die Bergketten noch laenger und hoeher, und die Felder sind oft von niedrigen Lehmmaeuerchen umzaeunt - vielleicht, um sie mit Wasser fluten zu koennen, wie ich es gestern auf einem der Berge in Lanzhou beobachtet habe.

Dann ploetzlich taucht mitten im Nirgendwo eine richtige Stadt aus der braunen Bergwueste auf: Xining!

Bunt und anders
Schon am Bahnhof erwartet mich ein voellig eigenes Flair, vorwiegend ob des hier noch bunteren Kulturengemischs: Hier scherzen zwei Maenner in tibetischen Roben und Kopfbedeckungen mit einem der fast tuerkisch aussehenden Hui mit seiner weissen Kappe und dem Rauschebart. Dort spielt ein braungebrannter Bauer in uralter, schmutziger Mao-Jacke mit einem schicken Businessman in Nadelstreif und Aktentasche Schach, waehrend eine elegante, junge Mutter im Guccikostuem ihr in einem traditionellen Han-Chinesischen Umhang steckendes Kind hinter sich herschleift.

Mit dem Taxi lasse ich mich von den niedrigen Aussenbezirken, in denen nicht ein einziger Gehsteig halbwegs intakt zu sein scheint, in die Innenstadt bringen. Dort wirkt es recht grossstaedtisch, aber auch ungewohnt ruhig. Nicht nur die maechtigen Bergketten im Hintergrund vermitteln mir das Gefuehl, nun wirklich in einem voellig anderen Teil der Welt angekommen zu sein: Die Sonne ist hier, auf fast 2.300 Meter Seehoehe, gleissend hell und bringt mich selbst im T-Shirt zum Schwitzen, bin ich aber im Schatten, weht ein eisiger Wind. Der Himmel ist tiefblau, und als der Abend kommt, bringt ein Sturm Sand aus der Umgebung in die Stadt, wobei die Temperatur innerhalb kurzer Zeit bis auf den Gefrierpunkt faellt.

Mission almost impossible
Nachdem ich eine Unterkunft besorgt habe, moechte ich sofort alles versuchen, meinen groessten Traum zu erfuellen: Den Kokonor - so der tibetische Name des Qinghai-Sees - einmal mit eigenen Augen zu sehen!

Dies gestaltet sich zunaechst etwas schwierig. Da der See noch etwa 200 Kilometer westlich von Xining gelegen nicht ganz einfach zu erreichen ist, moechte ich mich diesmal vorsichtshalber einer Tour anschliessen. Doch ich finde und finde einfach kein Reisebuero! Nach mehrfachem Herumfragen und Diskutieren mit Taxifahrern, die zwar nett, aber wenig motiviert sind, mich selbst zum See zu bringen, finde ich dafuer einen ausgesprochen hilfsbereiten Fahrer mit kraeftigem, schwarzem Schnurrbart, der mich bei meiner Suche nach einem Reisebuero unterstuetzt. Gemeinsam fahren wir die Umgebung meiner Unterkunft ab, und waehrend ich mich in verschiedenen Hotels nach moeglichen Touren erkundige, wartet der gute Mann auf die Erfolgsmeldung. Diese bleibt zunaechst aus - dann finden wir aber doch ein Reisebuero, und diesmal kommt er mit, um mich bei der Buchung zu unterstuetzen.

Kurz und gut: Uebermorgen soll es also soweit sein: Um 7.30 Uhr wird mich ein Bus abholen und gemeinsam mit anderen (wohl ausschliesslich chinesischen) Touristen zum Kokonor - und am Nachmittag hoffentlich auch wieder zurueck - bringen! Ich bin unglaublich gespannt, wie das wird.

Zunaechst steht aber morgen noch eine ausfuehrliche Erkundung dieser atmosphaerischen Stadt an.

Dienstag, 7. April 2009

Go West - VI: Lanzhou, Provinz Gansu

Da bin ich schon! Gut, die Zugfahrt hat mich ein bisschen damit ueberrascht, dann doch mehr als acht Stunden zu dauern; aber das macht nichts, denn ich hatte farbenfrohe Gesellschaft.

Zunaechst war da dieses aeltere Ehepaar: Sie, ein entzueckendes Muetterlein, das mich immerfort still anlaechelte, er, ein ruppig-freundlicher Geselle, der es sich nicht nehmen liess, mich pausenlos zu verarschen. Dabei waere das gar nicht noetig gewesen, denn dank des Dialekts, dessen sich die zwei etwa siebzigjaehrigen Herrschaften befleissigten, verstand ich ohnehin so gut wie gar nichts. Nur irgendetwas davon, dass es von Lanzhou keine Zuege nach Xining gaebe bekam ich mit ... als ich allerdings gerade in so eine richtig schoene Panik verfallen wollte, sprang ein anderer Sitznachbar ein: ein blutjunger Mann (= gleich alt wie ich), der mir in gutem Englisch mitteilte, dass man lediglich zu scherzen beliebte ... woraufhin der aeltere Herr auch gleich in droehnendes Gelaechter ausbrach und mir wiederholt auf den Oberschenkel schlug, dass ich mein schmerzverzerrtes Gesicht als Lachen zu tarnen gezwungen war, um nicht allzu schwaechlich zu wirken.

Solchermassen froehlich - und meinerseits ob der groeberen Verstaendnisprobleme durchgehend peinlich beruehrt - vergingen die ersten 300 Kilometer der Fahrt recht zuegig. Dann steigen die Senioren aus, und ich erfahre, dass der junge Herr namens Yuan Jun tatsaechlich Deutsch spricht! Er lernte diese unsere schoene Sprache aus dem gleichen Grund wie ich Chinesisch: Er findet sie faszinieren. Er meint, sie waere so exakt und so unheimlich energiegeladen. Ganz anders als Englisch.
Und so entspinnt sich eine stundenlange, nette Unterhaltung ueber so unterschiedliche Themen wie Tee- und Kaffeekultur, Kochen, die Weltwirtschaftskrise und regionale Dialekte. Sollte ich einmal wieder nach Xi'an kommen, muss ich auch unbedingt seinen Lieblingstee versuchen, da ich als europaeischer Mann offenbar eher "kaltes" Blut habe und er einen perfekten Tee mit "warmer" Ausgleichswirkung kennt. Saemtliche seiner Kontaktdaten - wie bei jeder Begegnung mit Chinesen - habe ich aufgeschrieben, und ich musste versprechen, mich zu melden. Was ich gerne tun werde.

Ich lernte von ihm mehr ueber chinesische Kultur als ich bisher insgesamt wusste - ein weiterer Vorteil langer Zugfahrten. Trotzdem muss ich gestehen, dass ich dauernd mit eineinhalb Augen zum Fenster hinaus schielte. Ich hatte mich ja waehrend der Reise spontan dazu entschieden, jede der einzelnen Etappen bei Tageslicht zurueckzulegen und nicht wie urspruenglich geplant teils auch ueber Nacht. Auf diese Weise bekomme ich die sich veraendernde Landschaft und Architektur ueber eine Strecke von fast 3.000 Kilometern mit, und das fand ich faszinierend. Und nun beobachtete ich (mit eineinhalb Augen) wie die Landschaft ziemlich genau an der Grenze zur Provinz Gansu in eine wirklich bemerkenswerte Mondlandschaft uebergeht. In dieser Wuestenprovinz, die zu Zeiten der Seidenstrasse den einzigen, schmalen Landweg nach China bot (jenen "Hexi-Korridor", durch den ich mich mit dem Zug bewegte), gibt es kaum mehr Wasser, und die Vegetation kommt nun fast voellig abhanden. Draussen ist alles in ein gleichmaessiges Gelbbraun getaucht. Vereinzelte, muehsam landwirtschaftlich genuetzte Ebenen wechseln mit schroffen Gebirgen, in denen unwirkliche, senkrecht aufragende Lehmtuerme und Canyons mit Fluessen aus ockergelbem Wasser kaum Platz fuer die wenigen Siedlungen aus spaerlichen, ebenso gelben Lehmhuetten bieten. Dann wiederum sieht man fast puddingfoermige Muggeln, deren runde Formen ihre wahre Hoehe verschleiern. Schroffe Einrisse und geraeumigere Taeler sind dabei von halsbrecherischen Bruecken durchzogen, auf welchen Autos und auch mein Zug die zerklueftete Steppenlandschaft durchziehen - manchmal auch mittels einem der unzaehligen Tunnel mitten durch die Berge hindurch.

Gansu ist die fuenftaermste Provinz Chinas und aufgrund schlimmen Wassermangels und der grossen Entfernung zu den modernen Staedten Ostchinas noch sehr unterentwickelt - was man bei der Fahrt eindrucksvoll vor Augen gefuehrt bekommt.

Um 19 Uhr erreiche ich schliesslich Lanzhou. Was ich nicht wusste (diese Phrase verwende ich irgendwie unangenehm oft) ist, dass das Qinghai-Tibet-Plateau keineswegs ploetzlich aus dem chinesischen Boden auf 4.000 Meter hinaufragt; vielmehr ist der Anstieg ein allmaehlicher, und er beginnt schon mitten in Gansu. So liegt Lanzhou bereits auf 1.600 Metern Seehoehe, obwohl man im Zug niemals das Gefuehl bekommt, man wuerde bergauf fahren. Man merkt die Hoehe aber an den Temperaturen. Als ich ankam, schien noch die Sonne (ich bin schon so weit westlich, dass die Zeitverschiebung auf einer aequivalenten Strecke in Europa bereits zwei Stunden betragen wuerde - in China hat man sich aber fuer eine einzige Zeitzone entschieden) und ich schwitzte bei 25 Grad. Jetzt ist es 21 Uhr, dunkel, und es hat auf 6 Grad abgekuehlt. In Xining, meiner naechsten und letzten Station auf 2.300 Metern Seehoehe, ist dieser Tag-Nacht-Unterschied noch drastischer: Gestern Nacht soll es bei Minusgraden geschneit haben, untertags hatte es 23 Grad.

Lanzhou ist zwischen zweien dieser beeindruckend kargen Wuesten-Bergketten eingezwickt, so dass sich die Stadt in Ost-West-Richtung ueber 20 Kilometer weit erstreckt, waehrend die Ausdehnung in Nord-Suedrichtung nur zwei bis drei Kilometer betraegt.

Ich habe also die am meisten verschmutzte Stadt der Welt erreicht. Mein erster Eindruck heute war allerdings sehr positiv. Ich bin sehr gespannt, was die morgige Erkundung so alles bringen wird.

Und jetzt werde ich mir eine Portion dieser beruehmten Nudeln kaufen und mich gruen und blau aergern, dass ich nichts schmecke.

Freitag, 26. Dezember 2008

Guangxi - III: Reisendes

In einer halben Stunde werde ich aus meinem Luxus-Hotel auschecken (und wahrscheinlich bemerken, dass ich aufgrund eines Missverständnisses doch nicht nur 29 Euro sondern 290 Euro bezahle :P). Dann geht's zum Bahnhof, denn ich bin bereits stolzer Besitzer eines Return-Tickets nach Beihai, 220 Kilometer im Süden, am tropischen Strand des Südchinesischen Meeres.
Was ich nicht habe ist eine Unterkunft dort, und da ich bezweifle, dass ich nochmals auf ein um 70% reduziertes Luxushotel stoße, folgt mein nächstes Posting wohl erst nach meiner Rückkehr.

Es ist wohl unnötig hinzuzufügen, dass es heute, wo ich mich bereits auf die Fahrt durch das wilde, ländliche Südchina gefreut habe, draußen den dicksten Nebel und Regen aufgefahren hat, den ich je in China erlebt habe. Die Aussicht aus dem Zugfenster wird folgerichtig in etwa am Bahndamm enden.

Hoffentlich geht's Koarl wenigstens wieder gut, dann hab ich während der Fahrt wen zum Plaudern.

Frohes Neues Jahr, mitnand! Ich bin dann mal weg ... ;)

Montag, 10. November 2008

Huangshan - 13 Stunden zum Gelben Berg

Dem willigen Reisenden stehen mannigfaltige Möglichkeiten zur Verfügung, um von Shanghai zum "Huang Shan" - den berühmten "Gelben Berg" - zu gelangen.

Da gibt es einmal den Schnellbus. Er ist die billigste Variante und benötigt etwa sechs Stunden für eine Strecke, die grob jener von Wien nach München entspricht.

Dann gibt es den Schnellzug. Er ist natürlich teurer, braucht aber auch nur fünf Stunden.

Und dann wäre da noch die Heckenbrunzer-Variante: Dabei plagt sich eine freundliche Töff-Töff-Lok über Nacht geschlagene 13 Stunden lang dem Ziel entgegen, hält bei allem, was auch nur entfernte Ähnlichkeit mit einem Haus hat, und ist dabei sogar noch etwas teurer als der Bus. Wahre Freunde der gepflegten Qual verschärfen diese noch durch den Kauf einer "Hard Seater" Fahrkarte; diese stellt sicher, dass die 13 Stunden eingezwickt auf engstem Raum und härtesten Sesseln eine möglichst große Herausforderung an sämtliche Gelenke und Sitzmuskeln darstellen. (Denn ein Schlafabteil mieten kann ja nun wirklich jeder.)

Der erfahrene Leser meines Blogs ahnt natürlich bereits, für welche Variante sich Irene, Nick und ich entschieden, um diese eine der schönsten Naturregionen Chinas zu erreichen.

Huangshan - man kann nie genug davon haben
Mit schmerzendem Körper und bleiern müde von zwei durchwachten Nächten, mit einer harten Bergtour mittendrin, schreibe ich also diese Zeilen und bitte um Nachsicht, falls dies gewisse Auswirkungen auf die Qualität des Eintrags haben sollte. Aber die Bilder sprechen ohnehin für sich selbst; bringen wir also das Bla-Bla rasch hinter uns und widmen uns dann gemeinsam der bunteren Seite der Reise.

Huangshan ist ein Berg. Oder eigentlich eher eine ganze Region voller Berge. Alle um die 2.000 Meter hoch und relativ unberührt, sind sie die Zierde von Anhui, der ärmsten Provinz Ostchinas, und ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen.

Huangshan ist auch eine mittelmäßig attraktive Kleinstadt, die etwa 50 Kilometer von erwähnter Bergregion entfernt liegt. Das fanden wir zur großen Verblüffung aller Beteiligten natürlich erst heraus, als wir nach oben erwähnter Marterfahrt aus dem Bahnhof von ebendieser Stadt wankten.

Annäherung an den Berg
Um eine etwas langwierige Operation kurz zusammenzufassen: Nach einer seitens lokaler Kleinunternehmer gezielt auf uns durchgeführten Transport-Keilerattacke sowie harten Preisverhandlungen, ließen wir uns ebenso willig wie physisch am Ende zu einer Kleinbusfahrt in einen Ort direkt in der gewünschten Bergregion überreden, wo wir dann auch bald Unterkunft für eine Nacht in einem sehr günstigen Hostel fanden.

Dieser Ort, "Tangkou" (wörtlich: "Suppenmund"), konnte - so stellten wir nach Ankunft fest - nicht nur mit beeindruckender Trostlosigkeit aufwarten und hatte das mit Abstand schlechteste Essen in ganz China anzubieten, nein, er war auch immer noch kilometerweit vom eigentlichen Wandergebiet entfernt. Diese freudige Entdeckung machten wir, als wir - frohgemut mit Rucksack, Wanderausrüstung und viel zu wenig Proviant bewaffnet - gegen Mittag zu unserer Bergtour aufbrechen wollten.

Der erste Tag: Lokale Dihydrogeniumoxid-Gravitationsphänomene
Nun ist es so, dass wir ja zwei Tage zur Verfügung hatten. Unsere Ankunft in erwähntem Bergkaff erfolgte Samstag Mittag - und zwar in tiefstem Nebel- und Regenwetter. Da es für eine Bergwanderung also schon etwas spät war und das Wetter sich außerdem für eine Gegend, die für ihre grandiosen Panoramen berühmt ist, suboptimal präsentierte, entschlossen wir uns kurzerhand zu einer kleinen Tour einiger der berühmten Wasserfälle der Umgebung, die leichter zu erreichen und auch bei Nebel wenigstens noch sichtbar waren. Das war - ganz untypisch - zur Abwechslung eine sehr gute Entscheidung.

Schnell war ein Kleinbus samt ausgesprochen freundlichem Fahrer gemietet, und er führte uns zu drei der schönsten Plätze, wo man ein wenig wandern und jeweils grandiose Wasser- und -fall Panoramen bestaunen konnte. Dank des grausig kalten und feuchten Wetters, waren wir dort auch zumeist so gut wie alleine.

Der zweite Tag: I muaß auffi!
Am nächsten Tag - nach soliden zwölf Stunden Schlaf, die wir uns nach der aufrecht sitzend durchwachten Zugfahrt und anschließenden Wasserfall-Kurzwanderungen ehrlich verdient hatten - erwarteten uns strahlender Sonnenschein, kristallklare Luft und somit bestes Bergwetter. Das kleine, desorganisierte Grüppchen, das ich gerne "wir" nenne, konnte nach einem faszinierend widerlichen Frühstück tatsächlich wieder einen Fahrer auftreiben, der uns nach gröberem Hin und Her zum Hauptaufstiegspunkt auf den Gipfel unserer Wahl brachte. Dort, in der vollkommenen Einschicht, wollten wir den Fahrer einige Stunden später wiedertreffen, um zurück zum Hostel gelangen zu können, und dann weiter zum Bahnhof, wo abends um 22 Uhr der Mörderzug seine Fahrt des Grauens zurück nach Shanghai beginnen würde.

Die Wanderung selbst war herrlich - bis auf den 1.800 Meter hohen Gipfel bezwangen wir den Berg vermittels unzähliger Stufen - eine in China durchaus übliche Weise, berühmte Berge zu ersteigen. Die Panoramen unterwegs waren dabei unbeschreiblich schön. Unberührte Natur, herrliche Stille, unzählige Bäche und Wasserfälle, Karstgipfel, die niedrigeren Hänge bedeckende Bambuswälder und nicht zuletzt kristallklare, saubere Luft sowie erstaunlich wenige Menschen entschädigten uns nicht nur mehrfach für alle Strapazen, sondern machten diesen Ausflug auch zum schönsten Naturerlebnis, das ich bisher in China hatte.
Die mehrstündige, ausgesprochen anstrengende, Bergwanderung fand mit einer halbstündigen Busfahrt (der Taxifahrer war nicht gekommen) zurück zum Hostel, einer darauf folgenden einstündigen Busfahrt zurück in die Stadt Huangshan, einem dort eingenommenen (zur Abwechslung einmal hervorragenden) Abendessen sowie einer dreizehnstündigen, ebenso schlaflosen wie fürchterlichen Zugfahrt zurück nach Shanghai ihr Ende.
Nun kann ich - frisch geduscht und nach einem dreistündigen Schläfchen wieder einigermaßen lebendig - eine kleine Bildauswahl präsentieren, die den dortigen Panoramen keinesfalls gerecht wird, dafür aber auch ausgesprochen inkompetent fotografiert ist. Möge der Reigen beginnen.

Se Trip in Piktschers


Die Landschaft des südlichen Anhui präsentiert sich völlig anders als die Umgebung Shanghais, die einer Brettel-ebenen, gigantischen Baustelle gleicht - und auch anders als die Provinz Jiangsu, Ziel meiner bisherigen Reisen, mit ihren sanften Hügeln und freundlichen Städtchen. Anhui ist wilder, mit schroffen Gebirgen, hohen Wasserfällen - aber auch einsamen Dörfern und endlosen Reisfeldern - wie hier zu sehen.

In diese abgelegene und ansonsten untouristische Provinz brach also unser ebenso munteres wie unfähiges kleines Reisegrüppchen auf.


Anhui ist ja eine unglaublich feuchte Provinz. So fällt hier das Wasser nicht nur vom Himmel, sondern auch überall sonst. Das unfreundliche Wetter bildete den idealen Hintergrund für die hunderten berühmten Wasserfälle der Umgebung - kleine ...


... ebenso wie große. Der hier ist mit 120 Metern Höhe immerhin der neuntgrößte in China.


Auf den Wanderungen in dieser Gegend trifft man häufig auf Unerwartetes: freundliche, zehn Zentimeter lange Spinnen ...

... und offenbar massiv Diebstahl-gefährdete Brücken.

Ist aber eh vernünftig, die Brücken gut zu sichern. Sind nämlich ziemlich hübsch.

Wunderschönes Wetter lädt am Sonntag zur Besteigung eines der Hauptgipfel ein. Die tieferliegenden Regionen sind von riesigen Bambuswäldern bedeckt. In diese Megagrashalme ritzen Chinesen gerne ihre Namen ein.

Mit zunehmender Höhe verändert sich die Vegetation. Pappeln dominieren - und nutzen dabei jeden möglichen und unmöglichen Platz.

Noch weiter oben verliert man jeden Respekt vor den alten chinesischen Künstlern: Die Schweine haben einfach abgemalt, was sie gesehen haben!

Aber schön ist das schon ...

Oben angekommen, ist man konditionell ein wenig angeschlagen. Dabei gibt's kaum Pause - schließlich sollte man den Zug tunlichst nicht versäumen, der wenige Stunden später eine Wanderung sowie zwei Busfahrten entfernt losfahren würde.

Andererseits müssen wir wenigstens nur uns selbst schleppen. Dutzende Träger hingegen befördern den ganzen Tag lang Bier und Vorräte auf den Berg - und Schmutzwäsche sowie Abfall wieder hinunter.

Unerwartete Sehenswürdigkeit: der Schilderwald

Ja, ich traf wieder auf ganz viele Schilder von ungeahnter Attraktivität! Und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen:

Da gab es beispielsweise die üblichen semantischen Meisterleistungen ...

... von manchmal durchaus undurchschaubarer Mystik ("Please do not jumps a hurdle"? Hier? Auf dem Berg?)

Dann solche von großer poetisch-philosophischer Schönheit ...

... wirkungslose ...

... mysteriöse ...
(Wir haben uns bemüht, die Aussicht möglichst nicht zu genießen - und wann immer wir auf Affen trafen, wurde auf ausschließlich nicht-kulinarische Weise geflirtet!)

... aber auch solche, die Aufschluss über die chinesische Mentalität geben. Diese ist offenbar von hohem hygienischem Niveau ...

... zumindest manchmal.