Sonntag, 5. April 2009
Go West - Vb: Xi'an, die Rehabilitation
An ersterer Sorte laeuft alles wie am Schnuerchen.
An zweiterer haue ich mir das Schienbein an der Zimmertuere blutig, weil ich aufgrund des mir zuvor aus dem kaputten Wasserhahn ins Auge gespritzten Wassers nichts sehe und folglich - mir das Schienbein reibend - auch meine Zimmernachbarin nicht wahrnehme und sie samt Koffern umrenne, wodurch ich - mich entschuldigend - jenes Taxi um eine Zehntelsekunde versaeume, das eigentlich mich zur ersten Sehenswuerdigkeit zu bringen vorherbestimmt gewesen waere, weshalb ich dann zu Fuss loshetze, meinen Fotoapparat verlierend, was aber nichts macht, da die Sehenswuerdigkeit zunaechst ohnehin stundenlang unauffindbar und schliesslich dann wegen Renovierung geschlossen ist, waehrend ein Baugeruest selbst eine aeussere Fotografierung verunmoeglicht (ganz abgesehen vom nicht vorhandenen Fotoapparat), zum Glueck aber ploetzlich prasselnder Platzregen mein vor Wut darueber heissgelaufenes Gemuet kuehlt, dass mich ein Taxifahrer anpflaumt, dessen Wagen ich wegen jenes Hundes fast uebersehen haette, der mir unverschaemt gegen das Bein pinkelt, meine kurze Gehpause ausnuetzend - Folge eines ploetzlichen voelligen Orientierungsverlustes, wodurch ich auch zuerst meinen Stadtplan zur Hand nehme, der so durch den Regen komplett zerstoert wird, wobei mir auch der Schirm nicht hilft, der genau in jenem Moment seine Sollbruchzeit ueberschreitet und unter meinen unglaeubigen Augen desintegriert ...
Naja, Ihr versteht so ungefaehr, oder?
Gestern duerfte ein solcher Tag gewesen sein. Vielleicht erzaehle ich hier bei Gelegenheit noch jene entzueckende Geschichte, wie ich den Tag konsequent peinlich mit der Verspeisung einer Xi'an-Spezialitaet beendete, ohne zu wissen, wie das denn eigentlich genau geht ...
Aber nicht jetzt. Denn heute war ein guter Tag, und ich muss jetzt diese Stadt fairerweise rehabilitieren.
Es war richtig kitschig. Grauslich eigentlich. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel, 23 Grad, kristallklare Luft, wie ich sie in China noch nie erlebt habe. Ein Taxi, das vor der Hoteltuere wartet, bringt mich zum groessten Taoistischen Tempel Xi'ans. Das heisst: Eigentlich nicht ganz hin, weil der Fahrer meint, man koennte nicht bis ganz hinfahren. (Warum das so waere, habe ich nicht verstanden.) Und als ich schon zu vermuten beginne, dass es heute in der gleichen Manier wie gestern weiterginge, bemerke ich, dass ich durch eine entzueckende Gegend voll kleiner Haeuschen und Maerkte spaziere. Ich stolpere zunaechst ueber einen kleinen buddhistischen Tempel, den ich alleine (und gratis) besichtige, finde dann - voellig unerwartet - auf Anhieb den Ba Xian An ("Acht Unsterbliche Tempel"), einen der wichtigsten taoistischen Tempel. Dieser ist - trotz einiger Touristen - so herrlich friedlich, wie ich es an taoistischen Staetten so liebe. Balsam fuer meine Seele - so dass ich mich danach sogar wieder an eine der ganz grossen Sehenswuerdigkeiten heranwage: die Da Yan Ta ("Grosse Wildganspagode"). Etwa 1.500 Jahre alt ist diese, wie ich nach wiederum erstaunlich reibungslosem Transport feststelle, zwar wieder von Menschenmassen ueberlaufen, diese verteilen sich aber auf dem riesigen Gelaende so effizient, dass eine angenehme, ungestoerte Besichtigung dieser wirklich herrlichen Anlage ohne weiteres moeglich ist.
Als mir dann auch noch genau als ich hungrig werde ein Nudelshop im Tempel begegnet, bin ich schon soweit versoehnt festzustellen, dass Xi'an tatsaechlich die wohl sauberste und ordentlichste Stadt ist, die ich bisher in China gesehen habe. Und im Sonnenlicht ist sie sogar richtig schoen.
Hochmotiviert flocke ich zum Stelenmuseum - der schwersten Bibliothek der Welt. Hier sind in einem wiederum wunderschoen angelegten Gelaende (die Gartenkunst beherrschen sie schon, die Chinesen, es ist unglaublich) mit in allen Farben bluehenden Baeumen, Straeuchern und Blumen 2.300 Steinstelen ausgestellt. Manche davon sind ueber 2.000 Jahre alt - die fruehesten "Buecher" der Menschheit. Sie waren dafuer da, um als Vorlagen zum Studieren beispielsweise konfuzianischer Originaltexte, Gesetzen, Gedichten oder auch kalligrafischer Vorlagen zu dienen, damit durch haendisches Kopieren kein Stille-Post-Effekt entstehe.
Direkt neben dem Museum (ich sag ja: es flockt!) erlaubt mir ein Aufgang auf die vollstaendig erhaltene Stadtmauer einen entspannenden Abendspaziergang - und die Entdeckung, dass es dort oben Fahrraeder zu mieten gibt, mit Hilfe derer man auf der 14 Kilometer langen Mauer die gesamte Altstadt umrunden und unterwegs alte Wehranlagen besichtigen kann. Sollte ich es morgen zu den Terracotta-Kriegern und wieder zurueck schaffen, waere das sehr reizvoll.
Als ich mich zum Abschluss noch mit einem Kalligrafie-Meister ueber dieses mein Lieblingsthema unterhalten kann, ich ihm zwei Kalligrafien abkaufe, die er mir auch noch mit meinem chinesischen Namen in Grasschrift versieht, ist der Tag eigentlich perfekt.
Komisch, dass so oft entweder alles schief geht oder alles klappt.
Haltet mir bitte die Daumen, dass morgen noch so ein Tag sein wird ... die Ton-Manderln wollte ich naemlich immer schon einmal sehen.
Mittwoch, 28. Januar 2009
Sichuan - III: Kunst
Wettertechnisch garantiert die Kombination J. und C. jedenfalls fürchterlichstmögliche Zustände, da ich für Nebel und diverse Naturkatastrophen bürge, J. hingegen für Dauerregen und Standard-Schlechtwetter zuständig ist. Gut möglich, dass an dieser Stelle in gut zwei Wochen der aufregende Bericht "Unsere 14 gemeinsamen Tage in einem Shanghaier Kino" erscheint.
Aber wenn wir schon beim Thema Reise sind: Einen kleinen Sichuan-Nachtrag bin ich noch schuldig, und der soll an dieser Stelle sogleich erfolgen.
Sichuan ist ja eine Gegend, in der ich mich zur intensiveren Befassung mit dem Thema Kunst genötigt sah. Nicht nur sind in dieser schönen Provinz die klassischen Künste omnipräsent, auch simple Dinge aus dem täglichen Leben werden auf ausgesprochen kreative Weise verarbeitet.
So zum Beispiel Süßigkeiten.
An jeder Ecke zu finden beispielsweise jene Herr- und Damschaften, die aus heißer Zuckermasse kunstvolle 3D-Lutscher gießen. Besonders beliebt: Das Drehen am Sternzeichen-Rad (links im Bild). Mit Glück erdreht man sich einen Drachen - die größte und prächtigste Figur. Mit nicht ganz so viel Glück bekommt man eine Ratz. (Dreimal dürft's raten ...)
Dieser Zucker wird auf Wunsch auch mit Lebensmittelfarben bemalt.
Eine andere Möglichkeit ist es, Zuckermasse in Tierformen zu blasen, wie es diese zertifizierte Dame hier tut.
Doch auch Stein ist vor der Chinesen künstlerischen Körperteilen nicht sicher. Mit einem winzigen Meißel werden nach Fotos oder Live-Bildern geduldig realitätsgetreue Abbilder in dunkle Steinplatten gepunkterlt. Warum weiß ich nicht.

Des Abends war für mich der Besuch einer traditionellen Sichuan-Oper Pflicht. Völlig unkompliziert ist so etwas im Rahmen einer Tour möglich. Viel lustiger (und garantiert Koarl-frei - er besucht nämlich auch gerne Theater- und Kino-Vorführungen) hingegen ist es, sich einfach selbst ein Opernhaus zu suchen und dort als einziger Europäer unter vielen (lauten) Einheimischen dieses Spektakel bei stets frischem Grüntee zu genießen.
Ich wähle hier bewusst das Wort "Spektakel", denn bei einer solchen Oper fliegt wahrlich die Kuh: Neben klassischen Gesangs-, Instrumental- und Tanzdarbietungen gibt es auch Sketches, atemberaubende Akrobatik, Schatten- und Puppenspiele, Feuerspucken - und das, wofür die Sichuan-Oper am berühmtesten ist: "Changing Faces". Dabei treten Schauspieler in kunstvollen Masken und Gewändern auf, bedecken Gesicht und Körper für den Bruchteil einer Sekunde mit einem Fächer - und wenn sie diesen wieder wegnehmen, haben sich sowohl Maske als auch Gewand vollkommen verändert. Dies geschieht dermaßen rasch, dass es manchmal sogar vor aller Augen - ohne Fächerbedeckung - vorgeführt wird, und immer noch hat man nicht die geringste Ahnung, wo die anderen Masken und Gewänder hinverschwinden. Das muss man gesehen haben, um es zu glauben - meine Filmaufnahmen sind leider von mangelhafter Qualität, sonst hätte ich das hier hineingehängt.
Bei einem Spaziergang entdeckte ich ein ziemlich verfallenes, dafür aber sehr hässliches Gebäude, in dem offenbar Künstler ihre Werke ausstellten. Dort lernte ich Professor Chen kennen "Poet, Painter, Calligrapher" wie mir seine Visitkarte verrät. Er zeigt mir Fotos von ihm in New York: bei großen Ausstellungen und als Gastprofessor an der New Yorker Universität. Ebenso präsentiert er mir prächtige Diplome, die ihn als Meister diverser traditioneller Kunstrichtungen ausweisen. Als er mir dann noch auf einer alten Zeitung vorführt, wie man denn die Grasschrift korrekt auf Papier bringt, bin ich quasi gezwungen, dem alten Herrn auch etwas abzukaufen. Nun bin ich ja stolzer Eigentümer geradezu beeindruckender Unkenntnis betreffs chinesischer Kunst - und folglich jetzt auch eines Kalligraphie-und-Bambus-Zyklus Made by Prof. Chen, der zumindest ganz toll aussieht.
Dieser markante Herr wiederum war so nett, mir mein persönliches Siegel anzufertigen. Er tat dies in klassischer Siegelschrift und benötigte dafür nicht die üblichen 2 - 3 Minuten, sondern arbeitete über eine halbe Stunde konzentriert an Entwurf und Ausführung - so dass ich jetzt eines der wenigen qualitativ wirklich hochwertigen Siegel meines (chinesischen) Namens mein Eigen nenne.

... und so schaut's dann gestempelt aus. Rechts oben 白 (Bai, "Weiß"), mein chinesischer Familienname, rechts unten bzw. links 克林 (Kelin, "den Wald erobern"), mein chinesischer Vorname. Unten in "Schreibschrift". Wird ab sofort alle meine Bücher zieren. Und meine Fotos. Und meine Wände. Und überhaupt alles, was irgendwie mir gehört. Oder auch sonst jemandem.
So. Damit wünsche ich mir selbst eine gute Reise, und jenen Leuten, die sich aus mir unbekannten Gründen bis zu dreimal in der Woche mit relativ unrelevanten Informationen aus China versorgen lassen, wünsche ich geruhsame zwei Wochen. Benehmts Euch warm, schauts anständig über die Straße und ziehts Euch links und rechts an. Baba!
Mittwoch, 17. September 2008
Kinesische Chunst: Shanghai Museum


Zu den abwechslungsreichen Sammlungen gehört beispielsweise eine Ausstellung von Kunsthandwerk Chinas mehrerer Dutzend Minderheiten. Hier die typische, traditionelle Kleidung von Männern der "Yi". Besonders nett: das kesse Rockerl und die Angel, die dem Herrn aus dem Kopf wächst.

Masken zur gefälligen Verschönerung des Trägers gibt es auch - hier eine (im Original sehr große) tibetische solche.

Die Vertreter der nördlichen Minderheiten sind durch ganze Langboote vertreten.

Wieder mal etwas speziell für Mr. Schausi: Was ist das? Geeenau: Geld! Die früheste chinesische Währung, um genau zu sein. Da kann man nur hoffen, dass zumindest die Männer der damaligen Zeit ihr Kleingeld nicht in der Hosentasche trugen ...

Bei aktuelleren Währungen kommt einem manches seltsam vertraut vor.

Wie war ich glücklich, als ich die Sammlung der von mir so geliebten chinesischen Kalligraphien entdeckte! Die wichtigsten alten Meister sind alle vertreten - hier eine Gegenüberstellung zweier Schriften anhand von 1.000 verschiedenen Zeichen von einem Meister aus der Yuan-Dynastie (1271 - 1368).

Die wunderschönen Striche aus der Kalligraphie hielten auch in die Malerei Einzug: Nicht nur in Form von Schriftzeichen, die gerne in die Gemälde integriert wurden, auch bei bestimmten Maltechniken, bei denen mit nur wenigen Strichen extrem kraftvolle Naturstudien geschaffen wurden. (Die hier ist - wenn ich mich recht erinnere - aus der späteren Qing-Dynastie (1644 - 1911).)

Es ist unglaublich, welchen Grad an Abstraktion chinesische Künstler bereits im 17. Jahrhundert erreichten. Zwar war die Malerei noch gegenständlich, aber die Sparsamkeit der Striche und die gesamte Ausführung lassen das Dargestellte fast nebensächlich werden.
Öhm, ja, soviel also zu meiner Begeisterung für schöne Striche. Tschuldigung. Ist wahrscheinlich, weil in meiner eigenen Schrift nicht mal zufällig auch nur irgendein Strich schön ist ...
