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Sonntag, 26. Oktober 2008

Kunshan: Bierbauch und buddhistische Unterhosen

Meine Ideen lassen sich ja generell in eine von zwei Kategorien einordnen: die schlechten und die unpraktischen. Hin und wieder gelingt mir aber ein Einfall, der beides kombiniert: Er ist kompliziert in der Umsetzung, stellt sich dafür aber bald als ziemlich idiotisch heraus. Und in der Anfangsphase schien es, als wäre meine Idee, nach Kunshan zu fahren, eine letztere solche gewesen.

Alle Wege führen nach Rom - und keiner nach Kunshan ...
Kunshan ist eine kleinere Kreisstadt in der Nähe von Zhouzhuang - oder eigentlich ungekehrt, denn Zhouzhuang gehört zum Verwaltungsbezirk Kunshan. Obwohl die Stadt also ganz in der Nähe von Shanghai liegt, fährt absolut niemand hin. Mich reizt so etwas. Denn es bedeutet, dass es dort vermutlich recht untouristisch und folglich auch ziemlich original-chinesisch zugeht. Also beschloss ich, diesen Ort aufzusuchen, dort eine Nacht zu verbringen und herauszufinden, wieso man nie etwas davon hört.

... doch dafür ist man schnell dort.
Obwohl Kunshan etwa genauso weit von Shanghai entfernt ist wie Zhouzhuang, benötigt der Zug zu ersterem Ziel nicht ganz jene vollen zwei Stunden der Busfahrt zu zweiterem. Um genau zu sein, war ich nach 18 Minuten da. Dies liegt daran, dass das Städtchen an der Strecke Shanghai-Nanjing liegt, die von einem der hypermodernen Hochgeschwindigkeitszüge befahren wird, die mit 220 km/h dahinbrausen. Der Komfort dieser fast lautlos dahingleitenden Gefährte ist schwer zu beschreiben und man möchte gar nicht mehr aussteigen. Doch bei einer Strecke von etwa 60 Kilometern zahlt es sich kaum aus, sich hinzusetzen.

Jaja, ich hör' eh schon auf zu quatschen ...
In der Stadt angekommen, glaubte ich zunächst, endlich ergründet zu haben, wieso außer mir zwar alle nach Hangzhou oder Suzhou - niemand aber nach Kunshan fährt: Es ist stinkschiach.

Dachte ich zumindest. Zum Glück stellte sich das bald als vollkommener Irrtum heraus. Doch sehet selbst:


Die Reise beginnt in der entspannten Atmosphäre des Shanghaier Bahnhofs. So sieht eine der dutzenden Wartehallen außerhalb der Reisesaison für einen Zug an ein nicht besonders populäres Ziel aus. Beim Check-in in den Bahnhof und der anschließenden Durchleuchtung ist natürlich noch viel mehr los.

In Kunshan angekommen, begrüßt mich zunächst ein Sex-Shop ("Mann-Frau-Beziehungszubehör" im Chinesischen), und dann obiges reizvolles Flußpanorama. Ich frage mich, warum ich nicht einfach wie alle anderen auch zu den schönen Zielen der Umgebung fahre.


Die Hotelsuche ist schnell erfolgreich: Nur 14 Euro kostet das Zimmer mit Live-Sound von der befahrenen Hauptstraße. Die Dusche ist nur mäßig verschimmelt, und man hat zahlreiche Wahlmöglichkeiten: entweder zögerlich tröpfelndes Warmwasser oder ein kräftiger, eiskalter Strahl.

Die Chinesen schätzen ja die Kunst der Vermehrung. Und so gibt es im Hotel neben Shampoo, Seife und Einmal-Zahnbürste auch Aphrodisiakum. Natürlich fein säuberlich nach Geschlechtern getrennt - für den müden Mann und die fade Frau. Fast bekomme ich Lust, jenes für die Frau einzunehmen, um zu prüfen, ob ich dann schwul werde.


Doch bereits mein erster Spaziergang versöhnt mich: Kunshan ist eine freundliche, blitzsaubere und auch schöne Stadt, in der man hervorragend einkaufen kann. Ich erstehe wunderbares Kalligraphie-Zubehör und sogar eine ausgesprochen fesche Hose und Jacke um 20 Euro. Noch etwas fällt auf: Als Westler erregt man nur freundliche Neugier, bekommt aber nicht wie in den Touristenzielen alle drei Schritte "Watches", "Handbags" oder "Lady! Massage!" angeboten. Ich erfahre, dass Kunshan der wohlhabendste Verwaltungsbezirk Chinas ist. Und das merkt man auch.


Um Schreiben zu können, scheue ich keine Kosten und Mühen: Ich erstehe nichts geringeres als das "bequemste Heft, mit dem ich je zusammengestoßen bin".

In dem selben Buchgeschäft, in dem ich obiges Sensations-Heft erwerbe, sind die einzelnen Themenbereiche sogar auf Englisch angeschrieben. Das ist fein. Denn sollte ich jemals mein Interesse an dem weitreichenden Fachgebiet der "Odd Flake Chance" entdecken: Kunshan hat zu diesem Thema ein reichhaltiges Sortiment.


Die Auswahl mancher hochspezialisierter Abteilungen ist hingegen eher überschaubar. Wie beispielsweise diese hier. Aber das richtet sich ja auch an ein ausgesprochen anspruchsvolles Nischenpublikum.


Mein Spaziergang führt mich weiter in den Norden der Stadt. Dort stoße ich unvermittelt auf den wunderschönen, großen "Tinglin"-Garten, ein riesiges, geschlossenes Gebiet, das in der Tradition der chinesischen Gärten sowohl kunstvoll arrangierte - und mit Statuen, Ziersteinen und Gewässern versehene - als auch "ungezähmte" Natur umfasst.


Dort gibt es auch einen Berg mit großartiger Aussicht sowie allerlei antiken Bauwerken, den ich natürlich sofort erkraxle.


Sogar ein sehr geschmackvolles Museum entdecke ich - und erröte vor Scham. Muss ich doch erst hier erfahren, dass Kunshan der Geburtsort der Kunqu-Oper ist. Dies nicht zu wissen mag ja noch angehen. Aber dass ich der "Kunqu" bloße Existenz nicht einmal ahnte, ist schon etwas peinlicher - ist sie doch die Mutter aller klassischen, chinesischen Opern, zu denen beispielsweise die Guangdong-Oper, die Sichuan-Oper oder - die unter Europäern bekannteste Form - die Peking-Oper gehören.


Nach dem auch akustisch durchaus anspruchsvollen Museumsbesuch, kommt mir ein Teehaus wie gerufen. Es gehört einem reizenden älteren Ehepaar, das mir hervorragenden Drachenbrunnen-Tee kredenzt. Inklusive Wasser nach Belieben, in der im üblichen geschmackssicheren chinesischen Design gehaltenen Thermoskanne. Die alte Dame des Hauses interessiert sich sehr für meine Chinesisch-Studien; doch nach einem ebenso angeregten wie netten Gespräch genieße ich auch gerne die an diesem regnerischen Tag friedliche Umgebung - und schreibe sogar ein Lied, das nicht allzu schlecht ist.


Es ist schwer zu verstehen, warum sich in Shanghai tausende Touristen um einen einzigen Tempel prügeln - während hier in Kunshan ein riesiger solcher steht, der mindestens ebenso schön, allerdings vollkommen frei von Menschen ist. Mit Ausnahme einiger Mönche und einiger buddhistische Gebete praktizierender Einheimischer bin ich der einzige Besucher - und genieße vollkommen ungestört von Menschen, Keilern und Souvenierverkäufern die dort wirklich würdevolle Ruhe des heiligen Platzes. Dabei entdecke ich auch viel Wissenswertes über das Leben im Tempel ...

... wie beispielsweise, dass auch der buddhistischen Mönch seine Kutte waschen muss, und die Unterhose seines Vertrauens zum bewährten Modell "Feinripp Maxi" gehört. Da fällt das enthaltsame Leben leicht.

Doch nicht nur der Einkehr und Ruhe will gefrönt sein. Spätabends erkunde ich das lebendige Nachtleben von Kunshan. Beim einem langen Gespräch in einer Bar bemerke ich erstaunt, dass mein Chinesisch offenbar doch schon zum Plaudern ausreicht.
Irgendwie beschleicht mich aber auch das Gefühl, dass ich nicht der erste Europäer bin, den es nach Kunshan verschlägt. Schön, dass auch die Chinesen sich das beste aus unserer Kultur aneignen.