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Samstag, 9. Mai 2009

Ode an Xitang

Am Donnerstag, den siebten Mai im Jahr des Herrn 2009, begab es sich,
dass Lehrkraft Tan uns grob im Stiche ließ:
Ob itzumal uns unbekannter Ursach, gab an diesem Tag die Frau uns keinen Unterricht.

Ich, gram ob nicht genutzter Stund, gewohnt dem morgendlichen Fest des Geistes da zu frönen,
frug mich ernst, was es denn da zu tun noch gäb.
Zum Schlusse kam ich bald, denn um die tausend Jahr' bevor ich selbst das Licht der Welt erblickt, stand es schon da, das kleine Dörflein Xitang.

So nah Shanghai gelegen, dass Zug und Bus dem Winde gleich den Reisenden nach kaum zweistünd'ger Reise in das Dörflein bringen kunnt.
Also beschloss ich, diesen Ort, ein Wasserdorf, mir anzusehn. Doch wollt ich dies - entgegen sonstigem Gepflege - allein nicht tun.

Erfahrung will mit anderen geteilet sein, und so ward meinerseits der Freunde reiche Zahl, die just da auch des Lehrens frohe Kunde nicht genießen konnt', eingeholt,
und auch sonst was so zu tun für eine Reise zu erled'gen war.

Der Tag begann für uns zur Stund als noch der Hahn im weichen Bett aus Stroh die rauhe Kehle nicht zur Tat erwecket hat,
die Sonn' den Horizont noch nicht verließ und fast die Dunkelheit uns zagen ließ, des Morgens frische Luft den Tatendrang zu zügeln auch verstand.

Verteilt auf Kutschen, reich an Zahl, verließen elf verzagte Herzen Sicherheit und Unterkunft,
der ungewissen Zukunft strebt man so entgegen, stolz die Brust und kühn die Stirn, allein:
Es stauet sehr auf Shanghais alten Straßen.

Es dauerte gar ewiglich, bis dort am Horizont des Bahnhofs hohe Hallen endlich unser ungeduld'ges Aug erfreuten.
Löwengleich stürzt' so der Reisegruppe stolpernd Bein von Straßenrand zur Gehsteigkant', den Gleisen stets entgegen.

Kaum ward noch Zeit, als unser solchermaßen morgendlich getrimmter Körper endlich das Gefährt erreicht.
Ein strenger Blick, ein kurzer Schrei, die Türe schließt - schon fährt man los; dem Ziele doch noch bald entgegen.



Doch lasst mich nun mit Bildern sagen, was der Mund so unvollkommen sonst nur wiedergeben kann:




Der Freunde viel - der Spaß ist groß,
das Dorf ist alt, gleich geht es los.
Man stürzt sich kühn in Wasserstraßen!
(Zuerst jedoch das Wasserlassen.)

Ein Wasserdorf, soviel ist klar,
hat Häuser, Straßen und - no na -
auch Wasser, wo das Parken schwer.
Kein Auto stört das Häusermeer.

Die Wasserwege kreuzen munter
links und rechts die Straßen runter,
der Mensch flaniert auf dem Asphalt,
Kanal befährt das Bötlein halt.

Das Schöne an der Gruppenreise:
Unbemerkt, ganz still und leise,
bahnt sich echte Freundschaft an,
und langsam findet Mann zu Mann.

Als wir dann später essen geh'n,
beeindruckt Maki außerdem
mit Erhu-Spiel und alten Weisen,
während alle and'ren speisen.

Gott, die Welt ist doch ein Dorf:
Nam Hee trifft - bekannt vom ORF -
Tom Cruise der just hier sehr sensibel
spielte "Mission Impossibel" (<= Betonung auf dem "i")

Wie überhaupt in dieser Stadt
das Schöne deutlich Vorsprung hat:
Andy zeigt im Parke drinnen:
Echte Schönheit kommt von innen.

Wohingegen diese beiden
unter ihrem Ausseh'n leiden.
Denn wo das Äuß're zu perfekt,
bleibt inn're Schönheit oft versteckt.

Doch selbst der Löwe, der aus Stein,
kann hier wirklich stilvoll sein:
Nicht nur fetzt solch Kopfgewand -
es schützet auch vor Sonnenbrand.

Nun ist auch der gesamte Ort
der Lieblichkeit und Grazie Hort.
Wir woll'n das auch vom Wasser seh'n,
weshalb wir flugs zum Hafen geh'n.

Die Sicherheit kommt hier zuerst:
Denn wenn Du mit dem Schiffe fährst,
trag' Sorge stets zu dieser Frist,
dass Du nicht allzu zahlreich bist.

Wir mieten uns ein eigen' Boot.
Das Antlitz - von der Sonne rot -
wird hier zum Bug nach vorn gereckt:
Hayato dort Talent entdeckt.

Im Hintergrund die alten Gassen,
Brücken, Häuser - sie verblassen,
sind als Motiv schnell abserviert,
wenn er sich modelnd präsentiert.

Doch langsam geht der Tag zu Ende,
und weil man gern den Ort noch fände,
wo die Heimfahrt später startet,
und der Bus nicht auf uns wartet ...

... ist Zeit bald für das Abschiedsbild,
ich knipse Taka, der wie wild,
seinerseits Diana schießt,
die auch Fotografie genießt.

Sonntag, 15. Februar 2009

Der Süden - II: Longsheng und das unsichtbare Drachenrückgrat

Da bin ich wieder. Frühmorgens verabschiedeten ich und Linan - die nun eine gemeinsame Freundin ist - meine zwei Besucherinnen, morgen beginnen meine Vorlesungen, und also wird's nun Zeit, dass ich den nächsten Teil des großen Süd-Trips nachliefere.

Heute wollen wir die Gegend von Longsheng (龙胜, "siegreicher Drache") besprechen. Dieser Ort liegt etwa 70 Kilometer nördlich von Guilin und ist für zwei Dinge berühmt: für seine atemberaubenden Ausblicke auf Reisterrassen, die von Horizont zu Horizont steile Bergrücken überziehen, und für jene Angehörige der Völker der Yao, der Zhuang und der Dong, die dort in kleinen, ursprünglichen Dörfern leben und diese Reisterrassen bestellen.

Da man ja nicht jeden Tag das Gleiche machen möchte, entschieden wir uns dieses Mal dafür, diese Gegend nicht im Rahmen einer Tour zu besichtigen, sondern ein Auto inklusive Fahrer zu mieten - wodurch wir auch die Freiheit hatten, alles völlig unabhängig zu erkunden.

Unser Fahrer war ein fröhlicher Mann, der sogar einige Wörter Englisch beherrschte, und so verging die langsame Fahrt über kleine Serpentinenstraßen munter plaudernd wie im Fluge. Die herrliche Landschaft von Longsheng bereitete sich darauf vor, sich unseren erkundenden Augenpaaren von ihrer besten Seite zu zeigen. Und auf welch originelle Weise sie dieses tat, demonstriere ich am besten in Bildern:

Hier ging die Reise los: in unserem Hostelzimmer. Der Vorteil daran, mit Mädels zu verreisen, ist ja, dass man nicht mit dem üblichen Chaos kämpfen muss, das Männerhaushalte so auszeichnet. Keine Gewandberge, nichts verdrückt sich, alles liegt stets am dafür vorgesehenen Platz - herrlich.

Entsprechend schnell konnten wir auch aufbrechen - und bereits eine halbe Stunde Fahrt außerhalb von Guilin wurden die Straßen enger, die Landschaft wilder, und es begann der Anstieg ins Gebirge. Auch die ersten traditionellen Dörfer chinesischer "Minderheiten" tauchten auf - wie beispielsweise hier eines mit den typischen Holzhäusern der Zhuang.

Gleich als erstes steuerte unser Fahrer "Ping An" (平安) an. Nahe diesem Zhuang-Dorf mit dem hübschen Namen "Frieden" befindet sich eines der berühmtesten Panoramen Chinas - die Reisterrassen des "Drachenrückgrats". Zum ersten Mal betraten wir also ein solches traditionelles Dorf, dessen Einwohner hauptsächlich vom Reisanbau, vom Handwerk und von Touristen leben. Dieser Herr mahlt gerade Sojabohnen zur Herstellung von Bohnenmilch.

Bereits während der Fahrt war das Wetter nicht gerade großartig. Aber der eigentliche Anstieg auf engen Wegen mitten durch die Reisterrassen war dann nachgerade besorgniserregend. Eigentlich waren wir froh, wenn wir überhaupt weit genug sahen, um den nächsten Schritt nicht ins Leere zu setzen. Keine idealen Voraussetzungen für einen kilometerweiten Blick in die Landschaft.

Denn so präsentieren sich die Reisterrassen des Drachenrückgrats normalerweise den Besuchern. ( Foto von www.visitourchina.com )
Was für ein Anblick aber erwartete uns nach einem halbstündigen, ziemlich steilen Aufstieg?

Nun ... einer mit etwas geringerer Blicktiefe, könnte man sagen. (Im Hintergrund: "Reisterrassen im Nebel", eine artistische Impression von Clemens M. Bayer)

Angesichts dessen - oder eher eben nicht angesichts - ward der tapferen Wandersleute Stimmung ein wenig getrübt. Auch wenn der Nebel an anderen Stellen durchaus stimmungsvolle Anblicke erzeugte. Obige "Wind-und-Regen-Brücke" - ein Bauwerk-Typ, der vom Volk der Dong völlig ohne Nägel und Eisenteile errichtet wird - macht sich beispielsweise auch als "Nebel-Brücke" ziemlich gut.

Auch obige Dame vom Volk der Yao war trotz Nebels tadellos sichtbar. Was fein ist, denn die Frauen der Yao sind berühmt dafür, dass sie sich niemals die Haare schneiden. Stattdessen wächst die Frisur dieser auch im Guinness Buch der Rekorde eingetragenen Volksgruppe mit den längsten Haaren der Welt zu beeindruckenden Längen und wird im Alltag zu einem kunstvoll geflochtenen Knoten gewunden und mit einer markanten Kopfbedeckung ... ähm ... bedeckt. Diese hat sie für uns abgenommen, um uns dummen Touristen eine fotographische Festhaltung zu ermöglichen.

Ebenfalls wetterunabhängig war zum Glück unser Mittagessen in einer Zhuang-Hütte - wo wir traditionelle Speisen probieren konnten. Oben sieht man, wie ein Gericht aus Huhn, Bambus und Reis in ausgehöhlten Bambusstangen gegrillt wird ...

... hier sieht man uns in der Hütte darauf warten, was auch immer wir da gleich serviert bekommen würden ...

... und hier schließlich hebt ein gar grausig Gemetzel an, als wir versuchen, des knusprig angebratenen Reises Herr (bzw. Dame) zu werden. Geschmeckt hat das übrigens unheimlich gut.

Wenn wir schon nicht die schönsten und berühmtesten Reisterrassen sehen konnten, wollten wir zumindest überhaupt einmal welche sehen. Daher baten wir unseren Fahrer, uns in ein nahegelegenes Dorf der Yao zu bringen, das ein gutes Stück bergabwärts liegt. Der Nebel verhüllte ja nur exakt jenen Berggipfel, auf dem wir der Aussicht zu frönen gedachten. Weiter unten wäre es vielleicht etwas besser, so der Gedanke.
Als wir die ebenso hohe wie wackelige und morsche Hängebrücke über den Fluss zu besagtem Dorf überquerten, bestätigte sich unsere Vermutung: Die Luft war klar - hier würden wir zumindest ein paar Reis-Impressionen sammeln können ...

... vorausgesetzt natürlich, diese hinterhältigen Yao hätten den Reis nicht kurz vor unserem Besuch abgeschnitten und nur Stoppel-Panoramen hinterlassen.

Das aber war nicht besonders tragisch, da wir auch so nach einem gröberen Gekraxel noch ein paar, wenn schon nicht ganz so grandiose, so doch immer noch wunderschöne Ausblicke auf Reisterrassen mitnehmen konnten. Ohne Weitwinkel-Objektiv hatte ich natürlich keine Chance, die ganze Dimension dieser Landschaft einzufangen, aber beim Teutates, ich sage Euch: Es war toll.

Wie wir direkt vom tiefsten November-Nebel in den brütenden Sommer-Sonnenschein wechselten, wie Babsis Schlangenphobie ausgerechnet in einer Disko auf eine harte Probe gestellt wurde, was uns dazu bewog, einem Wiener Nationaltanz in einem kantonesischen Park zu frönen und warum Hong Kong nicht gut für meinen Kopf ist - darüber schreibe ich dann beim nächsten Posting. Glaube ich. Und wenn nicht, dann erinnert's mich bitte daran.

Montag, 10. November 2008

Huangshan - 13 Stunden zum Gelben Berg

Dem willigen Reisenden stehen mannigfaltige Möglichkeiten zur Verfügung, um von Shanghai zum "Huang Shan" - den berühmten "Gelben Berg" - zu gelangen.

Da gibt es einmal den Schnellbus. Er ist die billigste Variante und benötigt etwa sechs Stunden für eine Strecke, die grob jener von Wien nach München entspricht.

Dann gibt es den Schnellzug. Er ist natürlich teurer, braucht aber auch nur fünf Stunden.

Und dann wäre da noch die Heckenbrunzer-Variante: Dabei plagt sich eine freundliche Töff-Töff-Lok über Nacht geschlagene 13 Stunden lang dem Ziel entgegen, hält bei allem, was auch nur entfernte Ähnlichkeit mit einem Haus hat, und ist dabei sogar noch etwas teurer als der Bus. Wahre Freunde der gepflegten Qual verschärfen diese noch durch den Kauf einer "Hard Seater" Fahrkarte; diese stellt sicher, dass die 13 Stunden eingezwickt auf engstem Raum und härtesten Sesseln eine möglichst große Herausforderung an sämtliche Gelenke und Sitzmuskeln darstellen. (Denn ein Schlafabteil mieten kann ja nun wirklich jeder.)

Der erfahrene Leser meines Blogs ahnt natürlich bereits, für welche Variante sich Irene, Nick und ich entschieden, um diese eine der schönsten Naturregionen Chinas zu erreichen.

Huangshan - man kann nie genug davon haben
Mit schmerzendem Körper und bleiern müde von zwei durchwachten Nächten, mit einer harten Bergtour mittendrin, schreibe ich also diese Zeilen und bitte um Nachsicht, falls dies gewisse Auswirkungen auf die Qualität des Eintrags haben sollte. Aber die Bilder sprechen ohnehin für sich selbst; bringen wir also das Bla-Bla rasch hinter uns und widmen uns dann gemeinsam der bunteren Seite der Reise.

Huangshan ist ein Berg. Oder eigentlich eher eine ganze Region voller Berge. Alle um die 2.000 Meter hoch und relativ unberührt, sind sie die Zierde von Anhui, der ärmsten Provinz Ostchinas, und ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen.

Huangshan ist auch eine mittelmäßig attraktive Kleinstadt, die etwa 50 Kilometer von erwähnter Bergregion entfernt liegt. Das fanden wir zur großen Verblüffung aller Beteiligten natürlich erst heraus, als wir nach oben erwähnter Marterfahrt aus dem Bahnhof von ebendieser Stadt wankten.

Annäherung an den Berg
Um eine etwas langwierige Operation kurz zusammenzufassen: Nach einer seitens lokaler Kleinunternehmer gezielt auf uns durchgeführten Transport-Keilerattacke sowie harten Preisverhandlungen, ließen wir uns ebenso willig wie physisch am Ende zu einer Kleinbusfahrt in einen Ort direkt in der gewünschten Bergregion überreden, wo wir dann auch bald Unterkunft für eine Nacht in einem sehr günstigen Hostel fanden.

Dieser Ort, "Tangkou" (wörtlich: "Suppenmund"), konnte - so stellten wir nach Ankunft fest - nicht nur mit beeindruckender Trostlosigkeit aufwarten und hatte das mit Abstand schlechteste Essen in ganz China anzubieten, nein, er war auch immer noch kilometerweit vom eigentlichen Wandergebiet entfernt. Diese freudige Entdeckung machten wir, als wir - frohgemut mit Rucksack, Wanderausrüstung und viel zu wenig Proviant bewaffnet - gegen Mittag zu unserer Bergtour aufbrechen wollten.

Der erste Tag: Lokale Dihydrogeniumoxid-Gravitationsphänomene
Nun ist es so, dass wir ja zwei Tage zur Verfügung hatten. Unsere Ankunft in erwähntem Bergkaff erfolgte Samstag Mittag - und zwar in tiefstem Nebel- und Regenwetter. Da es für eine Bergwanderung also schon etwas spät war und das Wetter sich außerdem für eine Gegend, die für ihre grandiosen Panoramen berühmt ist, suboptimal präsentierte, entschlossen wir uns kurzerhand zu einer kleinen Tour einiger der berühmten Wasserfälle der Umgebung, die leichter zu erreichen und auch bei Nebel wenigstens noch sichtbar waren. Das war - ganz untypisch - zur Abwechslung eine sehr gute Entscheidung.

Schnell war ein Kleinbus samt ausgesprochen freundlichem Fahrer gemietet, und er führte uns zu drei der schönsten Plätze, wo man ein wenig wandern und jeweils grandiose Wasser- und -fall Panoramen bestaunen konnte. Dank des grausig kalten und feuchten Wetters, waren wir dort auch zumeist so gut wie alleine.

Der zweite Tag: I muaß auffi!
Am nächsten Tag - nach soliden zwölf Stunden Schlaf, die wir uns nach der aufrecht sitzend durchwachten Zugfahrt und anschließenden Wasserfall-Kurzwanderungen ehrlich verdient hatten - erwarteten uns strahlender Sonnenschein, kristallklare Luft und somit bestes Bergwetter. Das kleine, desorganisierte Grüppchen, das ich gerne "wir" nenne, konnte nach einem faszinierend widerlichen Frühstück tatsächlich wieder einen Fahrer auftreiben, der uns nach gröberem Hin und Her zum Hauptaufstiegspunkt auf den Gipfel unserer Wahl brachte. Dort, in der vollkommenen Einschicht, wollten wir den Fahrer einige Stunden später wiedertreffen, um zurück zum Hostel gelangen zu können, und dann weiter zum Bahnhof, wo abends um 22 Uhr der Mörderzug seine Fahrt des Grauens zurück nach Shanghai beginnen würde.

Die Wanderung selbst war herrlich - bis auf den 1.800 Meter hohen Gipfel bezwangen wir den Berg vermittels unzähliger Stufen - eine in China durchaus übliche Weise, berühmte Berge zu ersteigen. Die Panoramen unterwegs waren dabei unbeschreiblich schön. Unberührte Natur, herrliche Stille, unzählige Bäche und Wasserfälle, Karstgipfel, die niedrigeren Hänge bedeckende Bambuswälder und nicht zuletzt kristallklare, saubere Luft sowie erstaunlich wenige Menschen entschädigten uns nicht nur mehrfach für alle Strapazen, sondern machten diesen Ausflug auch zum schönsten Naturerlebnis, das ich bisher in China hatte.
Die mehrstündige, ausgesprochen anstrengende, Bergwanderung fand mit einer halbstündigen Busfahrt (der Taxifahrer war nicht gekommen) zurück zum Hostel, einer darauf folgenden einstündigen Busfahrt zurück in die Stadt Huangshan, einem dort eingenommenen (zur Abwechslung einmal hervorragenden) Abendessen sowie einer dreizehnstündigen, ebenso schlaflosen wie fürchterlichen Zugfahrt zurück nach Shanghai ihr Ende.
Nun kann ich - frisch geduscht und nach einem dreistündigen Schläfchen wieder einigermaßen lebendig - eine kleine Bildauswahl präsentieren, die den dortigen Panoramen keinesfalls gerecht wird, dafür aber auch ausgesprochen inkompetent fotografiert ist. Möge der Reigen beginnen.

Se Trip in Piktschers


Die Landschaft des südlichen Anhui präsentiert sich völlig anders als die Umgebung Shanghais, die einer Brettel-ebenen, gigantischen Baustelle gleicht - und auch anders als die Provinz Jiangsu, Ziel meiner bisherigen Reisen, mit ihren sanften Hügeln und freundlichen Städtchen. Anhui ist wilder, mit schroffen Gebirgen, hohen Wasserfällen - aber auch einsamen Dörfern und endlosen Reisfeldern - wie hier zu sehen.

In diese abgelegene und ansonsten untouristische Provinz brach also unser ebenso munteres wie unfähiges kleines Reisegrüppchen auf.


Anhui ist ja eine unglaublich feuchte Provinz. So fällt hier das Wasser nicht nur vom Himmel, sondern auch überall sonst. Das unfreundliche Wetter bildete den idealen Hintergrund für die hunderten berühmten Wasserfälle der Umgebung - kleine ...


... ebenso wie große. Der hier ist mit 120 Metern Höhe immerhin der neuntgrößte in China.


Auf den Wanderungen in dieser Gegend trifft man häufig auf Unerwartetes: freundliche, zehn Zentimeter lange Spinnen ...

... und offenbar massiv Diebstahl-gefährdete Brücken.

Ist aber eh vernünftig, die Brücken gut zu sichern. Sind nämlich ziemlich hübsch.

Wunderschönes Wetter lädt am Sonntag zur Besteigung eines der Hauptgipfel ein. Die tieferliegenden Regionen sind von riesigen Bambuswäldern bedeckt. In diese Megagrashalme ritzen Chinesen gerne ihre Namen ein.

Mit zunehmender Höhe verändert sich die Vegetation. Pappeln dominieren - und nutzen dabei jeden möglichen und unmöglichen Platz.

Noch weiter oben verliert man jeden Respekt vor den alten chinesischen Künstlern: Die Schweine haben einfach abgemalt, was sie gesehen haben!

Aber schön ist das schon ...

Oben angekommen, ist man konditionell ein wenig angeschlagen. Dabei gibt's kaum Pause - schließlich sollte man den Zug tunlichst nicht versäumen, der wenige Stunden später eine Wanderung sowie zwei Busfahrten entfernt losfahren würde.

Andererseits müssen wir wenigstens nur uns selbst schleppen. Dutzende Träger hingegen befördern den ganzen Tag lang Bier und Vorräte auf den Berg - und Schmutzwäsche sowie Abfall wieder hinunter.

Unerwartete Sehenswürdigkeit: der Schilderwald

Ja, ich traf wieder auf ganz viele Schilder von ungeahnter Attraktivität! Und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen:

Da gab es beispielsweise die üblichen semantischen Meisterleistungen ...

... von manchmal durchaus undurchschaubarer Mystik ("Please do not jumps a hurdle"? Hier? Auf dem Berg?)

Dann solche von großer poetisch-philosophischer Schönheit ...

... wirkungslose ...

... mysteriöse ...
(Wir haben uns bemüht, die Aussicht möglichst nicht zu genießen - und wann immer wir auf Affen trafen, wurde auf ausschließlich nicht-kulinarische Weise geflirtet!)

... aber auch solche, die Aufschluss über die chinesische Mentalität geben. Diese ist offenbar von hohem hygienischem Niveau ...

... zumindest manchmal.

Sonntag, 12. Oktober 2008

Zhouzhuang - es gibt das alte China DOCH noch!

Ich bin ja unter anderem auch hier, um meine Grenzen zu verschieben, was ich heute im Rahmen eines beschaulichen Sonntags-Ausflugs einmal wieder tun konnte. Und zwar nicht nur, weil ich an einem Sonntag freiwillig um 7.30 Uhr aufstand - sondern vor allem, weil ich erstmalig alleine in ein chinesisches Dorf aufbrach, das weder mit Zug noch mit Flugzeug zu erreichen war. Ich war also gezwungen, einen Überlandbus zu nehmen, und das tun nicht viele Westler, da dafür Chinesisch-Kenntnisse eigentlich unerlässlich sind.

Clemi allein im Bus
Den Bahnhof für Fernbusse muss man sich eher wie einen Flughafen vorstellen - von gigantischer Größe, unfassbare Menschenmassen und riesige Wartehallen. Selbstverständlich sämtliche Beschriftungen nur in Chinesisch und das Personal auch nur dieser schönen Sprache mächtig. Und genau DAS war es, was ich mit Grenzen verschieben meine - denn es ist schon ein wenig gruselig, sich als einziger von allen Seiten angestarrter West-Mensch mitten in die Scharen an Bauern, Wanderarbeitern - aber auch chinesischer Städter aus allen Teilen Chinas zu begeben, um ein kleines Örtchen irgendwo im Nirgendwo zu erreichen.

Zhouzhuang ist eines der für das südliche Jangtse-Delta typischen Wasserdörfer, die von Kanälen durchzogen und völlig autofrei sind. Es liegt etwa 70 Kilometer von Shanghai entfernt, die winzigen, klapprigen Busse benötigen für diese Entfernung allerdings über zwei Stunden.

Endlich raus
Spannend war diese Fahrt aber nicht nur wegen des beengten Gescheppers mitten durch die chinesische Pampa. Sie war es auch, weil ich nicht wusste, ob es mir vor Ort gelingen würde, durchaus notwendige Operationen vorzunehmen, wie beispielsweise herauszufinden, wann der letzte Bus nach Shanghai zurück fährt, wie und wo ich ein Ticket kaufen würde - und schließlich hatte ich keine Ahnung, ob es Pläne des Ortes gab oder wie ich mich sonst orientieren soll.

Um es kurz zu machen: Es hat alles wunderbar geklappt, vor Ort hat mich sogar mein Sitznachbar aus dem Bus - ein älterer Chemiker auf Dienstreise - freundlich dabei unterstützt, das Ticket zu besorgen ... und die Reise war alle anfänglichen Unsicherheiten mehr als wert! Zhouzhuang ist der schönste Ort, den ich bisher in China besuchen durfte. Denn fast ungläubig konnte ich feststellen: Es gibt sie tatsächlich - die uralten, unberührten und friedlichen (!) chinesischen Örtchen, die so aussehen, wie man sich China unter Aufbietung aller Klischees vorstellt.

Vom Marchfeld in die Wachau
Dabei beginnt die Fahrt eher unspektakulär, denn Shanghai ist ein Stadtstaat. Und wenn man so durch das Bundesland Shanghai, also die Umgebung der eigentlichen Stadt, fährt, könnte man denken, ganz China ist eine einzige Baustelle - Bauschutt, Kräne, Bagger, dazwischen höhere und weniger hohe, auf jeden Fall aber nicht besonders schöne Häuser. Dann noch der eine oder andere hoffnungslos veschmutzte und unfassbar stinkende Kanal und ein paar dazwischen eingezwickte Felder. Man muss sich das als eine Art Marchfeld mit vielen Schutthaufen vorstellen.

Doch kaum überquert man die Grenze zur Nachbarprovinz Jiangsu ändert sich das Bild: Plötzlich wird es grün und sauber - die endlose Siedlungsfläche geht in tatsächlich voneinander trennbare Orte und landwirtschaftliche Flächen über - es gibt hübsche Teiche, endlose Reisfelder, kleine Bambuswäldchen und richtig nette Städtchen.

Fast schon kitschig: Zhouzhuang
Nähert man sich Zhouzhuang, wird es geradezu kitschig-entzückend. Das Jangtse-Delta ist ja ein ungemein feuchter Ort, also hat man es hier mit Seen, Kanälen und generell vielen Wasserflächen inklusive kleineren und großen Booten und Schiffen sowie Brücken zu tun. Und Zhouzhuang selbst versetzt einen zurück in eine Zeit der chinesischen Geschichte, von der ich nach fünf China-Besuchen dachte, es gibt heute keine Reste mehr davon. Gut - war natürlich naiv von mir, da ich mich bisher noch nie aus den großen Städten hinausgerührt habe, aber man gönne mir meine kindliche Begeisterung!

Bevor nun also der gewohnte Bilderreigen losgeht, zur Einstimmung noch ein paar kurze Fakten, die sehr einfach durch Scrollen übersprungen werden können. Ich übernehme sie wörtlich aus dem auf Englisch (!) zur Verfügung stehenden Prospekt, den ich vor Ort von einem alten Bauern erstanden habe:

"Zhouzhuang's history can be dated back to over 900 years old. Zhouzhuang is the home of the famous Chinese Writer. And the ancient cwtural town in Soun China in the first region of rivers ang lakes in china. The town in surrounded by water with many branching steams. Visitors from all over the world are intoxicated by its wnique scenery, which is formed by lanes, alleys, meandering steams, stone bridges and old residence with black tiles and white well."

Und es stimmt jedes Wort.

Nun aber die Fotos ...


Die Fahrt in dem kleinen Bus ist von großem Lokalkolorit geprägt: Was man so braucht, wird mitgeführt - und wenn's zu voll ist, werden kleine Plastikhocker verteilt, auf welchen man zwei kauernde Stunden im schmalen Mittelgang verbringen kann.

Ab hier gibt's keine motorisierten Fahrzeuge mehr - der Eintritt nach Zhouzhuang erfolgt stilgemäß.

Der Ort ist ein "Wasserdorf". Folglich bewegt man sich dort hauptsächlich mit Booten.

Auch heute noch sind 60 Prozent der Häuser aus den Ming- oder Qing-Dynastien - also bis zu 700 Jahre alt.

Touristische Bootsfahrten erinnern sehr an Venedig. Und die "Gondoliere" singen sogar - nur sind es halt alte chinesische Weisen, die vorwiegend von älteren und alten Damen vorgetragen werden.

Neben einer pittoresken Mischung aus antiken Häusern, Brücken, Villen und liebevoll gestalteten Museen, gibt es auch herrlich friedliche Gärten ...

... und einen berühmten taoistischen Tempel, der aus der Song-Dynastie stammt, also fast 1.000 Jahre alt ist. Lustig, dass selbst die damaligen Heiligen gewisse Handzeichen schon kannten.

Traditionelles Handwerk aller Art ist noch lebendig in Zhouzhuang - so kann man Holzschnitzern, Webern, Korbflechtern, Kalligraphen und auf Wunsch auch Häuselfrauen bei der Arbeit zusehen. Die Produkte sind dann natürlich auch käuflich zu erwerben. (Außer die Häuseln.)

Auch die schönen Künste kommen nicht zu kurz: Sei es traditionelle Musik in stilvollen Teehäusern ...

... oder die etwas schwer verdaulichen Darbietungen der lokalen Variante chinesischer Oper - präsentiert auf der restaurierten, antiken Freiluft-Bühne.

Schließlich gibt es mannigfaltige, ausgesprochen kreative Varianten, sich mit traditionellen Süßigkeiten den Magen zu verkleben. Das hier ist eine opalisierende Zuckermasse, die man mit Hilfe zweier Stäbchen in hübsche Formen ziehen kann, bevor man sie vertilgt.