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Dienstag, 10. Februar 2009

Der Süden - I: Guilin und Yangshuo

Ein herzliches Winke-Winke an Euch alle da draußen! Falls Ihr noch da seid. Ich bin's jedenfalls. Da nämlich. Wieder. In Shanghai. Ich war ja weg. Falls das vergessen wurde. (Und es überhaupt jemanden kümmert.) Das Leben ist ja so kurzlebig in diesen unseren Zeiten.

Wo war ich?

Ach ja: Ich bin nach einer weiteren großartigen Reise seit vorgestern Abend wieder zurück in Shanghai und wurde hier auch gleich standesgemäß empfangen: Gestern habe ich mich ganz früh am Morgen für das nächste Semester registriert. Das heißt, ich habe es versucht. Und heute habe ich mich - noch früher am Morgen - erfolgreich registriert, da es sehr hilft, das ganze am richtigen Termin durchzuführen und nicht einen Tag zu früh. Die Studiengebühren und das Dorm sind nun bezahlt, die Versicherung abgeschlossen, das Level gewechselt (oder, besser gesagt, eben nicht) und die Visum-Verlängerung vorbereitet. Da sie aus unerfindlichen Gründen die schönste Gartenstadt Chinas den Freuden der hiesigen Bürokratie vorziehen, habe ich meine zwei Besucherinnen heute alleine (und ohne Chinesisch-Kenntnisse, hihi) nach Suzhou geschickt, und habe nun zwischen zwei organisatorischen Terminen ein wenig Zeit, das erste Reise-Posting zu erzeugen.

Was ich jetzt vielleicht auch langsam tun sollte, oder?

Obwohl ... ich warte noch ein bisschen. Aus dramaturgischen Gründen. Erhöht ja die Spannung ungemein.

*dumm-di-dumm*

So. Jetzt aber.

Also: Meine lieben Freundinnen Babsi und Josi sind ja so nett, auf einen Hupfer bei mir hier drüben vorbeizuschauen. Und also ward der Beschluss gefasst, nicht alleine in Shanghai zu verharren, sondern wie die Graugänse gen Süden zu ziehen - vorwiegend der Temperaturen wegen, da es ja (wie ich immer wieder verwundert feststelle) Menschen gibt, die gerne schwitzen, und zwar sogar im Winter, wenn unsereins ein paar kurze Wochen lang nicht als menschlicher Rasensprenger durch die Lande ziehen muss.

Die Mädels kamen am 31. Jänner am Shanghaier Flughafen Pudong an. Ich sang dort ein kleines Willkommensliedlein - und dann zogen wir gleich weiter zu Shanghais anderem Flughafen, von woselbst wir drei schwer Gejetlaggten - in meinem Fall natürlich nur sympathisches Mit-Leiden - noch am selben Tag nach Guilin flogen. Dorten ist die Landschaft schön und außerdem ein Bahnhof, auf dem es einen Zug gibt. Naja, eigentlich mehrere, aber uns interessierte nach einigen Tagen Aufenthalt am meisten jener, der über Nacht nach Guangzhou fuhr, von wo aus wir - nach wiederum einigen Tagen Aufenthalt - wieder nach Shanghai zurückkehren konnten.

Schon klar, da erhebt sich sofort die Frage: Warum so umständlich? Da hätten wir doch gleich in Shanghai bleiben und uns dieses lähmende Herumgereise sparen können.

Jaja - das stimmt schon, aber wie schon gesagt: Guilin beherbergt neben eben erwähntem Zug auch ebenso erwähnte wunderbare Landschaft sowie noch viele andere interessante Dinge. Die wollten wir halt schon gerne sehen, und daher darf ich jetzt auch davon berichten.

Ich werde folglich sofortiglich diese meine Wort-Knoten auflösen zugunsten des üblichen Foto-Panoptikums, das ich jetzt über Euch ergießen darf.

Gleich.

Nach einer weiteren kurzen, dramaturgisch wertvollen Pause.

*Dumm-di-dumm*

Da bitte:


Meiner Meinung nach kann man China nur entweder hassen oder lieben. Meine zwei Besucherinnen Josi (l.) und Babsi (r.) waren zwar zum ersten Mal hier, fühlten sich aber merkwürdigerweise sofort wie zu Hause. Perfekte Voraussetzungen also, um sofort nach Guilin abzurauschen.

Guilin ist eine kleine (500.000 Einwohner) Stadt im Nordosten der Provinz Guangxi, deren untouristischere Regionen im äußersten Süden ich ja bereits besucht habe. Wegen der einzigartigen Karstlandschaft in seiner Umgebung gilt dieses hübsche Städtchen als eine der größten Sehenswürdigkeiten in China.
Das geht natürlich gar nicht. Daher bestand ich darauf, wenigstens in jener Jahreszeit dorthin zu fahren, in der das sonst niemand tut - wegen des zu dieser Zeit suboptimalen Wetters.

Wie erleichtert war ich da, als uns am ersten Tag auch tatsächlich grau-nebeliges und zwar nicht kaltes, aber doch auch nicht gerade sommerliches Wetter empfing. Perfekt. Vielleicht können wir ja Blicke auf die beeindruckenden Karstberge während des gesamten Aufenthalts komplett vermeiden!
Aber zumindest den berühmten Elefantenrüssel-Berg mitten in der Stadt sahen wir schon mal ganz gut.

Berge sind in Guilin und Umgebung übrigens überhaupt eine große Sache. Es gibt dort nämlich so viele davon - und ziemlich wenig berglosen Platz. Daher werden die komischen Karstgupferln auch von alters her GuilinerInnenseits ausgesprochen effizient genutzt. So ist der hier dargestellte Hügel lustigerweise über und über ... naja ... inner und drinner ... wurscht: vollkommen mit Buddha-Zeugs angefüllt. Und das kann man besichtigen. Haben wir auch getan. Sind 1.500 Jahre alt, die Statuen. Könnte man eigentlich auch mal plätten und einen McDonalds hinstellen oder so.

In Guilin machen die Berge überhaupt SACHEN, sage ich Euch, da ist man zunächst einmal vollkommen baff, wird aber danach auch noch sehr viel baffer, um sodann irgendwann wirklich am baffsten zu sein. In diesem allerbaffigsten Zustand haben wir beispielsweise die obige Höhle besucht, wo es den "Schwertschneidenstein" (oder so ähnlich) zu besichtigen gibt. Zwischen diesem und dem Boden gibt es - natürlichgewachsenerweise - nur ganz, ganz wenig Platz. Und Chinesen schätzen ja wenig Platz sehr, daher fotografieren sie das auch ganz viel. (Hab ich auch getan.)

Guilin als Stadt hat aber auch Gebäude zu bieten. Zum Beispiel eine Menge Tempel und so Zeug. Die stehen allerdings alle auf Bergen oben, und um sie zu besichtigen, muss man da halt rauf. Während ich also am unteren Ende eines solchen Berges so auf den Lift wartete, musste ich plötzlich feststellen, dass es gar keinen gab. Das ficht aber einen echten Traveler nicht an, daher sah man mich umgehend behende und grazil den Hang hinan schweben, dem Tempel entgegen.
Den Tempel selbst erspare ich Euch bildtechnisch jetzt, weil die schauen nach einiger Zeit eh alle gleich aus. (Behaupten zumindest meine Gästinnen. Pffff.) Dafür traf ich auf obigem Berg einen taoistischen Hellseher, mit dem ich ein wenig plauderte. Er sorgte für meinen persönlichen Top-Reise-Ego-Boost: Bereits nach ein paar Sätzen erkannte er, dass ich in Shanghai lebe - allein an meinem Akzent, ohne, dass ich es ihm gesagt hatte! Unfassbar - entweder, er ist ein wirklich guter Hellseher, oder mein Chinesisch ist tatsächlich schon so geschliffen, um lokale Akzente erkennen zu lassen.
Na toll. Der Shanghai-Akzent ist nämlich echt schiach.

Übrigens ist Guilin auch für seine Schlangen-Spezialitäten bekannt. Schlangenblutsuppe wäre da beispielsweise zu nennen. Oder auch obiger Schlangen-Schnaps. Ideal für Schlangen-Phobikerinnen wie Babsi, die hier fairerweise die Möglichkeit bekommen, möglichst viele dieser Tierchen eigenmündig zu vernichten. Sie wollte aber nicht. So schlimm kann die Phobie also auch wieder nicht sein.

Apropos Babsi: Sie bewies auf der Reise ein feines Gespür für wirklich exotische Dinge, die man sich in Österreich so gar nicht vorstellen kann.

Aber zurück zum Ernst des Lebens. Da sich der Li-Fluss ja außerhalb von Guilin bis zu geradezu unerträglicher Schönheit steigert, mussten wir ihn natürlich bebooten. Zu diesem Behufe gibt es in der Stadt dutzende Tour-Anbieter. Wir ließen uns einfach am ersten Abend von einem ausgesprochen freundlichen Taxifahrer eine günstige Tour empfehlen (= aufschwatzen) - und wählten der Spannung wegen eine chinesische solche. Das Urvertrauen der Chinesen in meine Sprachkenntnisse ehrt mich; wir stießen aber durchaus auf Probleme - besonders, wenn es vom Bus auf einen Kleinbus umzusteigen galt, von diesem auf ein Kleinboot, von diesem wiederum auf ein größeres Boot, dann auf ein Elektrowägelchen und von diesem zurück auf den Ursprungsbus. Dabei wurden nämlich verschiedenste Treffpunkte an diversen, fernen Orten einfach auf Chinesisch in den Raum getrötet - und das ist wirklich kaum zu verstehen.
Hilfreich waren hierbei obige herzige Mäderln, die uns flugs adoptierten und - in langsamem Volksschul-Chinesisch und mit vielen Handzeichen - gewissenhaft durch diverse organisatorische Unwägbarkeiten manövrierten.

So schafften wir es sogar, unser Boot tatsächlich zu erreichen, und die 70 Kilometer lange Fahrt auf dem Li-Fluss bis zum Dorf Yangshuo plangemäß zurückzulegen. Wegen der unwegsamen Landschaft mit all diesen unpraktischen Bergen müssen sich die hiesigen Händler übrigens kreative Wege überlegen, ihre Waren an den Mann zu bringen. Eine Methode ist beispielsweise das spontane Anklammern an größere Schiffe mit einem kleinen Bambus-Floß - und der darauffolgende Verkauf diverser Waren an die Insassen.

Ansonsten werden einfach auf jede auch noch so verhungerte Sandbank Märkte draufgestopft.

Und so schipperten wir denn hinein in diese Landschaft, die für mich seit frühesten Kinderjahren das ultimative ländliche China repräsentiert. Mein Freund der Nebel gab sich redliche Mühe, konnte aber nicht vollkommen verhindern, dass wir einige - dafür umso stimmungsvollere - Einblicke in die wilde und unwirkliche Umgebung bekamen.Überall grasten Wasserbüffel, die von den hiesigen Bauern zur Bestellung der Felder genutzt werden. Unsere Tourleitung beschrieb unserer rein chinesischen Reisegruppe in nicht unstarkem Dialekt die Bedeutung der einzelnen Berge - deren viele mit langer Geschichte und tieferer Symbolik gesegnet sind.
An dieser Stelle möchte ich mich selbst preisen, der ich aufgrund meiner Sprachkenntnisse während der gesamten Tour als Simultan-Dolmetscher für meine Freundinnen fungierte, und sie somit live und in real-time mit Informationen versorgt wurden, die Nicht-Chinesischsprachigen ansonsten verschlossen bleiben.

"Da vorne ist ein ... Berg ... sagt sie grad ... glaub ich. Oder wartets ... nein: zwei! (Scheiße, red' net so schnell) Und der ist irgendwie berühmt ... oder der andere. (Wie war das?) Nein, der war grad, da vorn ist was anderes ... ich glaub ... ein Berg ... oder so ... (Geh bitte, red vielleicht noch stärkeren Dialekt, du Trampel) ... aber da ist jetzt noch irgendwas, was immer schon so war wie es heute ist ... Ha! Jetzt hab ich grad "Kopf" verstanden! Ich glaub, da schaut ein Berg aus wie ein Kopf! Aber welcher eigentlich? (Oida, ist das mühsam!) Na wurscht, schauts einfach, is so eh auch schön."

Dergestalt geleitet von meiner ans Professionelle grenzenden Übersetzung waren es doch die visuellen Eindrücke, die Josi und Babsi am meisten beeindruckten. Wie beispielsweise die lokalen Kormoran-Fischer. Sie binden ihren Vögeln ein Band gerade so fest um den Hals, dass diese einen Fisch nicht schlucken können und ihn daher dem Fischer bringen. Sobald sie dies einige Male getan haben, werden sie von dem Band befreit, bekommen für ihre Arbeit einen fairen Anteil an ihrem Fang - und vom Rest verdient der Fischer seinen Lebensunterhalt. Mein Vorschlag, diese Art zu fischen als "vögeln" zu bezeichnen, hat sich trotz großer Begeisterung meinerseits an Bord irgendwie nicht durchgesetzt.

In Yangshuo selbst war leider nur Zeit für einen kleinen Spaziergang sowie oben erwähnte Elektro-Wagerlfahrt, da wir - geleitet von unseren kleinen Aufpasserinnen - wieder zu unserem Bus mussten, der an einem (von mir unverstandenen) Platz auf uns wartete. Dort gab es die übliche Begrüßung seitens der Reiseleiterin ("Ah, unsere Ausländer haben es auch irgendwie geschafft." - so viel Chinesisch verstehe ich gerade noch, meine Liebe) - und dann sahen wir noch ein paar ebenso berühmte wie schöne Plätze in der Umgebung.

Repräsentativ greife ich hier die obige Tropfstein-Wasserhöhle heraus, in der wir mit einem Bötchen fuhren - und anschließend noch erstaunlich lange herumkraxelten. Wilde Steinformationen haben in diesem riesigen, unterirdischen Komplex blumige Namen - und es entwickelte sich ein richtiges Gesellschaftsspiel, wer in den Stalaktiten und -miten tatsächlich einen "Phönix, der sich auf breiten Schwingen über das Blumenmädchen erhebt" oder einen "Alten Mann, der den Königsschatz bewacht" erkennen konnte.
Bin ich froh, dass nicht ich für die Namensgebung verantwortlich war, sonst gäbe es dort unten heute Formationen wie "Ein länglicher Stein", "Ganz viele große Gupferln" oder "Irgendsowas Rauhes, das mich an Durchfall erinnert."

Kurz: Es war beeindruckend. Und weil so etwas bei mir immer zu ganz viel Schrift führt, habe ich beschlossen, unsere Reise mal wieder auf mehrere Postings zu verteilen. Freuen Sie sich also aufs nächste Mal, wenn es heißen wird: "Als wir fast tolle Reisterassen sahen und beinahe so beeindruckt gewesen wären, wie wir es unser ganzes Leben nicht gewesen sein hätten können."

Sonntag, 14. Dezember 2008

Reisepläne

"Den Menschen, der ein unruhig' Geist, erkennt man daran, dass er reist", hat einmal ein weiser Mann gesagt. (Ich nämlich. Grad jetzt.) Und das passt auf mich wie die Milka zur Kuh.

Um also meiner diesbezüglichen Informationspflicht nachzukommen, möchte ich hier gerne meine Reisepläne, wie sie sich momentan darstellen, darlegen (dar..dar..dar.. ich hab' auch schon einmal besser geschrieben). Dies soll Euch informieren, warum zu diesen Zeiten weder E-Mails, Posts noch sonstige Nachrichten von mir kommen, es soll mir selbst zur Erinnerung dienen, damit ich nicht vergesse, warum da auf meinem Tisch diese komischen Tickets und Reservierungsbestätigungen liegen - vor allem aber soll es natürlich alle, die das lesen, unendlich neidisch machen, dass ich hier so einen Lenz habe. Man ist ja Mensch.

Nach wie vor hat das folgende Programm einen leichten Touch völliger Vermeidung jeglicher berühmter oder besonders schöner Orte, obwohl ich da schon Kompromisse gemacht habe. Für diese etwas verschrobene Auswahl gibt es im wesentlichen drei Gründe:

1.) Ich entdecke gerne selbst.
b.) Orte, von denen der Reiseführer abrät, sind üblicherweise eher untouristisch und daher unverdorben.
4.) Findet man etwas Schönes, ist es eine Überraschung und man freut sich doppelt.
VIII.) Berühmte Orte kennt man aus unzähligen Dokumentationen, Büchern und von Profifotos, und die Wirklichkeit ist dann manchmal sogar enttäuschend.
a.) Ich bin ein bissl deppat.

Hier also gewohnt wortreich meine Pläne, wie sie sich heute darlegen. Sie werden sich aber zweifellos aufgrund meiner Spontanität, der Unwägbarkeit hiesiger Vorkommnisse und vor allem meiner erstaunlich vielseitigen Unfähigkeit im Laufe der Zeit noch verändern:

I. Der Frohe-Weihnachts-Ausflug
Den kennen wir schon. Da gab's vor nicht allzu langer Zeit ein eigenes Posting. In zehn Tagen geht's für eine Woche nach Guangxi. Zunächst verunsichere ich Nanning, und dann werden wir weitersehen. Eins ist sicher: Guangxi zittert bereits, denn der Flug ist gebucht, die Unterkunft für die ersten drei Tage auch. Es gibt also kein zurück mehr, Südchina wird sich bald mit mir auf irgendeine Weise auseinandersetzen müssen. (Temperatur dort momentan übrigens 28 Grad. Scheißhitze.)

II. Der Neujahr-Kompromiss-Trip
Ursprünglich wollte ich ja in den Semesterferien drei Wochen lang spontan durch Südost-China trampen. Ich sah mich schon: Backpack geschultert, kambodschanischen Reiseschal um den seit Wochen nicht mehr gewaschenen Hals geschlungen, mit verwegenem Tramper-Blick die unwegsamsten Gelände durchmessend, in fließendem Agrarchinesisch zotige Witze reißend mit wettergegerbten Tagelöhnern kartenspielend, auf dem Boden schlafend, Matsch und Asche essend und mindestens eine unbekannte Zivilisation sowie einen Ozean entdeckend, um anschließend meine Memoiren teuer an Hollywood zu verkaufen, wo sie mit Jody Foster in der Hauptrolle verfilmt würden und ich aber die mir nach der rauschenden Premiere begeisternd zujubelnden Männer und mir BHs nachwerfenden Frauen mit meiner unglaublichen Natürlichkeit beeindrucken würde, um anschließend im ungezwungenen Plauderton Fragen zu beantworten, wie ich mir als solch Mensch-gewordenes Phänomen denn nur eine solche Bodenhaftung bewahren konnte.

Oder zumindest wollte ich halt wirklich viel mit dem Zug fahren.

Natürlich konnte ich nicht wissen, dass in China seit 3.000 Jahren um diese Zeit Neujahr gefeiert wird. Und beim Zeus: Wie sollte ich ahnen, dass, wenn sich 500 Millionen Chinesen gleichzeitig kreuz und quer durch ihr schönes Vaterland Richtung Heimatprovinzen bewegen, die Züge überlastet sind, und man Reisen tunlichst ganz vermeiden, zumindest aber bereits lange vorher durchorganisieren sollte?

Eben.

Nach erfolgreicher Absolvierung meiner üblichen, ausgesprochen reifen Drei-Phasen-Reaktion auf solche Enttäuschungen (Schock -> Panik -> Schmollen) habe ich kurzerhand meine Pläne geändert und werde nun gleich nach meiner großen Schlussprüfung am 5./6./7. Jänner für eine Woche nach Sichuan fliegen. Auch "Szechuan" oder "Setschuan" geschrieben, ist diese Provinz im Südwesten, an der Grenze zu Tibet, nicht nur Herkunftsort der berühmtesten, scharfen Küche Chinas, sondern auch Heimat der letzten wildlebenden Pandas. In der Nähe der Hauptstadt Chengdu gibt es die größte Aufzuchtstation der Welt, die man besuchen kann. So werde ich mich also dort (in der Hauptstadt natürlich, nicht als Panda verkleidet in der Station) in einem ausgesprochen günstigen Youth Hostel einquartieren, das in einem antiken Gebäude aus irgendeiner fürchterlich berühmten Epoche untergebracht ist, die ich gerade vergessen habe. Von dort aus werde ich dann je nach Verkehrsmittel-Verfügbarkeit Tagestrips in die Umgebung machen. Oder auch nicht. Mir doch wurscht.

III. Die Freundes-Tour
Nachdem ich eine Woche vor und nach dem chinesischen Neujahrstermin (26. Jänner 2009) in Shanghai bleiben will, um das Ärgste abzuwarten und auch die gigantischen Neujahrsfeiern hier mitzuerleben, kommen am 31. Jänner zwei Freundinnen aus Österreich zu Besuch. Gemeinsam wollen wir es irgendwie schaffen, sowohl die weltberühmten Karstlandschaften von Guilin (ja - dort fährt jeder hin) am Li-Fluss zu besuchen als auch jene Stadt, von der es heißt, ihre Bewohner würden alles essen, was mehr als zwei Beine hat und kein Tisch ist: Kanton.

Der Umstand, dass dies immer noch die hektischste Reisezeit des Jahres ist und man aus nur den Chinesen bekannten Gründen Zugtickets maximal fünf Tage vor Reiseantritt kaufen kann, macht die ganze Sache extrem spannend. Eröffnet dies doch die aufregende Möglichkeit, dass wir drei entweder zwei Wochen lang in Shanghai festsitzen oder - noch lustiger - in Guilin oder Kanton. Was ganz schlecht wäre. Denn die zwei müssen ja ihren Rückflug erwischen - und ich spätestens am 13. Februar wieder in Shanghai sein, um mich für das nächste Semester zu registrieren. Aber wird schon schiefgehen. Und das meine ich ganz wörtlich.

IV. Die Schlimme-Finger-Reise
Die für mich persönlich wichtigste Reise war eigentlich die vorher erwähnte - und nun eben unmögliche - solche durch ganz Südost-China. Ihre Durchführung war ein lange gehegter Jugendtraum, und den lasse ich mir nicht einfach so von lächerlichen 500 Millionen Chinesen zerstören - wo bleiben denn da die Verhältnismäßigkeiten?
Daher entschlaß ich mich, einfach im nächsten Frühjahr Level C noch einmal zu besuchen. Das ist gut, denn wir lernen sowieso viel zu viele Vokabeln, so dass in mir der Verdacht aufkommt, ich vergesse zur Zeit mehr Wörter als ich jemals gelernt habe, und so könnte ich sie in Ruhe wiederholen. Das ist außerdem gut, weil ich dann problemlos zwei bis drei Wochen spritzen und auf die Reise gehen könnte. Auf dieser möchte ich nichts vorplanen, sondern einfach so darauflos fahren, wohin der Wind mich treibt. Und wer mich kennt, weiß natürlich, dass das im Klartext bedeutet, ich habe schon alles bis ins kleinste Detail durchdacht und geplant.

In etwa möchte ich zuerst nach Hefei, die Hauptstadt der Provinz Anhui, wo es absolut nichts zu sehen gibt - und das finde ich sehr spannend. Dann weiter in den Norden, wo ein unscheinbares Städtchen das Zentrum der chinesischen Medizin darstellt. Da kann man sicher zerstoßene Lindwurm-Gedärme, getrocknete Waschmuschel-Ohrringerln und Ähnliches beäugen. Anschließend geht es weiter Richtung Nordwesten, in die Provinz Henan. Im dort auf irgendsoeinem Berg gelegenen Shaolin-Kloster würde ich gerne vorbei- und ein paar friedliebenden Mönchen beim einander Verdreschen zuschauen. Sodann soll es mich Richtung Süden ziehen, wo ich in der Provinz Hubei sicher auch irgendetwas völlig Entbehrliches auftreibe und genauestens besichtige. Fernstes Ziel ist die Provinz Hunan, wo mich einerseits eine Beäugung Mao Zedongs Heimatdörfchens (ein Doppelgenitiv! Hurra!) reizen würde sowie die dortige extrem scharfe Küche. Und ein uraltes wunderschönes Städtchen der Miao-Minderheit (neeeein, keine Katzen, das ist der Name eines Volksstamms - "Katze" heißt auf Chinesisch "Mao", was auch sehr putzig ist).

Falls dann noch Zeit bleibt - denn das sind gigantische Entfernungen, um sie nur mit Bus und Bahn zurückzulegen -, möchte ich auf der "Rückreise" gerne die Provinzen Jiangxi, Fujian und Zhejiang unter die Lupe nehmen, die alle große landschaftliche Reize, unverdorbene Kultur und viele lustig klingende Namen zu bieten haben.

Nach vollendeter Rundreise werde ich dann mit Sicherheit wieder mit Begeisterung in ein Zimmer mit Bett, Bad und Tisch zurückkehren und die vielen neuen Vokabeln des Levels D lernen.

V. Der mögliche Nordwest-Hupfer
Meine Sprachpartnerin Linan stammt ja aus der riesigen Nordwest-Provinz Qinghai, die ehemals zum Staat Tibet gehörte und heute vor allem zwei Besonderheiten aufzuweisen hat: Erstens ist sie unfassbar hochgelegen (die Provinz, nicht die Sprachpartnerin - die Hauptstadt Xining ist mit 2.500 Metern Seehöhe nahe dem tiefsten Punkt), und zweitens kennt sie kein Mensch (wieder die Provinz. Nicht die Sprachpartnerin). Eventuell würde ich gerne dorthinfahren, auf ein verlängertes Wochenende. Die Fahrt dauert eh nur 35 Stunden, führt durch grandiose Panoramen, und das Ziel Xining kann man sich - wiederum laut Auskunft meines verlässlichen Reiseführers - vollkommen sparen, also gibt's keinen Grund, wahnsinnig lange dort zu bleiben.

"Möglich" schreibe ich übrigens deshalb, weil ich noch nicht weiß, ob das zeitlich funktionieren wird. Aber es wäre mir eigentlich ein Anliegen. Wegen ihrer völligen Unbekanntheit (und ja, ich gebe es zu, auch wegen der außerirdischen Landschaft des Tibet-Qinghai-Plateaus) war dies nämlich immer schon meine Lieblingsprovinz.

VI. Die Hohe-Nord-Expedition
Im Juni findet gleich nach Ende meiner allerletzten Abschlussprüfungen die erste (und wohl einzige) Herrenrunde auf chinesischem Boden statt. Dabei handelt es sich um eine ebenso alte wie dumme Tradition, die auf die fünfte Klasse Gymnasium zurückgeht. Damals beschlossen alle sechs Burschen der damaligen 5A/Possingergasse aufregenderweise, einmal gemeinsam wegzugehen. Und irgendwie hat uns nie jemand gesagt, wir sollen wieder damit aufhören. Daher tun wir das fast 20 Jahre später immer noch etwa alle zwei Monate, obwohl wir nun auf vier verschiedene Länder verstreut leben. Zwei Vertreter dieser würdigen Institution kommen mich im Frühsommer für ein Wöchlein besuchen. Das ist fein. Hat aber mit dem Thema nix zu tun. Warum erzähle ich das also hier? Ach so, ja: Weil ich gleich danach noch eine weitere Reise zum Abschluss plane - in den hohen Norden Chinas, in die Provinz Heilongjiang direkt an der Ostsibirischen Grenze. Dort ist es auch sehr schön und in jeder Hinsicht völlig anders als hier in Ostchina.

So. Jetzt möchte ich noch festhalten, dass all diese Angaben ohne Gewehr sind. Denn ich hab' keines. Und verändern kann sich das alles auch noch. Sollte ich also in einem dreiviertel Jahr zurückkehren, und alles, was ich gesehen habe, ist der Greißler hier ums Eck bei der Uni, bitte ich, meinen Wagemut nicht daran zu messen.

Übrigens hab' ich jetzt so lange an diesem Posting herumgetippt, dass es zu spät ist, mir noch den Film anzuschauen, den ich gerne sehen wollte. Das ist ganz alleine Eure Schuld. Pfff.