Sonntag, 12. Oktober 2008

Zhouzhuang - es gibt das alte China DOCH noch!

Ich bin ja unter anderem auch hier, um meine Grenzen zu verschieben, was ich heute im Rahmen eines beschaulichen Sonntags-Ausflugs einmal wieder tun konnte. Und zwar nicht nur, weil ich an einem Sonntag freiwillig um 7.30 Uhr aufstand - sondern vor allem, weil ich erstmalig alleine in ein chinesisches Dorf aufbrach, das weder mit Zug noch mit Flugzeug zu erreichen war. Ich war also gezwungen, einen Überlandbus zu nehmen, und das tun nicht viele Westler, da dafür Chinesisch-Kenntnisse eigentlich unerlässlich sind.

Clemi allein im Bus
Den Bahnhof für Fernbusse muss man sich eher wie einen Flughafen vorstellen - von gigantischer Größe, unfassbare Menschenmassen und riesige Wartehallen. Selbstverständlich sämtliche Beschriftungen nur in Chinesisch und das Personal auch nur dieser schönen Sprache mächtig. Und genau DAS war es, was ich mit Grenzen verschieben meine - denn es ist schon ein wenig gruselig, sich als einziger von allen Seiten angestarrter West-Mensch mitten in die Scharen an Bauern, Wanderarbeitern - aber auch chinesischer Städter aus allen Teilen Chinas zu begeben, um ein kleines Örtchen irgendwo im Nirgendwo zu erreichen.

Zhouzhuang ist eines der für das südliche Jangtse-Delta typischen Wasserdörfer, die von Kanälen durchzogen und völlig autofrei sind. Es liegt etwa 70 Kilometer von Shanghai entfernt, die winzigen, klapprigen Busse benötigen für diese Entfernung allerdings über zwei Stunden.

Endlich raus
Spannend war diese Fahrt aber nicht nur wegen des beengten Gescheppers mitten durch die chinesische Pampa. Sie war es auch, weil ich nicht wusste, ob es mir vor Ort gelingen würde, durchaus notwendige Operationen vorzunehmen, wie beispielsweise herauszufinden, wann der letzte Bus nach Shanghai zurück fährt, wie und wo ich ein Ticket kaufen würde - und schließlich hatte ich keine Ahnung, ob es Pläne des Ortes gab oder wie ich mich sonst orientieren soll.

Um es kurz zu machen: Es hat alles wunderbar geklappt, vor Ort hat mich sogar mein Sitznachbar aus dem Bus - ein älterer Chemiker auf Dienstreise - freundlich dabei unterstützt, das Ticket zu besorgen ... und die Reise war alle anfänglichen Unsicherheiten mehr als wert! Zhouzhuang ist der schönste Ort, den ich bisher in China besuchen durfte. Denn fast ungläubig konnte ich feststellen: Es gibt sie tatsächlich - die uralten, unberührten und friedlichen (!) chinesischen Örtchen, die so aussehen, wie man sich China unter Aufbietung aller Klischees vorstellt.

Vom Marchfeld in die Wachau
Dabei beginnt die Fahrt eher unspektakulär, denn Shanghai ist ein Stadtstaat. Und wenn man so durch das Bundesland Shanghai, also die Umgebung der eigentlichen Stadt, fährt, könnte man denken, ganz China ist eine einzige Baustelle - Bauschutt, Kräne, Bagger, dazwischen höhere und weniger hohe, auf jeden Fall aber nicht besonders schöne Häuser. Dann noch der eine oder andere hoffnungslos veschmutzte und unfassbar stinkende Kanal und ein paar dazwischen eingezwickte Felder. Man muss sich das als eine Art Marchfeld mit vielen Schutthaufen vorstellen.

Doch kaum überquert man die Grenze zur Nachbarprovinz Jiangsu ändert sich das Bild: Plötzlich wird es grün und sauber - die endlose Siedlungsfläche geht in tatsächlich voneinander trennbare Orte und landwirtschaftliche Flächen über - es gibt hübsche Teiche, endlose Reisfelder, kleine Bambuswäldchen und richtig nette Städtchen.

Fast schon kitschig: Zhouzhuang
Nähert man sich Zhouzhuang, wird es geradezu kitschig-entzückend. Das Jangtse-Delta ist ja ein ungemein feuchter Ort, also hat man es hier mit Seen, Kanälen und generell vielen Wasserflächen inklusive kleineren und großen Booten und Schiffen sowie Brücken zu tun. Und Zhouzhuang selbst versetzt einen zurück in eine Zeit der chinesischen Geschichte, von der ich nach fünf China-Besuchen dachte, es gibt heute keine Reste mehr davon. Gut - war natürlich naiv von mir, da ich mich bisher noch nie aus den großen Städten hinausgerührt habe, aber man gönne mir meine kindliche Begeisterung!

Bevor nun also der gewohnte Bilderreigen losgeht, zur Einstimmung noch ein paar kurze Fakten, die sehr einfach durch Scrollen übersprungen werden können. Ich übernehme sie wörtlich aus dem auf Englisch (!) zur Verfügung stehenden Prospekt, den ich vor Ort von einem alten Bauern erstanden habe:

"Zhouzhuang's history can be dated back to over 900 years old. Zhouzhuang is the home of the famous Chinese Writer. And the ancient cwtural town in Soun China in the first region of rivers ang lakes in china. The town in surrounded by water with many branching steams. Visitors from all over the world are intoxicated by its wnique scenery, which is formed by lanes, alleys, meandering steams, stone bridges and old residence with black tiles and white well."

Und es stimmt jedes Wort.

Nun aber die Fotos ...


Die Fahrt in dem kleinen Bus ist von großem Lokalkolorit geprägt: Was man so braucht, wird mitgeführt - und wenn's zu voll ist, werden kleine Plastikhocker verteilt, auf welchen man zwei kauernde Stunden im schmalen Mittelgang verbringen kann.

Ab hier gibt's keine motorisierten Fahrzeuge mehr - der Eintritt nach Zhouzhuang erfolgt stilgemäß.

Der Ort ist ein "Wasserdorf". Folglich bewegt man sich dort hauptsächlich mit Booten.

Auch heute noch sind 60 Prozent der Häuser aus den Ming- oder Qing-Dynastien - also bis zu 700 Jahre alt.

Touristische Bootsfahrten erinnern sehr an Venedig. Und die "Gondoliere" singen sogar - nur sind es halt alte chinesische Weisen, die vorwiegend von älteren und alten Damen vorgetragen werden.

Neben einer pittoresken Mischung aus antiken Häusern, Brücken, Villen und liebevoll gestalteten Museen, gibt es auch herrlich friedliche Gärten ...

... und einen berühmten taoistischen Tempel, der aus der Song-Dynastie stammt, also fast 1.000 Jahre alt ist. Lustig, dass selbst die damaligen Heiligen gewisse Handzeichen schon kannten.

Traditionelles Handwerk aller Art ist noch lebendig in Zhouzhuang - so kann man Holzschnitzern, Webern, Korbflechtern, Kalligraphen und auf Wunsch auch Häuselfrauen bei der Arbeit zusehen. Die Produkte sind dann natürlich auch käuflich zu erwerben. (Außer die Häuseln.)

Auch die schönen Künste kommen nicht zu kurz: Sei es traditionelle Musik in stilvollen Teehäusern ...

... oder die etwas schwer verdaulichen Darbietungen der lokalen Variante chinesischer Oper - präsentiert auf der restaurierten, antiken Freiluft-Bühne.

Schließlich gibt es mannigfaltige, ausgesprochen kreative Varianten, sich mit traditionellen Süßigkeiten den Magen zu verkleben. Das hier ist eine opalisierende Zuckermasse, die man mit Hilfe zweier Stäbchen in hübsche Formen ziehen kann, bevor man sie vertilgt.

Samstag, 11. Oktober 2008

Klassenkampf

... denn einen solchen absolviere ich hier in tagtäglichem Todesmut! Andere mögen es "Unterricht" nennen oder "Vorlesung", doch angesichts des Anforderungen finde ich dieses große Wort durchaus angemessen.

Man muss dazu wissen, dass ich wöchentlich drei Vorlesungen im Gesamtausmaß von 18 Stunden besuche: "Du Xie A", "Du Xie B" und "Ting Shuo". dienstags, mittwochs und freitags beginnt das Fest des Geistes bereits um 8 Uhr, folglich sieht man mich spätestens um 7.45 Uhr im Halbschlaf quer über den Campus radeln, mit Ziel "Guanghua Türme" - ein Doppelhochhaus, in dem sich die Hörsäle wohlig aneinander kuscheln. Montag und Donnerstag sind meine gemütlichen Tage - da beginnt die Sache erst kurz vor 10 Uhr. Der Großteil der Nachmittage, die Abende und das Wochenende stehen zum Lernen bereit und werden von mir auch solchermaßen eifrig genutzt. Ein Lernaufwand von 3 - 5 Stunden täglich ist dabei durchaus normal und wird interessanterweise von meinem Hirn auch zumeist ohne gröbere Rauchentwicklung verkraftet.


Fünfundzwanzig wissbegierige junge Menschen kommen in meinem Kurs tagtäglich in den Genuss, nichts verstehen zu dürfen.

Die erste Vorlesung, Du Xie A (= "Lesen und Schreiben, Teil A"), wird geleitet von Frau Zhao. Sie ist als wohl einzige Lehrkraft nicht deutlich jünger als ich und strahlt folgerichtig auch eine entsprechend abgeklärte Ruhe aus. Sie hält den Unterricht ausschließlich auf Chinesisch. Dies ist spannend, da sie zuständig ist einerseits für neue Vokabel, aber auch für die Grammatik. Faszinierenderweise hat sie eine derartig genaue und langsame Art zu sprechen, dass ich mit stolzgeschwelltem Hirn behaupten kann, etwa 90 Prozent dessen, was sie präsentiert, auch zu verstehen. Auch schreibt sie sehr viel und sehr ordentlich (mit Farbkreide!) an die Tafel und nimmt sich viel Zeit, jedes der interessanteren neuen Vokabel (etwa 20 pro Tag, dabei 10-20 neue Zeichen täglich) sowie jeden Grammatikaspekt genau durchzudiskutieren. In ihrem Kurs wird viel gemeinsam gelesen. Vor allem die Beispielsatz-Chöre sind dabei zumeist von beispielloser akustischer Schönheit. Besonders, wenn die Klasse angesichts der plötzlichen Konfrontation mit einem unerwarteten Zeichen in kollektives Gestutze, -stammle und -stottere ausbricht.


Professor Zhao ist von großer Gemütsruhe beseelt. Vielleicht will sie uns aber auch nur um 8 Uhr früh nicht allzu abrupt aufwecken.

Der zweite Kurs - stets direkt an den ersten anschließend - ist Du Xie B. Geleitet wird dieser von Frau Zhang, einer ungemein energischen Person, was man angesichts ihres offensichtlich jugendlichen Alters so gar nicht erwarten würde. Anfang des Semesters begann sie mit sehr langsamer, genauer Aussprache (von erhebender Lautstärke!). Mittlerweile jedoch hat sie sich innerhalb nur eines Monats zum veritablen sprachlichen Hochgeschwindigkeits-Versuchslabor vorgearbeitet. Auch sie verwendet kein Wort Englisch, und ich muss gestehen, dass sich aufgrund eben erwähnter Highspeed-Vortragstechnik mein inhaltliches Verständnis ihres Kurses momentan irgendwo im 60-Prozent-Bereich bewegt. Da sie die Grammatik aber nur wiederholt und ansonsten anhand der Lektionstexte beispielhaft behandelt, ist dies (bisher) gar nicht so dramatisch. Außerdem bilde ich mir ein, in den letzten paar Stunden ein wenig mehr mitzubekommen. Frau Zhang hat auch die Angewohnheit, bei Fehlern oder schlechter Aussprache unsererseits in herzhaftes Lachen auszubrechen und auch das eine oder andere Scherzchen darüber zu verbreiten - sehr zum Amusement der auslandschinesischen oder der bereits fließend chinesisch beherrschenden koreanischen und japanischen Mitstudenten, die nur in Level B sitzen, weil sie nicht schreiben können. Außerdem ist sie ein großer Fan auswendig aufgesagter Texte - sowohl in den Stunden als auch als Hausübung. Immerhin geht bei ihr aber auch unheimlich etwas weiter, und selbst meine Lese- und Sprechgeschwindigkeit hat sich von der Stufe "Darwinsche Evolution" auf das Niveau "Sanddüne" gehoben.


Professor Zhang ist eigentlich eine sympathische und auf jeden Fall kompetente Person. Trotzdem haben wir alle ganz viel Angst vor ihr.

Schließlich gibt es da noch Frau Ji, die für "Ting Shuo" - also "Hören und Sprechen" - zuständig ist. Sie hat offenbar in Amerika studiert, denn ihr Englisch - und sogar dessen Aussprache - ist hervorragend. Dementsprechend verwendet sie es auch verhältnismäßig oft in den Stunden und führt so das eine oder andere grammatikalische Aha-Erlebnis herbei. (Erstaunlich, wie oft man denkt, man hätte nun etwas verstanden, nur, um dann mit zarter Verwunderung zu entdecken, dass man mit Karacho den Holzweg hinunterdampfte.) Mit ihr nehmen wir die Übungen jeder Lektion durch, hören gesprochene Texte, um danach schriftlich Fragen zu beantworten. (Wir nennen das gerne "Hören & Raten".) Sie ist eine ausgesprochen nette und hilfreiche Person und auch eine Kapazität in Sachen Motivation. Ansonsten sind Chinesen ja von einer inspirierenden Offenheit ("Your Chinese is really very bad!"), doch bei ihr ist das ganz anders. Ob einer meiner geschätzten amerikanischen Kollegen seine farbenfrohe und vom Original erfrischend unabhängige Interpretation der chinesischen Laute präsentiert, oder ob ich selbst ganze fünf Minuten brauche, um - Qualen erleidend - einen einzigen halbwegs zusammenhängenden Satz hervorzustammeln: Sie ist stets voll des Lobes und zaubert ein Lächeln auf das Gesicht selbst des untalentiertesten Adepten.

Professor Ji ist stets ausgesprochen unglücklich, wenn uns ihre ermunternde Aufforderung, uns doch freiwillig zu einer Übung zu melden, in totengleicher Versteinerung erstarren lässt. Wir geben uns Mühe, sie mit beeindruckender Sprachinkompetenz aufzuheitern.

In einem Monat werden wir dann die Half-Semester Examination über uns ergehen lassen. Denn bis dahin werden wir den gesamten Stoff des Lehrbuches durchgenommen haben. (In Europa ist dafür mindestens ein ganzes Semester vorgesehen.) Über diesen werden wir dann in einem mehrteiligen Test genauestens geprüft und steigen - bei Bestehen - ins nächste Level auf. Ich bin sehr gespannt, ob bis dahin meine Verzweiflung ob der Unschaffbarkeit eben dieses Levels C, das nun auf mich zukommt, bereits eine geringere ist, oder ob ich wieder zurückkehre in die niederen Gestade des dümmlich grinsenden völligen Unverständnisses.

Insgeheim hoffe ich auch, dass ich diesmal jenen Gentleman als Lehrkraft vermeiden kann, der bei meinem ersten Level-C-Versuch mein Selbstbewusstsein mit einer gelungenen Kombination aus halsbrecherischer Sprechgeschwindigkeit, dickem Shanghai-Dialekt sowie kunstvollem Genuschel nachhaltig zerstörte.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Was Sie schon immer über chinesisches Essen wissen wollten ...

Die Geschichte des chinesischen Essens ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Wir wollen dieses Thema ganz natürlich dort aufgreifen, wo es passiert. Hier. In China.
Wie ist denn das jetzt eigentlich? Isst man hier den aus Wien bekannten Glutamat-Gatsch? Oder die wundervollen Gaumenfreuden, von welchen Reisende künden? Isst man alles, was Beine hat und kein Sessel ist? Oder gar unvorstellbare Dinge?

Die Wahrheit ist: alles dieses - und noch mehr.

Am lustigsten sind dabei natürlich jene Speisen, die uns ein wenig absonderlich, ja, grauslich gar erscheinen. Und auch wenn ich damit Vorurteile bestärke - JA, ich weiß, was mein Publikum wünscht, und liefere hiermit schräge Lebensmittel! Mein schlechtes Gewissen bezüglich der Tatsache, dass ich damit niedrige Sensationsgelüste befriedige, hält sich in Grenzen, da auch die Chinesen selbst großen Spaß daran finden, Europäern möglichst unmögliche Dinge vorzusetzen, um sich dann an deren verzweifelten Gesichtern zu ergötzen.

Bevor der Bilderreigen startet, noch ein Caveat: Die ganz schlimmen Sachen gibt's (noch) nicht zu sehen, denn die kauft man auf der Straße oder in Restaurants, und da habe ich noch nicht fotografiert. Also zeige ich im folgenden einfach mal die chinesische Interpretation eines internationalen Supermarkts. Ich besuchte hierzu jeweils ein Geschäft der riesigen amerikanischen Ketten "Walmart" und "Tesco".

Und folgendes darf im Sortiment der chinesischen Filialen nicht fehlen:

Wir alle wissen natürlich, dass sich der chinesische Gaumen an eher ungewöhnlichen Tiergattungen erfreut. So beispielsweise an Schildkröten ...

... an erfrischend zart-säuerlichem Quallensalat ...

... (gerne auch in der praktischen Packung für zu Hause) ...

... oder g'schmackigem Ochsenfrosch -im Ganzen oder fein gewürfelt.

Auch weiß man: Der Chinese isst gerne tierische Körperteile, die in unseren Breiten als Delikatessen eine eher untergeordnete Rolle spielen. Wie beispielsweise die als Knabberei sehr beliebten Hühnerfüße ...

... oder Teile, deren anatomische Herkunft man eigentlich gar nicht so genau kennen möchte.
Doch bereits hier zeigt sich eine weitere Charakteristik:

Eine etwas eigenwillige Art der Präsentation. Bei einem solchen Anblick gelingt es unsereiner durchaus, den oralen Speichelfluss unter Kontrolle zu halten ...

... während in anderen Fällen eine gewisse Drolligkeit nicht abzustreiten ist.

Selbst das Gemüse macht hier ganz, ganz komische Sachen: Die Bittergurke trägt nicht nur einen abschreckenden Namen, sie sieht auch ein wenig warzig aus.

Und ist man der chinesischen Schrift nicht mächtig, kann man an den meisten Regalen eigentlich nur auf Verdacht zugreifen. Um - wie in diesem Fall - zu Hause eventuell überrascht festzustellen, dass man soeben eine Packung gerösteter Melonenkerne mit Karamell-Lakritze-Geschmack erstanden hat.

Gerne flüchtet der weniger weltoffene West-Mensch dann zu jenen Regalen, an welchen ein bisschen heimatliches Feeling aufkommt. An dieser Stelle allerdings ein kleiner Tipp von Onkel Clemmie: Ja, es sind Würschtln - aber wer findet, dass Eseln herzige Tierchen sind, der sollte hier vielleicht lieber nix kaufen.

Im Zweifelsfall gilt: Der altbewährte Nudelsnack hat noch niemals enttäuscht! Ihn gibt es hier zum Glück in bemerkenswerter Vielfalt. Und mit etwas Glück findet man sogar welche mit Quallengeschmack und getrockneten Hühnersehnen.

Dienstag, 7. Oktober 2008

Clemmie is bissi busy

Was sich hier Headline-technisch so Babytalk-mäßig ankündigt, mag kindisch klingen, entspricht aber der Wahrheit, der reinen Wahrheit und nichts als der Wahrheit, sowahr mir Gott helfe.

Es ist nämlich so, dass der Chinese an sich ja ein durchaus aufnahmefähiges Wesen ist. Was sich auch immer so an Wissen um ihn herum ansammelt, wird schwammgleich aufgesogen und in enormem Tempo einverleibt. Leider glaubt bewusster Pars-pro-toto-Chinese, dass unsereins aus Europa dieselben Fähigkeiten hat. Dem ist aber nicht so. Unsereins lernt 26 Schriftzeichen auswendig. Der Chinese 3.000. Der Experte erkennt: Da gibt's einen subtilen, quantitativen Unterschied.

Wie dem auch sei: Gerade hat meine liebe "Schreiben-Lesen (B)"-Lehrerin Frau Zhang mit Erstaunen feststellen müssen, dass mir das immerhin einmalige Anhören eines einseitigen chinesischen Textes überraschenderweise noch nicht reicht, um diesen hernach fehlerfrei auswendig aufsagen zu können. Eine Aufgabe, die für Menschen mit ethnisch-chinesischem Hintergrund offenbar zum Standardrepertoire zu gehören scheint.

Egal. Es ist mir eine wahre Orgie, hier täglich zu lernen und zu studieren; doch die schiere Menge des Stoffes sowie die gazellengleich-schleunige Präsentation desselben führt dazu, dass meine zeitlichen Kapazitäten ein wenig leiden. Vorgestern und gestern hatte ich das Vergnügen, jeweils zehn Stunden dem Studium zu widmen, und da geschieht dann natürlich, was ich schon vorangekündigt habe: Das Hirn sagt: "Na pfumm!" und das Blog kommt zu kurz.

Dies betrübt mich sehr - doch zaget nicht, liebe Leser (oder eher "lieber Leser"?) - es gibt wieder News. Bereits während ich dies schreibe (und nebenbei meine täglichen 20 neuen Schriftzeichen zu lernen trachte), bereite ich einen packenden Eintrag vor, der sich mit den Persönlichkeiten meiner Lehrkräfte sowie dem Ablauf des hiesigen Studiums beschäftigt.

Dazu muss ich aber erstmal Fotos machen von den lieben Leuten, und das will clever und heimlich getan werden. Aber ich melde mich wieder.

Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Auch Schas muss sein :).

Freitag, 3. Oktober 2008

Die alte Hauptstadt: Nanjing

Endlich habe ich es geschafft: Zum ersten Mal verließ ich Shanghai und ging auf Reisen! Ich wagte mich in die Provinz Jiangsu vor. Nördlich von Shanghai gelegen, ist Nanjing die Hauptstadt dieser wohlhabenden Provinz, die zweimal in der chinesischen Geschichte (frühe Mingdynastie und im frühen 20. Jahrhundert) die Hauptstadt von China war und wo es daher auch sehr viel tolles altes Zeug zu sehen gibt.
Vier Tage lang weilte ich mit meinen Freunden Irene, Max und Nick dort in einem 6-Bett-Dorm eines ausgesprochen günstigen Hostels von, sagen wir einmal, eher bodenständigem Komfort, aber dafür ausgesprochen herzlichen Eigentümern. Da ein Bild ja mehr sagt als tausend Worte, darf ich den Trip im folgenden kurz optisch zusammenfassen.

Zunächst darf ich die fröhliche Reisegruppe vorstellen.
v.l.n.r.: Buddha, ich, Max, Irene, Nick und ein Mistkübel.

Mit dem Zug fuhren wir die 320 Kilometer nach Nanjing - interessanterweise auf Stockbetten sitzend. Auf den Plätzen gegenüber erfreute uns eine lebhafte Familie mit farbigen Einblicken in den chinesischen Alltag. So war uns beispielsweise gar nicht bewusst, wie einfach man mitten im Zugabteil bei dringendem Bedürfnis das kleine Geschäft mit Hilfe einer alten Cola-Flaschen erledigen kann.
Nach erfolgreichem Einchecken in unsere Residenz mit dem selbstreflexiven Namen "I am Hostel", besuchten wir am Folgetag als erstes den "Jin Shan", einen Berg gleich außerhalb von Nanjing, der viele Sehenswürdigkeiten beherbergt. Wir erklommen ihn mittels Sessellift.

Und gleich dort konnte ich mir meinen größten Wunsch erfüllen: eine Wanderung mitten in chinesischer Natur. (Ja, die gibt's noch.) Dabei stießen wir unter anderem auf einen sehr stimmungsvollen Bambuswald ...

... aber auch immer wieder auf antike Statuen - wie beispielsweise diese von Stevie Wonder.
Auch die Fauna kam nicht zu kurz. So entdeckten wir eine Unzahl etwa zehn Zentimeter langer Tausendfüßler ...

... und ältere Herren, die sich auf freien Flächen auf die Brust trommeln und dabei laut schreien.
Auch die Gemütlichkeit kam dabei nicht zu kurz: Für ein kleines Schläfchen ist auch der steilste Bergwald nicht ungeeignet ...

An anderen Stellen des Berges hingegen würde man mit Hängematte vermutlich unangenehm auffallen.

Wenn man an der Südseite des Jin Shan hinunterkraxelt, stößt man übrigens auf einen wunderschönen Ming-Tempel, in dem unter anderem Stelen mit Kalligraphien alter Meister aufgestellt sind.

Im gleichen Gebiet erreicht man nach gröberem Gehatsche einen riesige Grabkomplex für den ersten Kaiser der Ming-Dynastie. Ein sehr stimmungsvolles Gebiet mit Prozessionswegen inklusive Steinstatuen, Tempelanlagen, Gärten und zum Glück auch Toiletten, die uns zu diesem Zeitpunkt ausgesprochen attraktiv erschienen. Auch wenn es sich um die landesüblichen Schranzhocke-Modelle zur Stärkung der Oberschenkelmuskulatur handelt.

Des Abends gab es westchinesische Spieße zum Selbergrillen. Dabei wurde auch die Fotoausbeute des Tages verglichen. Hierbei zeigte unser sonst so ruhiger Max durchaus kompetitive Züge, wenn es um das erfolgreiche Erlangen eines Schnappschusses ging.

Später am Abend nutzten wir den gemütlichen Aufenthaltsraum unserer Herberge, um sämtliche Vorräte an Süßigkeiten zu vernichten. Als es dann an die abendliche Hygiene ging, gab es allerdings Probleme unvorhergesehener Art ...

So stellten wir beim Zähneputzen fest, dass das Waschbecken bereits besetzt war. Zum Glück konnte man die Zahnpflege am Klo erledigen, denn dieses beherbergte lediglich einen Hund. Und der zeigte sich gnädig gestimmt.

Der nächste Tag begann mit einem Park, an dessen Stelle wir eigentlich einen alten Tempel vermuteten. Die Aufschrift vor dem Tor impliziert durchaus die Anwesenheit eines solchen. Nur gefunden haben wir ihn halt nicht.

Was wir allerdings fanden, war ein konfuzianischer Tempel, auf dessen Gelände es allerlei heilige Dinge gab, wie beispielsweise eine McDonald's Filiale, ein Kentucky Fried Chicken Lokal oder auch - wie hier auf dem Bild - einen lustigen Antiquitätenmarkt.


Doch nicht nur Antiquitäten gab es, der Markt umfasste eine ganze Menge Geschäfte, in denen es unter anderem Tiere zu kaufen gab. Wie beispielsweise diese recht neugierige Fischgruppe, deren riesiges Aquarium eine Ecke zu bieten hatte, die offenbar fürs Fischgemüt besonders attraktiv erscheint.

Der letzte Tag begann mit der üblichen Frühstück-Nudelsuppe in einer der ebenso grindigen wie hervorragenden Garküchen.

Auf dem Weg zum Jangtsekiang, der in Nanjing von der längsten Brücke Chinas überspannt wird, konnte ich endlich einmal ein Foto einer der ärmeren Wohngegenden machen, wie es sie auch in Shanghai, mitten zwischen den Wolkenkratzern, gibt.

Die Brücke selbst - eines der eindrucksvollsten Bauwerke der Kommunisten - war dann wirklich sehenswert.

Ebenso eindrucksvoll war übrigens unser Tagesablauf. Drei Tage hintereinander erhoben wir uns um 6 Uhr morgens aus den Betten. Ich glaube nicht, dass ich das in meinem Leben jemals zuvor freiwillig gemacht habe, aber Irene zeigte sich diesbezüglich unerbittlich und trieb uns zu dieser unmenschlichen Zeit aus unseren Stockbetten. Dementsprechend lang waren dann auch die Tage, und dementsprechend müde waren wir. Besonders faszinierte mich hierbei Max, der sich als absoluter Meister des Sekundenschlafes entpuppte.

Kaum ließ man unser ruhigen Mann aus South Dakota auch nur wenige Sekunden aus den Augen, fiel dieser in spontanen Tiefschlaf - egal, wo er gerade war ...


... vor einem Blumenbeet ...

... auf Statuen ...

... Märkten ...

... in Tiergeschäften und - sein absolutes Meisterstück - :

Im Stehen mitten auf einer Autobahnbrücke.