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Dienstag, 2. September 2008

Ich komm ins Heim

Oder besser gesagt: Da bin ich eigentlich schon. Ich wohne ja seit drei Tagen in meinem Zimmer des Foreign Students Dormitory. Hier einzuchecken gelang mir natürlich mit der gewohnten Verve: Über eine Stunde stand ich in der falschen Schlange. Denn in der Studentenheim-Lobby fand parallel zu meiner Ankunft die Registration der Studenten für die Uni statt. Das heißt: Ungefähr zwölf Millionen Menschen standen vor einer Reihe von Registrationstischen - und zwar im chinesischen Anstell-System. Letzteres muss man sich wie das Gegenteil des englischen vorstellen: Man platziere sich selbst möglichst weit weg vom zu erreichenden Platz, dränge in unvorhersehbaren Momenten mal nach links und mal nach rechts und blockiere dabei generell möglichst effektiv alle, die von hinten seitlich vorbeizudrängen versuchen. Das Resultat ist eine auf ästhetisch höchst zufriedenstellende Weise wogende Menschenmenge, die sich nicht wirklich ihrem Ziel nähert, dabei aber doch größtmögliches Chaos garantiert.

Die falsche Schlange
Da die jeweiligen Registrierungstische nicht beschriftet waren, landete ich beim falschen, und zwar bei dem mit den vielen Menschen. Meiner Aufmerksamkeit entging dabei eine gähnende Dame, die in ebenso gähnender Leere an ihrem Tische saß: Wie sich herausstellt, war sie für das Dorm Check-in verantwortlich.


Lustiges Formulare-Sammeln
Als ich das einmal herausgefunden hatte, ging es sehr schnell. Innerhalb von Minuten bewegte ich mich von einem Herrn zur nächsten Dame und von dort zu wieder einem anderen Herrn. Während ich dieses tat, wurden mir viele Dokumente abgestempelt und noch viel mehr Formulare in die Hand gedrückt. Da ich diese gesamte Prozedur auf Chinesisch erledigen musste, war mir bis zuletzt nicht so ganz klar, wofür der beachtliche Zettelhaufen denn eigentlich da sei, aber dafür war er sehr groß und mit sehr vielen sehr wichtigen Stempeln versehen. Im Nu hatte ich auch einige Schlüssel und Karten und war offenbar entlassen. Und damit meine ich wirklich entlassen. Denn niemand konnte mir Auskunft darüber erteilen, was denn nun eigentlich mit all diesen Karten, Schlüsseln und Zetteln zu tun sei. Und wo mein Zimmer wäre. Und wie ich die Waschküche bedienen kann. Und wo mein Postkasten wäre. Und noch vieles mehr.

Gekonnte Ahnungslosigkeit
Um es kurz zu machen: Viele dieser Dinge fand ich mit einer Kombination aus schlechtem Chinesisch, Trial-and-Error und einiger Mitstudenten heraus. Einige Rätsel harren immer noch ihrer Erklärung. Ich jedenfalls wohne nun im Dormitory.

*Grmpf*
Und jetzt gibts noch ein technisches Problem. Kann mir wer sagen, wie man hier eine Bildunterschrift macht? Hallo?! Jemand da? Nein? Na gut, dann mach ich's halt so:
1. Bild: "Der stolze Student in seinem Zimmer."
2. Bild: "Das Zimmer ohne den stolzen Studenten."
3. Bild: "Der stolze Unterhosentrockner auf dem stolzen Balkon des stolzen Studenten."

Montag, 1. September 2008

Ich bin da!

... und schon total verwirrt ob der vielen Eindrücke. Aber das macht nichts, denn warum sollte ich mein Markenzeichen - kontinuierliche formvollendete Zerstreuung - ändern, nur weil ich auf einmal in China bin?

Ein Traum wird Leben
Ich lebe jetzt meinen Traum: Ich habe als 32-Jähriger alles hinter mir gelassen, um ein Jahr in China zu leben und zu studieren. Für eine im Grunde seines Herzens feige Person ist das eine sehr große Sache.

Seit ich sechs Jahre alt war (also so um das Jahr 1823), habe ich mich für China interessiert. Ok, damals waren es zunächst die Frühlingsrollen, aber bald schon ist auch noch der Rest hinzugekommen: Acht Schätze, Buddhistische Fastenspeise und die lustigen Lollys, die man als Kind nach dem Essen bekommt. Kurz: Sämtliche Eckpfeiler der chinesischen Kultur haben mich schon früh fasziniert. Später vervollständigten dann noch ein fanatisches Interesse für chinesische Schriftzeichen, die lokalen Dialekte, die Kunst und die Kultur diese solide Grundlage.


First Contact
Meinen ersten direkten Kontakt mit der chinesischen Kultur hatte ich auf einer Dienstreise, die ich als Astronom absolvierte. Es war eine Konferenz in Taiwan, bei der ich eine wissenschaftliche Arbeit präsentierte, die sich um das in hohem Maße fassbare Thema "Multiwavelength Peculiarities Associated with Blue-Excess Regions of Active Galactic Nuclei in Cooling Flow Clusters" drehte, und in der ich im wesentlichen bewies, dass man hier nichts beweisen konnte, weil man eigentlich gar nicht weiß, was eigentlich zu beweisen wäre, außer, dass man diese Regionen nicht versteht. Sagen wir mal so: Auch wenn ich selbst nur phasenweise verstand, was ich da erzählte, habe ich es geschafft, alles so unklar zu präsentieren, dass es niemand bemerkte. Und das war schon ein kleiner persönlicher Erfolg.


Der China-Virus
Viel wesentlicher für mich war, dass ich, als ich zum ersten Mal Fuß auf chinesischen Boden setzte, sofort infiziert war. Ich fühlte mich so unglaublich glücklich und auf eine seltsame Weise daheim, dass ich es mir nicht erklären konnte. Wollte ich auch gar nicht. Ich wusste nur eines: Ich will wiederkommen. Das geschah im Jahr 2001, und seitdem habe ich China noch drei Mal besucht, bevor ich es nach großem organisatorischem Aufwand geschafft habe, mir und meinem kulanten Arbeitgeber ein Jahr Auszeit abzuringen, um an der Fudan Universität in Shanghai Chinesisch zu studieren.

Ich habe diese Sprache seit zwei Jahren im Eigenstudium gelernt und es dabei auf 750 Zeichen, einige radebrechende Sätze und verständnisloses Nicken bei der Konfrontation mit gesprochenem Hochchinesisch gebracht. Auf diese solide Basis möchte ich jetzt meinen hiesigen Chinesisch-Kurs aufsetzen. Seit gestern lebe ich auf meinen eigenen 8 Quadratmetern in einem Shanghaier Studentenheim, seit fünf Tagen bin ich in diesem Land und habe kaum anderes getan als Formulare ausgefüllt, ebenso verständnislos wie dämlich gegrinst und sehr viele Nudeln gegessen. Ach ja, und einige nette Leute habe ich auch schon kennengelernt.


Aller Anfang kommt mir Chinesisch vor
Es heißt ja, unter den Blinden sei der Einäugige König. Folgerichtig sollte ich mich als Motivationsschub mit Menschen umgeben, die schlechter Chinesisch können als ich. Es scheint aber, als müsste ich - um bei der schiefen Metapher zu bleiben - mich mit multipel Behinderten befassen, da mein eigenes Chinesisch-Niveau in etwa einem Taubblinden entspricht. So. Man muss wissen, wenn eine Metapher so stark hinkt, dass man sie verlassen sollte, daher tue ich das jetzt. Tatsache ist, ich habe erst eine Person getroffen, deren Chinesisch noch schlechter ist als das meine. Aber beim Einstufungstest übermorgen wird sich das hoffentlich ändern.


Ich lebe in China. Ich habe ein eigenes chinesisches Fahrrad, ein eigenes chinesisches Handy und einen eigenen chinesischen Mistkübel. Es braucht so wenig, um glücklich zu sein :).