"Thanksgiving", das amerikanische Erntedank-Fest, ist eine große Sache in den USA und wird traditionell am vierten Donnerstag im November zelebriert. Ein Faktum, das mir, erstens, bislang unbekannt war, was mich allerdings, zweitens, auch nicht daran gehindert hat, ein erfülltes Leben zu führen. Außerdem sind wir ja in China, weshalb also soll uns diese Information jucken?
Nun ... es ist ja so, dass in meiner Sprachklasse eine relativ starke US-amerikanische Delegation zu finden ist. Und diese wurde in den letzten zwei Wochen von einer mir zunächst unerklärlichen kollektiven Aufregung heimgesucht, die ich ansonsten nur bei Kleinkindern in der Vorweihnachtszeit beobachten kann. Bald wurde mir klar, dass der Grund dafür ein für den Thanksgiving-Abend geplantes traditionelles Dinner war. Dieses erforderte offenbar umfangreiche Vorbereitungen und sorgte somit für ein gewisses festliches Gebrumm in der Klasse.
Meine amerikanischen Mitstudenten sind unfaire, grausame Leute. Gerade als ich mich so richtig schön benachteiligt, einsam und ausgeschlossen fühlen wollte, wurde ich hinterrücks zu diesem Dinner eingeladen.
Vorgestern fand es statt - etwa fünfzehn reizende junge Leute nahmen daran Teil, ich war einer von insgesamt drei Nicht-Amerikanern. Und so begab es sich, dass ich das erste Thanksgiving-Fest meines Lebens ausgerechnet in China absolvierte. Laut Originalton meiner Kollegen das "traditionellste, das sie jemals abgehalten hatten": gefüllter Truthahn, Pumpkin-Pie, karamelisierte Süßkartoffeln und eigens importierte Thanksgiving-Dekoration inklusive. Zusätzlich fand das Dinner in der funkelnagelneuen gemeinsamen Privatwohnung zweier Klassenkolleginnen statt, die ebenfalls ausgesprochen westlichen Flair verbreitete.
Doch trotz all dieser ambitionierten Amerikanisierung ... so ganz verleugnen konnte dieses spezielle Dinner den östlichen Einfluss seiner Umgebung nicht. Aber seht selbst.
Die kleine, amerikanische Gemeinschaft vor dem ebenso festlich wie geschmackssicher mit Plastik-Erntedanktischtuch und Papiertruthahn geschmückten Tisch. Im Hintergrund ebenso zu sehen der verführerisch duftende 20-Kilo-Truthahn.
Es stellte sich bald heraus, dass keiner der anwesenden Gäste Erfahrung im Zerteilen eines solchen Brontosauriers mit Flügeln hat. Flugs war aber dankenswerterweise Nick LaPierre zur Stelle - der McGyver unter meinen Freunden. Denn er verfügte über ein Buttermesser, mit dem sich so ein Truthahn doch sicher elegant zerteilen ließe.
Im Handumdrehen und mit Verve verwandelte er so den prächtigen Vogel in ein Schlachtfeld.
Aber essen tut man ja nach wie vor mit dem Mund, und der ist sichtlich begeistert. So fand der vermutlich erste mit Stäbchen verzehrte Thanksgiving-Truthahn der Welt in unseren Mägen seine letzte Ruhestätte. Amen.