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Mittwoch, 27. Mai 2009

Aha! - Wissenswertes zur chinesischen Schrift, Teil II

Das letzte Mal erwähnte ich – dramaturgisch geschickt – drei Kategorien, in welche sich alle Schriftzeichen (mehr oder weniger) einteilen lassen.

Es wäre jetzt ur-lustig, wenn ich da nix mehr dazu schreiben würde, sondern einfach über meine letzte Reise oder das neueste Klo-Missgeschick berichten würde, hihihi.

Da ich aber den dumpfen Verdacht habe, das würde Euch uninteressiertes Pack da draußen eh mehr fesseln als mein Versuch, da ein bisschen Bildung in die Welt hinaus zu bringen, und darüber hinaus mein hehres Ziel ja stets ist, Euch möglichst viel leiden zu lassen, setze ich hier jetzt einfach mal mit der Zeichengeschichte fort.

So unoriginell das auch sein mag.

*hmpf*

Zur Sache.

Die erste Kategorie ist die lustigste, denn hierbei handelt es sich um echte „Piktogramme“, also im Prinzip mehr oder weniger vereinfachte bzw. symbolisierte Bildlein von dem Ding oder der Aktivität, die das dargestellte Wort … äh … dastellt (oder so).

Ich darf mal beispielen (hihihi, das klingt wie „beischlafen“ *kicher*):

Bei 山 erkennt man doch mit ein bisschen Fantasie einen „Berg“, oder?

雨 tröpfelt ganz eindeutig als „Regen“ vom Himmel,

口 ist für die Darstellung von „Mund“ oder „Öffnung“ zwar ein bisschen eckig, aber doch erkennbar,

门 ist ein etwas simples aber doch bequem nutzbares „Tor“, und bei

木 ist der „Baum“ mit seinen Ästen ganz gut zu erkennen.

Der zweite Typ ist ein bissi fad, denn das sind die sogenannten „Lehnzeichen“. Der Name impliziert dabei keineswegs eine gewisse Schiefe des Bildes, sondern die Tatsache, dass hier bereits existierende Zeichen mit einer neuen Bedeutung versehen werden und somit neue, erweiterte Verwendung finden. Diese schöne Eigenschaft chinesischer Zeichen ist übrigens eine der Hauptursachen, warum die verdammte Sprache so schwierig ist – weil die meisten Zeichen weiß-Gott-wieviele Bedeutungen haben, die noch dazu eine erfrischende Unabhängigkeit von jeglichen sich der europäischen Logik erschließenden Systematiken genießen.

Zu letzterem Phänomen spiele ich wiederum bei *prust*:

So gibt es gebeispielterweise ein Zeichen für „hinten“, das gleichzeitig „Kaiserin“ bedeutet, weil beide Worte die gleiche Aussprache hatten, und so kurzerhand das 后 (hou) für „hinten“ einfach auch mit der gleichlautenden kaiserlichen Bedeutung versehen wurde. So kommt es dann zu so wunderbaren, sich von Homophonen ableitenden, Mehrfachbedeutungen wie dem Zeichen 面, das (unter anderem) bedeutet: Gesicht; persönlich; Außenfläche; Flächeninhalt; Seite; Aspekt; Ausmaß; Mehl und Nudel.

Wunderbar verschwommen sind ja im Chinesischen auch die Unterscheidungen zwischen den einzelnen Worttypen – so ist man sich chinesischerseits nie so ganz im Klaren, ob ein Wort jetzt ein Haupt-, Zeit- oder Eigenschaftswort ist – oder vielleicht von allem ein bisschen etwas. Und es gibt nichts Schöneres, als im Unterricht den Charakter einer neuen Vokabel zu erfragen, und dann als Antwort zu bekommen: „Das ist ein Hauptwort. Aber auch ein bisschen ein Zeitwort. Ein Eigenschaftswort ist es nur selten – das kommt auf die Satzstellung/Tageszeit/Laune des Sprechers/… an.“

Und DAS ist für mich der Hauptgrund, warum Chinesisch so verdammt schwierig ist: Linguisten sind sich bis heute nicht einig, ob es in dieser Sprache ÜBERHAUPT eine Grammatik im eigentlichen Sinne gibt. Ich sag’s ja: Nicht so wahnsinnig gescheit. (Sorry Mathilde, hihi.)

Hm. Das wird schon wieder viel zu lang hier. Also breche ich hier ab, präsentiere aber zur Ausstimmung noch ein letztes Feuerwerk an typischen Zeichen mit ihren Hauptbedeutungen. Falls manche von Euch planen, Chinesisch zu lernen, könnt ihr ja als Vorübung einfach mal versuchen, Euch diese fünf Zeichen inklusive allen Bedeutungen zu merken. Multipliziert den Aufwand mit 1000, dann wisst Ihr ungefähr, was ich rein mit dem Vokabellernen durchmache:

投: werfen; hineinspringen; richten; zustellen; eintreten; aufsuchen; sich anpassen; schmeicheln (<= Hier haben wir etwas, das offenbar ziemlich ein Verb ist.)

上: oben; höher; erst; gehen; fahren; auftreten; überziehen; schmieren; veröffentlicht werden; anziehen; mit etw. beschäftigt sein (<= ist auch sehr stark ein Verb und nur ein bisschen ein Adjektiv)

和: mild; mit jmd. auf gutem Fuße stehen; Frieden; unentschieden; mit; und; Summe (<= Das hingegen kann sich nicht so recht für eine Wortgruppe entscheiden.)

点: Tropfen; Fleck; Punkt; etwas; Stelle; Grad; punktieren; tropfen; abzählen; auswählen; einen Wink geben; anzünden; Stunde (<= Ein ungemein praktisches Zeichen – falls einem gerade nix anderes einfällt, kann man dieses Verb/Nomen/Adjektiv/sonstnocheiniges verwenden; die Chancen sind gut, dass es auch die gewünschte Bedeutung hat.)

头 schließlich heißt – unter anderem – sowohl „Anfang“ als auch „Ende“.

Und ganz in diesem Sinne ist das jetzt hier der Anfang des Postings.

Freitag, 5. September 2008

In Kanton müsste man sein

"Chinesisch" als Sprache gibt's ja eigentlich gar nicht. Dies zu behaupten, ist ein bisschen so, als würde man von der Sprache "Europäisch" reden. (Und tatsächlich wurde ich bereits einmal von einem Chinesen gebeten, doch einmal etwas auf Europäisch zu sagen.)
Vielmehr gibt es acht bis zehn verschiedene Regionalekte (im Prinzip separate Sprachen, so unterschiedlich wie Englisch und Deutsch), von denen der größte das Hochchinesisch (Mandarin, Putonghua) ist, das praktisch überall verstanden wird. Außerdem gibt es noch Wu (z.B. Shanghaiisch), Kantonesisch, Min, Jin, Xiang, Hakka, Gan, Hui und Pinghua. Jeder dieser Regionalekte gliedert sich wieder in unzählige lokale Dialekte, die immer noch so unterschiedlich sind, dass sich die Sprecher zweier Dialekte von Städten, die praktisch nebeneinander liegen, kaum verstehen.

Eine besonders lustige chinesische Sprache ist, meiner Meinung nach, das Kantonesische. Ich mag daran besonders eine gewisse inhärente Logik. So heißt beispielsweise

"Fat" = Dick
"Fut" = Loch

Schön, nicht?