Posts mit dem Label Letetia werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Letetia werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 21. September 2008

Fast ein Einwohner

China ist ein durchaus überraschendes Land. Und die verblüffendsten Dinge erfährt man im Gespräch mit Einheimischen.

Ich bin ja unlängst in einer ebenso schmutzigen wie guten Garküche mit einer chinesischen Studentin ins Gespräch gekommen. Sie kommt ursprünglich aus Tianjin (nahe Peking), und ist nun auch ganz frisch an der Fudan Universität, um hier Kommunikationswissenschaften zu studieren. 19 Jahre ist die Gute erst jung, und wie sich herausstellt hat sie noch nie mit einem Ausländer gesprochen, da dies hierzulande nicht gerade gefördert wird.

Chinglish, Einkaufstouren und Militäruniformen
In einem gewagten Gemisch aus Sprachen, die entfernte Ähnlichkeit mit Englisch und Chinesisch hatten, kommunizierten wir und vereinbarten ein neuerliches Treffen, welches heute stattfand. Eingebettet war dieses Treffen in eine kleine Einkaufstour, denn ich hatte den guten Vorsatz, ein wenig Gewand und Geschirr zu besorgen, was mit chinesischer Unterstützung einfach wesentlich besser geht. Es blieb beim guten Vorsatz, denn heimgekehrt bin ich mit zwei CDs und einem Computerspiel. Doch ich drifte ab.

Von Letetia (so ihr englischer Name) erfuhr ich einige interessante Dinge, die ich nicht wusste. So fragte ich sie, warum sie denn in einer tarnfarbenen Militäruniform auf die Uni ginge. Erstaunlicherweise muss in China offenbar jeder neue Student und jede neue Studentin eine siebentägige militärische Grundausbildung machen - was sich dann in Scharen von salutierenden und exerzierenden Studenten am Campus manifestiert. Und ebenso zum Programm gehört ein Kurs über die marxistischen Theorien - Philosophie, Ökonomie und Politik.

Spaß mit dem Entry-Exit-Office
Doch diese Schrägheiten sollen eigentlich nur den Hintergrund bilden für meinen jüngsten Kontakt mit chinesischer Bürokratie, der am Freitag stattfand. Nach langem Hin und Her hatte ich nämlich herausgefunden, dass wir am Freitag die Ergebnisse der Physical Examination bekommen würden - und mit ein bisschen Glück sogar rechtzeitig, um sie am gleichen Tag für die Entry-Exit-Prozedur einzureichen, im Rahmen derer mein X-Visum (mit 30 Tagen Gültigkeit) in ein Residency Permit umgewandelt würde.

Etwas nervös war ich schon, ob meine Gesundheit chinesischen Anforderungen entspräche, doch war dies tatsächlich der Fall. Ein mehrseitiger Report bescheinigte mir zu meiner Erleichterung, dass ich weder an AIDS noch an der Pest noch an offener Tuberkulose leide. Und wahnsinnig bin ich anscheinend auch nicht. Man stellte jedoch Herzrhythmusstörungen fest, die noch vor einem Monat bei der Untersuchung in Wien interessanterweise nicht da waren. Aber auch das ist kein Hinderungsgrund - mit dem gültigen Dokument der Physical Examination, mit meinem Visum-Formular JW202, meiner Admission Notice, meinem Studentenausweis, meiner Confirmation of Temporary Residence, meinem Introduction Letter der Fudan Universität (den ich vorher noch verlängern musste, da er nur 10 Tage gilt), meinem Pass, einem Antragsformular für das Residency Permit, mit 400 Yuan sowie einem Passfoto reihte ich mich also in die wogende Masse Residency-williger, ausländischer Studenten. Und nach nur vier Stunden Wartezeit, konnte ich in einer wie üblich grenzenlos chaotischen und einmalig umständlichen Operation alle diese Materialien einreichen, wobei mir beruhigenderweise auch mein Pass abgenommen wurde. In zehn Tagen sollte ich alles wiederbekommen, und wenn alles gut geht, bin ich dann ordentlicher Einwohner von Shanghai für ein Jahr. Für den 28. September sollte ich also eine kleine Feier ansetzen, denn wahrlich hart umkämpft war dieses unscheinbare Stück Papier.

Dienstag, 9. September 2008

Na, geht doch ...

Meine Lebensphilosophie ist ja: "Erstmal Panik, für Depressionen ist dann immer noch Zeit."

Ganz demzufolge war ich also gestern so down wie bisher noch nie in China. Es hatte mich aber auch wirklich niemand lieb ... die Lehrer (weil zu chinesisch), die Kurskollegen (weil zu gut), das Wetter (weil zu schwül) und das Leben an sich (weil zu hart).
Heute hingegen hatte ich den wohl bisher besten Tag seit ich hier bin. (Waren das wirklich erst zwei Wochen?) Auf einmal war die Welt wieder in Ordnung: Level B ist haargenau richtig für mich - ich komme wunderbar mit, aber es gibt mehr als genug Neues zu lernen. Auch meine drei neuen Lehrerinnen sprechen viel schöneres Chinesisch, meine Kollegen im Kurs sind mir sympathischer - und sogar das Wetter war etwas erträglicher (kühle 31 Grad bei den üblichen 120% Luftfeuchtigkeit). Und dann hat sich noch meine Zufallsbekanntschaft aus der ebenso netten wie dreckigen Garküche, in der ich jüngst einsam ein paar Nüdelchen verspeiste, wieder gemeldet, und wir werden am Samstag miteinander einkaufen gehen; was hervorragend ist, da sie kaum Englisch spricht und ich also gezwungen sein werde, Chinesisch zu sprechen. Und ich liebe es ja, mich zum Idioten zu machen.

Durch dergestalte Erfolge motiviert, habe ich heute insgesamt acht Stunden gelernt: um 7 Uhr elfengleich aus dem Bett gefedert (bin ich froh, dass es keine Beweisfotos gibt), um 8 Uhr Kursbeginn, fünf Stunden Kurs und dann noch drei Stunden Homework. Abends bin ich dann noch mit Ulli und zweien ihrer Freunde Grillspieße essen gegangen. Zarte 60 Stück davon haben wir zu viert verputzt - und hierzu gibt es Beweisfotos, die ich bei nächster Gelegenheit gerne nachliefere.

Jetzt ist es gerade 23 Uhr, ich werde für morgen noch einen kleinen Dialog auswendig lernen und den Tag dann mit einem guten Buch ausklingen lassen. Ok, ok, ich weiß schon, das sind jetzt weder sensationelle Meldungen, noch ist der Eintrag besonders lustig. Aber mir geht's gut, und genauso wie heute habe ich mir meinen China-Aufenthalt vorgestellt; und das ist doch einen Eintrag wert :).

Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie man hier Großer Vorsitzender wird ...