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Freitag, 5. Dezember 2008

Warum haben die Chinesen denn so eine komplizierte Schrift?

Liebe Freunde des gepflegten Klugschisses:

Oft fragt man mich nach dem Sinn des Lebens. Leicht zu beantworten:

42.

So.

Was man mich noch fragt - und wozu ich mich in altbekanntem Wortreichtum hiermit einmal öffentlich äußern möchte - ist, warum denn die Chinesen so eine gar fuuurchtbar komplizierte Schrift verwenden und nicht einfach in unser gemütliches 26-Buchstaben-Alphabet wechseln.

Alt, groß und unpraktisch: Sprengen wir doch Schönbrunn!

Nun - einerseits gelten die chinesischen Schriftzeichen hierzulande als eine der wichtigsten Grundlagen der Kultur. Eine Abschaffung und Ersetzung durch eine Buchstabenschrift empfände selbst der einfachste Einwohner Chinas in etwa so wie ein Wiener die Sprengung von Schönbrunn, dem Stefansdom und aller anderen älteren Häuser der Stadt sowie deren Ersetzung durch modernere, zweckmäßigere Bauten.

Doch dann gibt es dafür noch zwei ganz praktische, für uns leicht nachvollziehbare Gründe.

Grund 1: Schriftzeichen funktionieren wie Mathematik

Sehet her, liebe Leute:

12 x 5 = 60
(Ja, ich weiß, dafür hab ich Mathe studiert ... :P.)

Dieses mathematische Zeilchen funktioniert für uns Europäer ganz ähnlich wie die Schriftzeichen für die Chinesen.

Der bodenständige Wiener sieht das Zeilchen und hört vor seinem inneren Ohr etwas, das in etwa wie

"Zwööööfä moi Fiiinfä is Sechzg"

klingt, um hernach in angestrengtem, halbstündigem Schweigen ob der kalkulativen Verifizierung dieser gewagten Aussage zu versinken.

Der Engländer hingegen unterbricht angesichts
dieses Sätzchens nur kürzlich seinen 5-Uhr-Tee, liest dann

"Twelve times five equals sixty"

und lebt weiterhin glücklich in der wirren Überzeugung, britisches Essen wäre wohlschmeckend.

Der Finne wiederum schiebt sein Schmuse-Rentier zur Seite, um etwas wie

"Halunpinpää Kunkipäätääläätilanen Portuntuupipaan"

wahrzunehmen.
(Also ... jetzn nicht wirklich ... aber so ähnlich klingts sicher. Viele "ä" halt. Und lange Wörter.)

Würden unsere drei hypothetischen und so verschiedenen sympathischen Europäer ihre jeweiligen Sätzchen ohne Kenntnis der jeweils anderen Idiome mündlich den anderen zu vermitteln suchen - sie würden kläglich scheitern und darob in schier babylonischer Trauer versinken!

Obwohl also alle drei völlig Unterschiedliches aussprechen, verstünden sie einander doch alle sofort, würden sie schriftlich kommunizieren.

In China gibt es nun acht verschiedene Sprachen (die wir der Konvention halber unter dem Begriff "Chinesisch" zusammenfassen), die sich voneinander jeweils stärker unterscheiden, als Deutsch von Englisch. (Denn letztere zwei Sprachen sind zu 60% lexikalisch gleich, während beispielsweise Mandarin-Chinesisch und Kantonesisch nur 30% lexikalische Ähnlichkeit aufweisen.)

Ein Mensch aus Peking und einer aus Kanton können sich also in ihren jeweiligen Muttersprachen nicht miteinander unterhalten. Schriftlich allerdings ist das kein Problem, da ja im Chinesischen jedes Schriftzeichen auch einem Wort entspricht. (Wobei es natürlich auch Wörter gibt, die sich aus mehreren Schriftzeichen zusammensetzen.)

Im Falle einer Buchstabenschrift, könnte dieses Land also weder Fernseh-Untertitel, noch Zeitungen, noch Briefe noch sonst irgendeine einheitliche schriftliche Kommunikation aufrecht erhalten.

Grund 2: 420 Silben - ein Hoch auf die Homophone!
(Und ja, ich weiß, "Homophon" ist auch ein schwuler Männerchor aus Münster. Den meine ich aber nicht.)

Den zweiten Grund darf ich anhand des folgenden hübschen, chinesischen Geschichtleins beleuchten:



So weit so gut. Für die meisten von uns recht unverständlich, (übrigens größtenteils auch noch für den Autor dieser Zeilen, dessen Laune sich gerade deutlich verschlechtert hat :P), aber ansonsten nicht weiter auffällig.


Auch die Übersetzung lässt uns noch nicht an unserem Weltbild zweifeln:


In einem steinernen Raum gelüstete es einem Dichter-Gelehrten aus der Familie Shi nach Löwen; er schwor, er werde zehn Löwen essen. Von Zeit zu Zeit begab sich besagter Gelehrter in die Stadt und hielt nach Löwen Ausschau. Um zehn Uhr begab es sich, daß sich zehn Löwen auf den Weg in die Stadt machten, und es begab sich, daß sich auch der Gelehrte Shi eben um diese Zeit auf den Weg in die Stadt machte. Er sah die zehn Löwen, vertraute auf die Macht seiner Pfeile und brachte diesen zehn Löwen den Tod. Er sammelte die Leichen der zehn Löwen auf und begab sich in sein steinernes Zimmer. Das steinerne Zimmer war feucht, er ließ das steinerne Zimmer von einem Diener aufwischen. Als das steinerne Zimmer gewischt war, schickte er sich an, die zehn Löwenleichen zu essen. Während er aß, begann ihm bewusst zu werden, daß diese zehn Löwenleichen in Wirklichkeit zehn steinerne Löwenleichen waren.

Doch jetzt lasst mich Euch enthüllen, wie dies transkribiert aussähe - in unsere doch völlig angemessene Schrift aus 26 Buchstaben:


Shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi
shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi
shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi
shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi shi
shi shi shi shi shi shi

Auf diese Art geschrieben, steht hier selbst der geduldigste Chinese vor einem gröberen Problem. In chinesischen Schriftzeichen hingegen könnte er diese alte Fabel problemlos lesen. Mit nur 420 unterschiedlichen Silben ist das (Mandarin-)Chinesische nun mal eine Sprache mit großem Homophonie-Problem.


Folglich ...


Abschließend verbleibt mir noch zu bemerken (bevor ich mir zum Abendessen eine wunderbare Nudelsuppe reinschiebe): "Rechtschreibung" ist etwas, das es im Chinesischen gar nicht gibt. Ist ja auch klar: Denn wenn ein Zeichen einem Wort entspricht, gibt es auch keine Probleme mit "ie", "ss" oder ähnlichen gemeinen Dingen, die Chinesen beim Erlernen einer europäischen Sprache zur Verzweiflung bringen - und nicht selten auch zur Feststellung veranlassen:



"Warum haben die Europäer denn so eine komplizierte Schrift?