Wir haben es nicht einfach, wir Abenteurer des 21. Jahrhunderts: Fast alles wurde heutzutage schon gemacht. Kaum eine ungastliche Wüste dieser Erde, die nicht bereits im Alleingang bewältigt, kaum ein Gebirge, das nicht auf Skiern in Badehose überwunden und kaum eine Steppe, die nicht hüpfend im Handstand Halleluja-singend durchquert wurde.
Was bleibt da noch, frage ich, Menschen wie mir, die stets die Extreme suchen und hier, in China, an ihre persönlichen Grenzen gehen wollen? Die Antwort traf mich heute Morgen wie ein Blitz:
Ich werde Gummiringerln kaufen!
In China. Im Alleingang. (Aber nicht im Handstand. Alles hat seine Grenzen. Auch Grenzgänger.)
Die Ausgangslage: Der Kärtchenturm
Es ist nämlich so, dass sich die Kärtchen, auf welche ich meine bereits gelernten Schriftzeichen schreibe, langsam zu bedrohlichen Türmen aufhäufen. Und vermittels Gummiringerln plante ich, der Schwerkraft drohend’ Plumps Herr zu werden.
Die Planungsphase: Erste Hindernisse
Die Schwierigkeiten begannen bereits in der Planungsphase der Unternehmung: Welche Art von Geschäft beschäftigt sich hierzulande mit dem Gummiringerlhandel? Eine gleichwohl berechtigte wie knifflige Frage, die ich – ehrlich gesagt – nicht einmal für mein schönes Heimatland beantworten könnte.
Doch fragen gilt nicht, schließlich wollte ich die Mission im Alleingang bewältigen.
Also entschloss ich mich, einen Superstore aufzusuchen, in dem es wirklich alles gibt, denn – so dachte ich – wo es alles gibt, da dürfen auch Gummiringerln nicht fehlen.
Der Superstore des Geschehens: Wo-Er-Ma
Ein kluger Gedanke. Doch bereits nach Erreichen des Schauplatzes meiner ultimativen Herausforderung wurde mir schlagartig bewusst, was ich nicht berücksichtigt hatte. Denn selbst bei sorgfältigster Planung ergeben sich bei solchen Unternehmungen im extremsten Bereich des menschlichen Erlebens unvorhergesehene Schwierigkeiten. Damit muss man rechnen, das gehört einfach zu den Risiken bei einem Leben am Limit. Das Hindernis, das sich nun vor mir auftat – wie ein Drache, der dem tapferen Helden, der auszog, das Ungeheuer zu bezwingen, schwingenschlagend und hohnlachend feuerspeiend mit einem Schlag seines mächtigen Schweifes die Sinne raubt – war von wahrlich furchterregendem Ausmaß.
Denn „Alles“ hat die unangenehme Eigenschaft, ziemlich viel zu sein. Und „ziemlich viel“ braucht auch große Mengen an Platz. Daraus wiederum folgt, dass ein Geschäft, das alles hat, auch sehr groß sein muss. Und das ist es auch.
Leider habe andererseits ich die unangenehme – und für einen Helden unserer Zeit ausgesprochen hinderliche – Eigenschaft, viel Platz dafür zu nützen, mich effizient darin zu verlaufen. Oder im Fall eines Geschäfts, in dem es alles gibt und in dem ich nach einem bestimmten Artikel suche, tatsächlich alles zu finden.
Außer Gummiringerln, wie sich bald herausstellte.
Weitere Hindernisse: Kommunikativer Breakdown
Zum Glück beherbergt der Superstore namens „Walmart“ (oder „Wo-Er-Ma“ in chinesischer Transpiration) einen fulminanten Reigen hochmotivierten Fachpersonals, den zu befragen ich als nächstes die Entscheidung traf.
Nun gehört das chinesische Wort für „Gummiringerl“ leider nicht zu meinem aktiven Standardvokabular. Hier zeigt sich aber wiederum die jahrhundertelange Erfahrung eines geübten Abenteurers: Immer die richtige Ausrüstung mitzuhaben, kann bei Expeditionen überlebenswichtig sein. Und obwohl ich generell dringend davon abrate, meine Unternehmungen ohne professionelle Sicherheitsvorkehrungen zu Hause nachzuvollziehen – eines muss man in der Wildnis auf jeden Fall beachten: Nie ohne ein Chinesisch-Wörterbuch außer Haus gehen! (Und ohne Taschentücher. Falls man niesen muss.)
Die Erlösung? - Chinesisches Fachpersonal
So fragte ich also souverän nach einem „Xiangpijin“ – und erntete einen ebenso souverän verdutzten Blick. Außerdem kam weiteres Fachpersonal hinzu. Nachdem das Berater-Grüppchen auf eine ansehnliche Größe angewachsen war, bot sich mir die seltene Gelegenheit, ein in freier Wildbahn ganz selten gewordenes Schauspiel mitzuverfolgen: kollektive Ratlosigkeit chinesischer Walmart-Verkäufer. Bei diesem possierlichen Vorgang versucht jeder der herbeigeeilten Berater, die anderen während einer lebhaften Diskussion an Lautstärke zu übertreffen, während gleichzeitig mit Hilfe starker ritueller Gestik und genau kalkulierten Schrittfolgen die Tatsache geschickt zu verbergen gesucht wird, dass niemand wirklich von irgendetwas eine Ahnung hat.
Nach Minuten des Staunens löste ich die Walmartsche Entsprechung eines gordischen Knotens durch unter-Beweis-Stellung meiner kompetenten Beherrschung des lokalen Idioms: „You ma?“ (bedeutet in etwa: „Gibt’s des überhaupt do?“) fragte ich also in die munter wogende und gestikulierende Gruppe hinein. Kurzes Stutzen. Zartes Staunen. Großes Oh-en, lautes Ah-en. (Ja, der West-Mensch spricht drei Worte Chinesisch.) Dann endlich die erlösende Antwort: „Meiyou“. (etwa: „Naaa!“)
Und so kommt’s, dass die blöden Kärtchen auf meinem Tisch immer noch dauernd durcheinanderfallen, wenn ich einmal ein bissl anstoße. Leben am Limit is oasch.
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Donnerstag, 16. Oktober 2008
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